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Bundespräsident Christian Wulff zur Eröffnung der Ausstellung "Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg"

Bundespräsident Christian Wulff am Rednerpult im Glashof des Jüdischen Museums Berlin, 27. September 2010 Foto: Jesco Denzel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Jesco Denzel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Andenken und Mahnung lebendig erhalten"

Sie waren Polen, die als Landarbeiter ins Deutsche Reich verschleppt wurden und auf Bauernhöfen arbeiten mussten. Sie waren Soldaten der Roten Armee, die nach ihrer Gefangennahme unter entsetzlichen Bedingungen zur Arbeit für Industrie und Wehrmacht gezwungen wurden. Und sie waren Juden, Sinti und Roma aus ganz Europa, die auf den Selektionsrampen der Konzentrationslager als "arbeitsfähig" eingestuft wurden und denen, wie es im unmenschlichen Sprachgebrauch des Terrorregimes der Nationalsozialisten hieß, die "Vernichtung durch Arbeit" zugedacht war.

Dies sind nur einige Beispiele für die Geschichte der Zwangsarbeiter im Nationalsozialismus. Millionen von Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen, Hunderttausende von KZ-Häftlingen, die den Mangel an Arbeitskräften in der deutschen Kriegsproduktion decken sollten, mussten ein solches Schicksal erdulden. Ein 19-Jähriger im letzten Kriegsjahr 1945, der durch Entkräftung, Verletzungen oder Demütigungen oder durch Bombenabwürfe zu Tode kam, weil er die Luftschutzbunker nicht aufsuchen durfte, wäre heute 84 Jahre alt. Er wurde um sein Leben gebracht und die Angehörigen um ihren Sohn, ihren Bruder.

Zwangsarbeiter wurden vor den Augen der Öffentlichkeit auf unzähligen Baustellen, Bauernhöfen, in Industriebetrieben und auch in Privathaushalten ausgebeutet. Manche von ihnen wurden von ihren Dienstherren menschlich behandelt - ja, das hat es gegeben, als Zeichen der Humanität in der Dunkelheit. Die meisten jedoch erlebten die unmenschlichen Auswirkungen der Rassenideologie und blinden Wahns und Hasses. Für sehr viele führte der Einsatz als Zwangsarbeiter in den Tod.

Die Ausstellung "Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg", die heute hier im Jüdischen Museum in Berlin eröffnet wird, versucht erstmals die Gesamtheit auch dieses Kapitels der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus in ihrer ganzen erschütternden Breite zu beleuchten. Das ist eindrucksvoll!

Ich hatte die Gelegenheit, die Ausstellung zu besichtigen, Vorberichte zu lesen, den Katalog durchzusehen und Stätten des Einsatzes der Zwangsarbeiter zu besuchen. Ich möchte meinen Dank aussprechen: Dafür, dass diese Ausstellung mit so viel Sorgfalt zusammengestellt wurde, und dafür, dass die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" und die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora diese Ausstellung so umfassend unterstützt haben. Endlich angemessen mit der historischen Erinnerung und Aufarbeitung der unterschiedlichen Arten der Zwangsarbeit umzugehen, war die große Herausforderung - Sie haben sie gemeistert. Davon bin ich überzeugt. In Verantwortung vor den Opfern und in Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.

Dazu, das Erlebte in Erinnerung zu behalten, mahnen uns die eindringlichen Worte der ungarischen Jüdin Zahava S., die als 14-Jährige deportiert und zur Arbeit gezwungen worden war. Im Zeitzeugen-Interview sagte sie 2006: "Wenn Du es nicht niederschreibst, wie es ist, ist es niemals passiert, wenn Du es nicht erzählst, ist es, als sei es niemals passiert."

Wir müssen zukünftigen Generationen vermitteln, dass von Beginn an die rassenpolitischen Überlegungen den Umgang mit den Zwangsarbeitern im Herrschaftsbereich der Nationalsozialisten bestimmten. Wir müssen die Erinnerung an historisch beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit für zukünftige Generationen wach halten, um Andenken und Mahnung lebendig zu erhalten. Vor dieser Herausforderung stehen alle Einrichtungen und Initiativen, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. Die Generation der Zeitzeugen - Ihre Generation, sehr geehrter Herr Turski -, die ihre Erfahrungen und Erlebnisse an junge Menschen weitergeben kann, wird uns dabei nicht ewig zur Seite stehen können. Umso mehr gilt mein Dank Ihnen, Herr Turski, sowie all den anderen Zeitzeugen, die hier anwesend sind und die das Projekt begleitet haben. Durch Ihre Hilfe kann diese Ausstellung "Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg" Wege zum zukünftigen Umgang mit Erinnerung aufzeigen.

Sehr geehrte Damen und Herren, vor zehn Jahren übernahmen die Bundesrepublik Deutschland und die deutsche Wirtschaft endlich Verantwortung für das Unrecht, das Zwangsarbeitern unter deutscher Herrschaft angetan wurde. Meine Vorgänger haben diese Entwicklung begleitet: 1999 bat Bundespräsident Johannes Rau die Opfer der Zwangsarbeit um Vergebung. Bundespräsident Horst Köhler begrüßte acht Jahre später, 2007, mit Dankbarkeit und Erleichterung den Abschluss der Auszahlungen an die ehemaligen Zwangsarbeiter.

Heute richten wir mit der feierlichen Eröffnung der Ausstellung den Blick auf Vergangenheit und Zukunft. Hier im Glashof des Jüdischen Museums wird dies durch das Aufeinandertreffen des barocken Kollegienhauses mit dem postmodernen Gebäude von Daniel Libeskind deutlich. Reflektierte Geschichte kann uns zeigen, wo die Menschheit in der Vergangenheit Irrwege gegangen ist. Nur wer diese Fehler kennt, kann hoffen und dafür arbeiten, sie in Zukunft zu vermeiden und zum Guten zu wenden. Ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und ihre Familien erleben jetzt ein Deutschland, das sich seiner historischen Verantwortung stellt.

Ich wünsche der Ausstellung Erfolg durch Wirkung auf viele Besucherinnen und Besucher!