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Bundespräsident Christian Wulff hat der Bild am Sonntag ein Interview gegeben

Norbert Lammert, Angela Merkel, Bettina Wulff, Christian Wulff und Hannelore Kraft bei der Trauerfeier in der Duisburger Salvatorkirche 1. August 2010 Foto: Thomas Imo, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Thomas Imo, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Jetzt steht die gemeinsame Trauer im Mittelpunkt"


Herr Bundespräsident, was haben Sie gedacht, gefühlt, als Sie von der Katastrophe in Duisburg gehört haben?

Hunderttausende vor allem junger Leute aus Europa wollten in Duisburg fröhlich und ausgelassen feiern. Und dann passiert der Albtraum aller Eltern: Die Angst, dass jemand vor der Tür steht, klingelt und sagt: Ihr Kind ist tot.

Ihre Tochter Annalena ist im Teenager-Alter. Hatte sie überlegt, zu dieser tödlichen Loveparade zu gehen?

Annalena wollte zu Hause bleiben, aber Freunde von ihr sind nach Duisburg gereist. Ich habe sie sofort angesimst und gefragt, ob sie doch hingefahren ist. Sie antwortete: "Mach Dir um mich keine Sorgen. Aber Freunde von mir sind da." Später haben wir erfahren, dass ein guter Freund meines Neffen in Duisburg unter den Toten ist. Alle jungen Leute werden noch lange brauchen, das Geschehene zu verarbeiten. Auch für deren Eltern besteht die Gefahr traumatischer Erinnerungen und Erfahrungen. Diese Katastrophe bedeutet Leid und Kummer für ganz, ganz viele Menschen. Meine Gedanken sind gerade auch bei den Rettungskräften, die alles gegeben haben.

Vier Wochen nach Ihrem Amtsantritt waren sie gestern zusammen mit der Bundeskanzlerin bei der großen Trauerfeier für die 21 Todesopfer. Was hat Sie beeindruckt?

Das Zusammenstehen in der unfassbaren Katastrophe ist eine eindrucksvolle Erfahrung, auch wenn Leid und Not nur wenig geschmälert werden können: die Botschaft an die Angehörigen der Toten, Verletzten und an die Region Duisburg ist: in der Not stehen wir zusammen. Ihr seid in eurer Trauer nicht allein. Alle Angehörigen haben von großartiger Hilfe aus ihren Nachbarschaften und Freundeskreisen berichtet.

War Annalena früher schon einmal auf einer Loveparade?

Nein. Sie ist ja auch erst 16.

Dürfte Annalena grundsätzlich zu derartigen Großveranstaltungen fahren?

Über diese Dinge entscheidet ihre Mutter in Osnabrück. Sie und meine Tochter gehen mit diesen Fragen sehr verantwortungsvoll um. Ich hätte keine Bedenken gehabt, wenn sie dort hätte hinfahren wollen. In Zukunft muss sichergestellt sein, dass Kinder und Jugendliche bedenkenlos zu Großveranstaltungen fahren können.

Schon das jetzt bekannte Ausmaß an Verstößen gegen Sicherheitsbestimmungen, an Schlamperei ist erschreckend. Was muss sich in Zukunft ändern?

In meiner ersten Stellungnahme habe ich bereits meiner Hoffnung nach einer rückhaltlosen Aufklärung Ausdruck verliehen. Diese Aufklärung muss jetzt schnell und zugleich sorgfältig stattfinden. Die Opfer und ihre Hinterbliebenen haben ein Recht darauf. Danach müssen die organisatorischen Konsequenzen gezogen werden. Dazu gehört, dass die Verantwortlichen insbesondere das Internet als Frühwarnsystem nutzen. In Internetforen wurde schon früh vor einer Katastrophe mit Toten gewarnt.

Worum geht es bei der Trauer?

