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Bundespräsident Wulff hat der Zeitschrift Superillu ein Interview gegeben

Bundespräsident Christian Wulff beim Interview in seinem Amtszimmer 23. September 2010 Foto: Zeitschrift Superillu © Foto: Zeitschrift Superillu

Sie sind nun bald drei Monate im Amt. Haben Sie sich schon an die Anrede »Herr Bundespräsident« gewöhnt, oder zucken Sie innerlich zusammen, weil Sie denken, es sei ein anderer gemeint?

Offen gesagt: Die ersten zwei Wochen war es irritierend. Da musste ich mich manchmal kneifen und fragen: Ist das alles wahr? Zumal ich noch fünf Wochen vor meiner Wahl keinen Gedanken daran verschwendet hatte. Aber inzwischen hatte ich so viele intensive Gespräche mit Staatspräsidenten, Ministern und Botschaftern, dass hinsichtlich der Anrede Normalität eingekehrt ist (lächelt).

Für Ihre Frau Bettina, die eben noch Pressereferentin bei einem Unternehmen in Großburgwedel war und jetzt »First Lady« Deutschlands ist, muss die Veränderung ja noch viel rasanter sein. Wie kommt Ihre Frau damit klar? Wie sorgen Sie gemeinsam dafür, Ihren beiden Kindern ein möglichst normales Familienleben zu bieten?

Die Veränderungen sind für meine Frau viel größer als für mich. Ich habe ein politisches Amt gegen das andere gewechselt. Aber meine Frau musste ihren Beruf, den sie mit Freude ausgeübt hat, aufgeben, um als Frau des Staatsoberhaupts ihre Pflichten zu erfüllen. Auch das ist ein Arbeitspensum, das mehrere Tage in der Woche ausfüllt und von der Belastung durchaus einer Berufstätigkeit gleichkommt. Daneben die Kinder und das Pendeln zwischen Berlin und Hannover - das ist nicht leicht. Ich bewundere, wie meine Frau diese Herausforderungen mit Hingabe und Freude anpackt. Derzeit sehe ich meine Kinder nur am Wochenende; das ist bitter. Ich bin froh, wenn wir im Dezember nach Berlin umziehen und die Familie wieder täglich zusammen ist.

Das sind Belastungen, von denen viele Mütter in Deutschland ein Lied singen können...

Daher sind wir froh, dass unsere Kinder auch in der Schule, im Hort und in der Kinderkrippe gut betreut werden. Und natürlich achten wir darauf, dass wir die Stunden, die wir mit unseren Kindern zusammen verbringen können, sehr bewusst erleben.

Da ergeben sich gewiss Anknüpfungspunkte für das karitative Engagement, das von einer First Lady erwartet wird. Wo wird sich Ihre Frau engagieren?

Meine Frau hat die Schirmherrschaft für das Müttergenesungswerk aktiv aufgenommen, sie wird sich auch als Schirmherrin des Kinderhilfswerkes Unicef engagieren. Und sie möchte die Stiftung »Eine Chance für Kinder«, der sie schon bisher als Schirmherrin verbunden war, bundesweit stärker bekannt machen. Diese Stiftung fördert den Einsatz von Familienhebammen, um Kindern in schwierigen sozialen Verhältnissen von Geburt an zu helfen.

Sie haben schon kurz vor Ihrer Wahl eine Grundsatzrede zum Stand der Deutschen Einheit angekündigt, die Sie am 3. Oktober, dem 20. Jahrestag der Wiedervereinigung, halten wollen. Was wird Ihre Kernbotschaft sein?

Ohne der Rede vorgreifen zu wollen: Meine Begegnungen mit Bürgern in Sachsen und Thüringen haben mich darin bestärkt, dass wir vor allem über die Zukunft Deutschlands reden sollten, statt vornehmlich zurückzublicken, dass viele Menschen die Unterteilung in Ost und West für überholt halten. Natürlich können wir uns freuen über den Mut der Ostdeutschen, mit dem sie 1989 die Freiheit herbeigeführt haben. Natürlich müssen wir die großartigen Aufbau- und Modernisierungserfolge in den ostdeutschen Bundesländern würdigen, die wir einer weltweit einmaligen Solidaritätsleistung sowie der Veränderungsbereitschaft und Tatkraft der Ostdeutschen zu verdanken haben. Aber jetzt ist es an der Zeit, in Deutschland eine gemeinsame Zukunft zwischen Alt und Jung, zwischen Ost und West, zwischen Zugewanderten und Alteingesessenen anzugehen, die Trennungen in den Köpfen zu überwinden.

