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Bundespräsident Christian Wulff bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises

Bundespräsident Christian Wulff hält eine Ansprache bei der Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2010 in Bremen Bremen, 31. Oktober 2010 Foto: Carmen Jaspersen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Carmen Jaspersen, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Die Schöpfung bewahren und unsere Lebensgrundlagen schützen"

Die wunderbaren Bilder, die wir hier gerade gesehen haben, und die vielen guten Beiträge, die wir im Rahmen dieses Festaktes gehört haben - sie machen eines klar: Die Schöpfung zu bewahren, unsere Lebensgrundlagen zu schützen ist eine zentrale und faszinierende Aufgabe. Wie viel leichter wäre sie zu lösen, wenn die Welt voller Umweltpreisträger wäre! Denn die heutigen Preisträger zeigen uns, was wir brauchen: wegweisende Innovationen, mutige Investitionen in Zukunftstechnologien, weitsichtige und verantwortungsvolle Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft und ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, wie dringend der Wandel hin zu einer ökologisch verträglichen Lebensweise ist.

Von diesem Festakt der Deutschen Bundesstiftung Umwelt 2010 geht deshalb eine Botschaft aus, die uns große Hoffnung machen kann: Wir können vieles besser machen - schon heute.

Man muss künftig zum Beispiel technische Anlagen oder Bauteile nicht mit schädlichen Lösungsmitteln, hohen Temperaturen und großem Kraftaufwand traktieren. Man kann sie auch mit einem Bruchteil an Energie säubern, und zwar ohne Reinigungsmittel, leise, präzise, schonend, einfach und rückstandsfrei - eben mit der Lasertechnik der diesjährigen Preisträger Winfried Barkhausen und Edwin Büchter. Eine solch innovative Technik zum Vorteil von Mensch, Maschine und Mehrwert hat den Umweltpreis wahrlich verdient!

Ich hoffe, vielen potenziellen Kunden geht im wörtlichen Sinne ein Licht auf. Ihnen, Herr Professor von Weizsäcker, hat als Jurymitglied der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gewiss das Herz gelacht: Wieder ein Beispiel mehr für Ihre These, dass wir mit klugen Investitionen und Innovationen die Ressourcen- und Energieeffizienz drastisch verbessern können.

Um vieles besser zu machen, müssen wir viel mehr darüber wissen, wo wir ansetzen können. Darum brauchen wir Menschen wie Dr. Grießhammer: Sie forschen nicht nur über Stoffströme und Ökobilanzen, Effizienz und nachhaltige Kreisläufe. Sie bringen Ihre Erkenntnisse auch unters Volk, in die Unternehmen und zu den politisch Verantwortlichen. Sie haben schon viele dazu angeregt, scheinbar Selbstverständliches zu überdenken. Wie wir produzieren, was wir essen, wie wir uns fortbewegen, wie unbedacht wir oft konsumieren. Ich bitte Sie: Arbeiten Sie weiter hartnäckig daran, uns allen klarzumachen, wie es besser geht.

Ich bin sicher: In 20 Jahren werden Dinge, die heute noch wie Fiktion klingen, selbstverständlich sein. Und Dinge, die uns heute noch normal erscheinen, werden wir uns kaum noch vorstellen können. Erinnern Sie sich: In den 70er Jahren gab es in ganz Deutschland noch wilde Mülldeponien, Autos ohne Katalysatoren, Kohlekraftwerke ohne effektive Filtertechnik. Das alles gehört heute zum Glück der Vergangenheit an. Aber all das ging auch nicht ohne Anstrengung, ohne den festen Willen zum Umsteuern - und ohne Investitionen in innovative Technologien und Energieeffizienz. All das brauchen wir heute mehr denn je.

Wie groß der - ökologische und ökonomische - Gewinn solcher Investitionen ist, können wir auf ermutigende Weise auf dem Gebiet der ehemaligen DDR sehen. Nehmen Sie die Region um Bitterfeld. Früher verpesteten große Chemiekombinate die Umwelt. Heute sind hier Firmen der Chemie- und Pharmabranche angesiedelt, in denen inzwischen wieder rund 11.000 Menschen arbeiten. Und auch modernste Umwelttechnologie wird hier hergestellt. Es ist ein im wahrsten Sinne des Wortes gesunder Wandel, der dort und in anderen Teilen Ostdeutschlands erreicht wurde. Die Umweltbelastungen sind stark zurückgegangen - durch modernere Kraftfahrzeuge, sanierte Braunkohlekraftwerke und modernisierte Produktionsprozesse. Heute können wir selbstbewusst sagen: Das damals gesetzte Ziel der "Einheitlichkeit der ökologischen Lebensverhältnisse" in Ost- und Westdeutschland ist erreicht. Die Lebenserwartung der Menschen in den ostdeutschen Bundesländern hat sich um fast sieben Jahre erhöht! Für mich ist das eine der größten Erfolgsgeschichten der D
eutschen Einheit, deren 20. Jahrestag wir vor exakt vier Wochen hier in Bremen gefeiert haben.

