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Bettina Wulff bei Preisverleihung für ehrenamtliches Engagement

Bettina Wulff mit den Trägern des Gemeinsam-Preises im Dom zu Braunschweig 7. Juni 2011 Bettina Wulff mit den Trägern des Gemeinsam-Preises im Dom zu Braunschweig © Braunschweiger Zeitungsverlag/Florian Kleinschmidt

Bettina Wulff hat bei der Gemeinsam-Preisverleihung für ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement am 6. Juni 2011 in Braunschweig eine Festrede gehalten. Mit dem Preis wurden Bürgerinnen und Bürger aus der Region Braunschweig ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise ehrenamtlich engagieren:

"Als Niedersächsin kenne ich den Gemeinsam-Preis seit Jahren. Dieser Preis ist ein schöner Dank an Menschen, die sich ganz selbstverständlich und ohne es zu hinterfragen für andere einsetzen. Und die Namenswahl „Gemeinsam“ zeigt anschaulich, was unsere Gesellschaft zusammen hält.

Wir leben in einer offenen, freien Gesellschaft, in der wir unsere eigene Meinung äußern und für sie eintreten können. Unsere Gesellschaft ist dadurch in hohem Maße vielfältig, was Interessen, Ansichten und Ziele eines jeden einzelnen betrifft. Das ist ein wertvolles Gut: Es ist ein Zeichen für die Freiheit, für die Toleranzfähigkeit unseres Landes. Und es ist, ganz konkret, ein Motor für unsere Entwicklung. Denn nur, wenn unterschiedliche Ansichten zum Ausdruck kommen, wenn wir darüber in Dialog treten, können die besten Ideen erkannt und klug verwirklicht werden. Der Staat kann Impulse setzen und Rahmenbedingungen für das Miteinander verschiedener Interessen schaffen. Doch oft ist es eben nicht die Politik, die die Dinge „von oben“ vorantreibt. Es sind die Bürger, es sind Bürgerbewegungen, es ist das Volk, es sind wir. Das sollten wir uns als Bürgerinnen und Bürger in dieser Gesellschaft öfter bewusst machen. Mit einem Blick in die Geschichte gesprochen: Wie sähe Europa heute aus, wenn es Solidarnosc, Charta 77 und die Montagsdemonstrationen nicht gegeben hätte? Vielleicht wäre es immer noch durch Mauer und Stacheldraht geteilt.

Nun bedarf es nicht jeden Tag einer Revolution. Wir müssen uns Freiheit und Demokratie nicht mehr erkämpfen, wie es viele Völker der arabischen Welt gerade tun. Wir haben eine Macht, die über den Stimmzettel hinausgeht. Wir können Einfluss nehmen und mitgestalten, in unserer Umgebung: In der Schule, in Vereinen, der Gemeinde oder der Stadt.

Dort bilden sich Bürgerinitiativen oder Nachbarschaftshilfen, um gemeinsam Interessen zu vertreten. Da sind Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen. Die sehen, wo Hilfe nötig ist und anpacken. Wir brauchen solche Menschen, die Ideen entwickeln und die Energie aufbringen, sie auch zu verwirklichen.

Genau dies scheint mir das Bedürfnis Vieler zu sein: Wir wollen das Gefühl haben, gemeinsam etwas zu schaffen. So sehr der Einzelne im Mittelpunkt unseres Gemeinwesens steht, so wenig möchten wir doch allein sein. Erfüllung finden wir letztlich in der Begegnung mit andern. Wir brauchen unser Gegenüber als Gesprächspartner, als Spiegel unserer selbst oder als Helfer in der Not. Und andersherum: Viele von uns wollen helfen, wollen nicht nur „ihr Ding machen“. Wir leben in dieser Gesellschaft nämlich trotz unterschiedlicher Hautfarbe und Religion, trotz unterschiedlicher Lebensentwürfe und politischer Überzeugungen gemeinsam. Und das Wissen um diese Gemeinsamkeit schafft die aktive Bereitschaft, sich für andere zu engagieren. Sie bringen Kompetenz ein und teilen Ihr Wissen mit anderen. So wie es die Preisträger des heutigen Abends tun, so wie viele freiwillig und ehrenamtlich Tätige in unserem Land es jeden Tag tun.

Sich nicht nur um sich selbst zu kümmern, das ist praktizierte Solidarität. Die vielen Ehrenamtlichen in diesem Lande tun dem sozialen Klima gut. Denn im Ehrenamt vereinen sich Freiheitlichkeit und Verantwortung. Und das sind die eigentlichen Säulen unserer Gesellschaft.

Ehrenamt ist übrigens auch eine Quelle für Selbstbewusstsein - jeder einzelne, der sich ehrenamtlich engagiert, nimmt daraus auch etwas für sich ganz persönlich mit.

Es stimmt daher glücklicherweise nicht, dass immer mehr Menschen nur an sich denken und sich aus dem Gemeinwesen zurückziehen. Ganz im Gegenteil. Der Umfang des ehrenamtlichen Engagements in der Bundesrepublik ist beeindruckend: Mehr als jeder dritte Bundesbürger ab 14 Jahren macht in Deutschland freiwillig in Verbänden, Initiativen oder Projekten mit. Die Bereitschaft der Bürger dazu hat in den vergangenen zehn Jahren immer weiter zugenommen. Das freiwillige Engagement hat heute einen so hohen Stellenwert in Deutschland, dass unser Gemeinwesen ohne gar nicht mehr auskommen könnte. Dennoch werden wir künftig noch mehr bürgerschaftliche Beteiligung brauchen - im Stadtteil, im Verein und am Arbeitsplatz, in Wirtschaft, Bildung, in Kulturangelegenheiten, im sozialen Bereich und auch in der Politik. Denn die Möglichkeiten des Staates sind begrenzt und vor allem die demographische Entwicklung wird uns zusätzlich vor große Herausforderungen stellen.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger des heutigen Abends, Sie alle zeigen, wie viel jeder Einzelne beitragen und an Positivem erreichen kann! Wie viel Freude und persönliche Genugtuung das birgt - bei aller Arbeit, die dafür nötig ist. Sie engagieren sich in den unterschiedlichsten Bereichen des Ehrenamts: im sportlichen Bereich und in der Behindertenarbeit sowie der Brauchtums- und Kulturpflege, in der Unterstützung für Kinder und Jugendliche, im Tierschutz, in Integrationsprojekten und in der Arbeitsvermittlung, in der Kommunalpolitik und in der Unterstützung für ältere Menschen und für Menschen in Notlagen. Diese Vielfalt ist beeindruckend!

Sie sind Vorbilder in Sachen Menschlichkeit und Miteinander. Sie sind Vorbilder, die zum Nachahmen einladen und zum Mitmachen ermuntern sollen. Deshalb ist es auch wichtig, dieses Engagement in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Damit sich noch mehr Menschen ehrenamtlich einbringen. Sie sind viel zu bescheiden, aber wir benötigen Sie als gute Beispiele für andere!

Besonders erwähnen möchte ich auch die Menschen in Ihrer nächsten Umgebung, Familie, Freunde, von denen einige heute hier sind. Sie müssen häufig zurückstecken. Deshalb auch Ihnen ein ganz herzliches Dankeschön!

Wir wissen: Wer sich aus freien Stücken und mit Überzeugung für andere einsetzt, der gewinnt Lebensfreude! Und laut einer amerikanischen Studie leben Ehrenamtliche auch länger!

Ich freue mich sehr, heute Abend bei Ihnen zu sein und bin gemeinsam mit Ihnen gespannt auf die Preisträger!"