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Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnung der neuen dpa-Zentralredaktion in Berlin

Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnung der neuen dpa-Zentrale Berlin, 15. September 2010 Foto: Guido Bergmann, BPA © Foto: Guido Bergmann, BPA

"Die Medien brauchen neue Formen der Qualitätssicherung"

"Die neue Zentralredaktion der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin ist am Dienstag der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Im neuen Newsroom sind die früher auf die Standorte Hamburg, Frankfurt und Berlin verteilten Redaktionen für die Text-Berichterstattung, Foto, Grafik, Audio und Video erstmals vereint." So nüchtern, richtig, zutreffend, eben nachrichtenmäßig lautete die dpa-Meldung zu diesem großen Tag in ihrer über sechzigjährigen Geschichte in Berlin und Deutschland. Was hat sich in diesen sechzig Jahren verändert? Meine Antwort: Alles - und im Grunde nichts. Das ist auch meiner Sicht die eigentliche Herausforderung.

Dass sich alles verändert, leuchtet jedem und jeder sofort ein, wenn man in diesem hochmodernen "Newsroom" steht. Texte, Fotos, Videos, alles wird in Echtzeit übertragen in alle Welt und läuft aus den Korrespondentenbüros rund um den Globus hier ein. Was früher Inhalte waren, heißt heute "content" und wird über die verschiedensten Kanäle - "crossmedial" - verbreitet. Heute kann jeder, der über einen Internetanschluss verfügt, Nachrichten von überall her ohne Zeitverzögerung überall hin versenden und damit die globale Nachrichtenflut unübersehbar steigen lassen.

Ich weiß nicht, ob hier noch Gründungsmütter, Gründerväter von dpa zugegen sind. Sie haben unter ganz anderen Bedingungen gearbeitet, in einem weitgehend zerstörten Land, mit wenig Technik und viel schlechteren Transport- und Kommunikationswegen. Trotzdem sehnt sich vielleicht der eine oder andere gelegentlich sogar in gewisser Weise nach dieser Zeit zurück. Damals war der Hunger nach Informationen groß und der Aktualitätsdruck und der Wettbewerb viel geringer. Ein Nachrichtenredakteur musste noch nicht den Großteil seiner Zeit damit zubringen, Berichtenswertes vom restlichen Informationsmüll zu trennen.

Sie stehen alle heutzutage unter einem großen Druck - quer durch alle Medien, ob als Verleger, Geschäftsführer oder Journalisten. Sinkende Auflagen, Verlagerung von Werbebuchungen ins Netz, mehr Drama, Personalisierung, Emotionalisierung und häufig zur Schau gestellte Distanzierung von der Welt der Politik.

Die Veränderungen treffen Nachrichtenagenturen und damit auch die dpa in besonderer Weise. Weil immer neue Verbreitungswege entstehen, weil Nachrichten im Netz oft viel schneller kursieren, weil auch seriöse Meldungen im Netz inzwischen ohne Bezahlung verfügbar sind, weil illegal kopiert wird. Weil die Auflagen und damit die Einnahmen der Anteilseigner schrumpfen. Weil mancher Verlag sogar meint, ohne Agentur auskommen zu können. Auch die Beobachtung ist heute mit einem enormen Druck auf die handelnden Personen verbunden: Anders als früher können die, die früher nur Konsumenten waren, heute mit einem Mausklick zu Kommentatoren und damit zu Produzenten werden.

Es ist eine spannende, aber auch harte Aufgabe, sich all diesen Veränderungen zu stellen. Mir berichten Journalisten häufig von Stress, von starker Belastung durch Zeitdruck und von Druck von ganz oben, weil andere Medien gerade eine Meldung einfach "rausgehauen" haben, als Exklusivnachricht, um höhere Marktanteile zu erobern, und von Mainstreams, die Robert Leicht jüngst so eindrucksvoll beschrieben hat.

