"Für mich entscheidet sich die Menschlichkeit unserer Welt am Schicksal Afrikas."
Trommelklänge erschallen auf dem Flughafen in Freetown. Frauen und Mädchen tanzen dazu in bunten Kostümen. Und mittendrin steht Bundespräsident Horst Köhler. Er klatscht. Es ist dieses Bild von Afrika, das der Bundespräsident in seiner Rede in Tübingen gezeichnet hat: das Bild von der afrikanischen Musik, dem Tanz und der Kunst, ein Bild, das er jetzt wieder erlebt.
Dass Bundespräsident Horst Köhler der afrikanische Kontinent besonders am Herzen liegt, hat er bereits in seiner Antrittsrede deutlich gemacht. Nicht einmal ein halbes Jahr später zeigt er, wie ernst es ihm damit ist. Seine erste große Auslandsreise führt ihn in der Adventszeit für zehn Tage auf den afrikanischen Kontinent.

Die erste Station: Sierra Leone. Das Land gehört zu den ärmsten der Welt. Zehn Jahre Bürgerkrieg hat es hinter sich. Mindestens 50.000 Menschen starben, 500.000 Menschen wurden verstümmelt. Erst im März dieses Jahres wurde die Entwaffnung von etwa 70.000 Kämpfern abgeschlossen. Noch nie ist ein Bundespräsident hierher gekommen. "Wir dürfen kein Land aufgeben", sagt Bundespräsident Horst Köhler. Und genau das zeigt Sierra Leone. "Es gibt einen positiven Prozess hin zu Frieden und Versöhnung, der es wert ist, unterstützt zu werden", sagt der Bundespräsident.
Das ist dem Einsatz der UN-Truppen zu verdanken. Gut 8000 Soldaten sind noch im Land. Nächstes Jahr soll ihre Mission enden. Dann, so der Bundespräsident, müsse bewertet werden, "ob die sierra-leonischen Sicherheitskräfte und Autoritäten schon Sicherheit garantieren können. Man darf diese Mission nicht zu früh abbrechen - zu früh im Sinne, dass vielleicht doch ein Rückschlag droht."
In Kenema hat Bundespräsident Horst Köhler ein pakistanisches Kontingent der UNAMSIL-Truppe besucht. Er ist beeindruckt von ihren Leistungen. Die Soldaten kümmern sich auch um die medizinische Versorgung der Bevölkerung und den Aufbau des Schulwesens. Das Wichtigste für Sierra Leone aber sei, dass die Wirtschaft wieder auf die Beine komme. Und dabei müsse die internationale Gemeinschaft weiter helfen.
Auch Deutschland hilft. Bundespräsident Horst Köhler fuhr nach Hastings zu einem Projekt des Technischen Hilfswerks in Sierra Leone. Das THW unterstützt die Friedensmission der Vereinten Nationen. THW-Experten bilden im Auftrag der Vereinten Nationen Mechaniker und Elektriker aus und helfen bei der Stromversorgung der UN-Truppen. Die Verdienste des THW als humanitärer Botschafter Deutschlands im Ausland will der Bundespräsident mit seinem Besuch in Hastings würdigen.

Seine Frau setzt eigene Akzente. Sie ist nach Gondama geflogen, ein Flüchtlingslager 250 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Freetown. 8200 Flüchtlinge aus Liberia wohnen dort, mehr als die Hälfte davon Kinder. Wie ihre Zukunft aussieht, wissen die wenigsten. "Man merkt den Menschen ihre Traurigkeit an", sagt Eva Luise Köhler. "Man spürt, was sie durchgemacht haben müssen, auch wenn wir im Einzelnen gar keine Vorstellung davon haben, was da alles passiert ist." Eine bedrückende Situation. Aber es gebe eben auch immer wieder Zeichen der Hoffnung, die Lebensfreude der Menschen, die sie in Gesang und Tanz ausdrücken.
Mit Gesang und Tanz werden der Bundespräsident und seine Frau auch in Cotonou auf dem Flughafen begrüßt. Benin ist seit 1989 auf dem Weg zu demokratischen Reformen. Ein kleines, aber "demokratisch stabiles Land", sagt Bundespräsident Köhler. Solche Länder wolle Deutschland fördern. Die mitreisende Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Kerstin Müller, unterzeichnet in Benin ein Abkommen über die weitere wirtschaftliche Zusammenarbeit im Umfang von 46 Millionen Euro. Schwerpunkte sind Wasserversorgung, Umweltschutz und Dezentralisierung. Damit unterstreiche Deutschland, dass es bereit sei, Benin weiter zu helfen, sagte Bundespräsident Köhler.

In Porto Novo besucht er die Ecole du Patrimoine Africain, eine Schule zur Förderung des afrikanischen Kulturerbes. Beninische Künstler stellen dem Bundespräsidenten ihre Kunstwerke vor. Einmal mehr ist er begeistert vom kulturellen Erbe Afrikas. Dies bezieht sich nicht nur auf die Kunst. Wolfgang Niedecken, der Sänger der Kölner Band BAP, der auch Botschafter der Initiative "Gemeinsam für Afrika" ist, begleitet den Bundespräsidenten auf Einladung als Sondergast in Afrika. Er sagt, ohne die afrikanischen Wurzeln könne er seine Musik gar nicht machen.
Und das belegt den Satz, den der Bundespräsidenten in seiner Rede an der Universität Tübingen gesagt hat: "Wir leben in einer Welt."
