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Verleihung des Europäischen St.-Ulrichs-Preises an „Ärzte ohne Grenzen“


Elke Büdenbender hat am 12. Mai an der Verleihung des Europäischen St.-Ulrichs-Preises an "Ärzte ohne Grenzen" in Dillingen an der Donau teilgenommen und die Laudation gehalten.

Der St.-Ulrichs-Preis wird an Institutionen und Initiativen, die sich für die Einheit Europas einsetzen, verliehen. In diesem Jahr geht der Preis an die Organisation "Ärzte ohne Grenzen", die medizinische Hilfe für Menschen in Krisensituationen – seien sie menschengemacht oder von der Natur über sie gebracht – leistet und damit unermüdlich für ein humanitäres Völkerrecht kämpft. Die Europäische St.-Ulrichs-Stiftung will damit ein deutliches Zeichen für mehr Humanität bei der Bewältigung von Krisen in Europa setzen.

Ansprache von Elke Büdenbender:

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

Die "Ärzte ohne Grenzen" sind die diesjährigen Träger des St.-Ulrichs-Preises – und das zu Recht!

Wer ist Médecins Sans Frontières oder Ärzte ohne Grenzen? Der Verein ist eine private internationale Organisation, ein außergewöhnlicher Zusammenschluss von Menschen, die auf ehrenamtlicher Basis helfen wollen. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Ärzte und Pflegekräfte, aber da Hilfe auch Struktur braucht, sind in den Projekten auch Vertreter zahlreicher anderer Berufe tätig.

Bei ihnen, bei den sozusagen "grenzenlosen Ärzten", steht die großartige Leistung, für die die Organisation hier ausgezeichnet wird, bereits im Namen. Unermüdlich sind die Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Einsatz für Menschen. Für die in Not – sei sie menschengemacht oder von der Natur über sie gebracht.

Ob Krisen oder Kriege, sie lassen sich nicht abhalten. Dabei halten sie sich strikt an ihre humanitären Prinzipien, die aus der Genfer Konvention abgeleitet werden: Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität!

Die "Ärzte ohne Grenzen" leisten innerhalb eines internationalen Netzwerkes medizinische Hilfe für Menschen, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, politischen und religiösen Überzeugungen sowie ihres Geschlechts, orientiert allein an den Bedürfnissen der Notleidenden. So steht es in der Charta, und so leben sie es.

Dabei gehen sie nicht nur über regionale Grenzen. Sie lassen sich auch von politischen Zuständen eines Landes keine Grenze aufzeigen. Religiöse Gebote sind für Ihre Mitarbeiter keine Verbote zu helfen. Aber noch mehr: Sie gehen dabei nicht selten über ihre eigenen Grenzen hinaus. Es sind schon Bücher geschrieben worden, die eindringlich schildern, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich ohne Rücksicht auf sich selbst für andere einsetzen. Und was sie sehen und erleben, geht wohl an keinem spurlos vorbei. Nicht an Ihnen, nicht an uns, die wir davon hören oder darüber lesen.

Oft – man möchte sagen, allzu oft – müssen die Ärzte ohne Grenzen die schwierigste Entscheidung fällen: die über Leben und Tod. Oft müssen sie abwägen, ob sie für ein Leben mehrere andere aufs Spiel setzen. Nicht zuletzt das eigene. Was für ein Einsatz! Dabei kann es auch vorkommen, dass sie aus medizinischen Gründen – beispielsweise, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern – aus Sicht der Menschen, denen sie helfen, unverständlich handeln. Etwa weil es deren hergebrachten Ritualen um Sterben und Tod widerspricht. Dieser selbstlose Einsatz wird dann schnell zur Herausforderung für Leib und Seele. Denn auch die Seele hilft mit. Wir ehren heute schließlich Menschen, die beseelt davon sind, Humanität zu leben.

Menschen, die als Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und -pfleger, Psychologinnen und Logistiker wissen, was sie tun müssen, um andere Menschen vor dem Tod zu bewahren. Sie leisten Basismedizin oder chirurgische Nothilfe, bekämpfen Epidemien, impfen, betreiben Ernährungszentren, kümmern sich um die Mutter-Kind-Versorgung, leisten psychologische Hilfe oder bilden lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus. Und noch mehr: Sie sorgen für sauberes Trinkwasser, Nahrungsmittel, Unterkünfte oder andere Hilfsgüter, wenn Menschen diese zum Überleben brauchen. Dass sie es tun, ist ihre Mission. Man kann das Nächstenliebe nennen, Barmherzigkeit auch. Oder einfach: zutiefst humanitäres Handeln.

Dieses Handeln fordert den Menschen, die für "Ärzte ohne Grenzen" im Einsatz sind, alles ab. Stellen wir uns nur für einen Moment vor, was sie erleben und verarbeiten müssen. Schreckliche Bilder sind es: Schwerverletzte, Verstümmelte, Gefolterte, Leichenhallen. Menschen, die ertrunken sind. Weinende, traumatisierte Kinder, deren Eltern brutal ermordet wurden. Hilflos umherirrende Frauen, die ihre Männer suchen. Und mittendrin Sie, als Ärztin oder Arzt oder als Krankenpfleger – manchmal auch allein. Sie können helfen, müssen aber zuschauen, wie Menschen sterben, weil Sie nicht bei allen zugleich sein können.

