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Bundespräsident Christian Wulff beim Neujahrsempfang für das Diplomatische Korps

Bundespräsident Christian Wulff steht an einem Rednerpult in Schloss Bellevue. Links von ihm steht die schwarz-rot-goldene Standarte, hinter ihm stehen Männer und Frauen. Schloss Bellevue, 11. Januar 2011 Foto: Jürgen Gebhardt, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Jürgen Gebhardt, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Ich heiße Sie herzlich willkommen hier in Schloss Bellevue. Herr Nuntius, ich danke Ihnen für die guten Wünsche, die Sie im Namen des Diplomatischen Korps ausgesprochen haben, und erwidere diese gerne.

Die Erfahrungen in den letzten sechs Monaten - den ersten meiner Amtszeit - mit Ihnen allen waren außerordentlich positiv und haben mir große Freude bereitet. So denke ich gerne an unseren gemeinsamen Tagesausflug nach Thüringen, an dem sich fast alle Kolleginnen und Kollegen aus dem Diplomatischen Korps beteiligt haben.

Im vergangenen Jahr hat unser Land "20 Jahre Deutsche Einheit" gefeiert. Und eigentlich alle von Ihnen haben mit uns gefeiert und an den Feierlichkeiten teilgenommen. Wir Deutsche wissen und vergessen nie: Unsere Einheit konnten wir nur erringen, weil die Völker Mittel- und Osteuropas nach Freiheit strebten und weil uns unsere Verbündeten zur Seite standen.

In diesen 20 Jahren hat sich die Welt dramatisch verändert. Für uns Deutsche, das sollten wir nie vergessen, zum Vorteil. Wir sind heute in Europa von Freunden umgeben. Mit unseren Partnern in der ganzen Welt konnten wir unsere Beziehungen weiter ausbauen, es sind neue Freundschaften hinzugekommen, alte Freundschaften wurden gestärkt.

Mancher von Ihnen hat mir eben gesagt: Die Beziehungen zwischen unseren Ländern sind so gut wie niemals zuvor. Und das ist ein wirklich erfreuliches, ein ermutigendes Zeichen.

Deutschland ist in guter Verfassung für die nächsten 20 Jahre. Die Deutschen blicken zuversichtlich und mit Optimismus nach vorn. Die Wirtschaft steht auf einem soliden Fundament. Wir haben sinkende Arbeitslosenzahlen und der Aufschwung hält an. Das ist besonders erfreulich, weil auch viele andere Länder darauf hoffen, dass eine Volkswirtschaft wie die deutsche mächtig an Fahrt zulegt.

Aber es bleiben zahlreiche große Herausforderungen für die Staatsfrauen und Staatsmänner, aber auch für die Diplomaten. In der so eng vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts sind fast alle großen Herausforderungen nur noch in weltweiter Kooperation zu lösen. Frieden und Sicherheit, der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, die Gestaltung des Klimawandels, die Reduzierung von Armut, das Sicherstellen der universellen Geltung der Menschenrechte und die Bekämpfung des Terrorismus übersteigen die Kräfte eines jeden einzelnen Landes. Nur gemeinsam können wir diese Themen und Herausforderungen angehen. Und das erhöht gerade auch die Bedeutung der Diplomatie! Wir Deutsche wollen die Zukunft zusammen mit den Staaten und Internationalen Organisationen gestalten, die Sie in Deutschland vertreten.

Deutschland hatte sich um einen nichtständigen Sitz im Sicherheitsrat beworben. Es ist vielfacher Unterstützung auch aus Ihrem Kreis zu verdanken, dass unserem Land bereits im ersten Wahlgang so großes Vertrauen entgegengebracht wurde und wir diesen Sitz für zwei Jahre einnehmen dürfen. Für uns sind die Vereinten Nationen das Forum zur Regelung globaler Probleme. Aber die Vereinten Nationen müssen die Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts widerspiegeln und deswegen bleibt ihre Reform für Deutschland ein besonders wichtiges Anliegen.

Mit den G20 hat sich ein neues Gremium und eine neue Form der Zusammenarbeit etabliert. Auch hier wird sich Deutschland besonders engagiert einbringen für eine effektivere weltweite Regulierung der Finanzmärkte.

Europa ist und bleibt der Ankerpunkt Deutschlands in der internationalen Politik. Wir sehen unsere Zukunft im zusammenwachsenden Europa. Wenn Europa erfolgreich ist, wird auch Deutschland erfolgreich sein. Ganz bewusst habe ich zu Beginn meiner Amtszeit zuerst das Europäische Parlament, unsere europäischen Nachbarn und die Institutionen der Europäischen Union in Brüssel besucht.