Eines der schönen Symbole für das Zusammenwachsen unseres Landes ist das "Grüne Band" in der Mitte Europas. Früher waren hier Grenzanlagen mit Stacheldraht und Minenfeldern. Heute wandert man durch eine einzigartige Kette von Biotopen, durch einen naturhistorischen Schatz mit einer großen Vielfalt von Pflanzen und Tieren. Viele haben ihren Anteil daran, dass diese Wandlung geschehen konnte.

Einer der wichtigsten wird heute mit Ihnen geehrt, lieber Herr Gorbatschow. Ich denke dabei natürlich nicht allein an Ihre Schirmherrschaft, die das Projekt befördert hat, sondern vor allem an die große Geschichtswende, die Sie im Zeichen von Glasnost und Perestroika mit eingeleitet haben und die uns Deutschen die Wiedervereinigung in Selbstbestimmung erst ermöglichte. Wir Deutsche werden Ihnen das nie vergessen.

Heute kämpfen Sie mit einer bewundernswerten Leidenschaft für eine globale ökologische Perestroika, für einen ressourcenschonenden und energieeffizienten Umbau, für eine Lebensweise "mit der Natur statt gegen sie", wie Sie es in Ihrer "Charta für die Erde" beschreiben. Diese Herausforderung müssen wir mit Mut zum Wandel gemeinsam gestalten.

Vor unserer eigenen Haustür hat sich vieles gebessert. Aber in anderen Teilen der Welt nehmen Umweltzerstörung und Umweltverschmutzung stark zu - durch Industrialisierung und rapides Bevölkerungswachstum. Für zu viele Menschen sind verseuchte Gewässer, verpestete Luft und vergiftete Böden bittere Gegenwart. Nicht nur als Konsumenten sind wir fernab dieser Ländern mit daran beteiligt.

Und: Wir alle sind auf funktionierende globale Ökosysteme angewiesen. Wie langfristig einmal entstandene Umweltschäden sein können, ahnen wir beim Blick auf die Folgen der Havarie der Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko und der Giftschlammwelle aus einem ungarischen Aluminiumwerk.

Wir dürfen nicht länger für einen kurzfristigen Nutzen langfristige Schäden in Kauf nehmen. Das ist einfach ein Gebot der ökologischen wie der ökonomischen Vernunft.

Frische Luft, sauberes Wasser, fruchtbare Böden, bestäubte Pflanzen, Küstenschutz, Kohlendioxid-Speicherung - all das sind wichtige Dienstleistungen der Natur. Es ist gut, dass wir inzwischen den ökonomischen Wert dieser Dienstleistungen besser beziffern können. Immer mehr begreifen wir, welche immensen Werte hier auf dem Spiel stehen. Ein Bericht dazu wurde vor einigen Tagen auf der zum Glück erfolgreichen internationalen Biodiversitätskonferenz im japanischen Nagoya veröffentlicht.

An dieser Stelle möchte ich auch an Loki Schmidt erinnern, die vor zehn Tagen verstorben ist. Schon früh - lange bevor Biodiversität ein gebräuchlicher Begriff wurde - hat sie Schutzkonzepte für gefährdete Pflanzen und ganze Ökosysteme gefordert. Auch dafür ist sie 2004 mit dem Ehrenpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgezeichnet worden.

Ja, wir brauchen anspruchsvolle Klimaschutzvereinbarungen um den Klimawandel zu bremsen und Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden. Wir brauchen weitere gemeinsame Anstrengungen zum Erhalt der Artenvielfalt. Ich danke der Bundesregierung, dass sie sich weiterhin nachdrücklich für diese Ziele einsetzt. Und ich hoffe inständig auf einen Erfolg beim Klimagipfel im mexikanischen Cancún im Dezember. Nagoya macht dafür Mut. Auch ich nutze jedes Gespräch um hierfür zu werben.

Umwelttechnik hat das Potenzial, die globale Leitindustrie des 21. Jahrhunderts zu werden. Und unser Land ist in vielen Zukunftsbranchen wie Photovoltaik, Solarthermie, Wind- und Wasserkraft auf dem Weltmarkt in der Spitzengruppe. Hier können sich deutsche Ingenieurskünste voll entfalten. Hier bieten sich Absatzchancen im Ausland. Und hier steckt Potenzial für eine energie- und ressourcenschonende Lebensweise im Inland.

Gerade junge Menschen müssen wir motivieren, ihren Beitrag für eine nachhaltige Entwicklung zu leisten. Ich danke der Deutschen Bundesstiftung Umwelt dafür, dass sie sich auch auf diesem Gebiet engagiert. Es hat mich gefreut, die Begeisterung zu sehen, mit der die Sieger des Schülerwettbewerbs "Entdecke die Vielfalt" über ihre Projekte gesprochen haben. Lassen wir uns alle anstecken von der zupackenden Art unserer heutigen Preisträger. Ich hoffe, ich sehe Sie alle bei der "Woche der Umwelt" wieder, die im Juni 2012 im Park von Schloss Bellevue stattfinden wird.

Lester Brown, ein einflussreicher Umwelt-Denker, hat es treffend auf den Punkt gebracht: "Wenn Sie Herausforderungen mögen, dann gibt es keine großartigere Zeit zu leben als heute." Daraus spricht ein großer Mut. Diesen Mut wünsche ich uns allen!