Welche Eindrücke haben Sie sonst noch bei Ihrem Besuch in Thüringen gewonnen?

Ich habe ein sehr modernes Land mit sehr aktiven Bürgern, mit hervorragenden Verkehrswegen, wunderbar sanierten Gebäuden und einer innovativen, mittelständisch geprägten Wirtschaft kennengelernt, die zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen hat. Die Umwelt ist sauber, die Erholungsqualität hoch. Aus vielen Gesprächen mit Bürgern habe ich aber auch erfahren, dass manche Erwartungen überzogen waren, dass manche Probleme unterschätzt wurden, dass manche Anstrengungen noch nicht ausreichend gewürdigt werden. Aber die größte Sorge der Menschen hängt mit einer eigentlich erfreulichen Tatsache zusammen: Viele junge Leute sind so gut ausgebildet, mehrsprachig, mobil und motiviert, dass sie zum Studieren oder zum Arbeiten das Land verlassen. Das hängt sicherlich auch mit den vergleichsweise niedrigen Löhnen und der höheren Arbeitslosigkeit zusammen. Der größte Wunsch gerade der Älteren lautet jedenfalls: Die jungen Leute sollen über kurz oder lang wieder zurückkommen und hier ihre Familien gründen.

Als Ministerpräsident Niedersachsens hatten Sie vor allem die Interessen Ihres Bundeslandes zu vertreten. Aus dieser Zeit gibt es von Ihnen auch kritische Äußerungen zur öffentlich geförderten Abwanderung von Firmen Richtung Osten. Gibt es Dinge, die Sie heute in Bezug auf Ostdeutschland anders sehen?

Mein Blick auf Ostdeutschland hat sich nicht geändert. Selbstverständlich stehe ich weiter zu meiner Überzeugung, dass man Förderprogramme zukünftig nicht nach Himmelsrichtung, sondern nach den Bedürfnissen der jeweiligen Region ausrichten sollte. Ansonsten kann ich Ihnen versichern: Ich habe immer mit großer Bewunderung auf positive Bildungsansätze in Ostdeutschland geschaut und dies auch immer offen gesagt. Deshalb hatte ich ja auch im Frühjahr diesen Jahres mit Johanna Wanka eine gebürtige Sächsin als Wissenschaftsministerin ins niedersächsische Kabinett berufen, die in Brandenburg hervorragende Arbeit geleistet hat. Deshalb hatte ich in Niedersachsen auch die Schulzeit bis zum Abitur nach ostdeutschem Vorbild von 13 auf zwölf Jahre verkürzt.

Im Zusammenhang mit der Einheit ist immer wieder von der Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West die Rede. Ein Ziel, dem wir uns weiter verpflichtet fühlen sollten? Oder müssen wir uns einfach mit einem Wohlstandsgefälle in Deutschland abfinden?

Dass wir bei Löhnen und Renten irgendwann nicht mehr nach Ost und West unterscheiden, ist zu wünschen. Und selbstverständlich muß es auch in Zukunft so sein, dass über Finanzausgleichssysteme wirtschaftlich stärkere Regionen den wirtschaftlich schwächeren Regionen helfen. Das ist ein Grundsatz, der sich aus unserer Verfassung ergibt. Was mir besonders am Herzen liegt, sind gleiche Chancen in allen Teilen Deutschlands auf Bildung, auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und auf beruflichen Erfolg. Ein Schlüssel zur Zukunft liegt dabei in den hervorragenden Hochschulen in den ostdeutschen Ländern. Wenn in westdeutschen Ländern zwei Abiturjahrgänge wegen der Verkürzung der Schulzeit gleichzeitig die Schule abschließen, ist das eine hervorragende Chance für die neuen Länder, einen Teil dieser Schulabgänger als Studenten zu gewinnen - in der Hoffnung, dass diese später auch als Arbeitnehmer oder als Jungunternehmer bleiben. Sehr vielversprechend sind auch die Bemühungen der ostdeutschen Bundesländer, jungen Leuten, die bereits in den Westen abgewandert sind, eine Rückkehr-Perspektive zu eröffnen.

Aber entscheidend ist doch für viele Menschen, was sie am Ende verdienen können. Und da hinken, gerade auch im produzierenden Gewerbe, die Ost-Löhne noch deutlich hinterher...

