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Bundespräsident Christian Wulff zur Feier des 85. Geburtstages von Siegfried Lenz

Bundespräsident Christian Wulff in Hamburg Hamburg, 20. März 2011 Foto: Markus Scholz, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung © Foto: Markus Scholz, Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

Verehrter, lieber Siegfried Lenz, sehr geehrte Damen und Herren,

in diesen Tagen, die geprägt sind von schrecklichen Nachrichten und Bildern, die in uns Mitgefühl für so viele leidende und aufs äußerste bedrohte Menschen hervorrufen, in diesen Tagen, die uns in große Sorge und in tiefe Nachdenklichkeit versetzen, sind wir hier in Ernsthaftigkeit versammelt, um Ihren 85. Geburtstag zu feiern, weil es allen, die hier sind, und vielen, die nicht hier sein können, ein echtes Herzensanliegen ist.

Wir ehren einen Schriftsteller, der uns gelehrt hat, uns unseren Ängsten zu stellen, und der uns die Folgen menschlichen Größenwahns und menschlicher Hybris vor Augen stellt. Wir ehren einen Schriftsteller, der uns Demut lehrt vor der Schöpfung, vor dem Mitmenschen und Mitgefühl mit dem leidenden Menschen und mit der leidenden Kreatur.

Wir ehren Siegfried Lenz, eine der ganz großen Stimmen der deutschen Literatur, und deswegen ist es eigentlich selbstverständlich, dass ein Bundespräsident dieses hier zum Ausdruck bringt. Wir feiern einen Autor, der uns Lesern die Welt und das Leben vor Augen führt, wie wir sind, der den Schrecken und die Angst dabei nicht ausgelassen hat. Wir feiern einen Autor, der skeptisch ist, was die menschliche Fähigkeit angeht, auf Dauer friedlich und glücklich zu sein. Wir feiern aber auch einen Autor, der jedes Mal gezeigt hat, was Güte vermag, was Vergebung vermag, ja, was Liebe vermag, der konstruktiv ist bei der Frage: Wie hätte ich mich damals verhalten?

Siegfried Lenz ist ein souveräner Erzähler - nicht weil er alles besser weiß als seine Figuren oder seine Leser, sondern weil er die Abgründe des Menschen ohne Illusionen sehen kann, so wie er seine Möglichkeit zu echter Sehnsucht, zu tiefer Leidenschaft, zu Verzeihen und Versöhnung kennt und darstellen kann. Siegfried Lenz hat dazu - als Erbe seiner masurischen Heimat und als Erfahrung eines sehr ereignisreichen Lebens - Humor. Jenen wunderbaren Humor, der weiß, dass es bei aller scheinbaren Vergeblichkeit und vor allem auch bei allem Scheitern immer wieder ganz große Momente des Gelingens, der Freude, des Erfülltseins gibt.

Und dafür, das kann man feststellen, das kann man hören und spüren, lieben ihn seine Leserinnen und Leser. Ja, es gibt nicht viele Künstler, es gibt nicht viele Schriftsteller, die so geliebt werden. Sie lieben ihn, weil sie ihm vertrauen. Weil sie wissen, dass er ihnen nichts vormacht. Siegfried Lenz ist kein Blender, er ist kein Artist, der mit atemberaubenden Kunststücken glänzen will. Er ist vielmehr ein ausgezeichneter, ein präziser Beobachter, ein skeptischer, aber vor allem überaus menschenfreundlicher Analytiker der Verhältnisse, ein häufig, das ist wahr, melancholischer, aber genauso heiterer Kenner der Geschichte, der deutschen Geschichte im Allgemeinen und der kleinen menschlichen Geschichten, die darin verwickelt sind, im Besonderen. Aufarbeitung ist Ihre Sache; Verdrängung ist Ihre Sache nicht.

Seine Leserinnen und Leser vertrauen Siegfried Lenz. Sie lieben ihn und sie lieben seine Figuren, seine erdachten und doch dem Leben abgeschauten Figuren, wie etwa den unvergessenen Hamilkar Schaß und andere, die uns vor Augen stehen. Sie lieben Siegfried Lenz und seine Figuren wegen ihres Humors, ihrer Lebensklugheit, und ich behaupte: vor allem lieben sie die Figuren wegen ihres Eigensinns.

Die Literatur ist eine Schule des Eigensinns. Die Phantasie des Autors schenkt uns Geschichten und Lebensentwürfe, auf die wir in unterschiedlicher Weise mit Freude und Dankbarkeit reagieren, die uns aber und das ist das höchste Lob was man machen kann, immer und ständig zum Nachdenken ermutigen und zum Leben eines eigenen, selbstbestimmten Lebens mit Kompass, Rückgrat und Enthusiasmus.

