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Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA anlässlich des Besuchs von Papst Benedikt XVI.

Bundespräsident Christian Wulff beim Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA im Amtszimmer von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 20. September 2011 Bundespräsident Christian Wulff beim Interview mit der Katholischen Nachrichtenagentur KNA im Amtszimmer von Schloss Bellevue © KNA-Bild

"Deutschland als herzlicher Gastgeber"

Herr Bundespräsident, Sie haben den Papst auch schon einmal persönlich kennengelernt. Welchen Eindruck haben Sie von Benedikt XVI.?

Benedikt XVI. ist ein intellektueller Papst, ein großer Theologe. Ich habe ihn 2007 bei einer Privataudienz im Vatikan gesprochen. Ich war begeistert von seiner Herzlichkeit. Er hat mich durch seine Menschenfreundlichkeit beeindruckt.

Sechs Jahre nach Joseph Ratzingers Wahl zum Papst: Wo sehen Sie die wichtigste Botschaft seines Pontifikats?

Im Dialog von Glaube und Vernunft. Glaube allein kann radikal verdreht werden und Vernunft allein zu reinem Pragmatismus verkommen. Außerdem begrüße ich seine Gesten des Miteinanders der Religionen durch die Besuche von Synagogen und Moscheen oder demnächst das Weltfriedenstreffen in Assisi.

Was wünschen Sie sich vom Papst? 

Dass er die Kirche weiter öffnet, ohne mit Traditionslinien zu brechen. Er hat feste Fundamente und wäre deshalb eigentlich in der Lage, ganz besonders belastbare Brücken zu bauen.

Benedikt XVI. kommt als Mann des Glaubens. Was bedeutet es für Sie, Katholik zu sein?

Ich bin bis heute sehr dankbar für meine katholische Prägung – zuhause, im Kindergarten, in der Grundschule, in der Gemeinde. Die christliche Erziehung hat mir eine Haltung, Werte, einen Ethos vermittelt.

Was bedeutet Ihnen der Glaube heute?

Heute gibt er mir Orientierung beim Ringen um das, was ich im Hier und Jetzt voranbringen will. Der Glaube verweist für mich auf etwas Unverfügbares: die Würde des Menschen, die Bewahrung der Schöpfung, die Nächstenliebe.

Sie sind als Präsident auch Familienvater. Wie machen Sie das eigentlich, den eigenen Kindern den Glauben weiter zu geben?

Meine Frau legt zum Beispiel großen Wert auf das Tischgebet mit den Kindern. Über Glaube, Zweifel und Belegbarkeit lohnt der Austausch. Den habe ich selbst auch bei Zweifeln gesucht.

Gerade ist ihre zweite Ehe auch Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Nach katholischer Lehre sind sie als Wiederverheirateter nicht zur Eucharistie zugelassen. Wie empfinden Sie das?

Ich freue mich über jeden Bischof, der sich der Lebenswirklichkeit stellt. Die Millionen Menschen, die in konfessionsverschiedenen Ehen leben und die Millionen wiederverheirateten Katholiken, aber auch viele andere Gruppen erwarten eine individuelle Betrachtung, Verständnis, versöhnende Erfahrungen, befreiende Botschaften. Der Hirtenbrief der oberrheinischen Bischöfe von 1993 zeigt, dass sich auch Kirchenobere von einem Automatismus frei machen können, der angesichts der Vielfalt unseres Lebens keine schematische Antwort auf Einzelschicksale sein kann.

Hat die Unauflöslichkeit der Ehe dann noch einen Wert?

Die Unauflöslichkeit der Ehe hat für mich sehr wohl einen bedeutungsvollen Wert. Sie schafft das Höchstmaß an Verlässlichkeit auch für Kinder. Es ist unglaublich schön, Verheiratete zu erleben, die 60 Jahre zusammenleben. Das Versprechen „Bis dass der Tod euch scheidet“ kann positive Erfahrungen durch Bindung und Verlässlichkeit ermöglichen.

Muss der Wert der Ehe dann nicht auch von der Kirche eingefordert werden?

