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Interview mit der japanischen Wirtschaftszeitung „Nikkei“ anlässlich des offiziellen Besuchs in Japan

Bundespräsident Christian Wulff im Gespräch mit dem japanischen Wirtschaftsmagazin Nikkei Schloss Bellevue, 22. Oktober 2011 Bundespräsident Christian Wulff im Gespräch mit dem japanischen Wirtschaftsmagazin Nikkei © Özgür Albayrak/Nikkei

Herr Bundespräsident, Sie haben ein sehr umfangreiches Programm bei Ihrem Besuch in Japan. Was sind aus Ihrer Sicht die Höhepunkte?

Für mich ist die Vielfalt dieses Besuches herausragend: von Wissenschaft und Forschung über unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit bis hin zum kulturellen Austausch. Mit der Villa Kamogawa eröffnen wir in Kyoto die erste deutsche Künstlerresidenz in Asien. Sie sehen: So vielfältig wie unsere Beziehungen sind, so facettenreich ist auch mein Besuch in Ihrer Heimat. Deutschland und Japan werden weiterhin viel voneinander lernen und miteinander erarbeiten können und mit diesem Wissen die Zukunft der Welt entscheidend mitgestalten. Wir brauchen neue wegweisende Entwicklungen, zum Beispiel zur Lösung der Energie- und Klimaproblematik.

Wie haben Sie persönlich den „11. März“ erlebt? Wie möchten Sie den betroffenen Menschen vor Ort Ihr Mitgefühl ausdrücken?

Wie alle meine Landsleute in Deutschland war ich persönlich tief betroffen und habe dies sofort in einem Telegramm an Ihre Majestät, den Kaiser, zum Ausdruck gebracht. Kurz nach der Katastrophe war ich in der japanischen Botschaft in Berlin, um dort meine Anteilnahme persönlich zu übermitteln. Der Bürgersteig vor der Botschaft war voller Kerzen, Blumen und Karten, die deutsche Bürger dort spontan abgelegt hatten. Das zeigt die große Anteilnahme der Menschen in Deutschland. Eine Anteilnahme, die sich durch das ganze Land zieht. Wir haben über 60 Städtepartnerschaften, über 100 bilaterale Freundschaftsgesellschaften. Überall in Deutschland leben, studieren und arbeiten Japaner, allein in Düsseldorf sind es über 8.000. Ich möchte den Menschen in Japan, die von Erdbeben, Tsunami und dem Atomunfall betroffen sind, nicht nur meine Anteilnahme zum Ausdruck bringen, indem ich in die betroffenen Gebiete fahre. Ich möchte ihnen Mut machen, und zu Hause in Deutschland mehr bekannt machen, welch herausragende Aufbauleistungen sie in Japan seit März bereits vollbracht haben. In Deutschland wurde viel über die Katastrophe berichtet, aber viel zu wenig über den so engagierten Wiederaufbau.

Japan steht trotz enormer Schulden vor einem langjährigen Wiederaufbau. Wir könnten vielleicht von Ihren Erfahrungen beim Wiederaufbau eines Landes lernen – zum Beispiel in puncto Solidarität und Nachhaltigkeit. Welchen Rat würden Sie uns geben?

Deutschland war bisher, Gott sei dank, von Naturkatastrophen dieses Ausmaßes verschont. Deshalb lassen sich Aufbauleistungen nicht eins zu eins vergleichen. Vergleichbar sind allerdings die den Deutschen zugesprochenen Tugenden wie Fleiß, Genauigkeit und Verlässlichkeit. Diese gelten für Japanerinnen und Japaner in gleichem Maße. Hinzu kommt die Solidarität der Japaner untereinander. Viele Menschen sammeln und engagieren sich persönlich in der Tohoku-Region. Dies beeindruckt mich sehr. Und deshalb bin ich überzeugt, dass Japan die Folgen der Katastrophen im März überwinden wird.

Glauben Sie, dass die Leistung unserer Frauenfußball-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Deutschland für die Menschen Anstoß, Vorbild und Unterstützung für den Wiederaufbau des Landes sein kann? Sehen Sie beispielsweise Parallelen zum Wunder von Bern?

