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Bundespräsident Christian Wulff zur Eröffnung des "Internationalen Jahres der Wälder 2011"

Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnung zum "Internationalen Jahr der Wälder" am 21.03.2011 in Berlin Berlin, 21. März 2011 Bundespräsident Christian Wulff bei der Eröffnung zum "Internationalen Jahr der Wälder" in Berlin © Sebastian Bolesch

Was würde in unserem Leben fehlen ohne den Wald?

Auf diese Frage gibt es so viele Antworten wie Bäume auf der Welt - also in jedem Fall: ungezählte. Hochkulturelle und eher profane. Solche mit existenzieller Bedeutung für die gesamte Menschheit und ganz persönliche.

Die meisten hier im Saal verbinden "Wald" vermutlich mit Erinnerungen an sonntägliche Spaziergänge, mit dem Duft von Laub, Pilzen, Moos, mit Ruhe und Gelassenheit. "Ich ging im Walde, So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn", schrieb Johann Wolfgang von Goethe. Entschleunigung, würde man das heute neudeutsch nennen. Beim Internet-Hype oder der Immobilienblase hätte ein Blick aus dem Fenster genügt. Bäume wachsen langsam, sie wachsen nicht in den Himmel und: Sie können um ein Vielfaches älter werden als wir Menschen.

Sollten Sie schon mal selbst einen Baum gefällt haben, dann haben Sie sicher das Erschrecken gespürt: wie wenige Minuten reichen, um einen Baum zu fällen und zu entrinden, der in Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten gewachsen ist. Wenn Bäume sprechen könnten. Viele der so genannten "tausendjährigen Eichen", die wir heute in Deutschland bewundern können, sind zwar in Wahrheit eher fünf- oder sechshundert Jahre alt. Aber sicher stand die eine oder andere von ihnen schon, als Martin Luther im Jahre 1532 meinte: "Holz ist der größten und nöthigsten Dinge eines in der Welt, des man bedarf und nicht entbehren kann."

Dieser Satz stimmt noch heute - auch wenn wir hier in der industrialisierten und urbanisierten Welt meist gar keinen alltäglichen Kontakt mehr zum Wald haben. Ohne das Holz, das er liefert, hätte vermutlich auch Ihr Vormittag ganz anders ausgesehen. Holz steckt im Bettrahmen und im Tapetenkleister, im Taschentuch und in der Zahnpasta, in der Morgenzeitung und im Pappbecher für den Kaffee auf dem Weg zur Arbeit. Es steckt in diesem Rednerpult und in meinem Redemanuskript. Und wo befinden wir uns gerade? In der Holzmarktstraße!

Seit Hunderten von Generationen nutzen wir Menschen den Wald. Man kann sogar behaupten: Ohne ihn hätte sich unsere menschliche Kultur so nicht entwickeln können. Aus seinem Holz wurde - und wird bis heute - Feuer. Und mit dessen Hitze aus Körnern Nahrung, aus Stein Metall, aus Sand Glas, aus Ton Ziegel. Mit Holz baute man Wagen und Schiffe, Behausungen und Werkzeuge. Der Wald ist Lebensraum für Wildtiere, Nahrungsquelle für Bienen und Viehherden. Er bringt Beeren und Pilze, Gewürze und Heilpflanzen hervor. Wir gewinnen aus ihm Harz und Terpentin, Kautschuk und Öle, Gerbstoffe und Cellulose. Eisen- und Glashütten, Kalkbrennereien, Ziegeleien, Salinen wären ohne die Versorgung mit Brennstoff aus nahen Wäldern undenkbar gewesen, Bergwerke brauchten Grubenholz. Die industrielle Revolution mit ihren Vorläufern verschlang Holz und die daraus gewonnene Holzkohle - bis die fossile Kohle sie weiter befeuerte.

Wo Menschen sich niederließen, musste meist Wald weichen. Rund die Hälfte der weltweiten Wälder sind im Laufe der Menschheitsgeschichte durch menschliche Einwirkungen verschwunden - eine der sichtbarsten Veränderungen, die der Mensch bisher auf Erden bewirkt hat. Aber die Nutzbarmachung der Wälder ermöglichte es uns eben auch, uns weit und dauerhaft über den Globus auszubreiten.

