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Bundespräsident Christian Wulff hat aus Anlass der "Tafel der Demokratie" in Berlin dem ARD-Morgenmagazin ein Interview gegeben

Bundespräsident Christian Wulff mit Bürgerinnen und Bürgern vor dem Brandenburger Tor in Berlin 20. August 2010 Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Herr Bundespräsident, die Menschen haben sich schon im Internet gemeldet. Was war für Sie da herausragend, welche Erwartungen sehen Sie?

Es gibt ganz große Erwartungen an den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, an das Thema soziale Gerechtigkeit, dass alle ihrer Verantwortung nachkommen und diese Gesellschaft nicht auseinanderfällt und jeder nur an sich selber denkt und einige dabei am Rande verlustig gehen. Das ist eine Erwartung, dass ich dafür besonders das Wort ergreifen soll.

Wie wollen Sie das jetzt umsetzen?

Man muss die Bürgerinnen und Bürger, jeden Einzelnen, sehr ernst nehmen mit seinen Sorgen, aber auch mit seinen Vorschlägen. Zuhören, wozu gerade die Tafel der Demokratie heute Abend auch eine wunderbare Gelegenheit gibt, dass man dort diese einzelnen Vorschläge, wie Menschen sich mehr einbringen können, was die mit Verantwortung tun könnten, auch mit Einfluss tun könnten, um Menschen nicht am Rande stehenzulassen, sondern sie in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen. Also hier muss viel mehr miteinander gesprochen werden und auch an die Verantwortung von Verantwortungsträgern appelliert werden.

Hartz IV ist das große, überbordende Thema, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Was ist in dem Zusammenhang Ihr Signal? Das wird gerade im Herbst eine große Rolle spielen.

Das wichtigste Thema ist die Bildung, dass wir mehr tun bei frühkindlicher Bildung, bei Ausbildung, bei Weiterbildung, damit den wachsenden Ansprüchen einer Industriegesellschaft auch Einzelne nachkommen können. Da sind einfach Versäumnisse. Das weiß heute eigentlich jeder. Aber wirklich anzusetzen, sich zu kümmern, um ein Kind mit Migrationshintergrund, dass es auch gezwungen wird, die Schule in Anspruch zu nehmen und sich anzustrengen und die Möglichkeiten eröffnet bekommt, dafür auch Anerkennung zu erfahren, da liegt in unserem Land doch einiges im Argen.

Gibt es da eine ausreichende Akzeptanz beim Bürger, wenn man sagt, dieser Gruppe wollen wir noch mehr geben?

Es gibt immer auch die Haltung, die anderen sind schuld. Das Problem läge woanders. Ich glaube, wir kommen nur weiter, wenn jeder sich fragt, was kann ich tun, wenn die Demokratie, unser Land als Sache aller angesehen wird, dass von unten nach oben eine Entwicklung entsteht sich einzubringen, teilhaben zu wollen, Vorschläge machen zu wollen, Verantwortung übernehmen zu wollen. Was mich am meisten sorgt, ist dieser Graben zwischen Bürgern, die unzufrieden sind, und Politikern, die dafür haftbar gemacht werden. Früher hieß es, toll, dass sie sich engagieren, toll, dass sie Verantwortung übernehmen, toll, dass sie kandidieren. Heute begleitet auch die Politiker viel Häme, viel Spott, viel Misstrauen, mehr als früher. Das kann so nicht bleiben, weil Demokratie sind wir alle. Es ist unser Land. Für dieses, für unser Land haben wir Verantwortung. Wir haben kein anderes Land. Das ist unser Land. Aus dem müssen wir gemeinsam etwas machen.

Die Bürger im Internet haben auch Wünsche an Sie. Haben Sie das Gefühl, ich muss mich da korrigieren, gibt es da kritische Anregungen, wo Sie sagen, das muss ich mir auch noch mal anschauen?

Am meisten fällt mir auf, dass die Aufgabe noch viel größer ist, als ich befürchtet habe. Da ist wirklich viel zu tun. Die Gräben, die es da gibt zu schließen und Bürgern Politik näher zu bringen. Und Bürgern zu sagen, ihr seid eben auch die Demokratie. Die Politik und jeder Einzelne ist gefordert. Auf der anderen Seite gibt es auch ganz viel Ermutigung und Vertrauensvorschuss. Es gibt viele Reaktionen aus dem Ausland, aus Ländern, die ich in früheren Jahren bereist habe, wo sich viel mit freuen, wie jetzt hier die Dinge angegangen werden.

Was vermissen Sie denn, vermissen Sie die Tagespolitik so ein bisschen?

Interessanterweise ist die Freude im neuen Amt so groß, dass man wenig Zeit hat etwas zu vermissen. Das ist einfach die wahre Antwort. Es ist so, dass man so viel Gutes tun kann. Im Verhältnis zu Polen beispielsweise, mit dem neuen polnischen Präsidenten. Dass man in diesen internationalen Beziehungen so viel erwidern kann an Erwartungen an unser Land. Wenn es jetzt um Hilfe für Russland geht bei den Bränden. Oder wenn es um Solidarität für Pakistan geht, wo wir einfach mehr tun müssen. Dann kann man erkennen, dass wir uns vielleicht zu wenig klarmachen, welch hohes Ansehen unser Land in der Welt hat, welche große Erwartungen es an Deutschland in Europa und der Welt gibt. Das wird auch ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit sein, den Zusammenhalt auch in der Welt positiv mit unseren begrenzten Mitteln, dann aber doch Mitteln auch zu begleiten.