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Mittagessen, gegeben vom Vorstand der Außenhandelskammer São Paulo

Bundespräsident Christian Wulff hält seine Ansprache São Paulo, Brasilien, 6. Mai 2011 © S. Kugler

Brasilien lässt ein gutes Gefühl entstehen: Mein Eindruck ist: Dieses große und großartige Land ist auf dem Weg, aus der Welt von heute in die Welt von morgen zu gehen und wird sich dort einen sehr wichtigen Platz erobern. Ich bin von Brasilien überzeugt! Die Metropole São Paulo – das Finanz-, Handels-, und Wirtschaftszentrum Nummer eins in Lateinamerika – verkörpert ein Brasilien, das durch seine Dynamik, seine Kraft und seinen Optimismus überzeugt und inspiriert. Die Stadt und ihre Bewohner symbolisieren, was  Brasilien seit über 500 Jahren auszeichnet: die große kulturelle und ethnische Vielfalt seiner Bewohner.

Die „Paulistanos und Paulistanas“ stehen für unternehmerischen Ehrgeiz und Findigkeit. Europäer und gerade Deutsche wissen dies seit langer Zeit und haben die Stadt kulturell und wirtschaftlich mitgeprägt. Rund um São Paulo siedelten sich über 800 deutsche Unternehmen, vor allem aus der Automobilindustrie, an. Sie sind robuste Pfeiler der industriellen Stärke Brasiliens, die den Aufstieg des Landes stützen. Ich freue mich, bei Ihnen in São Paulo, bei einer der größten deutschen Auslandshandelskammern weltweit und am größten ausländischen Standort der deutschen Wirtschaft zu sein.

Unsere Partnerschaft mit Brasilien ist historisch tief verankert. In mehreren Auswanderungswellen verließen im 19. Jahrhundert Deutsche ihre Heimat auch in Richtung Brasilien. Viele machten ihr Glück, nicht wenige davon als Firmengründer. Deutsche Unternehmen wurden vor allem in der Industrie tätig. Heute verfügen große und weltweit erfolgreiche brasilianische Unternehmen über deutsche Wurzeln. Ich denke etwa an Emil Odebrecht, der im Jahr 1865 aus dem vorpommerschen Greifswald in den brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina aufgebrochen war. Auch Hans Stern möchte ich erwähnen, dem es 1939 gelang, aus Essen in das sichere Rio de Janeiro auszuwandern. Sie alle wurden Teil Brasiliens und seiner Gesellschaft.

Die Vielgestaltigkeit des Landes trägt dazu bei, dass die Brasilianer in einer beispielhaften Weise Mut zum Wandel und Neugier auf Neues zeigen. Offenheit für neue Gedanken und Experimente sind die wesentlichen Voraussetzungen dafür, um technische und soziale Innovationen schnell in einen gesellschaftlichen Mehrwert umzuwandeln.

Daher überrascht es nicht, dass es Brasilien in den letzten Jahren in so beeindruckender Weise gelungen ist, seine Geschicke in die Hand zu nehmen. Die Brasilianer haben die Voraussetzungen für den Aufstieg ihres Landes selbst geschaffen: Sie haben ihr Land konsequent demokratisiert und stabilisiert. Zugleich entschieden sie sich für wirtschaftliche Öffnung. Wenn es auch weiterhin vieles zu tun gibt: Weitsichtige soziale und wirtschaftliche Reformen haben in den letzten Jahren das Leben von Millionen Menschen spürbar verbessert.

Deutschland, für das die soziale Komponente der Marktwirtschaft zu einem Schlüssel für das deutsche Wirtschaftswunder wurde, würdigt diese erfolgreiche Politik. Sie kommt Menschen, gerade vielen Kindern, zugute, deren Alltag von Armut und sozialer Ungleichheit geprägt war und oft noch ist. In unserem gestrigen Gespräch habe ich gegenüber Staatspräsidentin Dilma Rousseff bekräftigt, dass Deutschland die ehrgeizigen Pläne der brasilianischen Regierung zur Förderung der Chancen aller Brasilianer unterstützt. Mit den vielen Menschen, die ihre schwierige Existenz substanziell verbessern konnten, wächst zu Recht auch der Stolz der Brasilianer auf das Erreichte. Das ist wichtig, um zu verstehen, wie engagiert und selbstbewusst ihr Land heute seine Politik gestaltet.