Wenn sich diese Lebenslinien nicht verwirklichen lassen, kann es bei fairem Umgang untereinander für alle Beteiligten besser sein, sich zu trennen und nicht an einem Zustand festzuhalten, der nicht zukunftsfähig ist. Ich habe hierzu in der Kirche durchaus auch viel Differenzierung erlebt, von Mitschwestern und Mitbrüdern, aber auch von Kirchenoberen. Manchmal ist man geneigt, Beteiligten zuzurufen: Fürchtet Euch nicht!

Wird das ein Thema bei der Begegnung mit dem Papst sein?

Privates ist privat und muss auch privat bleiben.

Was erwarten Sie als Staatsoberhaupt vom Papstbesuch?

Als Staatsoberhaupt und Gastgeber, der den Papst eingeladen hat, wünsche ich mir, dass wir Deutsche herzliche Gastgeber eines deutschen Papstes sind: mit großer Neugier, mit Offenheit, mit einer ausgeprägten, sachlichen Diskussionskultur. Die Bilder gehen um die Welt und dort sollte Deutschland sich so zeigen, wie es unserem Land entspricht, als tolerant und weltoffen.

Hat dieser Besuch auch eine historische Dimension?

Ja, mich eint mit meinem Freund, dem polnischen Präsidenten Bronisław Komorowski, dass wir die Bedeutung der Kirchen für den Fall des Eisernen Vorhangs in Europa hoch ansiedeln. Deswegen hatte ich schon als Ministerpräsident von Niedersachsen den Papst ins Eichsfeld eingeladen und später als Bundespräsident nach Berlin.

Ich freue mich jetzt, dass er die Einladungen angenommen hat und nach Berlin, Freiburg, ins Eichsfeld und nach Erfurt kommt. Das sind ganz wichtige Signale und schöne Anlässe, der Kirche und den Christen für ihren Beitrag zu danken.

In Rom gelten die deutschen Katholiken als besonders streitbar. Wie sehen Sie die Situation in Ihrer Kirche?

Nach vielen Vorgesprächen kann ich dem Papst berichten, wie ich die Stimmungen in den Gemeinden und den Dialogprozess in der katholischen Kirche sehe. Ich habe mit Vertretern der Katholischen Gemeinden aus allen Teilen Deutschlands, mit dem Zentralkomitee der Katholiken, mit Theologen und Ordenschwestern Gespräche geführt. Ich glaube, dass der Dialogprozess wegweisend werden kann und Ergebnisse bringen muss.

Was wünschen Sie sich vom Kirchenoberhaupt?

Ich wünsche mir Ermutigung für die Christen ebenso wie für alle Engagierten. Auch die Politiker brauchen Ermutigung. Ich wünsche mir eine größere Einheit der Christen durch die Ökumene. Da muss Trennendes begründet werden, nicht Gemeinsames. Ich würde mich freuen, wenn bei den Gesprächen mit den Muslimen und den Juden etwas Verbindendes zur Allianz der Religionen gesagt würde. Alle monotheistischen, abrahamitischen Weltreligionen wollen ein Segen für die Welt und die Menschen sein.

Der Papst wird im Deutschen Bundestag sprechen. Kritiker sehen dadurch die weltanschauliche Neutralität gefährdet.

Zunächst finde ich es grundsätzlich gut, wenn der Bundestag Staatsoberhäupter zu Wort kommen lässt. Gerade angesichts der wachsenden Rolle der Regierenden bei den weltweiten Herausforderungen gilt es, die Bedeutung der Parlamente zu stärken. Ein solcher Auftritt im Parlament ist deshalb auch ein deutliches Signal, dass das Parlament mit demokratisch gewählten Volksvertretern über die Zukunft entscheidet.

Der Papst ist aber auch ein Religionsführer.

Viele drängende Fragen – von der Welternährung über den Klimaschutz bis hin zur Finanzordnung – sind nur noch gemeinsam zu lösen. Wenn der Repräsentant einer Weltkirche mit über einer Milliarde Gläubigen seine Sicht der Dinge darlegt, ist das eine große Chance weit darüber nachzudenken und später auch im Lichte dessen zu diskutieren.

Sie sehen die Trennung von Staat und Kirche dadurch nicht gefährdet?

Staat und Kirche sind zu Recht getrennt. Aber das heißt ja nicht getrennte Welten. Beide haben gemeinsame Verantwortung oft für ein und dieselben Menschen. Deshalb ist ein intensiver Dialog und offener Austausch bei gemeinsamen Fragen sinnvoll und nötig.