Wo bleibt die Zeit, zu überlegen: Wo bleiben wir bei unseren Leisten? Wo umarmen wir den Fortschritt? Es gibt ja - bei allen nicht so erfreulichen Veränderungen - auch viele interessante Entwicklungen. Die Möglichkeiten der digitalen Informationsvermittlung und -speicherung bieten ganz neue Quellen der Informationsgewinnung, können einen Gewinn an Transparenz bedeuten. Unangenehme Folge ist vermutlich, dass das Internet nichts vergisst. Und dass für Verantwortliche in der Gesellschaft das beneidenswerte Privileg nicht gilt, dass das was heute in der Zeitung steht, morgen nicht falsch sein kann.

Viel Wandel also. Aber die wesentlichen Anforderungen an guten Journalismus haben sich im Grunde nicht verändert: Informationen müssen gewichtet, in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht und vor allem - überprüft werden. So war es damals vor 60 Jahren, so muss es auch heute sein, und zwar in allen seriösen Medien. Nachrichtenagenturen kommt dabei eine besondere Verantwortung zu: Sie sind eine Art Großhändler, Ihre Handelsware - die Nachricht - ist eine ganz besondere. Fehler oder Fehlurteile können sich ganz schnell vervielfältigen.

Prüfen, abwägen, auch mal etwas weglassen, weil sich die gute Story am Ende doch als lahme Ente erwiesen hat - das sollte selbstverständlich sein, nicht nur für Nachrichtenagenturen. Früher hatte man noch Zeit bis in den Abend, heute hat man nicht mal mehr Sekunden. Das stellt besondere Anforderungen an den bezahlten Journalismus, der eine Zukunft braucht, weil wir uns auf ihn besonders verlassen müssen. Denn gerade in Zeiten der Nachrichtenflut brauchen wir Profis, die das Wichtige vom Unwichtigen trennen und das Richtige vom Falschen. Wer überprüft, verliert Zeit, aber die Häufung von Fehlern und Dementis untergräbt Vertrauen und macht den Profijournalismus dem Laienjournalismus dann doch zu ähnlich. Damit gefährdet man die eigene Existenz.

Wir brauchen Orientierung im immer dichteren Gestrüpp von Meldungen, Mutmaßungen und Meinungen. Wir brauchen Journalisten, die Verantwortungsbewusstsein zeigen, denen wir vertrauen können, die verlässlich und glaubwürdig sind. Wir brauchen Kontroversen, Konflikte und Kritik. Aber keine Verletzungen, Verspottung, Verachtung. Wir brauchen Medien, die zuspitzen. Aber nicht, um damit jemanden zu erstechen. Adam Soboczynski hat scharfsinnig zur Entgegensetzung von Moral und Politik formuliert unter der Überschrift "Die Medien unterstellen der Politik notorisch Verlogenheit. Damit werden sie mitschuldig an deren Niedergang". Wir brauchen Medien, die Vorgänge und Zusammenhänge deutlich machen, die aufklären, welche Einflüsse und Kräfte in der Gesellschaft wirken, damit alle auf der Basis verlässlicher Informationen diese Gesellschaft mitgestalten können. Diese Verantwortung ist heute, gerade mit Blick auf die Komplexität von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und mit dem Druck, unter dem viele Entscheider heute stehen, größer als jemals zuvor. Deswegen brauchen wir Medien, die neue Formen der Qualitätssicherung - quasi eine ISO-Norm - entwickeln, um auch für sich die Zukunft zu sichern und wir brauchen eine intensive Debatte darüber, wie man es schafft unter dem Druck, dem Sie ausgesetzt sind, den nach wie vor gültigen Qualitätskriterien Rechnung zu tragen.

Gerade deshalb, zu diesem Ergebnis komme ich heute, brauchen wir gerade heute die dpa - solide, unabhängig. Liebe Gesellschafter: Bleiben Sie solidarisch! Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Machen Sie sich weiterhin unverzichtbar! Ihnen in diesen Räumen viel Erfolg und viele positive Erfahrungen in Ihrem so überaus wichtigen Beruf!