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Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnung der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland

Bundespräsident Christian Wulff am Rednerpult Hannover, 7. November 2010 Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Lassen Sie Mut und Zuversicht in die Gesellschaft ausstrahlen"

Ich danke Ihnen herzlich dafür, dass Sie mich eingeladen haben und ich freue mich darüber, dass ich heute bei Ihnen sein darf, um als Staatsoberhaupt einige Worte zu Ihnen zu sprechen. Die Synode der EKD ist nicht nur das höchste beschlussfassende Gremium der evangelischen Kirche - sie zeigt auch, dass die sogenannten Laien und die Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche gleichberechtigt ihre Verantwortung in der Kirchenleitung wahrnehmen. Mir ist das sympathisch - und das sage ich ganz bewusst als Katholik, übrigens als erstes deutsches Staatsoberhaupt seit mehr als 40 Jahren, das seine geistliche Heimat in der katholischen Kirche hat.

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland versammelt sich in schwieriger Zeit. Die Probleme, die die Kirchen bedrücken, kennen Sie selbst am besten, die brauche ich Ihnen nicht aufzuzählen. Sie werden in kritischer Selbstbesinnung darüber beraten, wie der Weg der Kirche in die Zukunft gehen soll.

Es wäre aber keine christliche, keine evangelische Versammlung, wenn sie von Sorge oder Verzagtheit geprägt wäre. Eine christliche, eine evangelische Gemeinschaft versammelt sich im Glauben und in der Hoffnung - und deswegen schaut sie mit Mut und Zuversicht in die Zukunft. Sie weiß ja im Glauben: Die Zukunft wird nicht allein Menschenwerk sein. Sie weiß im Glauben: Wir werden von einer Kraft getragen, die größer ist als wir selbst.

Von diesem Mut und von dieser Zuversicht der Christen wünsche ich mir, dass sie in die ganze Gesellschaft ausstrahlen. Ich bin heute als Bundespräsident zu Ihnen gekommen, weil ich davon überzeugt bin, dass unsere Gesellschaft genau dieses Zeugnis der Kirche und der Christen braucht: das Zeugnis der Hoffnung, der Zuversicht und der Kraft, füreinander da zu sein.

Eine solche Botschaft der Hoffnung ist das Schwerpunktthema der Synode dieses Jahres: "Niemand darf verloren gehen".
Mit diesem Thema zeigen Sie: Die evangelische Kirche - und gleiches ließe sich auch für die katholische Kirche sagen - kümmert sich auch in schwierigen Zeiten um das Gemeinwohl, um das Ganze der Gesellschaft, um das Gelingen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Das ist gut, denn wir brauchen die Stimme der Kirche. Wir brauchen die Orientierung durch die christliche Botschaft der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Wir brauchen Menschen, die fest zu dieser Überzeugung stehen, die aus dieser Überzeugung heraus für andere da sind, die niemand verlorengeben. Es sind die Christen, die in vielerlei Weise für den Zusammenhalt in der Gesellschaft sorgen, ja dafür, dass diese Gesellschaft menschlich bleibt, dass das Leid gemindert und der Wert eines jeden Lebens anerkannt wird.

Das gilt übrigens auch im internationalen Maßstab. In vielen Ländern sind ja die Kirchen oft die einzigen Institutionen, die für Gerechtigkeit und Menschenwürde ihre Stimme erheben - und darüber hinaus erinnern sie uns hier mit ihrem internationalen Netzwerk daran, dass wir weltweit füreinander verantwortlich sind. "Brot für die Welt" oder Misereor sind die unverzichtbaren weltweiten Hilfswerke der Kirchen. "Brot für die Welt" - das bedeutet aber nicht nur, etwas zu essen zu geben, das bedeutet auch, sich zu kümmern um das Brot der Gerechtigkeit, um das Brot der Menschenwürde, um das Brot des Friedens und um das Brot der Freiheit, nach dem die Menschen in vielen Gegenden der Welt hungern. Auch um dieses Brot zu geben, setzen sich Christen mit Leidenschaft ein - wegen dieses Einsatzes und wegen ihres Glaubens werden Christen in vielen Ländern verfolgt und drangsaliert, das wollen wir heute nicht vergessen.

