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Namensartikel in der Sonntagsausgabe der mexikanischen Tageszeitung "Reforma" anlässlich des Staatsbesuchs in Mexiko

Bundespräsident Christian Wulff in Mexiko Mexiko, 1. Mai 2011 © S. Kugler

Meine erste Reise als Bundespräsident nach Lateinamerika beginnt mit einem Staatsbesuch in Mexiko und erwidert einen Staatsbesuch von Präsident Calderón in Deutschland. Deutschland richtet sein Augenmerk verstärkt auf Lateinamerika. Mexiko - als langjähriger guter Freund und zuverlässiger Partner - hat dabei für Deutschland besondere Bedeutung.

Die Deutschen betrachten Mexiko mit großer Herzlichkeit und Sympathie. Unser hervorragendes bilaterales Verhältnis beruht auf dem Fundament gewachsener, enger Beziehungen sowie gemeinsamer Werte und Interessen. In der Welt verbindet uns das Anliegen einer fairen und vertrauensvollen internationalen Kooperation im Zeichen einer wertegebundenen Außenpolitik. Viele Herausforderungen von Klimaschutz bis Finanzordnung sind nur international oder gar nicht zu lösen.

Mexiko und Deutschland haben es verstanden, die Vorteile der Globalisierung für ihre bilaterale Zusammenarbeit erfolgreich zu nutzen. Wir sind uns dabei unserer politischen Verantwortung bewusst, globale Krisen und Zukunftsaufgaben gemeinsam zu bewältigen. Dies tun wir in internationalen Foren wie den Vereinten Nationen oder den G-20. Dabei finden sich Mexiko und Deutschland regelmäßig zu gemeinsamen Positionen zusammen: Das Handeln der mexikanischen und deutschen Bundesregierungen gegen ein Fortschreiten des Klimawandels hat inzwischen Tradition und ist eines von vielen  guten Beispielen für unseren Schulterschluss im Multilateralismus.

Als aktive Mitglieder der Vereinten Nationen und der G-20 beschäftigen uns auch andere globale Herausforderungen wie die Sicherung der Ernährung der Weltbevölkerung, der Ausbau erneuerbarer Energiequellen und die Krisenvorsorge für die internationalen Finanzmärkte. Darüber hinaus verbinden uns der Kampf gegen Armut und humanitäre Katastrophen sowie der Dialog zum weltweiten Schutz der Menschenrechte. Mexiko wird 2012 den Vorsitz der G-20 übernehmen - die Unterstützung Deutschlands bei dieser großen Aufgabe ist Ihrem Land sicher.

Auch bei der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität und des Drogenhandels tragen wir zusammen Verantwortung auf der Grundlage unserer gemeinsamen Werte. Zur Eindämmung der Macht der Kartelle gehören auch die Verringerung des Drogenkonsums und die Unterbindung ihrer Geldströme sowie ihrer Versorgung mit Waffen. Rechtsfreie Räume kann ein Rechtsstaat nicht dulden. Gleichzeitig müssen bei der Bekämpfung von Organisierter Kriminalität und Drogenhandel die Menschenrechte in vollem Umfang gewahrt werden.

Unsere beiden Länder haben seit langem ein besonderes, von Zuneigung geprägtes Verhältnis zueinander. Den Grundstein dafür legte Alexander von Humboldt, der  1803/04 für ein Jahr Mexiko besuchte und erforschte. Seine Reise war wissenschaftlich, aber auch politisch bedeutungsvoll. In seinen Tagebüchern notierte er, wie dringlich er es erachte, dass die Länder Lateinamerikas ihre Unabhängigkeit erlangen müssten. Viele andere Deutsche folgten ihm in den inzwischen vergangenen zwei Jahrhunderten und ließen sich in Mexiko nieder. Diese Menschen hatten ganz unterschiedliche Motive für ihre Auswanderung in ein für sie noch unbekanntes Land: Viele waren Handwerker oder Kaufleute, die sich mit ihren Fertigkeiten in den Aufbau ihrer neuen Heimat einbrachten.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts nahm Mexiko großzügig viele Deutsche auf, die vor dem nationalsozialistischen Unrecht flüchteten. Dafür ist Deutschland Mexiko auch heute noch dankbar.

Die Neuzeit unserer gemeinsamen Beziehungen ist durch eine besondere Vielfalt wirtschaftlicher und akademischer Beziehungen geprägt. Was 1954 in Xalostoc mit dem Bau des "Mexiko-Käfers" begann, hat sich zu einem dichten Netzwerk von über 1.000 deutschen Unternehmen entwickelt, die mit rund 130.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Mexiko produzieren und für die Mexiko inzwischen ein unverzichtbarer Standort geworden ist. Unsere wirtschaftliche Partnerschaft mit Mexiko ist zukunftsweisend und zukunftsfähig - und damit ein besonders erfolgreiches Beispiel globaler Zusammenarbeit.

Neben der industriellen Vernetzung schätzen wir in Deutschland besonders den akademischen Austausch: Es gibt über 150 Hochschulpartnerschaften und  zahlreiche  Initiativen, die Studierende und Dozenten in beiden Ländern ins Leben gerufen haben. Ich freue mich auf meine Begegnung mit Studentinnen und Studenten der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko und möchte an sie appellieren, dass wir noch mehr als bisher in Forschungs- und Ausbildungsprojekten zusammenarbeiten. Dabei sollten wir Ausbildung nicht nur auf akademischem Niveau, sondern auch in den technischen und handwerklichen Berufen fördern. Es geht darum, die junge Generation gut für ihre Aufgaben zu rüsten und ihr eine breitere berufliche Perspektive zu geben.  Ausbildung und kultureller Austausch beginnen im Kindesalter. Die Deutschen Auslandschulen in Mexiko leisten hierfür ganz wichtige Arbeit.

Unsere Zukunft hängt in starkem Maße davon ab, dass wir künftige Herausforderungen gemeinsam annehmen. Neben politischen Bekenntnissen kommt es dabei auf die gemeinsame Erarbeitung von Lösungsvorschlägen an. Dazu brauchen wir Bildung, Forschung und Wissenschaft und einen möglichst engen Austausch und Dialog beider Länder in diesen Bereichen.

Ich wünsche mir, dass mein Besuch den bestehenden wachen Geist der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Mexiko weiter befördern kann.