Ohne Waldkulturerbe auch kein Weltkulturerbe - das gilt ganz besonders für Deutschland. Ohne Holz keine Fachwerkbauten in Quedlinburg. Ohne Bäume kein Dessau-Wörlitzer Gartenreich und kein Muskauer Park. Und wenn auch nicht auf den ersten Blick zu sehen: Keine Museumsinsel in Berlin. Viele ihrer Bauten wurden nämlich - wie Venedig - auf einem ganzen Wald von Holzpfählen gegründet. Und was wäre Deutschland ohne seine Waldlandschaften, die rund ein Drittel unseres Landes bedecken? Ohne Schwarzwald, Bayerischen Wald, Thüringer-, Teutoburger-, Schwarz-, Reinhards- oder Spreewald, ohne Harz oder Schorfheide und viele mehr? Unseren Weihnachtsbaum kennt man inzwischen wohl auch im letzten Winkel der Welt. Auch er hat uns den Ruf eingetragen, ein besonders enges Verhältnis zu Bäumen und zum Wald zu haben. Seit der Romantik gilt uns Deutschen der Wald als Gegenstück zur menschlichen Zivilisation - auch wenn er ja im Grunde schon damals sehr zivilisiert war. Die Sehnsucht nach Entschleunigung - die es damals auch schon gab - hat keiner schöner besungen als Joseph von Eichendorff: "Da draußen stets betrogen, saust die geschäft'ge Welt, Schlag noch einmal den Bogen, um mich du grünes Zelt."

Luther - Goethe - Eichendorff: Sie merken schon an meinen Zitaten: ohne Wald würde in der deutschen Kultur vieles fehlen. Die Eichendorff-Gedichte, die Klopstock-Oden an die deutsche Eiche - und die spöttischen Kommentare von Heinrich Heine. Die Waldbilder von Caspar David Friedrich, die "Waldszenen" von Robert Schumann, das "Waldesrauschen" von Franz Liszt. Das Nibelungenlied. Der Freischütz. Und natürlich Grimms Märchen, Hermann der Cherusker und viele Wagner-Opern. Hitlers Nationalsozialisten schlugen ideologisch in diese Kerbe und nutzten den Wald zugleich, wie es ihnen in den Kram passte.
Die deutsche Waldliebe hat sich bis heute gehalten. Denken Sie an die Eichenpflanzerin auf der Rückseite der 50-Pfennig-Münze - ein Symbol für den Wiederaufbau unseres Landes. Denken Sie an Joseph Beuys und seine gigantische Pflanzaktion "Stadtverwaldung" für die Kasseler documenta. Auch die im Nachhinein viel bespöttelte Sorge um "le Waldsterbén", wie die Franzosen es nannten, kann man als Folge der besonderen deutschen Liebe zum Wald deuten. Sie hatte - bei allen Übertreibungen - durchaus ihren Grund. Der aktuelle Waldzustandsbericht zeigt, dass auch heute in Deutschland zwei von drei Bäumen Schäden haben, mehr als ein Viertel schwere. Vor allem aber hatte sie auch ihr Gutes. Innerhalb weniger Jahre wurde ein lange bekanntes Übel - der Ausstoß von Schwefeldioxid - durch verschärfte Gesetze erheblich vermindert, erst im deutschen, dann im europäischen Rahmen - ein Beispiel für erfolgreiche internationale Zusammenarbeit zum Schutz der Umwelt.

Und nicht zuletzt können wir stolz darauf sein, dass mit dem Begriff der "Nachhaltigkeit" ein altes deutsches forstwirtschaftliches Prinzip weltweit Karriere gemacht hat: nicht mehr zu verbrauchen, als nachwächst. Denn es war ein Deutscher - der Freiberger Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz - der vor fast genau 300 Jahren (1713) in seinem Buch über die "Sylvicultura Oeconomica" erstmals eine "continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung" des Waldes anmahnte. Ihn sorgten die Folgen des damaligen Raubbaus an den Wäldern in Deutschland. Die Ökonomie, so Carlowitz, habe der "Wohlfahrt" des Gemeinwesens zu dienen, sie sei zu einem schonenden Umgang mit der Natur verpflichtet und an die Verantwortung für künftige Generationen gebunden. Das gilt heute genau wie damals. Und das Prinzip der Nachhaltigkeit, das heute immer mehr als Leitidee einer zukunftsfähigen Menschheitsentwicklung gilt, ist also auch ein Teil unseres Waldkulturerbes.

Brauchen wir also überhaupt - könnte man ketzerisch fragen - eine Teilnahme Deutschlands am "Internationalen Jahr der Wälder"? Brauchen wir noch mehr Aufmerksamkeit für den Wald? Ich meine: ja, unbedingt und zwingend - und ich sehe dafür mehrere gute Gründe.