"Niemand darf verloren gehen": In diesem Thema, das weit über die Bildungspolitik hinausweist, erkenne ich die Treue zum christlichen Auftrag aus dem Evangelium selbst. Dort erfahren wir: Am Ende werden wir nicht danach gefragt werden, ob wir uns genug um uns selbst gekümmert haben.

Vielmehr werden wir, die Christen, gefragt, ob wir uns, wie der barmherzige Samariter, um den Verletzten gekümmert haben, der am Weg liegt, ob wir Hungernden zu essen gegeben, Nackte bekleidet, uns um Kranke gekümmert haben. Sie kennen alle die entsprechenden Reden und Gleichnisse. Die gelebte Nächstenliebe soll das Erkennungszeichen der Christen sein.

"Niemand darf verloren gehen": In diesem Schwerpunktthema sehe ich auch das klare Bekenntnis zur Tradition der Kirchen in unserem Land. Sie haben schon vor langer Zeit erkannt, dass Nächstenliebe nicht nur eine Sache des einzelnen und der individuellen Hilfe sein kann. Nächstenliebe in organisierten Gesellschaften verlangt selber auch nach Organisation und Struktur. Deswegen haben sich Caritas und Diakonie entwickelt als Hilfe für die Bedürftigen, als Hilfe für Arme und Kranke, für Suchtabhängige und Ratlose, für Gescheiterte und Verzweifelte.

Nächstenliebe hat auch eine politische Dimension. Nächstenliebe besteht auch in der Einmischung in die gesellschaftliche Diskussion. Die Kirchen haben deswegen - aus der Botschaft des Evangeliums heraus - eine Gesellschaftslehre entwickelt, von der Staat und Gesellschaft immer wieder gelernt und profitiert haben.

In dieser Gesellschaftslehre prägen Menschenwürde, Personalität, Solidarität, Subsidiarität und Freiheit das Bild vom Menschen und so auch die Form des menschlichen Zusammenlebens. "Niemand darf verloren gehen": Das könnte eine schöne und treffende Zusammenfassung der politischen Dimension der Nächstenliebe sein. Sie hat unsere Gesellschaft geprägt, die Bildungspolitik, die Sozialpolitik, das öffentliche Gesundheitswesen, die Altersrente bis hin zur Arbeitslosenversicherung; alle Ausgestaltungen des Sozialstaates gehen auch auf Vorstellungen der christlichen Gesellschaftslehre zurück.

Insofern sind unser Land und unsere Gesellschaft von der christlichen Tradition zutiefst geprägt. Das sehen wir erst recht, wenn wir über die sozialen Errungenschaften hinaus auf die Kultur schauen, auf Kunst, Literatur und Philosophie.

Keineswegs war das Christentum die einzige prägende Kraft, die bis in die Gegenwart wirkt. Unsere Kultur ist ebenso geprägt von der Aufklärung, vom Judentum, von der Arbeiterbewegung, vom Liberalismus und von der Frauenbewegung. Diese gesellschaftsprägenden Kräfte haben sich keineswegs immer schiedlich-friedlich nebeneinanderher entwickelt, sondern es hat heftige Auseinandersetzungen gegeben. Wir haben im Laufe unserer Geschichte gelernt, dass der einzige Weg, solche Auseinandersetzungen gewaltfrei und friedlich zu führen, der Weg der Freiheit, des Dialogs, der Toleranz und der Gleichberechtigung ist.

Jeder hat die Freiheit, zu glauben, was ihm von seinem Gewissen her richtig scheint, und er hat die Freiheit, seinen Glauben auch öffentlich zu bekennen. Genauso gilt die Freiheit, überhaupt keinen religiösen Glauben zu haben - und auch das zu bekennen. Das gilt nicht nur für unser Land, das gilt für Europa. Das ist ein wesentliches Element des christlich-jüdischen, des aufgeklärten und säkularen Abendlandes.

