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Eröffnungsrede beim Learning Forum des Internationalen Zentrums für Berufsbildung der UNESCO in Bonn

Elke Büdenbender (Archivbild) Archivbild Elke Büdenbender (Archivbild) © Jesco Denzel

Elke Büdenbender hat am 24. Mai zur Eröffnung des Learning Forums des Internationalen Zentrums für Berufsbildung der UNESCO (UNESCO-UNEVOC) eine Ansprache gehalten.

"Managing skills in a time of disruption" lautete der Titel des Learning Forums vom 24.bis 25. Mai, das Elke Büdenbender mit einer Rede eröffnete. Elke Büdenbender tauschte sich anschließend mit internationalen Experten aus den UNESCO-Mitgliedstaaten darüber aus, wie man die Herausforderungen der Auswirkungen von Digitalisierung, Klimawandel und Migration auf die Berufsbildung junger Menschen bewältigen kann und wie sich die verschiedenen internationalen Perspektiven dazu gestalten.

Ansprache von Elke Büdenbender:

Änderungen vorbehalten. Es gilt das gesprochene Wort.

"Managing skills in a time of disruption" lautet das Motto dieser Konferenz. In Panels und Gesprächen werden Sie Ideen für diese "managing skills" in Zeiten schneller, großer und weitreichender Veränderungen diskutieren.

Wie stellen wir uns auf Veränderungen ein? Globale Phänomene wie Klimawandel, Migrationsbewegungen und - allen voran – die voranschreitende Digitalisierung verändern Lebens- und Arbeitsbedingungen weltweit.

Über die Auswirkungen liest man jedoch schon lang nicht mehr nur online oder in Papierform in der Zeitung, wie über andere in der Ferne stattfindende Ereignisse. Sondern sie werden zunehmend auch ganz konkret für jeden Menschen auf jedem Kontinent greifbar und persönlich spürbar.

Die Digitalisierung hat spätestens durch neue Technologien und digitale Plattformen, wie Google, Twitter, Facebook, Instagram, YouTube, Amazon oder eBay unseren Alltag verändert. Kommunikationswege und Informationskanäle haben sich neu geordnet.

Beides erfolgt in Echtzeit und hat das Leben rasant beschleunigt. Nicht nur im privaten Bereich, sondern auch in der Arbeitswelt.

Digitalisierung und das aufkommende Internet der Dinge sind Grundlage und Treiber der vierten Stufe der Industriellen Revolution. Produktionswege und Arbeitsabläufe wurden und werden durch diese industriellen Revolutionen verändert: Im späten 18. Jahrhundert die Textil- und Eisenindustrie als erste Stufe, Stahl- und Chemieindustrie und Elektrizität im späten 19. Jahrhundert als zweite Stufe, dann der Einsatz von Industrierobotern und Automatisierungsprozessen im 20. Jahrhundert und schließlich die Digitalisierung.

Veränderte Produktionsprozesse und Arbeitsbedingungen erfordern Anpassungen durch Weiterbildungen der bereits jetzt im Beruf Tätigen. In immer kürzeren zeitlichen Abständen müssen sich die Beschäftigten von heute mit digitalisierten neuen Arbeitsmethoden vertraut machen, sich auf neue Berufsprofile einstellen – oder auch darauf, dass einige Berufe zukünftig sich nicht nur verändern, sondern möglicherweise verschwinden werden. Umso wichtiger ist für uns als Gesellschaft die Debatte über die Herausforderung, wie sich künftige Generationen von Berufstätigen gut auf das zunehmend durch die Digitalisierung dominierte Arbeitsleben vorbereiten.

Nachdem Kohle lange Zeit der wichtigste Energieträger und somit auch Motor wirtschaftlicher Leistungen war, wurde dieser spätestens Mitte des letzten Jahrhunderts durch das Öl abgelöst. Neben dem Bewusstsein der Endlichkeit fossiler Energieträger rückten jedoch auch die negativen Auswirkungen auf die Umwelt ins Bewusstsein der Menschen. CO2-Ausstoß und Treibhausgase leisten ihre Beiträge zu Erderwärmung und Klimawandel. Die immer größer werdende und sich international vernetzende Umweltbewegung stieß Prozesse des Umdenkens an. Umweltfreundlichkeit und saubere Energiequellen genießen heute in allen Bereichen einen sehr hohen Stellenwert – im Privaten, wie in der Arbeitswelt!