Zum einen gibt es durchaus noch Aufklärungsbedarf: Der deutsche Wald ist beileibe kein bloßes romantisches Kulturgut und Naherholungsgebiet. Er ist ein bedeutender wirtschaftlicher und - mehr denn je - ein ökologischer Faktor. Er gibt rund einer Million Menschen Arbeit. Sein Holz ist Deutschlands bedeutendster nachwachsender Rohstoff. Er ist Lebensraum für viele Tierarten und damit unabdingbar für den Erhalt der Artenvielfalt. Er ist eine Senke für unsere Treibhausgas-Emissionen. Damit ist er zugleich Objekt von widerstreitenden Interessen - zwischen Forstwirtschaft, holzverarbeitender Industrie, Naturschutz, Jagd oder Tourismus. Den Schutz und die Nutzung unserer Wälder immer wieder neu gegeneinander abzuwägen und auszutarieren - das ist eine politische Aufgabe, die eine informierte und engagierte Öffentlichkeit braucht.

Zum anderen soll das "Internationale Jahr der Wälder" sensibilisieren: Uns gehen nicht nur die deutschen Wälder etwas an, sondern auch die anderen Wälder der Welt! Milliarden von Menschen heizen und kochen täglich mit Holz. Für Millionen von Menschen ist der Wald Lebensraum und Nahrungsquelle. Ohne ihn würden diese Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren.

Und letztlich hängt vom Wohlergehen der Wälder der Erde unser aller Zukunft ab. Ein Drittel der Landoberfläche ist - noch - von Wäldern bedeckt. Sie sind existenziell für menschliches Leben auf unserem Planeten. Sie sind gigantische Kohlenstoffspeicher und damit unverzichtbare Stabilisatoren für unser Klima. Darum muss uns insbesondere der Schutz der großen Regenwälder der Welt ganz besonders sorgen - nicht umsonst war er eines der ganz wichtigen Themen bei der Klimakonferenz in Cancún. Wälder produzieren Sauerstoff, sie speichern die Feuchtigkeit, bewahren die Böden vor Erosion, sie schützen Siedlungen vor Lawinen und Küsten vor Stürmen und den Auswirkungen von Tsunamis. Sie sind Lebensraum für ungezählte Pflanzen und Tiere, von denen wir Menschen profitieren und ohne die unsere Industrie und unsere Landwirtschaft kaum funktionieren würden. Wenn wir zum Beispiel in unseren Arzneischrank greifen, haben wir oft indirekt ein Produkt des Waldes in unserer Hand. Gerade in der Artenvielfalt der Urwälder liegen Potenziale verborgen, die bei weitem noch nicht erschlossen sind und von deren Anwendungsmöglichkeiten wir noch kaum eine Vorstellung haben.

Wälder liefern Rohstoffe und leisten Umweltdienste, die gar nicht oder nur mit höchstem technischen Aufwand durch menschengemachte Technologie ersetzbar wären. Auch wir Bewohner der Industrieländer sind davon abhängig. Um welche Summen es hier geht, ist kürzlich von Wissenschaftlern im Auftrag einer Initiative der Umweltminister der G8 berechnet worden: Die negativen Folgen des Waldverlustes und der Verschlechterung ihres Zustands kosten zwischen 2 und 4,5 Billionen US-Dollar im Jahr - mehr als die Wirtschafts- und Finanzkrise verschlungen hat. Den Wald zu schützen ist also kein romantischer Luxus, sondern überlebenswichtig für die Menschheit. Und darum ist es gut, dass die deutsche Entwicklungshilfe sich im Bereich des Waldschutzes, der nachhaltigen Forstwirtschaft und der Wiederaufforstung so massiv engagiert.

Das Problem ist offenkundig. Die Frage der Perspektive. Nächste Wahl, ein Menschenleben, Generationen. Unterstützt der Wähler kurzfristig langfristiges Handeln für Generationen.

Für die "Dienstleistungen" des Waldes gibt es - vielleicht noch - keine Märkte, die den angemessenen Preis bilden und damit auch den Erhalt von Waldfläche rentabel machen würden. Und so wird in vielen Ländern der Welt weiterhin mehr Wald abgeholzt als nachwächst - oft illegal, ob aus Profitgier oder Verzweiflung. Jährlich verschwindet mehr Waldfläche als ganz Deutschland besitzt. Die weltweite Waldfläche - pro Kopf gerechnet - ist innerhalb nur einer Generation auf die Hälfte geschrumpft. Auch wenn es inzwischen Anzeichen dafür gibt, dass sich die Abholzung etwas verlangsamt: Der Druck auf den Wald wird bleiben oder sogar wachsen - weil wir aller Voraussicht nach in wenigen Jahrzehnten 8 oder 9 Milliarden Menschen auf diesem Planeten sein werden, und weil sich der Lebensstil und die Wohlstandserwartungen der industrialisierten Welt in immer mehr Ländern durchsetzen. Das bedeutet noch mehr Papier, Zellstoff, Anbauflächen für Futtermittel für den steigenden Fleischkonsum, noch mehr Palmöl oder eben auch Holz für Biosprit.

