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Bundespräsident Christian Wulff zu Antrittsbesuch in Sachsen-Anhalt - während seines Besuchs hat der Bundespräsident der Mitteldeutschen Zeitung ein Interview gegeben

Bundespräsident Christian Wulff gibt der Mitteldeutschen Zeitung ein Interview Magdeburg, 28. Oktober 2010 Foto: Jesco Denzel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Jesco Denzel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Sie haben den Sachsen-Anhaltern zum 20. Geburtstag gratuliert, etliche davon fühlen sich noch immer als Menschen zweite Klasse. Was sagen Sie denen, wie es um die Deutsche Einheit steht?

Erst einmal muss man sich über das Erreichte freuen. Auch wenn es noch einige Anpassungsprozesse gibt, können Sie alle stolz sein: Sachsen-Anhalt hat eine große Geschichte und ist gut für die Zukunft gerüstet. Der Mittelstand ist gut aufgestellt, es gibt Firmen in der Energie- und Windkraft, in der Lebensmittelwirtschaft und vieles mehr, zudem hat das Land eine gute Infrastruktur. Alles zusammen genommen können Sie mit sehr viel Mut in die Zukunft gehen.

Trotzdem ist das Land im Vergleich zu anderen Bundesländern wirtschaftlich noch schwach...

Ein objektives Problem ist, dass es weniger Konzerne- und Unternehmenssitze als in anderen Ländern gibt. Es hat sich eben noch nicht überall herumgesprochen, wie stark sich die Wirtschaft hier entfaltet hat. Die Arbeitslosenquote betrug vor fünf Jahren 20 Prozent, sie geht jetzt auf unter zehn Prozent zurück. Es lohnt sich für junge Leute, die sich anderswo in der Welt weitergebildet haben, durchaus hier eine Zukunft zu sehen.

Vor Jahren haben diese jungen Leute das Land verlassen, wie kann man sie zurückholen?

Das Land muss seine Vorzüge herausstreichen. Dazu gehört eine sehr gute Kinderbetreuung, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert, aber auch das Bildungssystem. Sachsen-Anhalt schneidet bei Pisa immer besser ab. Und viele finden hier Baugrund für ein eigenes Zuhause. Das sind nur einige Gründe, um nach Sachsen-Anhalt zurückzukommen.

Vor 20 Jahren sind viele Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt gekommen, um beim Aufbau der politischen und Verwaltungsstrukturen zu helfen. Haben Sie auch mal überlegt, hierher zu kommen?

Ich bin damals viel hier gewesen und habe mir auch von damaligen Kollegen ausführlich von ihren Erfahrungen berichten lassen. Einer meiner Ausbilder hat hier am Gericht Karriere gemacht. Er hat damals zu mir gesagt: Ich gehe jetzt nach Sachsen-Anhalt, da kann ich helfen, etwas aufzubauen, etwas Neues zu gestalten. Auch seine Frau hat schnell beruflich Fuß gefasst. Das ist ein Beispiel von vielen, das zeigt, dass viele hier nicht nur ihr berufliches Glück gefunden, sondern auch privat Wurzeln geschlagen haben.

Sie sagen von sich, Sachsen-Anhalt ist Ihnen vertraut, wie vertraut?

Ich war bestimmt 50 oder 60 Mal in Sachsen-Anhalt. Ich war hier in Klöstern, in Kirchen, in Museen, natürlich viel in Wernigerode, Quedlinburg, aber auch viel in Halle und Magdeburg und das immer mit großer Neugier und großem Interesse.

Und was halten Sie von den Sachsen-Anhaltern?

Die Sachsen-Anhalter sind nicht nur wie in ihrer Werbung ausgeschlafene Leute. Sie stehen früher auf als andere, sind wach und nehmen die Dinge entschlossen in die Hand. Als Niedersachse habe ich immer wieder gespürt, wie Wernigerode und Quedlinburg dem vermeintlichen Westharz ganz stark Konkurrenz gemacht haben. Mir war es immer wichtig, die Schönheiten des ganzen Harzes zu betonen. Das war mir immer ein Herzensanliegen. Und ich habe immer wieder gespürt, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt auch ein großes Herz für die Schönheiten ihres Landes hatten und haben.