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Interview mit der bangladeschischen Tageszeitung "The Daily Star" und der Nachrichtenagentur UNB anlässlich des Staatsbesuchs in Bangladesch


Herr Bundespräsident, welches Hauptanliegen verfolgen Sie mit Ihrem Besuch in Bangladesch und was erwarten Sie?

Ich möchte mit meinem Besuch dazu beitragen, die Zusammenarbeit zwischen unseren Ländern und unseren Dialog zu wichtigen Zukunftsfragen zu vertiefen. Es liegt mir sehr daran, unsere bilateralen Beziehungen politisch, wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich weiterzuentwickeln. Bangladesch ist für Deutschland gleichzeitig ein wichtiger Partner für die Bewältigung der globalen Herausforderungen. Dazu gehört auch die Frage, wie wir gemeinsam zu einem besseren Verständnis zwischen Kulturen und Religionen beitragen können. Deshalb habe ich mich entschieden, schon zu Beginn meines zweiten Amtsjahres nach Bangladesch zu kommen.

Bangladesch ist nach wie vor bemüht, die sozioökonomischen Bedingungen für seine Bevölkerung weiterzuentwickeln und die Demokratie institutionell zu verankern. Welche Hilfe kann Deutschland hierbei leisten?

Wir begrüßen die Rückkehr Bangladeschs zur Demokratie im Jahr 2008 sehr. An der letzten Wahl haben sich fast 90 Prozent der Menschen beteiligt. Das ist eindrucksvoll. Nun wird es darum gehen, den großen Erwartungen der überwiegend jungen Bevölkerung gerecht zu werden. Konstruktiver Dialog zwischen den verschiedenen politischen Kräften, gute Regierungsführung und Bekämpfung der Korruption werden hier sehr wichtig sein. Wir sind gerne bereit, unsere Erfahrungen mit dem Aufbau rechtsstaatlicher Institutionen mit Ihnen zu teilen. Ich sehe insbesondere großes Potential in einer engeren Zusammenarbeit zwischen unseren Parlamenten und Zivilgesellschaften.

Herr Bundespräsident, bekanntermaßen unterhalten Deutschland und Bangladesch traditionell sehr gute, freundschaftliche Beziehungen. Wie ist Ihr Ausblick auf die Weiterentwicklung dieser bilateralen Beziehungen in der nächsten Zeit?

Bangladesch ist für Deutschland ein wichtiger Partner bei der Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft. Ich denke insbesondere an eine engere Zusammenarbeit beim Klimaschutz, bei dem Bangladesch eine sehr wichtige und konstruktive Rolle spielt. Ich glaube, dass besonders der verstärkte Austausch zwischen jungen Menschen in Deutschland und Bangladesch unsere künftigen Beziehungen prägen wird. Stipendien- und Austauschprogramme werden dazu beitragen, dass wir uns noch besser kennenlernen und gemeinsam Lösungen für die Zukunft entwickeln können.

Wie geht es der deutschen Wirtschaft in Anbetracht der gegenwärtigen Krise der Eurozone? Was ist zu tun, um die Schulden- und Bankenkrisen in Europa und weltweit zu überwinden?

Deutschland ist die größte Volkswirtschaft in Europa, international sehr verflochten und zugleich auch sehr wettbewerbsfähig. Wir haben unsere industriellen und technologischen Stärken, unsere Wirtschaft ist aber keineswegs isoliert und immun gegenüber den Entwicklungen in Europa und in der Welt. Die derzeitige Krise in Europa ist zugleich eine Bankenkrise und eine Schuldenkrise. Hinsichtlich des Finanzsektors denke ich, dass die ursprüngliche Liberalisierung und Deregulierung zu weit gegangen ist. Wir müssen die Arbeiten der G20 für einen klaren, globalen Ordnungsrahmen für die Finanzmärkte weiter vorantreiben. Auch ist es meine feste Überzeugung, dass wir in Europa und in vielen anderen Volkswirtschaften weltweit nicht ohne eine Abkehr von der Schuldenpolitik der Vergangenheit aus der Krise herauskommen werden. Wir brauchen global eine Kehrtwende zu nachhaltigem Wirtschaften und Haushalten.

Gibt es Pläne, die deutschen Investitionen in Bangladesch zu verstärken? Durch welche Maßnahmen könnten die bangladeschischen Ausfuhren nach Deutschland angekurbelt werden? Welche Vorteile kann Deutschland solchen Ausfuhren einräumen?

Für solide, dynamische Wirtschaftsbeziehungen Bangladeschs und Deutschland sehe ich gute mittel- und langfristige Chancen. Viele, auch weniger wirtschaftliche entwickelte Länder profitieren von den verstärkten Handels- und Investitionsströmen im Zuge der Globalisierung. Deutsche Investoren achten zu Recht sehr auf ein sicheres Investitionsklima, politische Stabilität und einen transparenten und verlässlichen Verwaltungs- und Rechtsrahmen. Ebenso wichtig ist es zu erkennen, dass Erfolg auf den globalen Märkten nur von Dauer sein wird, wenn Umwelt- und Sozialstandards eingehalten werden.

Dies vorausgesetzt zeigt sich derzeit eindrucksvoll: Die jahrzehntelange Zusammenarbeit Deutschlands und Bangladeschs trägt Früchte. Der Handel zwischen unseren beiden Ländern wächst schnell. Bangladesch ist ein Land mit junger Bevölkerung und soliden Wachstumsraten. Das Land ist gewillt, seinen Erfolg auf den Weltmärkten zu suchen und dem Beispiel anderer asiatischer Erfolgsnationen zu folgen. Viele weitere Potenziale lassen sich hier finden und erschließen, der Investitionsbedarf in Infrastruktur und in Stadtentwicklung ist hoch. Bangladesch sucht auch nach Lösungen für eine sichere und klimafreundliche Energieversorgung. Gerade in diesem Bereich gibt es weitreichende Kooperationsmöglichkeiten mit Deutschland angesichts der global notwendigen Maßnahmen gegen einen ungebremsten Klimawandel.

Wie kann Deutschland als eines der technologisch führenden Länder der Welt Bangladesch beim technischen Fortschritt unterstützen? Hat Deutschland die Absicht, die technische Unterstützung und die Ausbildungshilfen für Bangladescher weiter zu verstärken?

Bangladesch zeigt in den letzten Jahren eine beeindruckende wirtschaftliche Dynamik. Das gilt vor allem für den Textilsektor. Deutsche Firmen sind in Bangladesch sehr zufrieden und haben hier viel anzubieten. Ich denke insbesondere an Aus- und Fortbildung sowie an eine Unterstützung, damit Unternehmen in Bangladesch die für die Verbraucher wichtigen Sozial- und Umweltstandards einhalten können.

Wie können unsere beiden Länder den Austausch im politischen und im soziokulturellen Bereich fördern und die bilateralen Beziehungen in aller Vielfalt weiterentwickeln?

Ich bin ein Bewunderer der bengalischen Kultur und ihrer toleranten und humanistischen Tradition. Ich glaube, dass wir hier viel von Denkern wie Tagore lernen können. Gerade im Bereich des Dialogs zwischen Kulturen und Religionen sollten wir stärker zusammenarbeiten. Bangladesch ist dabei für uns als säkular verfasstes Land ein wichtiger Partner. Die Freiheit der Religionsausübung zu schützen ist uns ein gemeinsames Anliegen. Ohne mehr Respekt füreinander und Wissen übereinander werden wir die vor uns liegenden gemeinsamen Probleme nicht lösen können.