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Bettina Wulff beim 3. Bayerischen Hospiz- und Palliativtag in Fürth

Bettina Wulff (2.v.l.) beim 3. Bayerischen Hospiz- und Palliativtag in Fürth Fürth, 5. Juni 2011 Bettina Wulff (2.v.l.) beim 3. Bayerischen Hospiz- und Palliativtag in Fürth © Bayerischer Hospiz- und Palliativtag

Bettina Wulff hat beim 3. Bayerischen Hospiz- und Palliativtag am 5. Juni 2011 in Fürth ein Grußwort gehalten. Bei der Tagung stand der fachübergreifenden Austausch zwischen Haupt- und Ehrenamt, zwischen Medizin und Pflege, zwischen Sozialarbeit und Seelsorge und vielen weiteren Akteuren der Palliativmedizin und Hospizarbeit unter dem Motto "Grenzgänge" im Vordergrund:

"Wir werden geboren; wir entdecken die kleinen und großen Wunder der Welt und werden erwachsen; wir finden Erfüllung in unserem Beruf, in unserer Familie sowie unserem Freundeskreis, werden älter. Und: wir sterben. Unser Leben besteht aus vielen, individuell unterschiedlichen Phasen, an deren Anfang die Geburt und an deren Ende ganz unweigerlich der Tod steht.

Mit allen Lebensphasen verbinden wir häufig bestimmte Vorstellungen und Wünsche, so auch mit der letzten. Nach einer EMNID-Umfrage wünschen sich 60% der Befragten, schnell und plötzlich zu sterben. Dieser Umfrage zufolge ist es nicht der Tod, vor dem die Menschen Angst haben, sondern das Sterben. Viele Menschen haben Angst vor dieser letzten Lebensphase. Angst davor, in einem sterilen Krankenhaus, angeschlossen an lebenserhaltende Apparaturen, das zu verlieren, was uns vorher am Wichtigsten war: Selbstbestimmtheit, Freiheit; unsere Würde.

Wir haben auch Angst davor, diesen letzten Lebensabschnitt in einer anonymen Einrichtung verbringen zu müssen, ohne die wichtigsten Menschen um uns zu haben, unsere Familie und unsere Freunde, und Angst ihnen zur Last zu fallen.

Mir ist es ein Anliegen, das Thema Tod nicht zu verdrängen. Sterben gehört nicht an den Rand der Gesellschaft. Es gibt mittlerweile wieder gesellschaftliche Debatten, viele Initiativen und Projekte, die Hoffnung darauf machen, dass diese Ängste nicht Wirklichkeit werden.

Es macht Hoffnung, zu wissen, dass es Hospize gibt, in denen Sterbende menschlich liebevoll begleitet und eben nicht der Anonymität überlassen werden. Mich beeindrucken die Menschen, die sich dieser belastenden und fordernden Arbeit stellen und den Sterbenden das Gefühl geben, dass sie den letzten Weg nicht allein gehen müssen.

Wir alle sollten uns mit dem Thema Tod auseinandersetzen, dann können wir uns auch besser den Sterbenden zuwenden. Wir brauchen mehr Projekte wie das eines Schulzentrums in Köln, in dem sich schon Schülerinnen und Schüler mit dem Ende des Lebens auseinandersetzen. Mir ist es wichtig, bereits mit Kindern und Jugendlichen über den Tod zu sprechen; das Thema unverkrampft anzusprechen.

Wenn wir das Sterben als Teil unseres Lebens begreifen und uns den Sterbenden zuwenden, werden wir darauf hoffen können auch selber nicht alleine und anonym sterben zu müssen. Mitmenschlichkeit müssen wir gerade gegenüber den Sterbenden leben.

Wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, dass gute Hospizarbeit, eine qualitativ hochwertige Palliativmedizin und eine rechtssichere Patientenverfügung keine Garantie für ein Sterben in Würde bilden.

Seit 2009 gibt es die gesetzlich geregelte Patientenverfügung, die in Verbindung mit einer Vorsorgevollmacht oder Betreuungsverfügung Selbstbestimmtheit, Freiheit und Würde im Sterben sichern soll. Aber nicht alles ist absehbar und damit vorher bestimmbar. Es besteht die Möglichkeit, dass genau der Fall eintritt, den wir nicht mit unserer Patientenverfügung geregelt haben, auch weil wir ihn nicht vorhersehen konnten. Die Lösung ist nicht immer ein Mehr an Regeln, eine noch umfangreichere Patientenverfügung, sondern mehr Vertrauen. Vertrauen in die Entscheidung Anderer, denen wir die Bürde auferlegen, in unserem Sinne zu entscheiden.

Wir brauchen Vertrauen in die Mediziner, die in ihrem Kampf um jedes Leben nicht den würdevollen Tod aus den Augen verlieren. Die Mediziner müssen lernen, das Sterben lassen zu ermöglichen, wenn es dem Willen der Patienten entspricht.

Ihnen allen danke ich, dass Sie sich eindrucksvoll mit dem Thema Sterben auseinandersetzen. Wir alle dürfen darauf hoffen, dass durch Ihr stetiges Engagement viele Befürchtungen unbegründet bleiben und wir weit weniger Angst vor dem Sterben haben müssen, als wir vielleicht derzeit noch haben.

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Kraft für Ihre wichtige Arbeit und eine erfolgreiche Tagung."