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Besuch des Interkulturellen Zentrums Genezareth in Berlin-Neukölln

Daniela Schadt hält eine Ansprache in Neukölln beim Besuch des Interkulturellen Zentrums Genezareth Berlin, 10. Dezember 2016 Besuch des Interkulturellen Zentrums Genezareth – Ansprache in Neukölln © Kristina Wogatzki

Daniela Schadt hat am 10. Dezember an einem "Abend der Begegnung – Miteinander für Menschlichkeit" im Interkulturellen Zentrum Genezareth in Berlin-Neukölln teilgenommen. Zu der Veranstaltung am Tag der Menschenrechte lud der Kirchenkreis Neukölln gemeinsam mit dem Migrationsbeauftragten des Bezirks Neukölln, dem Verein Aufbruch Neukölln e. V., den Stadtteilmüttern, der Bürgerstiftung Neukölln und dem Liberal-Islamischen Bund e. V. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Daniela Schadt würdigte die Integrationsarbeit der Initiativen und rief zum Zusammenhalt der Neuköllner Bürgerinnen und Bürger auf:

"Nur wenn wir uns den Meinungen und Argumenten unserer Nachbarn, Freunde und Mitbürger stellen, können im öffentlichen Gespräch Kompromisslösungen für unterschiedliche Interessen gefunden und Weltanschauungen in Einklang gebracht werden."

Ansprache von Daniela Schadt:

Unsere gemeinsamen Werte vorgetragen in unterschiedlichen Sprachen – welch' schönes Sinnbild für einen "Neuköllner Zusammenhalt"!

Ich freue mich, dass Sie heute die Gelegenheit wahrnehmen, mit Ihren Nachbarn aus Neukölln ins Gespräch zu kommen. Nun ist es ja nicht so, dass Sie sich sonst nicht begegnen, sei es beim Treffen im Café um die Ecke, beim Spaziergang im Park oder beim Einkauf beim Gemüsehändler in der unmittelbaren Nachbarschaft. Man mag sich daher fragen, ob ein "Abend der Begegnung" wie dieser gerade für Sie, liebe Neuköllner, überhaupt notwendig ist.

Ich bin der Einladung von Kazim Erdogan vom Verein Aufbruch Neukölln e. V. deshalb gerne nachgekommen, da ich die Idee eines Austausches außerhalb des Alltäglichen für das Zusammenleben in einer Nachbarschaft überall auf der Welt als lohnens- und nachahmenswerten Ansatz empfinde. Denn es passiert viel zu selten, dass über das "Wir", über das uns Verbindende gesprochen wird.

Und gerade an einem für die Demokratie so bedeutsamen Tag wie dem 10. Dezember, der uns jährlich an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 erinnert, bietet es sich an, über das zu sprechen, was unsere Gesellschaft zusammenhält.

"Wir" ist ein starkes Wort. Es steht für ein Zusammengehörigkeitsgefühl über kulturelle, gesellschaftliche oder religiöse Grenzen hinweg. "Wir" bedeutet aber auch Verantwortung für unsere Gesellschaft, denn "Wir" impliziert, dass wir füreinander einstehen wollen, dass wir zusammenhalten wollen. Es ist ja keineswegs so, wie uns manche Schreihälse derzeit glauben machen wollen: die Politik entscheide über unsere Köpfe hinweg, und wir seien nur Objekte des Handelns sogenannter politischer Eliten.

Wer so redet, verschweigt einen bedeutsamen Grundsatz unserer demokratischen Ordnung. Denn Demokratie bedeutet nicht, dass wir alle paar Jahre zur Wahlurne gerufen werden und uns in der Zwischenzeit die Hände gebunden sind. Demokratie ist viel mehr als das! Wir sind als Gestalterinnen und Gestalter permanent gefragt und auch erwünscht. Denn keine Gesellschaftsform ist so auf Verantwortungsübernahme durch die Individuen, die gleichberechtigten und gleichverpflichteten Bürgerinnen und Bürger, angewiesen wie die demokratische Gesellschaft. Das gilt für die öffentliche Meinungsfindung, für das ehrenamtliche Engagement wie auch für etwas, das schwer zu beschreiben ist, aber jede Gesellschaft prägt: Interesse und Hinwendung zu meinen Mitbürgern.

Verantwortung wird überall da wahrgenommen und gelebt, wo Unmittelbarkeit und Nähe zwischen den handelnden Individuen bestehen. Es geht um die unmittelbaren Beziehungen zwischen den Menschen, um Respekt, Empathie, Vertrauen, Wertschätzung. Denn wenn ich mit anderen Menschen zusammen ein Gemeinwesen bilden will, muss ich meine Mitmenschen wahrnehmen und mich mit Ihnen darüber verständigen, wie dieses Gemeinwesen aussehen soll.

Und Sie alle, die heute hier erschienen sind, sind Beweis dafür, dass es diese unmittelbaren Beziehungen zwischen den Menschen, einen "Neuköllner Zusammenhalt" gibt.

Denn dieses Miteinander, wir wissen es alle, erfordert oft Geduld und Kompromissbereitschaft. Zusammenhalt kann nur entstehen, wo Vertrauen herrscht und auch das Trennende angesprochen werden kann. Nur wenn wir uns den Meinungen und Argumenten unserer Nachbarn, Freunde und Mitbürger stellen, können im öffentlichen Gespräch Kompromisslösungen für unterschiedliche Interessen gefunden und Weltanschauungen in Einklang gebracht werden.

Und deshalb möchte ich Sie herzlich einladen, den Ihnen heute Abend zur Verfügung gestellten Raum und Rahmen wahrzunehmen und ausgiebig miteinander ins Gespräch zu kommen. Und bitte werden Sie auch außerhalb dieser Mauern zu Botschafterinnen und Botschaftern des "Neuköllner Zusammenhalts"!

Enden möchte ich mit einem Dank an den Migrationsbeauftragten des Bezirks Neukölln, an den Verein Aufbruch Neukölln e. V., an die Stadtteilmütter, die Bürgerstiftung Neukölln und an den Liberal-Islamischen Bund e. V., die alle gemeinsam den heutigen Abend ermöglicht haben. Dass wir heute hier im Interkulturellen Zentrum Genezareth zusammenkommen können, ist für mich ein sichtbares Zeichen der in Neukölln täglich gelebten Toleranz zwischen den Religionen. Danken möchte ich insbesondere Kazim Erdogan, der für mich den "Neuköllner Zusammenhalt" wie wenige andere Menschen verkörpert.

Ich wünsche nun allen, Nichtchristen und Christen, einen schönen dritten Advent und eine gesegnete Weihnachtszeit und alles Gute für das kommende Jahr sowie ein gutes und gelungenes Miteinander in Neukölln.