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Bundespräsident Christian Wulff zum 150-jährigen Jubiläum des Stahlinstituts VDEh

Bundespräsident Christian Wulff am Rednerpult Düsseldorf, 12. November 2010 Foto: Thomas Imo, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Thomas Imo, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

"Ein starker industrieller Kern ist wichtig für unser Land"

Wir sind zusammengekommen, um ein beeindruckendes, Jubiläum zu begehen: 150 Jahre in einer solch bewegten Branche wie der Stahlindustrie! Ich gratuliere Ihnen außerordentlich gerne zu diesem Jubiläum. Vor allem auch deshalb, weil ich große Hoffnungen in die Zukunft Ihrer Branche setze. Der Anlass 150 Jahre Stahlinstitut Verein Deutscher Eisenhüttenleute stimmt mich in vielerlei Hinsicht zuversichtlich.

Es gilt nicht nur, eine große Geschichte zu feiern, sondern es geht auch darum, uns die Rolle der Stahlindustrie als Fundament für die Zukunftsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland zu vergegenwärtigen. Stahl spielt mit innovativen Lösungen auf ganz unterschiedlichen Feldern auch heute eine bedeutende Rolle und wird dies auch in den nächsten Jahrzehnten tun. Stahl steht nicht nur für Tradition, sondern auch für Moderne. Das ist der eigentliche Grund zum Feiern. Es gab immer wieder mal Stimmen, die behaupteten, unsere Schiffe würden in Zukunft allein in Korea gebaut, weshalb wir der deutschen Strahlindustrie nicht mehr allzu viel Aufmerksamkeit widmen sollten. Heute wissen wir, dass deutsche Spezialschiffbauer weltweit einen führenden Status erworben bzw. ihn verteidigt haben. Heute wissen wir durch die Erfolge im Bereich der regenerativen Energien, beispielsweise beim Bau von Windkrafträdern, dass die Stahlbranche in Deutschland Zukunft hat. Aus Stahl entsteht etwas, was man anfassen kann. Es entstehen hochtechnologische Produkte, die eine breite Verwendung haben. Die deutsche Stahlindustrie, hat die Chancen der Globalisierung erfolgreich genutzt. Diese Chancen gilt es zu verteidigen gerade in der gegenwärtigen Diskussion um Gefahren des weltweiten Protektionismus, die gegenwärtig auch Gegenstand der Beratungen beim G-20-Gipfel in Seoul in Korea sind. Die deutsche Stahlindustrie hat die globale Wirtschaftskrise gut überstanden. Stahl hat sich einmal mehr als äußerst hart, aber auch als äußerst flexibel erwiesen.

Am 3. Oktober - am Tag der Deutschen Einheit - habe ich in Bremen gefordert, dass man Zuversicht vor allem aus den Stärken schöpfen müsse, die unser Land auszeichnen und für die Deutschland weltweit bewundert wird. Ich habe deutlich gemacht, dass wir stolz sein können auf unser soziales Klima, auf die Fähigkeit zum Kompromiss und auf den Willen zur Solidarität. Gerade diese Eigenschaften haben uns in der Wirtschaftskrise geholfen. Beschäftigte, Arbeitgeber und Gewerkschaften haben gezeigt, dass wir imstande sind, zusammenzustehen und Lösungen zu finden - auch in schwierigen Situationen. Beispielsweise konnten die Unternehmen viele hochqualifizierte Mitarbeiter mit Hilfe der flexiblen Regelungen für Kurzarbeit weiterbeschäftigen. Diese Einstellung, so habe ich es in Bremen formuliert: "Das ist Deutschland!"

Wie kein zweites industrielles Produkt ist Stahl mit der Industrialisierung verbunden. Als das Stahlinstitut 1860 gegründet wurde, bahnte sich der Welterfolg des Stahls erst an. Schon in der Gründerzeit des Deutschen Reiches gewann der Stahl eine strategische Bedeutung, die er für weite Teile der Geschichte des 20. Jahrhunderts behielt - für den rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands, aber auch - das darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden - für vielfältige Zerstörung, für Leid, vor allem durch die Kriege, die Europa verwüsteten. Nicht umsonst nannte der deutsche Schriftsteller Ernst Jünger seinen berühmten, aber auch umstrittenen Roman "In Stahlgewittern".