Wenn wir uns - im übertragenen Sinne - den Ast nicht absägen wollen, auf dem wir sitzen, dann müssen wir für globale Übereinkünfte und Nutzungsregeln für unser gemeinsames Waldkulturerbe streiten - so mühsam es ist. Und wir müssen in Zusammenhängen denken. Es reicht nämlich nicht aus, nur neue Bäume nachzupflanzen. Wir müssen auch die Ursachen von Waldvernichtung bekämpfen. Vielfach sind es Armut, Kriminalität und Korruption. Wir müssen fördern, was zum Erhalt des Waldes und einer umweltverträglichen Nutzung beiträgt: erneuerbare Energien, alternative Einnahmequellen für die lokale Bevölkerung und ihre politische Teilhabe, eine umweltverträgliche wirtschaftliche Entwicklung und verlässliche Zertifizierungen.

Bei meiner nächsten Auslandsreise nach Brasilien, Mexiko und Costa Rica werde ich mich gerade auch über diese Themen informieren. Costa Rica etwa ist in Sachen Wiederaufforstung und Schutz der Artenvielfalt weltweit Vorreiter, es hat eines der ambitioniertesten Klimaziele der UN-Länder. Ob es gelingt, die - noch riesigen - Regenwälder Brasiliens zu erhalten, wird für unser Weltklima entscheidend sein. Und vielleicht können wir von Brasilien lernen, wie nachwachsende Rohstoffe zu nachhaltigen Biokraftstoffen werden, ohne dass dies zu Lasten der Nahrungsmittelproduktion oder der Umwelt geht.
Wir müssen begreifen: Die Wälder dieser Welt sind ein ungeheurer Schatz! Sie rücksichtsvoll zu behandeln und weitsichtig zu nutzen, ist zugleich eine wichtige Bedingung und eine große Chance für eine nachhaltige Entwicklung.

Vor unserer eigenen Haustür entdecken wir zunehmend die Potenziale des nachwachsenden Rohstoffs Holz - für klimaschonende Energiegewinnung, für neue Werkstoffe oder technische Konstruktionen. Denken Sie an das "Expo-2000-Dach" in Hannover, das größte freitragende Holzdach der Welt - ein Sinnbild für die fantastischen Möglichkeiten und die Vorteile des Werkstoffs Holz: geringes Gewicht, hohe Stabilität, gute Recyclingfähigkeit, nachwachsend. Eine Firma aus Niedersachsen baut inzwischen sogar Masten für riesige Windkraftanlagen aus Holz.
Aber auch nachwachsende Ressourcen sind nicht unerschöpflich. Bäume wachsen langsam.

Sie entziehen sich dem heute üblichen Produktionstempo und unseren gewohnten Planungshorizonten. Wir können und müssen vom Wald lernen, nicht in Quartalen zu denken, sondern in Generationen. Genau dieses Denken brauchen wir auch in ganz vielen anderen Bereichen unseres Lebens und Wirtschaftens. Wir wissen nicht genau, wie unser Wald in hundert Jahren aussehen wird, wozu wir Holz in Zukunft nutzen und verarbeiten werden, wie der Klimawandel unseren Wald und unsere Welt verändern wird. Wir wissen nicht genau, wie sich unsere Wirtschaft entwickeln wird, auf welche Gefahren wir zusteuern und welche Möglichkeiten sich noch eröffnen werden. Aber wir wissen: wir tun gut daran, langfristiger als bisher zu denken und mit Rücksicht auf die Chancen kommender Generationen zu handeln.

Mensch und Wald haben eine lange gemeinsame Geschichte - mit ungewissem Ausgang. Die UN haben für das "Internationale Jahr der Wälder" das Motto "Wälder für Menschen" gewählt. Aber letztlich sind wir Menschen von den Wäldern abhängig, nicht umgekehrt. Darum sollten wir das Motto umkehren: "Menschen für Wälder". Es ist an uns, ihre wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Werte zum Wohle gegenwärtiger und künftiger Generationen zu schützen und zu bewahren - gerade in Deutschland, damit wir auch künftig "Waldmeister" bleiben!

Mein Lieblingszitat möchte ich Ihnen zum Schluss nicht vorenthalten. Es stammt vom Literaturnobelpreisträger Tagore: "Wer Bäume setzt, obwohl er weiß, dass er nie in ihrem Schatten sitzen wird, hat zumindest angefangen, den Sinn des Lebens zu begreifen."

Und darum freue ich mich, jetzt den deutschen Beitrag zum "Internationalen Jahr der Wälder" für eröffnet zu erklären!