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Bettina Wulff im Interview mit FOCUS Online

Bettina Wulff mit jungen Forscherinnen und Forschern im Park von Schloss Bellevue (Archiv) Schloss Bellevue, 7. Februar 2011 Bettina Wulff mit jungen Forscherinnen und Forschern im Park von Schloss Bellevue (Archiv) © P. Chiussi, DKJS

Sie sind nun ein gutes Jahr lang Deutschlands First Lady an der Seite des Bundespräsidenten. War es ein schwieriges Jahr?

Die wichtigste Aufgabe war erst einmal, dafür zu sorgen, dass die Kinder sich nach dem Umzug nach Berlin in der neuen Schule und im neuen Kindergarten zurechtfinden. Das hat etwas Zeit gebraucht. Nun aber fühlen die beiden sich heimisch und haben Freunde gefunden. Wenn man erst einmal so weit ist, kann man sich um die neuen Aufgaben richtig kümmern.

Was war für Sie die größte Herausforderung in der Zeit seit der Amtsübernahme Ihres Mannes?

Das waren all die Dinge, die zum ersten Mal passiert sind: der erste offizielle Gast im Schloss Bellevue, der erste Staatsbesuch, das erste Staatsbankett, das erste Defilee…

Wer war denn der erste Gast, den Sie hier begrüßt haben?

Das war der Präsident von Malawi Bingu wa Mutharika zusammen mit seiner Frau Callista. Das ist ein Geschenk von Frau Mutharika. Ich habe dieses Bild hier aufgehängt, weil es so gut in das Büro einer Frau passt: Die Frau geht vorweg, trägt das Holz auf dem Kopf, hat auch noch das Kind auf dem Arm und der Mann trabt mit den Bananen in der Hand hinterher.

Worüber reden Sie mit den Staatsoberhäuptern und Regierungschefs beziehungsweise mit deren Ehefrauen?

Ich werde vorher gut informiert – über das Land, die sozialen Verhältnisse, auch über die Aktivitäten der Partner des Gastes, die zumeist ja nach wie vor Frauen sind. Sie kümmern sich vielfach so wie ich um Missstände bei Kindern und Jugendlichen. Manchmal aber fängt ein Gespräch auch einfach damit an, wie anstrengend die eigenen Kinder gerade waren.

Entwickeln sich aus den Begegnungen auch engere Kontakte, die über den Besuch hinausreichen?

Alle Damen, die ich bislang kennengelernt habe, sind eigenständige Persönlichkeiten und haben in ihren Ländern viel bewegt. Es gibt Begegnungen, bei denen von Beginn an zu merken ist, dass man auf einer Wellenlänge liegt. Einen sehr regen Austausch pflegen wir mittlerweile mit dem polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski und seiner Frau Anna Komorowska. Uns verbindet nicht nur ein besonderes Verhältnis zwischen beiden Ländern, sondern es ist ausgesprochen schön, wie offen wir miteinander reden können. In Kürze steht ja auch wieder ein Besuch hier in Berlin an. Beeindruckt hat mich auch meine Begegnung mit Michelle Obama, weil sie einfach eine sehr toughe und selbstbewusste Frau ist. Wir schreiben ab und zu kurze Nachrichten. Das ist sehr nett …

Worüber haben Sie mit der Gattin des US-Präsidenten geredet?

Auch da haben wir viel über unsere Kinder gesprochen. Natürlich auch über Sport, denn die Familie Obama ist ja sehr sportlich. So sind wir schnell zum Thema „gesunde Ernährung“ gekommen und dass sich viele Menschen in Amerika und zunehmend auch bei uns nicht mehr gesund ernähren. Wir haben uns darüber ausgetauscht, wie wir uns für das Thema gesunde Ernährung in der Öffentlichkeit wirkungsvoll stark machen.

Sie sind Schirmherrin von Unicef, des Müttergenesungswerkes, der Stiftung „Eine Chance für Kinder“ und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Warum haben Sie sich die Kinder- und Jugendarbeit ausgewählt?