„Nadeshiko“ hat bei uns in Deutschland mit ihrem Sportsgeist und ihrer Menschlichkeit alle Herzen im Sturm erobert. Ich freue mich daher sehr, dass die japanische Fußballnationalspielerin Kozue Ando, die in Duisburg spielt, meine Einladung angenommen hat, Mitglied meiner Reisedelegation zu sein. Ihr Frauenteam hat sich bei der Fußball-WM in Deutschland ein Ziel gesetzt und hat es erreicht. Das beflügelt die Menschen in einer schwierigen Lebenslage, weil es Mut und Zuversicht gibt – insofern ist an dem Vergleich mit dem Wunder von Bern etwas dran. Das neue Wunder von Bern ist gewissermaßen Frauensache – auch das ist ein wichtiges Signal. Wir wissen schließlich alle um die Fähigkeit von Frauen, in scheinbar ausweglosen Situationen die Dinge in die Hand zu nehmen und anzupacken. Das haben auch die Frauen in Deutschland nach dem Krieg eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Europa befindet sich mitten in einer schwierigen Schuldenkrise. Doch auch Japan und die USA haben sehr gravierende Schuldenprobleme. Was möchten Sie in diesem Zusammenhang bei Ihren Treffen mit unseren Spitzenpolitikern und Wirtschaftsvertretern ansprechen, um diese gemeinsamen Probleme solidarisch zu überwinden?

Die derzeitige Krise hat zwei Aspekte: Sie ist zugleich eine Finanz- und eine Schuldenkrise. Hinsichtlich des Finanzsektors denke ich, dass die ursprüngliche Liberalisierung und Deregulierung zu weit gegangen ist. Wir müssen daher die internationalen Bemühungen – vor allem in der G20 – zu einem klaren, globalen Ordnungsrahmen für die Finanzmärkte weiter vorantreiben. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, lastete dies schwer auf den öffentlichen Haushalten in den meisten Ländern. Sie ist aber nicht der einzige Grund für die derzeitige Schuldenkrise. In vielen Ländern wurde jahrelang über höhere Schulden und billigeres Geld Wohlstand erkauft; Probleme wurden einfach in die Zukunft verschoben. Es ist meine feste Überzeugung, dass wir ohne eine Abkehr von der Schuldenpolitik der Vergangenheit nicht aus der Krise herauskommen werden. Wir brauchen eine Kehrtwende zu nachhaltigem Wirtschaften und Haushalten.

In der Europäischen Währungsunion gibt es unterschiedliche Meinungen zwischen den „Geber-“ und „Nehmerländern“, die man auch als „Nord-Süd-Kluft“ bezeichnet. Ungeachtet dieser besonderen Situation kommt aus dem Rest der Welt, auch aus Japan, Kritik, dass Europa zu langsam und zu unflexibel auf die Krise reagiert hat. Was würden Sie dem entgegenhalten?

Politik muss sich davon lösen, hektisch auf jeden Kursrutsch an den Börsen zu reagieren und darf sich nicht abhängig machen von Banken, von Rating-Agenturen oder reißerischen Schlagzeilen. Politik muss das Gemeinwohl im Blick haben. Politik hat Strukturen zu ordnen und gegebenenfalls den Rahmen anzupassen, damit knappe Ressourcen bestmöglich eingesetzt werden und Wirtschaft und Gesellschaft gedeihen. Politik hat langfristig orientiert zu sein und muss, wenn nötig, auch unpopuläre Entscheidungen treffen. In freiheitlichen Demokratien müssen die Entscheidungen im Übrigen immer von den Parlamenten getroffen werden, dort liegt die Legitimation. Entscheidungen müssen in Krisenzeiten schnell getroffen und glaubwürdig umgesetzt werden. Damit dies gelingt, ist es wichtig, dass diese Entscheidungen erklärt und verstanden und von einer breiten Mehrheit mitgetragen werden. Nur so entstehen das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit, die nachhaltig aus der Krise führen. Angesichts der Fülle und Tragweite der Entscheidungen in Europa ist es unangebracht, Europa als zu zögerlich und inflexibel darzustellen.

Nach dem Unglück in Fukushima hat Deutschland sehr zügig entschieden, alle Atomkraftwerke in Deutschland bis 2022 still zu legen. In Japan ist im Hinblick auf die Energiesicherheit die Frage noch nicht geklärt, wie man zukünftig mit der Atomkraft umgehen soll. Was bedeutet der Atomausstieg Ihrer Meinung nach für Deutschland?

Diese Entscheidung ist in Deutschland von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen. Aber Deutschland hat sich mit der Energiewende ohne Zweifel viel vorgenommen. Das Projekt ist mutig: So sollen bis spätestens 2022 alle Kernkraftwerke vom Netz genommen werden. Der Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch soll stark anwachsen. Jetzt kommt es darauf an, wie diese Vorgaben mit neuen Konzepten erreicht und gleichzeitig eine verlässliche Energieversorgung bei moderaten und stabilen Preisen gesichert werden kann.