Nicht umsonst ist die Frage der Lohnangleichung ein schwieriges Thema, das besonders kontrovers diskutiert wird. Einerseits wären gleiche Löhne unter verschiedenen Gesichtspunkten zu begrüßen. Andererseits ginge es sicherlich zu Lasten der Konkurrenzfähigkeit vieler ostdeutscher Betriebe und damit der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt, wenn diese Angleichung zu schnell käme oder von oben diktiert würde. Die Tatsache, dass Thüringen das größte Wachstum aller 16 Bundesländer seit 1991 hatte und damit auch am schnellsten aufgeholt hat, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Löhne dort niedriger sind als in Hessen oder Bayern. Für mich ergibt sich daraus: Man kann nicht alles zugleich haben - die gute wirtschaftliche Entwicklung und die schnelle Lohnanpassung.

Die Tür öffnet sich, Bettina Wulff tritt ein, will sich von ihrem Mann verabschieden, weil sie gleich mit dem Zug nach Hannover reisen wird. Spontan erklärt Sie sich bereit, SUPERillu ein paar Fragen zu beantworten.

Frau Wulff, wir hatten anfangs Ihren Mann gefragt, ob er sich schon an die Anrede "Herr Bundespräsident" gewöhnt hat. Wie spricht man Sie denn jetzt korrekt an?

Bettina Wulff: Protokollarisch wird vertreten "verehrte gnädige Frau" - aber bleiben Sie um Gottes Willen bitte bei "Frau Wulff" (lacht).

Zucken Sie manchmal noch zusammen, wenn man Sie "First Lady" nennt?

Bettina Wulff: Ich zucke nicht zusammen, aber der Begriff gefällt mir nicht besonders. Dass ich meinen Mann in seinem Amt gerne unterstütze, steht auf einem anderen Blatt.

Haben Sie beide gemeinsam über die Kandidatur beraten?

Christian Wulff: Klar, ich musste mir ja die Genehmigung einholen (schmunzelt). Eine derartige Entscheidung trifft man gemeinsam. Von Dienstagabend, 23.35 Uhr, bis Mittwochmorgen, 11.55 Uhr, haben wir die Sache erwogen und diskutiert - und mittags um 12 Uhr entschieden.

Freuen Sie sich schon auf den Umzug nach Berlin, Frau Wulff?

Bettina Wulff: Ich freue mich auf diese spannende Stadt. Vor allem aber freue ich mich darauf, dass die Vereinbarkeit von Familie und meiner Aufgabe als Frau des Bundespräsidenten extrem vereinfacht wird, wenn wir wieder alle an einem Ort vereint sind.

Welche Rolle spielen die Kategorien Ost und West für Sie persönlich, Frau Wulff?

Für mich wie für viele Menschen in meinem Alter spielt der Ost-West-Unterschied keine große Rolle mehr. Da geht es eher um einzelne Bundesländer. Und da fällt mir auf, wo ich unbedingt überall noch mal hin muss...

Zum Beispiel?

Bettina Wulff: ... z. B. nach Thüringen, nachdem ich jetzt bei der Reise des Bundespräsidenten dorthin aus familiären Gründen leider verhindert war.

Christian Wulff: Wir werden im Dezember unsere Weihnachtseinkäufe in Erfurt erledigen, das ist schon beschlossene Sache. Nicht dass andere Städte keine schönen Weihnachtsmärkte hätten... Aber in Erfurt kann ich Linus und Leander zeigen, dass ich als Vater auch von Dingen Ahnung habe, auf die es wirklich ankommt (lacht): Wir können dort »Bernd das Brot« besuchen und das Sandmännchen, die beide dank »Kika« in Erfurt zu Hause sind.

Wie lösen Sie den Konflikt zwischen den Aufgaben als Präsidentengattin und Mutter, Frau Wulff?

Bettina Wulff: Das ist ja nicht allein mein Problem. Millionen berufstätiger Mütter stehen vor der Aufgabe, das Alltagsleben so zu organisieren, dass beides möglich ist, dass man guten Gewissens zu Hause weggehen und sich seinen Aufgaben widmen kann.

Und wenn ein Kind krank wird?

Bettina Wulff: In dem Moment sind für mich die Prioritäten eindeutig: Da geht die Familie vor.

Christian Wulff: ... besonders, wenn der Mann in dem Moment nicht einspringen kann. Solche Konflikte gehen auch am Präsidentenehepaar nicht vorbei.

Bettina Wulff verabschiedet sich nun von Ihrem Mann, für SUPERillu bleibt noch Zeit für einige Fragen an den Bundespräsidenten.

