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Bundespräsident Christian Wulff hat der Zeitschrift Dein Spiegel ein Interview gegeben

Bundespräsident Christian Wulff mit den beiden Kinderreportern im Park von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 16. November 2010 Foto: Benno Kraehahn, Dein Spiegel © Foto: Benno Kraehahn, Dein Spiegel

Herr Bundespräsident, Sie wohnen jetzt in einem Schloss. Haben Sie sich schon eingelebt?

Im Moment arbeite ich hier und übernachte vorübergehend hier. Ich fiebere dem Tag entgegen, an dem meine Familie nach Berlin zieht. Meine Frau und die Kinder wohnen noch in Hannover. Bis vor kurzem war ich ja dort Ministerpräsident von Niedersachsen. Im Dezember werden wir dann in Berlin alle in ein Haus mit einem kleinen Garten einziehen, das gerade renoviert wird. Denn in einem so großen Gebäude wie dem Schloss Bellevue kann man sich nicht so heimisch fühlen wie in einer Wohnung.

Wie viele Zimmer gibt es denn hier?

Es sind so um die 50. Es gibt kleinere Besprechungsräume, große Säle für Empfänge, Gäste- und Arbeitszimmer. Ich habe die aber noch gar nicht alle gesehen. Jeden Tag entdecke ich hier etwas Neues.

Wozu gibt es das Amt des Bundespräsidenten überhaupt? Wir haben doch eigentlich eine Kanzlerin als Chefin.

Der Bundespräsident kümmert sich vor allem um die Kontakte ins Ausland, zu ausländischen Präsidenten und Königshäusern. Als Staatsoberhaupt vertritt er Deutschland in der Welt. In Deutschland selbst soll er über den Parteien stehen und für alle Menschen ansprechbar sein. Das ist der Gedanke des Grundgesetzes.

Heißt das, dass Sie jeder Bürger anrufen kann?

Nein, das nicht. Aber es kann sich jeder an mich wenden. Das Bundespräsidialamt bekommt im Jahr über 50.000 Briefe von den Bürgern. Jeder einzelne Brief wird beantwortet und wenn uns beispielsweise eine Mutter von sieben Kindern schreibt, dass sie gerade ihre Stelle verloren hat und ihr die Wohnung gekündigt wurde, dann kümmern sich meine Mitarbeiter darum und versuchen zu helfen.

Was genau sind Ihre Aufgaben?

Eigentlich habe ich ständig Besuch: Ich empfange Gäste aus dem Ausland, sehr oft sind das Politiker. Es kommen aber auch Schriftsteller oder Künstler. Ich begrüße Botschafter, die neu nach Deutschland kommen oder verabschiede sie wieder in ihre Heimat. Und ich ehre Menschen, zeichne sie aus mit einem Orden, dem Bundesverdienstkreuz. Das kann der Fußball-Bundestrainer Jogi Löw genauso sein wie eine Frau, die sich ehrenamtlich um kranke Kinder kümmert und ihnen beispielsweise vorliest.

Haben Sie eigentlich auch etwas zu sagen oder dürfen Sie immer nur Orden verteilen und schön Essen gehen?

Bestimmen kann der Bundespräsident ganz wenig. Die großen politischen Entscheidungen liegen beim Parlament, also der Vertretung aller Bürgerinnen und Bürger und bei der Regierung. Ich kann als Bundespräsident aber auf andere Art und Weise Einfluss nehmen. Ich treffe mich regelmäßig mit den Parteichefs, den Ministern oder der Bundeskanzlerin. Sie war gerade hier zum Mittagessen. Dann reden wir über unser Land oder über die Ängste der Menschen. Diese Gespräche sind sehr vertraulich. Dabei kann ich das eine oder andere Mal anstehende Entscheidungen möglicherweise mit beeinflussen.

Dann hatten Sie aber früher als Ministerpräsident mehr Macht, oder?

Ja. Wenn man unter Macht versteht, dass man bestimmen und entscheiden kann, dann habe ich heute als Bundespräsident keine Macht - dafür aber mehr Einfluss. Denn wenn der Bundespräsident etwas sagt, dann hören viele Leute genau zu und nehmen das auch Ernst.

Was muss man können, um Bundespräsident zu werden?

Gut zuhören und Menschen mögen. Außerdem muss man etwas von Gesetzen verstehen. Der Bundespräsident muss jedes neue Gesetz unterschreiben, erst dann tritt es in Kraft. Vorher muss er prüfen, ob die Gesetze ordnungsgemäß zustande gekommen sind. Ich habe Jura studiert, das ist für mich heute ein Vorteil.