Wir sind solidarisch auch in der Krise. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, auch für die gemeinsame Währung, den Euro. Wir sind bereit, Verantwortung zu tragen und erwarten das auch von unseren europäischen Partnern. Der Europäische Rat hat im Dezember wichtige Weichen gestellt, aber dabei kann es nicht bleiben. Es ist noch viel zu tun. Nur wenn alle in Solidarität und Verantwortung handeln, werden wir die Folgen der Krise hinter uns lassen und der Euro wird so stabil bleiben, wie er ist, als eine der Leitwährungen in der Welt.

Für mich als Bundespräsident ist es eine besondere Ehre, unser Land in Europa und der Welt vertreten zu dürfen und so mit dazu beizutragen, dass sich unsere Beziehungen weiter vertiefen.

Seit meinem Amtsantritt hatte ich bemerkenswerte Begegnungen in verschiedenen Ländern der Welt und hier in Berlin. Staatsoberhäupter und Regierungschefs aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika waren zu Besuch. In der Schweiz, Russland und der Türkei wurde ich zu Staatsbesuchen empfangen, in Südafrika habe ich mit Präsident Zuma und anderen afrikanischen Staatsführern gesprochen. Ich habe dort erlebt, dass man sich für einen Ausbau der bilateralen Beziehungen einsetzt, wie wir dies auch tun.

Mit dem Besuch in Israel und in den Palästinensischen Gebieten noch im ersten Halbjahr meiner Amtszeit wollte ich ein Zeichen der besonderen deutschen Verantwortung aus der Shoah für das Existenzrecht Israels setzen und gleichzeitig deutlich machen, dass wir Deutsche uns für Israel und die Palästinensischen Gebiete einen dauerhaften und gerechten Frieden wünschen. Ein solcher Frieden kann nur erreicht werden, wenn zwei Staaten - Israel und ein unabhängiger palästinensischer Staat - in anerkannten Grenzen Seite an Seite leben.

Mir ist es wichtig, einen tiefen Eindruck zu gewinnen von den unterschiedlichen Regionen der Welt, ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihren Traditionen und dabei Deutschland und das, wofür wir stehen, vorzustellen. Ich werde sicher nicht in all die Länder reisen können, die Einladungen ausgesprochen haben. Umso mehr brauchen wir Sie als Diplomaten, als "Brückenbauer", die unsere Denkweise hier in Deutschland ergründen und uns die Sicht Ihrer Heimatländer erläutern.

Ich bin tief überzeugt, dass die Zukunft den Ländern, den Staaten, den Nationen gehört, die offen sind für kulturelle Vielfalt, die dem Fremden nicht mit Ablehnung begegnen, sondern mit Respekt und die bereit sind, sich mit ihm auseinanderzusetzen. Gewalt gegen Religionsgemeinschaften, wie wir sie in der jüngsten Zeit - und darauf haben Sie, Herr Nuntius, hingewiesen - vermehrt erleben mussten, hat hier keinen Raum. Wirklichen Frieden der Völker, der Menschen auf dieser Erde wird es nur geben, wenn wir Religionsfreiheit gewährleisten und allen Versuchen, Gewalt gegen Religionsgemeinschaften auszuüben, entschieden entgegentreten.

So wie ich mir in Deutschland einen Dialog wünsche, der uns erlaubt, unser jeweiliges Gegenüber in seinen Besonderheiten wahrzunehmen und sensibel zu sein für seine Belange, so wünsche ich mir einen internationalen Dialog, in dem wir - im Bewusstsein unserer Vielfalt und im Respekt unserer jeweiligen Eigenheiten - gemeinsam und friedlich um die besten Lösungen für die globalen Herausforderungen ringen.

Deutschland, das darf ich Ihnen zu Beginn dieses Jahres 2011 zusagen, wird Ihnen auch weiterhin ein verlässlicher Partner sein.

Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien, Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Botschaften, aber auch Ihren Präsidentinnen und Präsidenten, Regierungen und Hoheiten ein gutes, ein erfolgreiches, ein friedliches neues Jahr 2011.

Es ist für uns in Deutschland schön, dass Sie unsere Gäste sind, dass Sie hier wichtige Arbeit verrichten. Ich freue mich auf die Gespräche mit Ihnen, nicht nur am heutigen Tag, sondern das ganze Jahr über. Sie wissen, die Türen stehen weit offen für Sie und sowohl die Bundeskanzlerin, der Bundesaußenminister, der Entwicklungshilfeminister und die Staatssekretärinnen und Staatssekretäre, aber auch ich als Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland sind nachhaltig daran interessiert, der internationalen Politik die Bedeutung zuzumessen, die der internationalen Politik gebührt. Vieles geht nur mit Ihnen oder es geht gar nicht. Das ist eine besondere Chance für Ihre Arbeit, für die Ihnen große Anerkennung gebührt.

Herr Doyen des Diplomatischen Korps, viel Erfolg und vielen Dank für die so vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit. Ich freue mich auf weitere Vorhaben.