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Bundespräsident Christian Wulff bei der Konferenz "Falling Walls"

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache Berlin, 8. November 2010 Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Guido Bergmann, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Der Mauerfall war einer der glücklichsten Momente unserer Geschichte"

Morgen ist es 21 Jahre her, dass sich auf der östlichen Seite des Grenzübergangs Bornholmer Straße Tausende von DDR-Bürgerinnen und Bürgern versammelten. Sie riefen "Tor auf, Tor auf" und erzwangen die Öffnung der Berliner Mauer. Der Anlass war - nach wochenlangen Demonstrationen - eine Äußerung in einer Pressekonferenz. Die Ursachen waren vielschichtig.

Der Mauerfall in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 war ein historischer Durchbruch im wahrsten Sinne des Wortes. Der Beginn eines tief greifenden Umbruchs - für Deutschland, für Europa - ein Umbruch, der Mut macht. Wir feiern morgen den Mauerfall als einen der glücklichsten Momente in unserer Geschichte. Als den Moment, der uns die Wiedervereinigung in Freiheit und Selbstbestimmung ermöglichte.

Das gibt uns Anlass, den Blick dahin zu richten, wo heute in der Welt Mauern Menschen behindern. Es erscheint beinahe vermessen, eine Konferenz unter die Überschrift zu stellen: "Welche Mauern fallen als nächste?" Meine Antwort: Wünschenswert wäre es, die Mauern zwischen den Akteuren in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik einzureißen. Die Mauern zwischen Nationen, zwischen Angehörigen verschiedener Religionen, zwischen Arm und Reich. Mauern, die unser Wissen, unser Können und unser Wollen beschränken.

Es ist gut zu fragen, welche Durchbrüche wir brauchen, um künftig mit sieben, acht oder neun Milliarden Menschen friedlich zusammen auf diesem Planeten zu leben, ohne unsere Lebensgrundlagen zu gefährden. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können viel dafür tun, um Mauern abzutragen, um religiöse, kulturelle oder ökonomische Grenzen zu überwinden und Antworten zu finden auf die großen Herausforderungen unserer Zeit.

Wissenschaft ist seit jeher auf internationalen und interkulturellen Austausch hin angelegt und darauf angewiesen. Ich bin zum Beispiel gespannt auf den Vortrag der Islamwissenschaftlerin Sabine Schmidtke. Sie forscht über eine Zeit, in der muslimische, jüdische und christliche Gelehrte eine einzigartige kulturelle und intellektuelle Gemeinschaft bildeten. Im Schloss in Jever im ehemaligen Herzogtum Oldenburg hängt ein Gemälde, das zeigt, wie man sich damals, im 17. Jahrhundert, den Dialog zwischen Abendland und Morgenland und den Dialog der Religionen vorstellte - in einer mediterran aussehenden Wandelhalle führen Menschen - offensichtlich unterschiedlicher Herkunft - friedliche Gespräche. Das Bild zeugt von den Idealen der Aufklärung. Und auf einer Schnupftabakdose aus einem bäuerlichen Haushalt in Ostfriesland finden sich ein Franziskaner, ein Jude, ein evangelischer Geistlicher, ein Moslem und ein junger Freigeist einträchtig nebeneinander.

Den Dialog müssen wir viel intensiver pflegen. Wer sich heutzutage hinter den Mauern seines Fachgebiets verschanzt, wird wenig Chancen haben, etwas entscheidend Neues beizutragen. Die meisten Fragen unserer Zeit lassen sich viel besser beantworten, wenn sie aus den verschiedenen Perspektiven unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen in Angriff genommen werden. Wir fangen ja gerade erst an zu verstehen, wie komplex viele Systeme sind, die uns umgeben. Über manches wissen wir noch erstaunlich wenig: von den Zusammenhängen in lokalen und globalen Klimasystemen bis hin zur Funktionsweise unseres Gehirns oder unserer Gefühle.

Mein Gefühl ist: "Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir zu wenig." Vor zwei-, dreihundert Jahren gab es noch Universalgelehrte, die über die ganze Bandbreite des Wissens verfügten und meist große Nähe zur Politik hatten. Denken Sie an Leibniz. Heute gibt es allerorten Spezialisten, die vereinzelt in ihrer jeweiligen Nische forschen.

Auch hier heißt die Devise: Mauern überwinden, neue Allianzen schmieden, interdisziplinäres Arbeiten selbstverständlich machen, thematisch und methodisch die traditionellen Ordnungen des Wissens durchkreuzen! Mit einer großen Portion Neugier auf andere, auf ihre Methoden und ihre Erkenntnisse. Das heißt aber auch, neue Wege zu gehen: bei der Kooperation von Fachhochschulen und Universitäten, bei der Gestaltung der Curricula und auch in der Gliederung von Fakultäten.

Ein sehr aktuelles gutes Beispiel dafür, sozusagen die jüngste Hoffnung, zeigt sich in der Alzheimerforschung. Die Göttinger Alzheimerforscher unter Leitung von Prof. Thomas Bayer haben gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Amsterdam, Berlin, Bonn, Helsinki und Uppsala eine Impfung entwickelt, die zumindest bei Mäusen Alzheimer gestoppt hat. Es wäre fantastisch, wenn dieses europäische Forscherteam eine Impfung gegen ein Leiden entwickeln könnte, mit dem allein in Deutschland 1,2 Millionen Menschen leben müssen.