Am besten kann man sich in den Bereichen engagieren, zu denen man direkten Bezug hat. Da ist es bei mir mit zwei kleinen Söhnen naheliegend, dass ich mich für Kinder einsetze. Es gibt in Deutschland zu viele Kinder und Jugendliche, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen müssen. Gelegentlich gibt es dann eine aufgeregte Debatte, wenn gar ein Kind tot aufgefunden wird, weil etwas richtig schief gelaufen ist. Dann wird über Maßnahmen diskutiert, doch schon kurz danach ebbt das Thema wieder ab. Das treibt mich um. Das darf nicht sein. Wir leben in einem reichen Land. Da kann und darf es nicht passieren, dass Kinder schlecht behandelt werden.

Muss die Gesellschaft insgesamt kinderfreundlicher werden?

Da sind mein Mann und ich uns völlig einig. Wir brauchen insgesamt mehr Sinn für Kinder. Als ehemals alleinerziehende Mutter kenne ich die vielen Hürden, die es gibt, wenn Beruf und Kinder unter einen Hut passen sollen. Da muss sich noch einiges in der Unternehmenskultur verändern. Arbeitgeber sollten sich freuen, wenn eine Mitarbeiterin schwanger wird. Stattdessen wird die Schwangerschaft in erster Linie als Problem für den Arbeitsablauf gesehen. Die Botschaft müsste stattdessen lauten: Glückwunsch zum Kind! Und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf schaffen wir gemeinsam.

Was bezwecken Sie mit Ihrer Stiftungsarbeit?

Frühkindliche Bildung, Chancengleichheit, die Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland muss wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. In diesen Angelegenheiten bin ich jetzt viel unterwegs.

Was bedeutet das genau?

Die Schirmherrschaft über die Stiftung „Eine Chance für Kinder“ habe ich aus Niedersachsen mit nach Berlin gebracht. Hier wird dieses Hebammen-Projekt nun ausgeweitet. Das bedeutet, in Kreuzberg, Mitte und Neukölln betreuen jeweils drei Familienhebammen Familien, die allein mit der Pflege und Versorgung ihres Säuglings nicht zurechtkämen. Ich meine, es ist sinnvoller und auch kostengünstiger, frühzeitig auf Schwierigkeiten zu reagieren und dafür zu sorgen, dass das sich liebevoll Kümmern um die Kinder in einer Familie funktioniert. Wenn Kindern so eine Odyssee durch Heime oder Pflegefamilien erspart werden kann, ist das allemal besser. Zusammen mit der Kinder- und Jugendstiftung will ich versuchen, den Weg zwischen Kindergarten und Schule besser zu vernetzen. Erzieherinnen und Erzieher wollen wir mehr mit der Schule, Lehrerinnen und Lehrern in Verbindung bringen. Denn es geht darum, dass jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert wird und nicht den Spaß am Lernen verliert. Dies beginnt natürlich zu allererst zu Hause, durch die Eltern. Sie sind gefordert, ihr Kind bestmöglich zu unterstützen.

Wie viel Zeit wenden Sie auf für diese Aufgabe als Präsidenten-Gattin, was ja kein offizielles Amt ist?

Das ist ein Fulltime-Job. Ich könnte fünf Tage die Woche im Büro sein, versuche aber, einen Tag pro Woche freizuhalten. Zum Glück habe ich die Unterstützung von zwei Mitarbeiterinnen, die von morgens bis abends die Termine koordinieren, Reisen vorbereiten, Besuche in sozialen und karitativen Einrichtungen planen, die ich gerne kennenlernen möchte, um sie weiterzuempfehlen.

Wer passt auf Ihre Kinder auf, wenn Sie Termine wahrnehmen oder Ihren Mann auf Reisen begleiten?

Meine Eltern übernehmen das ab und zu und genießen dann die Zeit mit ihren Enkeln und die Hauptstadt. Wir haben auch eine Kinderfrau, die das komplette Programm zu Hause übernimmt, wenn wir weg müssen.

Wie reagieren die Kinder darauf, wenn Sie verreisen?