Sicher auch vor diesem Hintergrund wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Schritt zur friedlichen Zusammenarbeit und zur Aussöhnung in Europa durch die Montanunion gesetzt. 1951 gründeten Deutschland, Frankreich, Italien und die Benelux-Staaten die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Stahl bildete mit all seinen Chancen und Risiken das Fundament, auf dem ein neues Europa in Einheit und Frieden entstehen konnte. Die Montanunion wurde zur Keimzelle der Europäischen Union.

Mit der Stahlindustrie ist vieles verbunden, auch eine bewegte Geschichte der Zuwanderung, weil die Industrialisierung viele Arbeitskräfte benötigte. Die Arbeiter kamen damals vornehmlich aus dem preußischen Osten, dem heutigen Polen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden dann Hunderttausende Flüchtlinge und Vertriebene im Kernland der deutschen Stahlindustrie, in Nordrhein-Westfalen, Arbeit und ein neues Zuhause. Sie haben in Jahren des Wirtschaftswunders viel bewegt. In jener Zeit kamen weitere Zuwanderer aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei, um nur einige Länder zu nennen. Sie nutzten ihre Chance und trugen durch harte Arbeit zum Aufschwung Deutschlands, zum Aufschwung unseres Landes bei.

Nachdem wir im letzten Jahr die schwerste Wirtschaftskrise seit Bestehen der Bundesrepublik erfahren haben, erleben wir nun eine deutliche konjunkturelle Erholung. Ich erinnere mich, Herr Präsident Keitel, dass wir mehrfach den möglichen Verlauf der Krise diskutiert haben. Es bestanden und bestehen weiterhin viele Unsicherheiten, aber - ich meine - wir können jetzt eine erste Zwischenbilanz ziehen und feststellen, dass wir auf einem guten Weg sind. Diese Zwischenbilanz fällt sicher besser aus, als wir vor zwei Jahren befürchteten.

Beim Arbeitsmarkt haben wir gute Fortschritte gesehen. Vor wenigen Jahren noch hätte es kaum jemand für möglich gehalten, dass wir heute die niedrigste Arbeitslosigkeit in Deutschland seit dem Boom nach der Wiedervereinigung haben. Der deutliche Rückgang der Arbeitslosigkeit ist auch ein Ergebnis der guten Zusammenarbeit der Tarifpartner. Unser System der Sozialpartnerschaft funktioniert gerade auch in der Stahlindustrie. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, der dem Standort Deutschland nutzt und auf den wir stolz sein können.

Es hat sich erneut gezeigt, wie wertvoll und wichtig der starke industrielle Kern unserer Volkswirtschaft ist, der manche Blasen - sei es die Internetblase am Neuen Markt, seien es die jüngsten Spekulations- und Immobilenblasen - überdauert.

Viele deutsche Unternehmen sind an Weltmärkten mit innovativen Produkten führend und profitieren von den globalen Wachstumskräften. Die deutsche Wirtschaft ist breit gefächert, sie deckt nahezu alle Branchen ab. Um die Chancen der Globalisierung weiter nutzen zu können, müssen wir für freien Welthandel und offene Märkte eintreten. Freier und fairer Welthandel trägt dazu bei, dass sich die wettbewerbsfähigsten Lösungen, die besten Produkte, das heißt auch die ressourcen- und energieeffizientesten, durchsetzen und nicht diejenigen, die von nationalen Politikmaßnahmen sowie Grenz- und Zollkontrollen geschützt werden. Deutschland muss gemeinsam mit anderen Handelsnationen für offene Märkte werben. Denn die Gefahr des Protektionismus ist aktueller denn je.

Die deutsche Stahlindustrie hat immer meine Sympathie gehabt, weil sie ihr wichtigstes Kapital in den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ihrer Unternehmen sieht. Die Stahlindustrie war sich immer bewusst, dass es auf innovative Technologien ankommt, um im internationalen Wettbewerb die Nase vorn zu haben. Know-how und kluge, gut ausgebildete Köpfe sind dabei entscheidend. Bei Werkstoffen, bei Vorprodukten ist das beste Know-How der Schlüssel, um auch mit Konsum- und Investitionsgütern am Weltmarkt erfolgreich zu sein.