So manche Mauer, die die Wissenschaft umgibt, muss noch abgetragen werden. Wir brauchen mehr Aufsteiger aus so genannten bildungsfernen Schichten und mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Zuwanderungsgeschichte. Mehr Möglichkeiten, mit beruflichen Qualifizierungen Zugang in die akademische Welt zu erhalten. Das ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch der Klugheit. Wie sollen unsere akademischen Eliten in einer globalisierten Welt mit Menschen unterschiedlicher Kulturen, Herkunft und Bedürfnisse erfolgreich sein, wenn sie in ihren eigenen Reihen so wenig Vielfalt und Erneuerung zulassen?

Wir sollten es überall so machen, wie es ja bei den großen Forschungsorganisationen geht, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft über die Helmholtz- und die Leibniz-Gemeinschaft bis hin zur Max-Planck- und zur Fraunhofer-Gesellschaft, und uns noch mehr für Studierende und Forschende aus anderen Ländern öffnen. Den Besten von ihnen hier eine neue Heimat zu bieten, schafft Verbindungen in alle Welt, schafft Kommunikation und Kooperation, auf die ein rohstoffarmes Land wie Deutschland angewiesen ist. Und es ist zugleich auch ein wichtiger Beitrag zu einem gesellschaftlichen Klima der Offenheit für kulturelle Vielfalt.

Die eigentlichen Durchbrüche sind aber nur möglich, wenn sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf einen Dialog mit der Gesellschaft einlassen, wenn sie Willens und in der Lage sind, ihre Forschung auch interessierten Laien verständlich zu machen. Wenn sie den Dialog mit der Politik und mit der Wirtschaft suchen, um ihre Erkenntnisse fruchtbar zu machen. Und wenn Sie auf hellhörige Parlamente, Regierungen und Verwaltungen treffen, die sich zu ihren Defiziten bekennen und Abhilfe dagegen schaffen wollen.

Wir brauchen viel mehr Grenzgänger, die in der Lage sind, zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu wechseln und die wissen, unter welchen Bedingungen, Zwängen und Möglichkeiten die jeweils anderen handeln. Nur so können aus guten Ideen auch gute Projekte oder Produkte werden. Darum sind Konferenzen wie diese so wichtig: Hier kommen Vertreter aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft und aus verschiedenen Ländern zusammen, hier herrscht Neugier, Offenheit und die Lust auf neue Verbindungen. Das Bundespräsidialamt, das auch zur Denkfabrik wird, wartet jedenfalls mit Spannung auf die Manuskripte!

Die meisten großen Durchbrüche basieren auf der Vorarbeit von vielen. Auch bei wissenschaftlichen Revolutionen ist das so. Den Durchbruch an sich aber verdanken wir dann oft dem einzelnen rebellischen Geist, der gegen statt mit dem Strom schwimmt und Widerspruch aushält. Hier können wir an Albert Einstein denken, und nicht nur an seine legendäre herausgestreckte Zunge. Niemand hat vorhergesehen, dass er es schaffen würde, innerhalb nur eines Jahres das bis dahin vorherrschende physikalische Weltverständnis nachhaltig zu erschüttern

Fest steht: Wissenschaftliche Durchbrüche gehen fast immer damit einher, dass bisher herrschende Theorien in Frage gestellt werden und damit zugleich auch die alten Autoritäten. Wer Durchbrüche erzielen will, muss also unangepasste Geister ertragen und möglichst auch fördern. Nach dem Durchbruch waren alle dafür. Erscheint das Neue für alle ganz selbstverständlich. Ich nenne als Beispiele Reformation, Aufklärung, Arbeiterbewegung, Frauenbewegung. Grundfreiheiten, Frauengleichstellung, Demokratie - all das erscheint uns selbstverständlich. Aber das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts ist gerade mal 50 Jahre alt, das Frauenwahlrecht keine 100 Jahre alt.

Meine Damen und Herren, es liegt mehr vor als hinter uns. Grundsätzlich können wir festhalten: Wenn wir künftig sieben, acht oder gar neun Milliarden Menschen eine Chance haben sollen, sich in Frieden frei zu entfalten, wenn sie genügend Nahrung, sauberes Trinkwasser, Ärzte, Schulen und Energiequellen zur Verfügung haben sollen, und all das ohne ökologische Grenzen zu überschreiten - dann wird die Menschheit einen sehr grundlegenden Wandel schaffen müssen. Ich glaube, es gibt kulturelle "tipping points", Punkte, an denen ein Wandel, der sich langsam ankündigt, plötzlich überall zu spüren ist. An denen sich die Sichtweise auf die Welt innerhalb kurzer Zeit verändert, und unsere Verhaltensweisen ebenfalls.

Wir werden noch viele Durchbrüche brauchen: für ein energieeffizientes und ressourcenschonendes Wirtschaften. Für ein verbessertes Miteinander von Nationen, Kulturen und Religionen. Und auch da brauchen wir das Bewusstsein dafür, welch langen Weg Europa in seiner Geschichte zurückgelegt hat. Wir brauchen mehr dezentrale Entwicklung, gerade was Landwirtschaft und Ernährungsfragen angeht. Und wir brauchen eine solide internationale Finanzordnung.

In der Wissenschaft begegnet uns eindrucksvoll ein Ideal der Menschheit: Die Hoffnung auf eine Welt ohne Mauern, in der alle gut leben können. Und ein Ideal der Begegnung ohne Mauern in den Köpfen, ohne die Mauern der Herkunft, des Geschlechts oder des Glaubens, allein basierend auf Erkenntnis. Dieses Ideal sollte unser aller Ziel sein!