Gleichzeitig kommen Sie immer wieder in Situationen, in denen Sie auch deshalb um Ihr eigenes Überleben bangen, weil das Krankenhaus, in dem Sie Hilfe leisten, kein sicherer Hafen mehr ist – so wie das früher einmal war –, sondern jeden Moment selbst zum Ziel eines Angriffes werden kann. Das ist die Wirklichkeit, die wir nur für einen Moment an uns herangelassen haben. Bilder, die wir hier schnell wieder verdrängen können. Eine Ärztin oder ein Arzt im Einsatz aber nicht.

Für die "Ärzte ohne Grenzen" vergehen diese Bilder nicht so schnell, und sie erklären die Empörung und das Entsetzen über überfüllte Flüchtlingsboote vor unserer Haustür im Mittelmeer, mit denen Menschen anbranden, die alles hinter sich gelassen haben. Die so viel Schlimmes gesehen und erlebt haben. Die krank geworden sind. An Leib und Seele. Kinder ohne Eltern, weil die ertrunken sind. Wer verstünde nicht, dass die Helfer da von der Politik, von Menschen in der Politik im gesicherten Europa, mehr Empathie verlangen? Mehr – Barmherzigkeit?

"Ärzte ohne Grenzen" erhält heute für sein Engagement den St.-Ulrichs-Preis. Die Europäische St.-Ulrich-Stiftung will die Einheit Europas in christlich-abendländischer Tradition fördern und verwirklicht dieses Ziel durch die Verleihung ihres Preises an Personen, Initiativen und Institutionen, die in Politik, Kirche, Wissenschaft, Kultur und sozialem Engagement tätig sind. Er ist ein Preis, der etwas Besonderes würdigt: den Einsatz für die Menschenwürde.

Ich finde, wenn man sich die Liste der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger anschaut, dann fügt sich "Ärzte ohne Grenzen" hervorragend ein und ist ein würdiger Preisträger.

Die Organisation, die mittlerweile über Sektionen in fast ganz Europa verfügt, steht für den Einsatz für die Einheit Europas und für die Werte von Nächstenliebe und bedingungsloser Humanität im Dienste von Menschen in Not. Sie tragen die Idee der Einheit Europas im Wunsch, das Wohlergehen der Menschen zu erreichen, über Grenzen und Meere hinweg. In alle Himmelsrichtungen. Ob in Afrika oder Osteuropa.

Und das seit 1971. Seit dem Biafra-Krieg, ein Bürgerkrieg, der tausende von Menschen das Leben kostete. Damals wollte eine Gruppe von französischen Ärzten und Journalisten nicht länger zusehen, nicht warten. Daraus entsprang der Vorsatz, dem humanitären Völkerrecht Geltung zu verschaffen. Seither wird "Ärzte ohne Grenzen" von diesen Werten geleitet: Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität.

Wobei: Diese Organisation nimmt Partei – für die Menschen. Wie gesagt: unabhängig von ihrer Nationalität, Religion oder ihren politischen Ambitionen. Es geht um medizinische Hilfe. Aber auch darum, das Gesehene nicht zu verdrängen. Dort wird "Ärzte ohne Grenzen" politisch und fordert die politischen Entscheidungsträger und -trägerinnen zum Handeln auf. Aber im Sinn der Gemeinschaft von Menschen: Sie macht aufmerksam auf soziale und politische Missstände in den Ländern, in denen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten. Sie wollen nicht schweigen, sondern erheben das Wort, um ein weiteres Leiden zu stoppen, Verbrechen anzuzeigen und die Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen.

Durch ihr eigenes Handeln in so vielen Ländern dieser Welt – genauer gesagt: in rund 70 Ländern mit insgesamt 42.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werben sie für Toleranz und Mitmenschlichkeit. Für Humanität. Darin findet sich das Christliche auch, gleichsam wie von selbst. Obwohl Ärzte ohne Grenzen keine christliche Organisation ist, verdient sie den St.-Ulrichs-Preis. Voll und ganz.

Um ihren eigenen Zielen gerecht zu werden, sich nicht vereinnahmen zu lassen, ihre Unabhängigkeit im Handeln und auch im Denken zu wahren, finanziert sie sich zu mehr als 90 Prozent durch privates Geld. Privat vor Staat – das müsste auch ihren Kritikern gefallen. Kritiker, die sie nicht erst hat, seit sie die europäische Migrations- und Asylpolitik angeprangert hat. Das war 2016 und ist noch immer so. Seitdem weigert sich die Organisation, Gelder von europäischen Staaten anzunehmen. Das bleibt nicht ohne Folgen, denn so fehlt Geld an anderer Stelle. Aber das Zeichen war es der Organisation wert.

Doch wer auf den tieferen Grund schaut, wer auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes handeln will, der versteht "Ärzte ohne Grenzen". Und der versteht die Organisation richtig. Da stimme ich Ihnen, lieber Landrat Schrell, aus ganzem Herzen zu: Nur wer Toleranz gegenüber anderen Völkern, Religionen und Kulturen aufbringt, wer Mitmenschlichkeit und Humanität lebt, trägt zur Einheit Europas bei. Und nur ein geeintes Europa und eine Aussöhnung unter den Völkern Europas können dauerhaft Frieden, Freiheit und Sicherheit gewährleisten. Und so verstanden kann ein Protestakt gegen etwas zum drängenden Aufruf für das Wesentliche werden: für das menschliche Miteinander. Für Solidarität als Tugend. Für Humanität als gelebte Verantwortung.

An diesem Tag, diesem Ort, aus Anlass dieses Preises: "Weigere Dich nicht, dem Bedürftigen Gutes zu tun, wenn deine Hand es vermag." Das ist, was uns alle antreiben sollte. "Ärzte ohne Grenzen" erinnern uns daran.

Dafür danke ich Ihnen von Herzen.