Jetzt gehören unsere Gedanken den Hinterbliebenen, den Hunderten Schwerverletzten, deren Freunden und den Teilnehmern der Loveparade. Wir wissen aus früheren Katastrophen wie dem ICE-Unglück in Eschede, dass oft auch die Helfer, die Großartiges leisten, von den schrecklichen Erlebnissen traumatisiert werden. Nach Eschede kam es sogar zum Selbstmord von Helfern, die ihre Erlebnisse nicht verarbeiten konnten. Ich werde die ehrenamtlichen Helfer, die Leben gerettet und Menschen geholfen haben, nach Berlin einladen und auszeichnen. Jetzt steht die gemeinsame Trauer im Mittelpunkt. Es geht darum, den Angehörigen zu zeigen, dass die gesamte Nation ihnen beisteht. Dadurch wird das Leid vielleicht etwas erträglicher gemacht. In der Trauerarbeit wird auch der religiöse Aspekt deutlich: dass der Tod zum Leben dazugehört. Das ist besonders für junge Menschen schwer zu akzeptieren. Der Freund meines Neffen hatte gerade sein Studium begonnen. Da ist der Gedanke an den Tod weit weg.

Sie haben aus Ihrer Zeit als Ministerpräsident von Niedersachsen Erfahrungen mit dem Transrapid-Unglück und dem Tod von Torwart Robert Enke. Kann gemeinsames Trauern den Schmerz der Angehörigen und Freunde wirklich lindern?

Ich bin fest davon überzeugt, dass Trauergesten den Hinterbliebenen Hoffnung geben. Das menschliche Bedürfnis nach Zuwendung kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Meine schwerste Stunde als Ministerpräsident habe ich erlebt, als in Rumänien ein Reisebus mit Niedersachsen an Bord verunglückte und ich die Großeltern aufsuchte, bei denen das Enkelkind war, dessen Eltern in dem Bus gestorben waren. Als ich das Kind auf mich zulaufen sah, schnürte mir der Gedanke die Kehle zu: Dieses Kind weiß noch nicht, dass Vater und Mutter nie wiederkommen.

Ist man in einer solchen Situation noch Herr seiner eigenen Gefühle?

Ich stabilisiere mich mit dem Gedanken, dass wir helfen können und deshalb helfen müssen. Ich habe damals vorher anfragen lassen: Hilft es, wenn ich vorbeikomme? Die Angehörigen haben gesagt: Das wäre schön. Als ich dann mit ihnen sprach, wurde im Verwandtenkreis die Frage gestellt, wer das Kind aufnimmt. Ich habe heute noch Kontakt zu der Familie.

Wie können Politik und Gesellschaft noch helfen?

Am Tag des Transrapid-Unglücks haben wir in Niedersachsen einen Hilfsfonds eingerichtet und zu Spenden aufgerufen. 750 000 Euro kamen zusammen, mit denen schnell und unbürokratisch auch in solchen Fällen geholfen wurde, wo Versicherungen und andere nicht helfen können. Am Tag des Unglücks haben wir zudem einen Ombudsmann gewonnen, einen hochangesehenen ehemaligen Präsidenten eines Oberlandesgerichtes. Er hat sich um die Interessen der Hinterbliebenen gegenüber Versicherungen, Amts-Dienststellen und Anwälten gekümmert. Über beides könnte man auch für die Opfer der Loveparade-Katastrophe nachdenken.

Für viele Bürger ist es unerträglich, dass sich auch eine Woche später niemand von den Verantwortlichen in Duisburg zu seiner Verantwortung bekennt. Stattdessen erleben wir einen Oberbürgermeister, dem es offenkundig vor allem um seine Altersbezüge geht. Werden Sie die moralische Autorität Ihres Amtes nutzen, um diesem Treiben ein Ende zu bereiten?

Der Oberbürgermeister Duisburgs will, wie er sagt, über Konsequenzen für sich erst am Ende der Ermittlungen entscheiden. Zwar hat jeder als unschuldig zu gelten, dessen Schuld nicht erwiesen ist. Doch unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung. Das alles wird der Oberbürgermeister genau abwägen müssen.

Würden Sie ihm einen Rat geben?

Den würde ich ihm nur geben, wenn er mich darum bitten würde - und dann unter vier Augen.

Wann haben Sie ganz persönlich Trost benötigt?

Am intensivsten habe ich das erlebt, als meine Mutter schwer an Multipler Sklerose erkrankte und bald völlig gelähmt war. Von der Kirchengemeinde, von der Nachbarschaft und der Verwandtschaft wurde uns signalisiert: Du bist nicht alleine, wir helfen Dir, wo wir können. Das war damals - ich war gerade mal 17 Jahre alt - sehr tröstlich für mich. Auch jetzt sind die Opfer von Duisburg nicht allein, sondern wir alle stehen an ihrer Seite.