Sie sind das mittlerweile gewohnt. Wir erklären aber auch lange genug im Voraus, dass wir wegfahren und wohin. Außerdem haben wir bestimmte Rituale: Egal, wo wir sind, einmal am Tag rufen wir an. Natürlich gibt es auch immer eine Kleinigkeit als Mitbringsel. Die Aussicht darauf hilft dann über die Trennung ein wenig hinweg. Grundsätzlich versuchen wir aber, das Reiseprogramm straff zu gestalten. Ich sage mir immer, Tausende Familien stehen auch vor der Herausforderung, dass der Beruf Mobilität verlangt, die teilweise eine Trennung von den Kindern bedeutet.

Verstehen die Kinder, welche Rolle Ihr Mann hat?

Ja, gerade der Ältere von den beiden. Er hat das ja auch schon über Jahre bewusst erlebt, als mein Mann als Ministerpräsident viel unterwegs war. Nun haben wir ihm erklärt, dass der Bundespräsident für alle Deutschen da ist und Deutschland im Ausland repräsentiert, wozu man eben reisen muss. Wir könnten unseren Alltag nicht gestalten, wenn wir unseren Kindern die Aufgaben nicht erklären würden. Denn unser Leben wird ja um die Verpflichtungen und Termine meines Mannes herum organisiert. Da wachsen die Kinder dann hinein. Doch vor allem wissen sie, dass es ein Amt auf Zeit ist.

Das haben Sie schon so deutlich erklärt?

Natürlich. Es ist wichtig, Ihnen zu sagen, dass sie viele besondere Dinge erleben können, die aber zeitlich begrenzt sind. Dass man sie darum auch besonders schätzen und genießen muss.

Wohin nehmen Sie Ihre Kinder mit?

Wenn andere Kinder dabei sind versuchen wir, sie mitzunehmen – zu Sportveranstaltungen etwa oder zu Konzerten. So können wir den Kindern zeigen, was wir machen. Und dabei kann man auch üben – anderthalb Stunden still auf einem Stuhl zu sitzen beispielsweise. In der Regel machen die beiden das auch gut mit.

Wie wählen Sie Ihre Garderobe für die verschiedenen Veranstaltungen aus?

Es gibt keinen Stylisten, der mich berät, wenn Sie das meinen. Es hat sich nicht viel geändert: Nach wie vor gehe ich nicht gern einkaufen. Das Thema Mode hat keinen so großen Stellenwert für mich. Es hat mich aber schon überrascht, wie viel Aufmerksamkeit mein Outfit erregt, dass so genau beäugt wird, was ich zu welchem Anlass trage.

Es gab bisweilen bissige Kritik. Verletzt Sie das?

Wahrgenommen habe ich das, aber es hat mich nicht verletzt. Recht machen kann man es sowieso nie allen. Doch berechtigte Kritik nehme ich an.

Die Stiefel im Kreml etwa?

Das hatte ja noch lustige Folgen. Eine große deutsche Sonntagszeitung hatte mich daraufhin als Anziehpuppe gezeigt. Das brachte mir unser Sohn dann morgens ins Bad und rief: „Guck mal Mama, dich gibt’s jetzt auch zum Ausschneiden.“

Wählen Sie Ihre Garderobe denn allein aus?

Ja. Wichtig ist mir, dass ich mich gut gekleidet fühle. Natürlich achte ich darauf, dass ich dem Anlass entsprechend angemessene Kleidung trage und so meinem Gegenüber auch Wertschätzung entgegenbringe.

Worin sieht Ihr Mann Sie am liebsten – im sportlichen Outfit oder elegant?

Er mag sportliche Garderobe an mir – Jeans und Bluse. Natürlich ist es aber auch so wie wohl bei jedem Mann: Er findet es toll, wenn ich ein schönes Abendkleid trage. Das ist auch bei uns etwas Besonderes.
FOCUS Online: Wie war es, als Ihre Kinder in Berlin in die Schule beziehungsweise in den Kindergarten kamen? Wurden sie mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht?