Die deutsch-japanischen Wirtschaftsbeziehungen sind gut, aber noch ausbaufähig. In welchen Bereichen könnte man die Zusammenarbeit beider Länder vertiefen? Könnte ein zeitnaher Abschluss des Economic Partnership Agreements (EPA) zwischen Japan und der Europäischen Union ein gutes Fundament für eine solche Zusammenarbeit sein?

Made in Japan hat sich als Marke genauso eingebrannt wie Made in Germany. Technik, Innovation und Zukunftsbegeisterung haben die deutsch-japanischen Wirtschaftsbeziehungen immer vorangetrieben und waren und sind die Motoren für unsere Volkswirtschaften, die Nummer drei und Nummer vier in der Welt sind. Trotz der großen räumlichen Entfernung unserer beiden Länder stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen; wie gestalten wir den demographischen Wandel, wie sichern wir unsere Energieversorgung? Lassen Sie uns hier noch enger zusammenrücken und voneinander lernen, wenn es um die Schlüsseltechnologien der Zukunft geht, wie Elektromobilität, Bio- und Nanotechnologie oder die Robotik. Genau das werden die Themen der Wirtschaftsdelegation sein, die mich begleitet. Denn: Wir sollten unsere Wirtschaftsbeziehungen weiter intensivieren zum beiderseitigen Nutzen. Brüssel und Tokio haben vereinbart, die gegenseitige Verhandlungsbereitschaft für ein Freihandelsabkommen auszuloten. Ich hoffe, dass alle Beteiligten mit Offenheit an diese Gespräche herangehen. Nur so lässt sich die Wettbewerbsfähigkeit steigern, nicht durch Abschottung oder Protektionismus.

Welche gemeinsamen Anstrengungen im Bereich der globalen Sicherheits- und Umweltpolitik sehen Sie für die nahe Zukunft? Sind Deutschland und Japan bereit, die Verantwortung eines ständigen Sitzes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu übernehmen?

Japan ist unser Wertepartner in Ostasien. Wir arbeiten in Fragen der atomaren Abrüstung sehr eng zusammen. Bei der Reform der Vereinten Nationen müssen wir alle erkennen, dass es bei der Lösung der globalen Probleme nur gemeinsame Antworten und keine nationalen Alleingänge geben kann: Das gilt für die Sicherheitsarchitektur des 21. Jahrhunderts genauso wie für die immer noch nicht gelösten Probleme beim Klimaschutz. Deutschland und Japan haben immer wieder betont, dass sie zur Übernahme der Verantwortung als ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat bereit sind. In der Lage sind sie dazu ohne Zweifel.

In Japan haben die Menschen nach Fukushima viel über die „German Angst“ gehört. Welche gesellschaftlichen, kulturellen oder persönlichen Bemühungen wären hilfreich, um die Missverständnisse zu überwinden und den Austausch zu verstärken?

Mit Japan haben wir besonders intensive Kontakte. Aber gerade alte Freundschaften müssen gepflegt werden. Daher richten sich viele der Veranstaltungen des Freundschaftsjahres an Jugendliche. Der persönliche Austausch ist – auch in Zeiten des Internets – unersetzlich. Ich bin sicher, dass viele Jugendliche aus Deutschland auch weiter den Weg nach Japan finden werden. Ich möchte mit meinem Besuch ein Zeichen dafür setzen. Was die Diskussion um die Atomkraft angeht: Deutschland zieht aus den in Fukushima sichtbar gewordenen Risiken der Kernenergie die Konsequenz, den ohnehin beschlossenen Ausstieg aus dieser Form der Energiegewinnung zu beschleunigen. Auf den Neubau von Atomkraftwerken war in Deutschland schon vor einem Jahrzehnt verzichtet worden. Ich sehe, dass auch in Japan eine Diskussion über die Zukunft der Kernenergie begonnen hat. Es ist deshalb gut, wenn beide Länder sich hierüber austauschen. Die Skepsis gegenüber der Atomkraft hat in Deutschland auch immer die Suche nach alternativen Energien befördert und Innovationskräfte freigesetzt. Die Diskussion um die Zukunft der Energieversorgung erschwert unsere Beziehungen also nicht, sondern bereichert sie um einen ganz wichtigen und ernsthaften Diskussionspunkt.