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Bundespräsident Christian Wulff hat der Allgemeinen Zeitung Mainz ein Interview gegeben

Bundespräsident Christian Wulff vor der Neuen Synagoge in Mainz 3. September 2010 Foto: Guido Bergmann, BPA © Foto: Guido Bergmann, BPA

In Mainz, neben Worms und Speyer eine der Schum-Städte, wird die Synagoge neu eingeweiht. Ein Zeichen, vielleicht sogar ein Beweis dafür, dass Juden und Christen in Deutschland in gutem, oft herzlichem Einvernehmen zusammenleben?

Die neuen Synagogen, die in Mainz und anderen deutschen Städten eröffnet werden, sind ein kraftvolles Zeichen für unser Land. Sie zeigen, dass jüdisches Leben, das Deutschland Jahrhunderte lang mitgeprägt hat, wieder erblüht und unsere jüdischen Mitbürger Vertrauen in unser Land haben. Auch die Neugier und das Interesse von Juden und Christen aneinander wachsen. Der Neubau von Synagogen wie in Mainz macht jüdisches Leben stärker sichtbar und regt an, sich noch besser kennenzulernen.

Im Jahr 1938, in der so genannten Reichs-Pogromnacht, wurde auch die Mainzer Synagoge zerstört. Der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, sagte, es gehe nicht um eine kollektive Schuld der Deutschen, wohl aber um eine kollektive Scham im Angesicht von sechs Millionen ermordeter Juden in der Nazi-Zeit. Welches sollte nach Ihrer Auffassung die innere Haltung der Deutschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein, wenn es um die dunkelsten Stunden der deutschen Vergangenheit geht?

Wir haben alle eine fortwährende Verantwortung für unsere jüdischen Mitbürger und Israel. Ich rate jedem, auch der jüngeren Generation, sich mit der Verfolgung und Ermordung der Juden auseinanderzusetzen. Diese Barbarei kann uns auch heute nur mit Entsetzen erfüllen. Die Lehren, die wir aus dieser Unmenschlichkeit als Gemeinschaft gezogen haben, sind Teil unseres Selbstverständnisses und müssen es auch in Zukunft sein. Wir haben eine besondere Verantwortung für die Zukunft, die uns Deutschen aus unserer Vergangenheit, aus unserer Geschichte, erwachsen ist. Respekt, Zivilcourage und richtig verstandene Toleranz müssen elementare Bausteine sein, dieser Verantwortung umfassend gerecht zu werden.

In Deutschland leben viele Ethnien, Nationalitäten, Religionen zusammen. Wie ist es nach Ihrer Auffassung um die Integrationswilligkeit der ausländischen Mitbürger bestellt, und wie um die Bereitschaft der Deutschen, ihnen mit Toleranz und Offenheit zu begegnen?

Wir sollten beides, den Integrationswillen zugewanderter Menschen genauso wie die Offenheit der Deutschen für neue Mitbürger, nicht unterschätzen, sondern positiv würdigen. Die Mehrzahl neu angekommener Bürger nimmt erfolgreich an Integrationskursen teil. Wie wichtig die Kenntnis der deutschen Sprache ist, wissen die meisten Zuwanderer sehr genau. Zugleich steigt unter den Deutschen der Anteil derjenigen mit Migrationshintergrund stetig an. Die Vielfalt in unserer Gesellschaft wächst also, auch im Zuge des demographischen Wandels. Eine Trennung unserer Gesellschaft in Deutsche und Ausländer wird deshalb der Realität immer weniger gerecht. Der Begriff Integration muss deshalb weiter gefasst werden: Die Bildung, der Zugang zum Arbeitsmarkt und ein stärkerer Dialog aller gesellschaftlichen Gruppen sind die Schlüsselfragen. Hier müssen wir klare Forderungen an Zuwanderer formulieren und das schützen, was uns im Innersten zusammenhält: Die Grundwerte unserer Verfassung, die niemand in Frage stellen darf.

In weiten Teilen der Gesellschaft kursiert das Wort von der "Überfremdung" Deutschlands, wobei sich der Blick derer, die diesen Begriff benutzen, sehr oft auf Muslime richtet. Die Frage, ob muslimischen Lehrerinnen in deutschen Schulen das Kopftuch-Tragen verboten werden solle, hat die Gemüter lange bewegt. Nicht selten äußern Bürger auch die Befürchtung, dass von radikalisierten Muslimen eine erhöhte Sicherheitsgefahr ausgehe. Ist das Verhältnis zwischen Muslimen und Deutschen in Deutschland ein problematisches - wenn ja: wie kann es verbessert werden?

Verallgemeinerungen, die auf kulturelle, religiöse oder ethnische Gruppen abzielen sind nicht förderlich. Im Gegenteil: Sie richten sogar großen Schaden an. Es wäre besser, sich zunächst einmal darum zu bemühen, sich näher kennenzulernen und mehr über den anderen wissen zu wollen. Die große Vielfalt unter den muslimischen Mitbürgern spielt in vielen Diskussionen beispielsweise überhaupt keine Rolle, was ich sehr bedauere. Konzentrieren wir uns auf die Themen, die ein gedeihliches Zusammenleben fördern. Arbeiten wir daran, versäumte Anstrengungen bei der Integration von Zuwanderern nachzuholen. Gemeinsam mit den bei uns friedlich lebenden Muslimen müssen wir uns klar abgrenzen von denen, die den Koran für politische Zwecke zu missbrauchen versuchen. Das Verhältnis zueinander ist immer dort schwierig, wo man sich nicht kennt und stattdessen Vorurteile pflegt. Es ist deshalb die große Herausforderung unserer pluralen demokratischen Gesellschaft, den friedlichen Ausgleich unterschiedlicher Interessen zu verwirklichen. Dies gilt für das Gespräch zwischen Gläubigen genauso wie für den öffentlichen Dialog, zu dem alle gesellschaftlichen Gruppen eingeladen sind.