Vor allem unserem älteren Sohn wurde zunächst Fragen gestellt wie: Wie wohnt ihr denn? Und: Kann man euch denn auch mal besuchen? Einige Kinder waren auch schon mal an unserem Haus vorbeigekommen und erinnerten sich an den Zaun und die Kameras. Da haben wir als Eltern gezeigt, das ist ein offenes Haus: Das Tor öffnet sich, wenn man klingelt. Und mit unseren Kindern kann man sich ganz normal verabreden: Unsere Jungen gehen zu Kindergeburtstagen oder haben Freunde bei uns zu Besuch. Kinder haben da keinerlei Berührungsängste. Manche Eltern waren da anfangs eher ein wenig zurückhaltend. Wir wollen das Leben für unsere Kinder aber so normal wie irgendmöglich gestalten

FOCUS Online: Das heißt, nachmittags ist im Hause Wulff viel los?

Klar! Wir haben einen wunderschönen Garten, und dort gibt es all das, was Kindern Spaß macht: vom Trampolin bis zu allen möglichen fahrbaren Untersätzen, die Drei- und Achtjährige gern haben.

Wie viel Zeit hat Ihr Mann nun für die Familie, mehr oder weniger im Vergleich zu der Zeit, als er niedersächsischer Ministerpräsident war?

Im Grunde hat mein Mann nun mehr Zeit. Als Ministerpräsident ist er extrem viel durchs Land gefahren. Nun ist es schön, dass er viele Gesprächspartner im Schloss Bellevue treffen kann. Da entfallen die Fahrtzeiten. Somit haben wir auch schon mal die Chance, Fahrrad zu fahren, eine Bootstour zu machen oder einfach nur spazieren zu gehen. Wir haben öfter auch einen ganzen Samstag oder Sonntag, an dem die Familie gemeinsam etwas unternehmen kann.

Wie befassen Sie sich denn mit Kritik an Ihrem Mann?

Das bereden wir in Teilen, aber nie würde ich mich öffentlich dazu äußern. Grundsätzlich versuchen wir, das Amt von Privatem zu trennen. Wenn wir Zeit für uns haben, reden wir nicht über Politik oder eine Rede.

Der Bundespräsident hat sich gerade mahnend zur Euro-Stabilisierung geäußert. Erleben Sie, dass Menschen Angst um Ihr Geld haben?

Das Thema „Finanzen“ schwingt immer mit, wenn ich soziale Einrichtungen besuche. Sei es, dass Familien Probleme haben, weil das Geld knapp ist. Oder wenn ich in einer Schule mit Elternvertretern, Lehrerinnen und Lehrern und Vertretern der Schulbehörde darüber diskutiere, wie das Geld aus dem Bildungspaket effektiv bei den Familien ankommt.

Bedrücken Sie solche Besuche?

Manchmal schon. Wenn mir Frauen, die ich im Müttergenesungswerk besuche, erzählen, welche Lasten sie zu schultern haben, leide ich mit. Wenn ich bei Auslandsbesuchen Kinder sehe, die im Elend leben, ist mein Herz schwer. Aus solchen Begegnungen schöpfe ich letztlich aber auch die Motivation, bei den ehrenamtlichen Aufgaben immer weiter zu machen, um mit den Stiftungen wenigstens etwas Hilfe in die Wege zu leiten

Wie verarbeiten Sie das? Wie gehen Sie mit Stress um?

Mit Sport, mit Musik, mit der Zeit, die ich mit den Kindern verbringe. Das sind Kraftquellen. Wenn ich an der frischen Luft bin und ich mich bewegen kann, gelingt es mir, schwere Gedanken abzugeben.

Gehen Sie noch so viel schwimmen wie in Ihrer Heimat Großburgwedel?

Nein, dafür laufe ich hier in Berlin mehr und gehe ins Fitnessstudio. Und wir fahren Rad. Ich habe meinem Mann zum Geburtstag ein Fahrrad geschenkt – mit Navi.

Das bedeutet aber nicht, dass der Bundespräsident orientierungslos wäre?

(lacht) Sicher nicht. Aber wir müssen Berlin und Umgebung ja erst noch kennenlernen. Das ist auf dem Rad etwas ganz anderes als mit dem Auto. Und diese freundliche Stimme, die erklärt, wo es langgeht, ist da schon sehr hilfreich.

Die Fragen stellte Martina Fietz.