Ihre Aussage „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“ hat für Wirbel gesorgt. Was bedeutet das im Verhältnis zum Christentum?

Wir sind durch christlich-jüdisch-abendländische Traditionen geprägt. Ich wollte mit diesem Satz am Tag der deutschen Einheit bewusst deutlich machen, dass die in Deutschland lebenden vier Millionen Muslime zu uns gehören und damit auch ihre Religion. Das Grundgesetz betont, dass niemand wegen seiner Religion bevorteilt oder benachteiligt werden darf. Diese große Errungenschaft sollten wir auch leben.

Dennoch gibt es unterschiedliche Prägungen. 

Unsere Verfassung und unsere Werte gelten für alle. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Menschenwürde und die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Das muss jeder wissen, der hier lebt, gleich welchen Glaubens er ist oder ob er gar nicht glaubt.

Wie steht es um die Gegenseitigkeit in islamischen Ländern?

Wenn wir hier ein einvernehmliches Miteinander vorleben, können wir auch glaubwürdig von mehrheitlich islamischen Ländern erwarten, dass dort die Christen nicht verfolgt, sondern anerkannt werden. Es ist mir ein ständiges Anliegen, auf die verfolgten Christen in Iran, Irak, Pakistan, Teilen Indiens und anderen Ländern hinzuweisen und mich für sie einzusetzen.

War die Frage der Religionsfreiheit auch Thema im Gespräch mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül?

Die türkische Regierung hat die Rückgabe enteigneter Güter an religiöse Minderheiten in Aussicht gestellt. Hierfür hatte ich mich auch persönlich eingesetzt. Das ist eine gewaltige Geste für die Griechisch-Orthodoxen und andere Religionsgemeinschaften. Allerdings bestehen noch Probleme wie etwa beim Kloster Mor Gabriel und beim Priesterseminar Halki. Dies habe ich auch in meinen Gesprächen ausführlich  angesprochen. Insgesamt stimmt aber die Richtung.

Was können wir hierzulande von Muslimen lernen?

Manche fühlen sich von der Frömmigkeit angesprochen. Ich selber finde den familiären Geist zwischen den Generationen sehr positiv. Er ist von großem Respekt und Miteinander geprägt und der Familienzusammenhang ist sehr stark.

Zugleich wächst die Zahl der Konfessionslosen. Manche Vertreter fordern deshalb ein Zurückdrängen der Religion ins Private.

Die Religionen haben es heute schwerer wegen der Vielfalt, der Buntheit, der Pluralität. Aber sie leisten Beachtliches für den Zusammenhalt. Wenn ich an die katholische Soziallehre oder die Ethik des Protestantismus denke, ist die Entwicklung unseres Landes gerade auf diesen Grundlagen eigentlich gar nicht hinreichend gedeutet. Neben den Hauptamtlichen gibt es unzählige Ehrenamtliche, die sich um Kinder, Familien, alte Menschen, Behinderte, Benachteiligte oder Obdachlose kümmern. Die Kirchen leisten seelsorgerisch Großes und sie vermitteln Werte: Die Gedanken der einen Welt und der Bewahrung der Schöpfung. Das wirkt sich meiner Erfahrung nach positiv auf das gesellschaftliche Klima aus.

Der Papst kommt zu einer Zeit nach Deutschland, in der die Krise des Euro  alles andere zu überlagern scheint. Fürchten Sie um Europas Einheit?

Wir stehen sicherlich vor gewaltigen Herausforderungen. Ich bin aber überzeugt, dass Europa die Krise als Chance begreift, und bin zuversichtlich, dass wir eine weitere Vertiefung Europas bekommen, wenn Regeln und Vereinbarungen von allen konsequent eingehalten werden. Die Menschen wollen das auch. Sie lieben dieses Europa allerdings auch wegen seiner Vielfalt. Die gilt es zu bewahren.

Kann die Kirche zur Überwindung der Krise etwas beitragen?

Wenn es angesichts der Schulden ein Thema zwischen Kirche und Politik gibt, das ein größeres Gewicht bekommen sollte, dann ist es die Generationengerechtigkeit. Und auch der Papst sollte manchen Finanzmarkt-Jongleuren ins Gewissen reden, welche dramatischen Folgen ihr Handeln für das Schicksal von Millionen von Menschen hat.