Navigation und Service

Bundespräsident Christian Wulff hat der Thüringischen Landeszeitung ein Interview gegeben

Bundespräsident Christian Wulff beim Interview 15. September 2010 Foto: TLZ © Foto: TLZ

Herr Bundespräsident, Sie loben die Entwicklung Thüringens als Erfolgsgeschichte. Beziehen Sie das auf die gesamte Deutsche Einheit oder sehen auch noch Defizite?

Ich sehe vor allem, dass häufiger über Unvollkommenheiten und Probleme berichtet wird als über die so eindrucksvolle positive Entwicklung. Wenn man die Bewältigung des Strukturwandels sieht, wie die Menschen Veränderungen angenommen und zum Teil auch ertragen haben, dann war das mit ganz viel Härten und zum Teil auch Ängsten verbunden. Aber unter dem Strich haben mir die meisten Bürgerinnen und Bürger gesagt, dass sie sich einfach freuen und ein wenig die Euphorie von 1989/90 - jetzt 20 Jahre später - zurückwünschen. Das Land ist strukturell extrem gut aufgestellt, mit einem guten Bildungswesen, mit Forschung, der Sanierung von Gebäuden und der Verbesserung der Infrastruktur.

Und die Defizite?

Die jetzt noch vorhandenen Ungleichheiten im Gehalts- und Rentenniveau werden in den nächsten Jahren ausgeglichen. Und man wird weiter den neuen Ländern helfen, weil sie immer noch bestimmte strukturelle Nachteile haben, zum Beispiel weniger Konzernsitze als die westlichen Bundesländer.

Erkennt man im Westen möglicherweise die Leistung der Menschen im Osten seit der Wende zu wenig an?

Alle Menschen hier hätten viel mehr Anerkennung für ihren Mut 1989 und die enorme Aufbauleistung verdient. Diese Unbeschwertheit von damals, dieses Aufeinanderzugehen, dieses gegenseitige Interesse, das vermissen einige.
Ganz viele haben mir aber auch gesagt: Hört auf mit dem Gerede von Ost und West. 20 Jahre danach wollen wir jetzt endlich als Deutsche in Deutschland wahrgenommen werden.

Viele Menschen sind politikverdrossen. Weil in ihren Augen Politiker oft erst nach Wahlen, die Wahrheit über das Ausmaß von sozialen Kürzungen sagen. Müssen Politiker ehrlicher sein?

Wir alle müssen vor allem mehr erklären, welche großen Herausforderungen auf uns zukommen.
In einer Gesellschaft, in der die Menschen älter und zu wenige Kinder geboren werden, in der die Kosten im Gesundheitswesen steigen und der Konkurrenzdruck durch die Globalisierung größer wird. Diese komplizierten Veränderungen müssen wir erklären, um die Menschen mitzunehmen. Das zeigen auch Volksinitiativen und Proteste in verschiedenen Bundesländern.

Begrüßen Sie dieses verstärkte Einmischen der Bürger?

Die Demokratie ist darauf angewiesen, dass es möglichst viele Demokraten gibt, die ihre Meinung mit einbringen, die um den besten Weg ringen. Aber es braucht auch immer die Gemeinwohlorientierung des Ganzen, damit am Ende nicht Einzelinteressen dominieren.

Ihnen sind sehr viele Wünsche und Visionen aus ganz Deutschland im Rahmen der "Tafel der Demokratie" übermittelt worden. Was passiert damit? Lesen Sie die alle?

Da sich unheimlich viele Bürger an den Bundespräsidenten wenden, führen wir präzise Statistiken, zu welchen Themen, welche Anliegen vorgebracht werden. Die werden mehrfach im Jahr der Bundesregierung zur Verfügung gestellt. Diese Anliegen dominieren auch die Gespräche mit der Bundeskanzlerin und den Bundesministern. Damit ist der Bundespräsident Sprachrohr der Bürger. Nahezu jeden der etwa 50 000 jährlichen Briefe beantworten wir. Ganz dominant ist dabei die Sorge, dass es nicht gerecht zugeht in unserem Land. Dass die Lasten nicht gleichmäßig nach der jeweiligen Leistungsfähigkeit verteilt sind. Viele Menschen haben Probleme, zu wenig netto vom brutto, zu wenig Möglichkeiten die Bildung der Kinder zu finanzieren. Viele Schreiben ranken sich auch um das Thema Kinder- und Altersarmut.

Manche Bürger sagen, sie hätten sich gewünscht, Sie wären in der aktiven Politik geblieben. Die Menschen befürchten offensichtlich, dass Sie sich als Bundespräsident nicht mehr so einmischen können und werden. Wollen Sie trotz allem ein unbequemer Bundespräsident sein?

Ich erlebe in den vergangenen Wochen, dass das Ermutigen von Menschen allseits positiv ankommt. Mir geht es darum, Brücken zu bauen und möglichst viele Menschen dafür zu gewinnen, sich auch in den Parteien und anderswo zu engagieren. Die positive Entwicklung in Thüringen, mit der höchsten Wachstumsrate aller Bundesländer und der niedrigsten Arbeitslosigkeit aller neuen Bundesländer, ist nicht zuletzt auch den Entscheidungen der verschiedenen Fraktionen im Landtag zu verdanken.

Eine TLZ-Leserin hat uns geschrieben, Sie sollten bei Ihren Entscheidungen ruhig öfter mal auf Ihre Frau hören. Werden Sie das beherzigen?

Ein kluger Rat. Wie ich überhaupt der Meinung bin, nicht immer schon alles zu wissen - und dann auch noch besser als andere. Deshalb höre ich nicht nur allen möglichen Experten interessiert zu, sondern z. B. ebenso meiner 16jährigen Tochter oder auch meinem Fahrer. Das hilft, nicht abzuheben. Ich bleibe so viel näher an dem Empfinden der Bürger dran, als ohne diese Gespräche.

40 TLZ-Leser haben Ihnen bereits bei der "Tafel der Demokratie" in Berlin Ihre Wünsche mitgeteilt. Bei uns sind aber Hunderte weitere Zuschriften eingegangen. Als Geschenk haben wir Ihnen deshalb die TLZ-Seiten mitgebracht, auf denen wir die übrigen Wünsche dokumentiert haben.

(Der Bundespräsident nimmt die TLZ-Titelseite vom 21. August 2010, betrachtet aber nicht als Erstes die Leserwünsche, sondern ein Foto, das eine Giraffe in einem niedersächsischen Safaripark zeigt) Diese Seite eins ist für mich wichtig und lustig zugleich. Der Eigentümer dieses Serengeti-Parks in Hodenhagen ist der Patenonkel unseres kleinen Sohnes. Eine der Giraffen ist von meiner Frau getauft und heißt Bettina.