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Bundespräsident Christian Wulff beim Staatsempfang aus Anlass des Staatsbesuchs in der Russischen Föderation

Bundespräsident Christian Wulff beim Staatsempfang in Moskau Moskau, 12. Oktober 2010 Foto: Jesco Denzel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Jesco Denzel, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Herausforderungen der Zukunft gemeinsam gestalten"

Meine Frau und ich danken Ihnen, Herr Präsident, für Ihre freundlichen Worte und für die großzügige Gastfreundschaft, die meine Delegation und ich in Ihrem Land genießen. Ich bin sehr froh und es ist mir eine große Ehre, dass ich Russland schon zu Beginn meiner Amtszeit einen Staatsbesuch abstatten kann.

Russland und Deutschland blicken auf eine lange und wechselvolle gemeinsame Geschichte zurück, die für beide Seiten auch schmerzhaft war. Dabei sind wir Deutsche uns bewusst, welch unendliches Leid der deutsche Überfall auf die Sowjetunion über die Bürgerinnen und Bürger Ihres Landes gebracht hat. Die Opfer dieser schrecklichen Vergangenheit mahnen uns, unserer Verantwortung für eine gute gemeinsame Zukunft stets gerecht zu werden. Aber trotz der Verletzungen, die Kriege und Gewaltherrschaft unseren Völkern zugefügt haben, hat es doch immer eine große gegenseitige Bewunderung gegeben. Gerade in Musik, Literatur und bildender Kunst war der Austausch immer eng. Früher waren es Tolstoi, Kandinsky und Tschaikowski, heute sind es der Schriftsteller Wladimir Kaminer oder Wladimir Malachow, der Intendant des Staatsballetts Berlin, die unser kulturelles Leben bereichern.

Ziel unserer Partnerschaft ist es, die Herausforderungen der Zukunft gemeinsam zu gestalten. Wir müssen unsere Länder im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig machen, wir müssen den demographischen Wandel bewältigen und unsere Umwelt schützen. Wir müssen Frieden und Stabilität auch in einer Zeit bewahren, in der die Weltbevölkerung weiter wächst und die Konkurrenz um Rohstoffe und Nahrungsmittel zunimmt.

Auf uns alleine gestellt, können wir nicht viel erreichen. Wir sind aufeinander angewiesen und müssen unsere Kräfte bündeln. Die Voraussetzungen dafür sind gut. Deutsche und Russen fühlen sich einander nah. Und wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht bei der Umwandlung staatlich gelenkter Systeme in freie Gesellschaften mit freiem Unternehmertum, das stets auch sozial gebunden sein muss. Ich denke, beides erleichtert das gegenseitige Verständnis und bildet eine ausgezeichnete Grundlage für eine enge und vertrauensvolle Partnerschaft.

Russland hat tiefgreifende Reformen durchgeführt. Und es hat trotz einiger Rückschläge viel erreicht. Wir wissen jedoch auch, dass noch viel zu tun bleibt. Sie, Herr Präsident, gehen entschlossen den Weg, Russland für die Zukunft stark zu machen. Ich begrüße Ihr Bekenntnis zur Marktwirtschaft und Ihre Maßnahmen zur wirtschaftlichen Entwicklung. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Rechtssicherheit der Bürger zu erhöhen. Auch das verbessert die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Denn nur ein Staat, der das Vertrauen seiner Bürger genießt, kann die Kräfte der Gemeinschaft mobilisieren und Investoren gewinnen, um auch die größten Aufgaben zu bewältigen.

Bei der Modernisierung der russischen Wirtschaft und Gesellschaft steht Deutschland an der Seite Russlands. Darum haben wir die deutsch-russische Modernisierungspartnerschaft geschlossen. Die deutsche Industrie steht bereit, die Herausforderungen in Russland an- und ihre Chancen wahrzunehmen. Ich durfte die Dynamik Russlands als Partnerland der Industriemesse in Hannover erleben. Dort hatten wir uns kennengelernt. VW hat in meiner Zeit im Aufsichtsrat das neue Werk in Kaluga beschlossen. Die Modernisierungspartnerschaft dient auch der Festigung einer demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaftsordnung. Hier - so scheint mir - können wir das große und gut funktionierende Netz der Zivilgesellschaft unserer Länder fruchtbar machen. Über 90 Städtepartnerschaften, mehrere Hunderttausend Besucher in beiden Richtungen, der Petersburger Dialog und der Jugendaustausch mit schon fast 70.000 Teilnehmern seit 2006 zeugen von den engen zwischenmenschlichen und kulturellen Beziehungen Deutschlands und Russlands.

Die Jugend, in deren Händen die Zukunft liegt, sollte dabei noch stärker die Möglichkeit haben, sich zu treffen und Interesse aneinander zu entwickeln.

Ich freue mich besonders, dass mein Staatsbesuch mich auch nach St. Petersburg, Uljánowsk und Twer, die Partnerstadt meiner Heimatstadt Osnabrück, führt. Ich bin sehr daran interessiert zu sehen, wie sich die russische Wirtschaft und Gesellschaft dort, jenseits der Hauptstadt, modernisieren. Auch dies geschieht mit deutscher Unterstützung: Deutsche Unternehmen investieren langfristig und sie investieren nicht nur Kapital, sondern auch in die Aus- und Fortbildung. Das Berufsschulzentrum in Uljánowsk ist ein herausragendes Beispiel für die deutsch-russische Partnerschaft.

Durch die Jahrhunderte haben Deutsche in Russland das Land und seine Kultur mitgeprägt. Sie folgten dem Ruf des Zaren Peter oder Katharinas der Großen - einer deutschen Prinzessin. Damals entflohen sie dem Elend in ihrer deutschen Heimat und bauten in Russland ein florierendes Gemeinwesen auf. Das wichtigste Geschenk des russischen Reiches war damals die Freiheit, nach der sich die Menschen sehnten: die unendlich scheinende Freiheit der russischen Weiten, aber auch und vor allem die Glaubens- und Bekenntnisfreiheit.

Vor wenigen Tagen haben wir den 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung gefeiert. Der Kalte Krieg war beendet, die Spaltung Europas überwunden. Viele Russen haben den Verlust der Sowjetunion und ihrer Großmachtstellung bedauert. Ihnen sage ich: Sie haben stattdessen Freunde und Partner gewonnen. Und natürlich Nachbarn, mit denen man sich mal mehr, mal weniger versteht, zu denen man aber letztlich ein Verhältnis guter Nachbarschaft hat.

Ich freue mich, dass heute in beiden Ländern die Menschen mehr Freiheit genießen können als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die gemeinsame deutsch-russische Geschichte lehrt uns: Wir dürfen nie wieder Krieg als Mittel der Politik zulassen und wir müssen uns mit aller Kraft gegen Unfreiheit und die Entstehung von Diktaturen stemmen.

Wir können viel voneinander lernen und gemeinsam vieles bewegen. Ich sehe der weiteren Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland mit Freude und großen Erwartungen entgegen.

Ich bitte Sie, das Glas zu erheben und einen Toast auszubringen: Auf die Gesundheit von Präsident Medwedew und seiner Frau, auf das Wohl des russischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen Russland und Deutschland.