Wir wissen aber auch, wie viel noch vor uns liegt, um die Ziele, die wir als richtig erkannt haben, auch tatsächlich zu erreichen.

Sie gehen in Ihren Gesprächen und Diskussionen auch auf Veränderungen durch Klimawandel und Migration ein. Beides bedingt einander oft. Wenn Naturkatastrophen Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen, schlichtweg um überleben zu können. Sie werden durch Klimawandel und andere Katastrophen, wie beispielsweise Kriege, gezwungen, sich in fremden Ländern und Kulturen in die dortige Lebens- und Arbeitswelt zu integrieren.

Fremde Sprachen und unterschiedliche Ausbildungshintergründe sind nicht von Anfang an passende Mosaiksteine, die man in das Gesamtbild einer anderen Gesellschaft ohne weiteres einsetzen kann.

Den aus Klimawandel, Migration und Digitalisierung resultierenden Veränderungen, die unseren privaten und beruflichen Alltag längst prägen und die auch Auswirkungen auf unsere Gesellschaften haben, muss im Bereich der Ausbildung mit mehr Flexibilität begegnet werden. So schnelllebig wie sich Arbeitsprozesse revolutionieren, müssen auch Ausbildungsinhalte entsprechend flexibel nachjustiert werden.

In wessen Händen aber liegt die Verantwortung für diese Flexibilität, meine sehr geehrten Damen und Herren?

Von jungen Menschen, die am Ende ihrer Schulzeit und vor einer Berufswahl stehen, können wir nicht erwarten, dass sie die Antworten auf diese Veränderungen bereits mitbringen und die Bedürfnisse der Wirtschafts- und Arbeitswelt erfüllen. Mit einer ausschließlichen Orientierung an wirtschaftlichen Bedürfnissen wird eine Gesellschaft vor allem der Verantwortung für junge Menschen nicht gerecht.

Vielmehr müssen diese unterstützt und gefördert werden, damit sie aus eigenen Stücken ihren individuellen Weg ins Berufsleben finden. Ohne Abschluss findet man keinen Anschluss an die Berufswelt. Deshalb investiert eine Gesellschaft zugleich in die Zukunft, wenn sie in die Jugend investiert.

Die berufliche Bildung und insbesondere das duale Ausbildungssystem in Deutschland gelten im internationalen Vergleich als besonders leistungsfähig. Die Jugendarbeitslosigkeit bei uns ist gering und die Absolventinnen und Absolventen unserer Berufsschulen sind sehr gefragt. Zunehmender Fachkräftemangel und demographischer Wandel verstärken den Wettbewerb der Wirtschaft um diese künftigen Arbeitskräfte.

In den letzten zehn Jahren ist in Deutschland die Zahl der jungen Menschen, die in eine berufliche Ausbildung gehen, um rund zehn Prozent zurückgegangen. Dem gegenüber haben deutlich mehr Schulabsolventinnen und -absolventen ein Hochschulstudium aufgenommen. Nicht zuletzt durch die Akademisierungstrends der letzten Jahre ist der akademische Weg im gesellschaftlichen Empfinden als der höherwertigere Weg verankert. Wir dürfen die beiden Wege, die ins Berufsleben führen, jedoch nicht gegeneinander ausspielen!

Ausschlaggebend für die Entscheidung für einen akademischen Werdegang oder eine berufliche Ausbildung sollten nicht gesellschaftliche Konventionen, sondern individuelle Neigungen, Talente und Beweggründe sein.

Wir brauchen die geschickte Mechatronikerin genauso wie den engagierten Grundschullehrer – den immer freundlichen Zahnarzthelfer genauso wie die innovative Maschinenbauingenieurin. Wir sind dies jungen Menschen schuldig, die sich eine gute Zukunft aufbauen möchten. Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf einzelne Mitglieder und deren Talente zu verzichten.

