Navigation und Service

Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung anlässlich des Besuchs in Osnabrück

Bundespräsident Christian Wulff hat der Neuen Osnabrücker Zeitung ein Interview gegeben 17. März 2011 Bundespräsident Christian Wulff hat der Neuen Osnabrücker Zeitung ein Interview gegeben © Jesco Denzel


Herr Bundespräsident, fühlen Sie sich eigentlich noch als Osnabrücker?

Ja. Die Stadt Osnabrück ist und bleibt meine Heimatstadt. Hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich fast mein ganzes bisheriges Leben verbracht - und das außerordentlich gerne. Gerade meine Tochter Annalena führt mich auch heute noch regelmäßig nach Osnabrück.

Mit welchen Gefühlen kommen Sie zum ersten offiziellen Besuch?

Es ist ein ganz besonderes, ein schönes Gefühl. Ich bin vertraut mit meiner Heimat, den Freunden, dem Oberbürgermeister, dem Rat und natürlich den Bürgern der Stadt, die mich bei jeder meiner Landtagswahlen direkt als Abgeordneten gewählt haben. Die Stadt hat mich stark geprägt - von der Teilnahme beim Steckenpferdreiten mit neun Jahren bis zur Eröffnung der erweiterten Jüdischen Synagoge. Osnabrück hat sich erfolgreich als Friedensstadt profiliert.

Sie haben als Ministerpräsident maßgeblich daran mitgewirkt, dass Osnabrück eine Stadt des Autobaus bleibt, und sind bei der Betriebsversammlung der neuen VW-Belegschaft dabei. Ist der Standort langfristig gesichert?

Als Ministerpräsident hatte ich die Zukunft des Autobauers Karmann als größtes ungelöstes Problem der Landesregierung bezeichnet. Es hat mich viel Kraft und Einfallsreichtum gekostet, am Ende Osnabrück als Standort auch des Autobaus erfolgreich zu sichern. Der Standort Osnabrück hat enormes Potenzial. In Osnabrück wussten wir das immer, jetzt weiß es auch Volkswagen. Volkswagen Osnabrück ist nun Teil des großen Konzerns - von Volkswagen über Audi bis Porsche -, an dem die Stärken des Standortes zum Beispiel im Cabrio-Bau vorbildlich gezeigt und angewandt werden können.

Sie haben seit 2003 als einer der Ersten die möglichst frühe Bildung von Kindern zum Thema gemacht. Das erste Institut, das diese Entwicklung vorantreibt, steht in Osnabrück. Geschieht genug auf diesem Gebiet?

Im Rahmen der seit Langem absehbaren demografischen Entwicklung werden wir erfreulicherweise immer länger leben und immer mehr Ältere in unserer Gesellschaft haben, aber unerfreulicherweise immer weniger Jüngere. Auch aus diesem Grund müssen wir viel mehr für die Kleinsten tun und in sie investieren. Frühkindlicher Bildung kommt eine entscheidende Bedeutung zu - gerade auch wegen der Herausforderungen mit Zuwanderern und den Folgen zerbrechender Familienstrukturen. Ich bin heute noch stolz, dass wir 25 Millionen Euro für den Aufbau des niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) vorgesehen hatten. Ich kannte das Potenzial der Universität Osnabrück im Bereich der Sportwissenschaft und der Bewegung von Kindern, der Kleinkinderpsychologie und der Pädagogik. Jetzt scheint mir das niedersächsische Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung sehr gut für ein Netzwerk aller Erzieherinnen, Erzieher und Grundschulen geeignet zu sein.

Die Universität Osnabrück ist auch als Zentrum für Islamstudien beispielgebend. Müsste die Forschung auf diesem Gebiet bundesweit forciert werden, um den immer wieder aufflammenden Debatten um den Islam ein breiteres und sachliches Fundament zu geben?

Für den Frieden in der Welt ist das Miteinander der Kulturen, Sprachen, Herkünfte und Religionen von entscheidender Bedeutung. In Osnabrück gab es früh Bemühungen um die Ökumene angesichts des großen evangelischen wie katholischen Bevölkerungsanteils. Es gab früh ein Friedensgebet der Weltreligionen gemeinsam mit Juden und Muslimen. Die Toleranz und Offenheit unserer Gesellschaft erfordern im Gegenzug aber auch die Bereitschaft der Muslime, unsere Werte, unsere Ordnung anzuerkennen und zu verteidigen. Es braucht einen aufgeklärten Islam, der die Trennung von Kirche und Staat anerkennt. Dazu braucht es mehr Islamwissenschaft, in Deutschland ausgebildete Imame und islamische Religionslehrer. Ich fühle mich von den Islamwissenschaftlerinnen und Islamwissenschaftlern in Deutschland sehr gut beraten und wundere mich, wie wenig auf diese bis jetzt zurückgegriffen wurde. Andererseits nehme ich die Ängste vor islamischem Fundamentalismus und Terrorismus sehr ernst. Dazu müssen wir konsequent und abwehrbereit sein.