Die Stahlindustrie ist sozusagen der "harte Kern" des Industriestandortes. Sie ist Keim und Basis für eine Reihe von Innovationen in anderen Industriesektoren, wie beispielsweise der Elektronikindustrie und der IT-Branche. Es ist die Kombination aus verschiedenen industriellen Feldern, die die Entwicklung neuer, führender Lösungen ermöglicht, die deutsche Produkte auf den Exportmärkten erfolgreich machen. So bilden Stahlprodukten die Grundlage für zahlreiche innovative Lösungen im Maschinen- und Anlagenbau.

Die Anwendungsmöglichkeiten von Stahl kommen dabei einem Querschnitt der deutschen Industrie gleich, angefangen von der Herstellung von Autos, Schienenfahrzeugen, Schiffen und Flugzeugen über die Bauwirtschaft, den Maschinen- und Anlagenbau bis hin zur Umwelt- und Energietechnologien, bei denen Deutschland eine Spitzenstellung in der Welt einnimmt.

Mich stimmt die Fortentwicklung der Werkstofftechnik besonders optimistisch. So können hochfeste Stähle mit ihren Leichtbaueigenschaften in der Automobilindustrie einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz leisten, zu geringerem Treibstoffverbrauch und damit auch zu reduzierten CO2-Emissionen. Dies zeigt, dass eine gesunde Basis an industrieller Produktion für Deutschland unverzichtbar ist, um als Technologiestandort wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die deutsche Wirtschaft ist global aufgestellt und agiert erfolgreich im Ausland, bei Produktion, bei Einkauf und Verkauf. Erst durch diese globale Vernetzung hat die deutsche Industrie Wettbewerbsvorteile erzielt und den Industriestandort Deutschland gestärkt. So sichern von deutschen Unternehmen im Ausland geschaffene Arbeitsplätze auch die Beschäftigung in Deutschland. Gleichzeitig trägt das Auslandsengagement zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung in vielen Ländern der Welt bei. Wir können daher mit gutem Grund sagen, dass nicht nur wir Nutznießer der Globalisierung sind, sondern auch die Länder, mit denen wir Handel treiben und mit deren Wirtschaft wir eng vernetzt sind. Diese Zusammenhänge müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen.

Nicht zuletzt die deutsche Stahlindustrie hat durch die internationale Verflechtung, durch die Konzentration auf Spezialprodukte und innovative Lösungen ihre Stellung gefestigt.

Was die deutsche Industrie für eine erfolgreiche Zukunft braucht, sind faire und längerfristig verlässliche Rahmenbedingungen und Anreize. Es erfordert eine Politik mit Augenmaß, damit industrielle Produktion in Deutschland wettbewerbsfähig bleiben kann. CO2-Reduzierung ist ein extrem wichtiges Thema, bei dem Deutschland Vorreiter bleiben muss. 1860 ging es in Deutschland und Europa um Wege in die Industrialisierung. 2010 und in Zukunft geht es um den Übergang in eine umweltfreundliche und nachhaltige Wirtschaft. Die Schritte zur CO2-Reduzierung müssen sich aber auch an der technischen Machbarkeit orientieren.

Ich weiß um die Sorgen der Industrie um sichere Rohstoffversorgung und bezahlbare Energie. Das sind Schlüsselfragen für Deutschland als Produktionsstandort. Hier müssen Politik und Wirtschaft zusammen Lösungen finden, die im europäischen und globalen Maßstab Bestand haben.

Deutschland muss in den wichtigen Fragen des Klima- und Umweltschutzes, der Energie - und der Rohstoffeffizienz vorangehen und eine führende Rolle spielen. Da ist auch die Eigeninitiative der Wirtschaft gefragt. Die Wirtschaft muss zuallererst in Eigenverantwortung ihre Rohstoffversorgung sichern und darf nicht alleine auf die Politik vertrauen. Angesichts der hohen weltweiten Konkurrenz um Rohstoffe ist von Seiten der Wirtschaft dringend entschlossenes Handeln gefragt, um für die Zukunft gerüstet zu sein.