Deutschland begrüßt die Anstrengungen Brasiliens, als aufstrebender kontinentaler und globaler Akteur Politik zu gestalten. Wir bieten  eine starke Zusammenarbeit unter Gleichen an. Mit Brasilien sind wir als einzigem Staat in Lateinamerika durch eine strategische Partnerschaft verbunden. Sie bietet die große Chance, gemeinsam Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Diese Chance wollen wir entschlossen nutzen!

Sie alle sind Teil der Erfolgsgeschichte Brasiliens. Die deutsche Wirtschaft leistet einen wichtigen Beitrag zur bemerkenswerten wirtschaftlichen Dynamik. Deutsche Unternehmen und ihre brasilianischen Töchter tragen rund sieben Prozent zum industriellen Bruttosozialprodukt Brasiliens bei. Und es ist eine große Freude, dass Deutschland auch im globalen Krisenjahr 2009 zu den wichtigsten ausländischen Investoren in Brasilien gehörte.

Ich möchte Ihnen auch mit meinem Besuch versichern: Wir haben den Anspruch, in den wirtschaftlichen Beziehungen mit Brasilien weiterhin in der ersten Liga zu spielen. Dafür ist auch das im letzten Jahr gegründete „Brazil Board“ des Bundesverbandes der Deutschen Industrie ein starkes Signal. Bislang gab es eine solche Partnerschaft der deutschen Industrie nur mit den USA!

Der Prozess der Globalisierung hat es auch Brasilien ermöglicht, zu einem wichtigen Akteur in der Weltpolitik aufzusteigen. Deutschland hat diesen Wandel aktiv unterstützt. Es war die deutsche G-8-Präsidentschaft, die 2007 erreicht hatte, dass Brasilien und andere aufstrebende Länder an den G-8-Prozess herangeführt wurden. Dieser Prozess ist inzwischen als Heiligendamm-Prozess in die Geschichte eingegangen. Brasilien ist heute ein vollwertiges und zudem überaus aktives Mitglied der G20.

Ich freue mich besonders, dass Deutschland und Brasilien in vielen Kernanliegen der G20 übereinstimmen: Beide Länder treten grundsätzlich für einen freien und regelbasierten Handel ein. Jeglicher Protektionismus hat geschichtlich gesehen immer denjenigen am meisten geschadet, die ihn angewendet haben. Aus dieser Grundhaltung folgt auch unser gemeinsames Anliegen, dass wir möglichst bald und möglichst ambitioniert zu einem Abschluss der Verhandlungen in der Welthandelsorganisation WTO und zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur kommen wollen.

Brasilien trägt heute regionale und globale Führungsverantwortung. Deutschland ermutigt unsere brasilianischen Freunde, diese Rolle aktiv zu gestalten und selbstbewusst nunmehr auch einen Beitritt zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung anzustreben.

Ein Thema, das gegenwärtig auch in der G20 Priorität hat, sind die Entwicklungen an den Rohstoffmärkten. Die Märkte sind derzeit im Umbruch, getrieben von einer global schnell steigenden Nachfrage wie auch einer immer umfassenderen Spekulation an den Finanzmärkten. Dazu kommen Handelsbeschränkungen von Seiten einzelner bedeutender Länder - etwa bei seltenen Erden. Sie wissen, dass dies Deutschland als Industriestandort  besonders beschäftigt.

Brasilien mit seinem Rohstoffreichtum hat in dieser Beziehung eine privilegierte Stellung. Die Ölfunde vor der Küste von Rio de Janeiro und die großen Lagerstätten auch mineralischer Rohstoffe besonders im Nordosten sind von großer Bedeutung für die Weltwirtschaft. Deutschland bietet schon allein aufgrund seiner Abhängigkeit von Rohstoffeinfuhren, aber auch als guter Kunde und möglicher Technologielieferant seine Unterstützung in der Erkundung und Gewinnung an und die deutsche Wirtschaft will eine aktivere Rolle spielen.