Nach 20 Jahren Einheit: Was halten Sie von dem Begriff "neue Länder"?

Auch wenn es sich so eingebürgert hat: Für mein Empfinden ist das ein falscher Begriff - schon allein, weil ein Land wie Thüringen schon 90 Jahre alt ist, während Niedersachsen es erst auf gut 60 Jahre bringt. Ich hoffe, dass wir diese begriffliche Unterscheidung in "alte" und "neue" Bundesländer bald überwinden können, stattdessen von 16 Bundesländern sprechen und diese beim Namen nennen. In den Fällen, in denen es unumgänglich ist, das Gebiet der ehemaligen DDR spezifisch zu benennen, würde ich lieber von den ostdeutschen Ländern reden.

Matthias Platzeck hat mit seiner Charakterisierung der Wiedervereinigung als "Anschluss" der DDR an die Bundesrepublik viel Wirbel ausgelöst. Wie sehen Sie das?

Ich will nicht interpretieren, was mein früherer Kollege Platzeck damit gemeint haben könnte. Das ist Tagespolitik. Als Bundespräsident meine ich aber den Hinweis geben zu müssen, dass der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes mit überwältigender Mehrheit in der ersten frei, geheim und gleich gewählten Volkskammer der DDR entschieden wurde. Dies entsprach auch dem dringenden Wunsch der meisten Bürger. Zusammenfassend gesagt: Es war damals eine richtige Entscheidung, und sie bleibt es aus heutiger Sicht erst recht.

»Unrechtsstaat DDR« - noch so ein Begriff, der für Kontroversen sorgt. Ihre Meinung dazu?

Ich sehe es ähnlich wie der große Sozialdemokrat Richard Schröder: Unabhängig von Begrifflichkeiten war die DDR ein Staat, in dem es keine Meinungsfreiheit, keine Gewissensfreiheit, keine Wahlfreiheit und keinen Minderheitenschutz gab. Die DDR war kein demokratisches Gemeinwesen, sondern eine Diktatur. Und deshalb haben sich die Menschen auch aufgelehnt und diese Diktatur - eindrucksvoll und zum Glück ohne Blutvergießen abgeschafft. Das nötigt mir größten Respekt ab, weil ich dieses Unterdrückungssystem bei zahlreichen Besuchen kennengelernt habe.

Wo und wie haben Sie die DDR erlebt, als sie noch existierte?

Bei mindestens 20 Reisen z. B. in die Osnabrücker Partnerstadt Greifswald im Laufe der 80-er Jahre. Das waren intensive Begegnungen, bei denen ich auch echte Freundschaften schließen konnte. Ich habe dort Menschen erlebt, die sich im Privaten einen Gegenentwurf zu diesem Staat geschaffen hatten, da dieser nun mal nicht veränderbar zu sein schien: durch engen Zusammenhalt mit Freunden und Familie, durch Solidarität und Warmherzigkeit.

Die Stasi hat Sie sicherlich überwacht...

Ja, auf Schritt und Tritt. Aber was mich gefreut hat: Im engsten Kreis derjenigen, die mir am Herz lagen, denen ich vertraut habe, war kein Stasi-IM.

Letztes Thema: Wann nehmen Ostdeutsche im vereinten Deutschland ganz selbstverständlich Top-Positionen im öffentlichen Leben ein?

Das tun sie doch schon! Bei internationalen Sportwettkämpfen sähe die Bundesrepublik doch alt aus, wenn es nicht die hervorragenden Athleten aus Ostdeutschland gäbe. Wir haben hier oft ein Wahrnehmungsproblem: Von Ostdeutschland wird gerne im Zusammenhang mit Problemen geredet, während die Erfolge ganz selbstverständlich aufs gesamtdeutsche Konto verbucht werden. Ich gebe zu: Im Management der großen Konzerne sind Ostdeutsche eher noch die Ausnahme. Aber wenn ich mir die hervorragende Ausbildung der jungen Menschen gerade auch im mathematisch-naturwissenschaftlich-technischem Bereich ansehe, bin ich überzeugt: In den nächsten Jahren werden wir erleben, dass viele Ostdeutsche auch hier den Sprung in die erste Reihe machen werden. Viele Ostdeutsche, denen ich in letzter Zeit begegnet bin, haben mir gesagt: "Herr Wulff, wir möchten ein bisschen wieder die Euphorie und den Optimismus von ?89 zurückhaben, wir haben keine Lust auf Wehklagen." Das stimmt auch mich sehr zuversichtlich.