Einer der wichtigen Orte, um jungen Menschen die Dimension der Religion, des Glaubens und auch des Nicht-Glaubens vor Augen zu führen, ist der Religionsunterricht an den Schulen. Jeder Schüler sollte die Chance haben, an einem solchen Unterricht teilnehmen zu können. Und so ist es für mich selbstverständlich, dass es neben dem klassischen christlichen auch islamischen Religionsunterricht geben sollte - in deutscher Sprache von in Deutschland ausgebildeten Lehrern erteilt.

Der konfessionelle Religionsunterricht ist wertvoll, weil er dazu verhilft, sich in der eigenen Tradition auszukennen, weil er zur Reflexion über die eigene Identität anregt und immer neu auch die Frage nach der Wahrheit unseres Lebens und unserer Lebensentscheidungen aufwirft. Die Religionslehrerinnen und -lehrer leisten einen enorm wichtigen Dienst, der unseren Dank verdient hat.

Genauso wichtig, wie die Versicherung der eigenen Identität ist aber der Dialog mit denjenigen, die anderes und anderen glauben. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Dialog zwischen den Kulturen, der Dialog zwischen den Religionen zu den entscheidendsten Zukunftsfragen in unserem Land und in der Welt gehört. Dieser Dialog zwischen den Religionen ist aber keine Sache allein von Experten in klimatisierten Konferenzräumen, sondern er ist eine Sache des täglichen Lebens. Auf dem Schulhof, auf dem Sportplatz, im Stadtviertel: Die Orte des täglichen Lebens müssen von Toleranz und vom Miteinander der Verschiedenen geprägt sein. Nur dann hat auch der Dialog der Kulturen und Religionen eine Chance.

Ich komme noch einmal auf die christliche Botschaft dieser Synode und dieses Tages zurück: "Niemand darf verloren gehen". Ich bin persönlich überzeugt davon, dass die Kirchen und die engagierten Christen und die Botschaft, die sie zu sagen haben, diesem Land gut tun. Die gelebte Nächstenliebe in Caritas und Diakonie, die politischen Einmischungen zugunsten der Schwachen, das Erheben der Stimme für die, die keine Stimme haben - all das ist gut für uns alle. Gut und für den Zusammenhalt der Gesellschaft fruchtbar ist das vieltausendfache ehrenamtliche Engagement in den Kirchen, ob im Zentrum oder an den Rändern, vom Posaunenchor über die Krankenbesuchsdienste bis hin zu den unzähligen Jugendgruppen, in denen Verantwortung für andere, selbstloser Dienst und auch demokratische Formen des Miteinanders eingeübt werden. Tagtäglich geben engagierte Seelsorgerinnen und Seelsorger, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirche dieser Gesellschaft ein Zeugnis der Hoffnung und der Zuversicht. Sie haben großen Dank verdient.

All das Engagement für andere aber wird zusammengehalten und getragen von dem Glauben daran, dass es nicht allein auf unsere Leistung und unser Engagement ankommt, sondern dass wir alle getragen und geleitet werden. Diese geistliche, diese spirituelle Dimension des Glaubens: Gottesdienst, Meditation und Gebet, öffnet uns immer wieder für das, was über uns und über unsere kleine Sorge um uns selbst hinausgeht.

Ich hoffe, dass es den Kirchen immer wieder gelingt, zu dieser ihrer wichtigsten Quelle zurückzufinden und daraus zu leben. Das wird auch immer wieder junge Menschen faszinieren und begeistern, und so braucht es uns um die Zukunft des Glaubens nicht bang zu sein.

Ihnen allen, liebe Synodalen, allen Ihren Angehörigen und Freunden und allen Schwestern und Brüdern wünsche ich von Herzen alles Gute und Gottes Segen.