Und weil wir uns diesen Verzicht nicht leisten können, sollten sich Ausbildungsbetriebe bei der Auswahl ihrer Auszubildenden nicht allein vom Prinzip der sogenannten "Bestenauslese" leiten lassen. Alle Jugendlichen werden gebraucht und haben eine Chance verdient, sich ihren Fähigkeiten nach einzubringen.

Schulabgängerinnen und Schulabgängern mit schlechten Noten fehlt es nicht nur aufgrund des Prinzips der Bestenauslese an Konkurrenzfähigkeit, sie werden zudem oft viel mehr mit steigenden beruflichen Anforderungen zu kämpfen haben.

Sie können also Unterstützung bei den Berufsschulen finden. Sie tragen nicht nur in der dualen Ausbildung zu guten Abschlüssen bei, führen Jugendliche zum Abitur oder bieten vollzeitschulische Ausbildungen an. Für einen Teil der Jugendlichen in Deutschland sind berufliche Schulen auch die einzige Bildungschance. Wer am Ende der Schulpflicht ohne Schulabschluss dasteht, hat die Möglichkeit in einem Berufsvorbereitungsjahr den ersten Schritt in Richtung Arbeitswelt zu gehen.

Jene, die noch keinen Ausbildungsvertrag haben, können im Vollzeitunterricht in ein bis zwei Berufsfelder eingeführt werden und können daneben den Hauptschulabschluss nachholen.

Sie gehen nicht verloren, sondern erlangen viel mehr Orientierung! Dass es dabei gelingen kann, junge Menschen aufzufangen und abzuholen, habe ich beispielsweise in Hamburg erlebt.

In den Jugendberufsagenturen arbeiten mehrere Partner zusammen daran, dass möglichst niemand ohne Abschluss bleibt – wenn es nicht anders geht, auch in Form einer "Freundlichen Belagerung", die die jungen Menschen, die nicht von selbst erscheinen, zuhause aufsucht.

Ich möchte nochmals betonen, dass wir in einem Land, in dem Lehrstellen unbesetzt bleiben, auf diese jungen Menschen mit besonderem Förderbedarf nicht verzichten können. Entscheidend ist, sie sind nicht weniger wert als andere, die problemlos die Schule schaffen. Sie sind nur stärker auf Förderung und Unterstützung angewiesen.

Und wenn ein junger Mensch es über den Umweg des Berufsvorbereitungsjahres zum Hauptschulabschluss schafft, dann sind auch die Unternehmen in der Pflicht.

Diese jungen Menschen müssen die Möglichkeit haben, neben Absolventen mit Realschulabschluss oder Abitur Ausbildungsverträge abzuschließen. Die Unternehmen müssen stereotypische Erwartungen an ihre Auszubildenden und Mitarbeiter korrigieren.

Dort, wo wir alle Talente brauchen und jeder eine Chance für den Einstieg ins Berufsleben verdient hat, stehen die Unternehmen als Teil der Gesellschaft genauso in der Verantwortung. Sie haben die Möglichkeit, Strukturen zu schaffen, um besondere Unterstützung an Auszubildende zu leisten.

In jedem Menschen schlummern Talente. Natürlich ist es auf den ersten Blick leichter, Menschen in sein Unternehmen einzustellen, die sich ihrer Fähigkeiten bewusst sind und gezielt damit werben. Ein Unternehmen, das die Talente seiner Auszubildenden mit diesen gemeinsam entdeckt, fördert und in die Abläufe integriert, kann jedoch genauso von Innovation und Leistungssteigerung profitieren – und wer so in den Nachwuchs investiert, erhöht damit auch die Chance, dass sich diese Menschen nach ihrer Ausbildung als Mitarbeiterin oder Mitarbeiter an ihren Betrieb gebunden fühlen.

Zu unserer Gesellschaft gehören nicht nur die, die bereits da sind, sondern auch die, die neu dazu kommen. Junge Menschen mit Migrationshintergrund und mit Fluchterfahrungen haben es aufgrund nicht anerkannter Schul- oder Berufsabschlüsse, mangelnder Bildung oder aufgrund von geringen Deutschkenntnissen ebenso schwer, den Einstieg in Berufsausbildung und Berufsleben zu schaffen. Auch sie dürfen in unserer Gesellschaft nicht verloren gehen.