Mich stimmt optimistisch, dass Deutschland beim Recycling von Stahl innerhalb der Welt eine Vorreiterrolle einnimmt. Der Wettstreit um die besten Innovationen kann nur gelingen, wenn die deutsche Industrie auf exzellente Forscher, kreative Ingenieure und kompetente Techniker zurückgreifen kann. Uns werden aber auf mittlere Frist Hunderttausende dieser Fachkräfte fehlen. Das Problem des Fachkräftemangels müssen wir daher jetzt angehen.

Wir müssen junge Menschen begeistern für Technik und Innovationen, wir müssen Ihnen Ausbildungs- und Berufschancen in naturwissenschaftlichen Fächern eröffnen. Es geht darum, nicht nur Basiskenntnisse in Mathematik und anderen naturwissenschaftlichen Bereichen zu vermitteln, sondern darum, Begeisterung für Ingenieurwissenschaften und Technik zu wecken. Ein großes Potential sehe sich in Frauen und jungen Mädchen, die sich für technische Berufe interessieren.

Darüber hinaus brauchen wir eine bessere Aus-, Fort- und Weiterbildung von Beschäftigten in den Unternehmen. Wir müssen die Erfahrungen älterer Arbeitnehmer besser nutzen und sie weiterqualifizieren. Zudem sind die Unternehmen gut beraten, flexible Arbeitsmodelle zu entwickeln, um die Fähigkeiten unserer gut qualifizierten Fachkräfte länger zu nutzen, als wir das bislang tun.

Wir werden auch qualifizierte Zuwanderer brauchen. Sie müssen in Deutschland willkommen sein.

Gerade in einer alternden Gesellschaft müssen wir uns anstrengen, um für junge, leistungsfähige und risikobereite Menschen attraktiv zu sein. Wir stehen im globalen Wettbewerb um die klügsten, um "die besten Köpfe". Wir können uns dabei nicht allein auf die Frage der Zuwanderung beschränken, sondern müssen auch darüber diskutieren, wie wir die Abwanderung junger Menschen aus unserem Land verhindern bzw. diejenigen, die ins Ausland gegangen sind, für Deutschland gewinnen können. Diese Fragen hängen entscheidend davon ab, wie weltoffen, flexibel, modern und zukunftsgewandt Deutschland ist.

Es gibt viele Herausforderungen der Zukunft, mit denen wir uns intensiv auseinandersetzen müssen, ich möchte es aber jetzt damit bewenden lassen, dass wir erfreut auf die Geschichte 150 Jahre Stahlinstitut zurückblicken und uns auf unsere Stärken besinnen. Dabei hilft es, sich die Vorzüge von Stahl zu vergegenwärtigen. Stahl ist widerstandsfähig, er ist hart und er ist robust. Er ist zugleich formbar, flexibel und damit wandelbar und zukunftsfähig. Die Kombination dieser Eigenschaften lässt uns mit Optimismus in die Zukunft schauen.

Und so bleibt mir am Schluss, Sie zu bitten, dass Sie dafür Sorge tragen, dass bei der 300-Jahr-Feier dann auf die zweite Hälfte genauso eindrucksvoll zurückgeschaut werden kann, wie auf die erste Hälfte der 300 Jahre. Der Rückblick auf die vergangenen 150 Jahre Stahlindustrie ist eindrucksvoll, die Ausblick auf die Zukunft ist hoffnungsvoll. Jetzt liegt es an Ihnen, die Chancen für die deutsche Stahlindustrie zu nutzen, frei nach dem Philosophen Georg Christoph Lichtenberg: "Was nützt der schönste Sonnenaufgang, wenn man gar nicht aufgestanden ist."

Ich wünsche allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, den Arbeitgebern, den Aktionären und den Eigentümern der mittelständischen Unternehmen viel Erfolg beim Nutzen der Chancen, die der Stahlsektor bietet.