Als Bundespräsident müssen Sie doch auch ständig Reden halten. Schreiben Sie die alle selbst?

Nein. Da helfen mir meine Mitarbeiter. Am Anfang sage ich, was mir wichtig ist, daraus entsteht dann ein erster Entwurf, den wir gemeinsam besprechen und ergänzen. Früher habe ich meine Reden oft meiner Tochter vorgetragen. Da war sie zehn, elf Jahre alt. Und alles, was ich ihr nicht erklären konnte, habe ich dann anders oder gar nicht gesagt. Denn was man seinen Kindern nicht erklären kann, verstehen alle anderen auch nicht.

Waren Sie vor Ihrer ersten großen Rede zum Tag der deutschen Einheit sehr aufgeregt?

Ich bin vor jeder Rede aufgeregt. Immer. Ich glaube, wenn man das nicht mehr ist, dann ist man nicht konzentriert genug.

Für die Rede sind Sie aber ganz schön beschimpft worden. Warum?

Ich habe gesagt, dass der Islam inzwischen auch zu Deutschland gehört. Manche Leute haben das dann hinterher anders ausgelegt. Sie haben verstanden, dass unser Leben geprägt sei vom Islam. Das habe ich aber nicht gesagt und auch nicht gemeint. In Deutschland leben fast vier Millionen Menschen, die Muslime sind. Es war mir wichtig, darauf hinzuweisen, dass sie dazu gehören und dass wir die Muslime nicht als Menschen zweiter Klasse behandeln dürfen.

Haben Sie hier im Schloss eigentlich Diener?

Ich bekomme sehr viel Unterstützung. Wir haben hier zum Beispiel einen Koch, der sich immer ganz besondere Gerichte für die unterschiedlichen Gäste überlegt. Dann habe ich einen Fahrer, der mich überall hin fährt. Und es gibt sogar jemanden, der mir dabei hilft, wenn ich etwas Besonderes anziehen muss. Da gibt es strenge Regeln. Wenn ich bei einer Königin eingeladen bin, dann muss ich einen Frack tragen, bei einem Essen mit Staatsmännern reicht ein Smoking. Wenn meine Frau und ich in der Türkei eine Moschee besuchen, dann sollte ihr Kopf bedeckt sein und der Rock lang. Andere Sitten und Gebräuche muss ein Präsidentenpaar achten. Wir freuen uns umgekehrt ja auch, wenn sich jemand auf unser Land einlässt.

Machen Ihnen die vielen Reisen alle Spaß?

Ja und Nein. Nicht so schön ist, dass ich meine Kinder dann nicht sehe. Spaß habe ich bei allen Reisen und Terminen, weil ich so viel Interessantes lerne. Ein Hirnforscher hat mir einmal erzählt, dass ein Zweijähriger jeden Tag etwa 50 Dinge zum ersten Mal macht. Und wenn man etwas zum ersten Mal macht, dann löst das Glücksgefühle aus. Wenn mein Sohn Linus also einen Wäschekorb umdreht, sich drauf stellt, den Wasserhahn aufdreht, einen Becher voll macht und danach wieder auskippt, dann hat er fünf neue Dinge gemacht. Und jubiliert vor Glück. Ein 50-jähriger wie ich hat nach Meinung des Hirnforschers nur einmal im Monat so ein Erlebnis, alles andere ist eher Routine. Das ist jetzt bei mir anders: Als Bundespräsident kann ich oft etwas zum ersten Mal machen. (lacht)

Sie sind der jüngste Bundespräsident, den es bisher gab. Sollte man für den Job nicht besser älter und weißhaarig sein, damit einem die Leute mehr glauben?

Natürlich habe ich noch nicht die Lebenserfahrung eines 60- oder 65-jährigen. Aber dafür erlebe ich viele Probleme in unserem Land hautnah in meiner Familie. Als Vater von einem Kind, das in eine Krippe geht, mit einem Kind, das in der Grundschule ist und einer Tochter auf dem G8-Gymnasium.

Sie können maximal für zehn Jahre Bundespräsident sein. Was kann danach noch kommen?

Meine Großmutter ist 102 Jahre alt geworden. Ich habe dann also hoffentlich noch etwas Zeit. Und möchte auf jeden Fall weiter arbeiten. Was, das wird sich ergeben.

Das Interview führten Maike, 12, und Zakariya, 11.