Die beruflichen Schulen in Deutschland waren schon immer von Heterogenität geprägt. Ihre Stärke liegt darin, Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensläufen und schulischen Werdegängen zu integrieren und auszubilden. Dazu zählen Jugendliche direkt aus den allgemeinbildenden Schulen genauso, wie Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher.

Durch die Verzahnung von Praxis und Theorie vermögen es die beruflichen Schulen ganz konkret, Perspektiven aufzuzeigen und leisten einen großartigen Beitrag zur Weiterentwicklung junger Menschen.

Vermehrt kommen diese Menschen mit Migrationshintergrund hinzu, die die soziale und kulturelle Heterogenität weiter ausdifferenzieren. Der Wille und das Engagement sind in den Berufsschulen besonders groß, diesen jungen Menschen ein Forum für eine Berufsausbildung, das Erlernen der deutschen Sprache und das Knüpfen von Freundschaften zu bieten. Als Antwort auf diese nicht selbstverständliche Leistungsbereitschaft der Berufsschullehrerinnen und -lehrer braucht es außer der Anerkennung dieser Leistung auch weiterer Unterstützung.

Pädagogische Fähigkeiten müssen um interkulturelle Kompetenzen erweitert werden. Insbesondere die Digitalisierung verstärkt dabei die Lücke zwischen steigenden Berufsanforderungen und geringen Einstiegsqualifikationen. Traditionelle Berufe fallen weg, neue kommen hinzu. In allen Bildungsbereichen hat die Digitalisierung Einfluss auf Bildungsbedarf und Bildungsverständnis. Um den Auswirkungen und den veränderten Anforderungen gerecht zu werden, sind Berufsschulen und Hochschulen mit adäquaten Infrastrukturen auszustatten.

Zum einen geht es dabei um die digitale Ausstattung der Lehreinrichtungen, denn es bringt wenig, den jungen Menschen über digitale Technik und Abläufe nur in der Theorie zu berichten. Zum anderen geht es um das Erlernen von Programmierfähigkeiten und einen selbstverständlichen Umgang mit digitaler Technik. Das eine bedingt das andere: ohne die entsprechende digitale Ausstattung ist das Erlenen der praktischen Anwendung nicht möglich.

Meinem Mann, dem Bundespräsidenten, und mir ist es ein wichtiges Anliegen, die Leistungsfähigkeit des deutschen Bildungssystems zu würdigen – und zwar den akademischen Weg genauso wie den der beruflichen Bildung. Beide Wege führen junge Menschen auf ihrem ganz individuellen Weg ins Berufsleben!

Deshalb haben wir im April der beruflichen Bildung eine ganze Woche gewidmet, um das Engagement aller beteiligten Akteure wertzuschätzen.

In dieser Woche, aber auch bei vielen anderen Gelegenheiten, bin ich mit Auszubildenden, Lehrerinnen und Lehrern, Ausbildern sowie weiteren Akteuren der Ausbildungslandschaft ins Gespräch gekommen. Die durch persönlichen Austausch gewonnenen Einblicke und Eindrücke sind unbezahlbar. Jeder Besuch einer Berufsschule, eines Ausbildungsbetriebes oder von Beratungseinrichtungen haben die Leistungsfähigkeit unseres Ausbildungssystems in all den gerade geschilderten Facetten bestätigt. Vieles läuft gut, manches kann noch verbessert werden. Und alles muss dem Wandel der Zeit angepasst werden!

Wir können uns auf dem Erreichten nicht ausruhen. Die weltweiten Veränderungen durch Digitalisierung, Migration und Klimawandel berühren, wie ich eingangs sagte, jede Gesellschaft. Die jungen Menschen und ihre Ausbildung sind dabei ein besonderer Schatz, der unterstützt, gefördert und für die Zukunft ausgerüstet werden muss!

Wir können alle auch im internationalen Vergleich voneinander lernen und so bin ich auf die Ergebnisse und Ideen Ihrer Konferenz gespannt. Ich freue mich, von Ihnen zu lernen!

Vielen Dank!