Bei allem Schlimmen, das in den Büchern von Siegfried Lenz vorkommt, sonst käme darin ja allenfalls das halbe Leben vor, werden die Leser nie entmutigt. Die Literatur von Siegfried Lenz sagt nie: Es ist alles sinnlos. Sie sagt immer: Es gibt einen Weg, der hinausführt, der weiterführt. Jeder kann seinen Weg finden, der ihm gemäß ist, jeder kann und soll ein Leben führen, das ihm entspricht. Das Leben kann man meistern. Mit den anderen kann man auskommen. Das Unglück kann man bestehen - mit Humor und Vertrauen. Das sind die, wir haben es eben gehört, für manche vermeintlich trivialen, das sind die einfachen, aber tief menschlichen und mich immer wieder tief anrührenden Botschaften dieser Weltliteratur. Sonst gäbe es nicht die Übersetzung in 37 Sprachen und 35 Ländern, die Bestsellererfolge, 30 Mio. verkaufte Exemplare.

Das ganze, hat aber auch eine politische Dimension. Damit nämlich jeder einzelne ein ihm gemäßes Leben führen kann, müssen die Verhältnisse um ihm herum das erlauben. Und oft genug, das wissen wir alle, tun sie das nicht. Siegfried Lenz weiß, wovon er schreibt. Er kennt den Krieg, er kennt den endgültigen Verlust der Heimat, er kennt die Gefühle von Verlorenheit, von Unbehaustsein, von Machtlosigkeit. Er weiß, was Menschen Menschen antun können - und er weiß, dass man darauf nicht mit Rückzug ins Privatleben reagieren darf, sondern mit Widerspruch, Widerstand und mit konstruktivem Handeln: kurz - mit politischem Engagement.

Wenn heutzutage, letzten Sonntag beispielsweise, das politische Engagement der Literatur wieder vehement eingefordert wird, dann kann der 85jährige Siegfried Lenz mit der ihm eigenen Bescheidenheit sagen: Das ist für mich wirklich nichts Neues, das habe ich mein Leben lang - als Schriftsteller und als Staatsbürger - getan. Und Sie waren dabei nie aufdringlich, nie alarmistisch.

Mit besonnener Klarheit hat er zum Beispiel die Ostpolitik Willy Brandts unterstützt und war an dessen Seite, als der deutsche Bundeskanzler in Warschau den Vertrag unterschrieb, der auch den endgültigen Verzicht auf seine, auf Siegfried Lenz' Heimat besiegelte. Und er war Augenzeuge, als Bundeskanzler Brandt mit seinem Kniefall einen bewegenden Ausdruck für die historische Verantwortung der Deutschen in Warschau fand. Diese weltweit beachtete Geste und diese Politik der Versöhnung wurden auch durch die Literatur von Günter Grass, Heinrich Böll und anderer Zeitgenossen mit vorbereitet. Die Gedanken der Aussöhnung bleiben ein Ruhmesblatt der deutschen Literatur. Siegfried Lenz hat das Bild unseres Landes, das Bild Deutschlands in der Welt positiv verändert: Ein unschätzbares Verdienst.

Siegfried Lenz ist politisch immer sehr deutlich. Gerade in diesen Tagen lohnt sich die Lektüre seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 1988. Er sprach damals - die Welt befand sich noch mitten in der Konfrontation der Blöcke - nicht nur von der Bedrohung durch Atomwaffen, von den Gefahren der Kernenergie, sondern auch sehr deutlich schon von den Auswirkungen des Klimawandels. Er fand drastische Worte:

"Das Ende des Lebens, so glaube ich, ist vorstellbar geworden. Die Schöpfung [...] kann an unserer Verachtung der Schöpfung und an unserem Egoismus zugrunde gehen. Mit Appellen ist nichts zu erreichen [...] Wenn überhaupt, dann kann nur eine tatkräftige und phantasievolle Politik etwas ändern, die bereit ist, sich zunächst den Wirkungsraum zurückzuholen, den Wirtschaft und Industrie ihr abgenommen haben. [...] es gehört nicht einmal viel Phantasie dazu, sich die Erde unbelebt vorzustellen [...] Ein Grabstein für diese Zeit könnte die Inschrift tragen: Jeder wollte das Beste - für sich."

Und ich denke, das sind deutliche, vielleicht sehr hart klingende Worte. Aber sie erinnern uns an unsere Verantwortung: Für die Schöpfung, für unseren Planeten, für das Leben der Mitmenschen und das Leben der nachfolgenden Generationen, nicht jeder für sich, sondern in einer globalen Verantwortung. Nicht durch andere, sondern durch jeden einzelnen.

Die Worte sind in ihrem Ernst glaubwürdig, weil der Mensch und Schriftsteller Siegfried Lenz durch sein ganzes Leben und durch sein ganzes Werk hindurch gezeigt hat, worum es ihm im Kern geht: Um die wahrhaftige Darstellung der Vergangenheit, um eine Gegenwart in Gerechtigkeit und Frieden und um eine menschenfreundliche, lebenswerte Zukunft.

Ich sage Ihnen, sehr verehrter, lieber Herr Lenz, meinen herzlichen Dank. Unser Land hat Ihnen sehr viel zu verdanken, unser Land ehrt Sie als einen der ganz Großen dieser Zeit - und unser Land tut gut daran, immer wieder auf Sie zu hören.