Ein großes Zukunftsfeld unserer Zusammenarbeit ist der Klimaschutz. Wir haben offenkundig die Verpflichtung, den Weg in das Zeitalter der erneuerbaren Energien schneller zu beschreiten. Die nukleare Katastrophe im japanischen Fukushima lässt offene Fragen in der Energieversorgung zu Tage treten und zugleich Schwächen im Fundament der globalen Wirtschaft erkennen. Globale Regeln und gemeinsame Sicherheitsstandards sind dringend geboten. Ebenso eine Internationale Atomenergiebehörde, die auch tatsächlich grenzüberschreitende Befugnisse in Fragen der nuklearen Sicherheit erhalten sollte. Dies ist ein Gebot der globalen Ordnung.

Heute geht es um den Übergang in eine veränderte globale Wirtschaftsordnung. Diese Ordnung muss nicht nur mit der rasanten Industrialisierung, mit knapperen Ressourcen und wachsendem Energiebedarf Schritt halten. Genauso wichtig ist es, sie auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu gründen. Die führende Stellung deutscher Umwelttechnologien gibt uns dabei die Chance, zusammen mit Brasilien eine der wichtigsten Wachstumsbranchen weiter zu stärken. Dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg können wir in der Welt des 21. Jahrhunderts nur erreichen, wenn es uns gelingt, Wohlstand und Ressourcenverbrauch zu entkoppeln und „grünes Wachstum“ zu erreichen. Brasilien und Deutschland haben ein gemeinsames Memorandum zum Klimawandel unterzeichnet. Ich freue mich, dass unsere Länder auf diesem Feld eng zusammenarbeiten. Diese globale Aufgabe – und dies gilt für alle globalen Herausforderungen gleichermaßen - kann nur gemeinsam bewältigt werden.

Für Brasilien ist der Weg zu einem „grünen Wachstum“ besonders vielversprechend. Die einzigartigen Naturschätze des Landes und das äußerst ambitionierte politische Engagement für Klimaschutz sind beste Voraussetzungen dafür, die Wirtschaft nachhaltig auszurichten. Bei den erneuerbaren Energien nimmt Brasilien international bereits eine Vorreiterrolle ein: Fast die Hälfte des Energieverbrauchs wird vor allem durch Wasserkraft und Bio-Ethanol als Kraftstoff und neuerdings als Vorprodukt für die chemische Industrie gedeckt. Weithin bekannt ist, dass Brasilien zu den führenden Produzenten von Ethanol gehört. Unser gemeinsames Interesse dabei ist es, nachwachsende Rohstoffe in einer wirtschaftlich, ökologisch und sozial nachhaltigen Weise zu nutzen.

In Deutschland liegt der Anteil erneuerbarer Energien bei gut einem Zehntel des Energieverbrauchs. Deutschland will den Ausbau erneuerbarer Energien schneller vorantreiben. Ich bin überzeugt, dass eine vertiefte Zusammenarbeit unserer beiden Länder auch hier helfen wird, erfolgreich voranzukommen.

Wir sehen mit Anerkennung, wie viel Brasilien bisher zur Entwicklung einer leistungsfähigen, nachhaltigen tropischen Landwirtschaft und im Agribusiness beigetragen hat. Die Rolle des Landes für die Welternährung wird zukünftig noch bedeutender werden. Wir sind daran interessiert, mit Brasilien auch in der Agrarforschung zusammenzuarbeiten und unsere Potenziale zu verknüpfen.

In den kommenden Jahren wird die Welt mit großen Erwartungen und Vorfreude auf Brasilien blicken. Im Jahr 2014 werden 32 Mannschaften in Brasilien zur Fußball-Weltmeisterschaft zu Gast sein, darunter - davon gehe ich aus - auch die deutsche Nationalmannschaft. Und natürlich wünsche ich mir ein Endspiel zwischen unseren beiden Ländern, Brasilien und Deutschland! Vielleicht gibt es schon in diesem Jahr genau diese Paarung bei der Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland!

Im Jahr 2016 wird Rio de Janeiro die Olympischen Sommerspiele und die Paralympics ausrichten. Und für die Winterspiele zwei Jahre darauf, 2018, bewirbt sich München. Wenn es gelingt, wäre München die weltweit erste Stadt, die nach den Sommerspielen 1972 auch Winterspiele ausrichtet. Sportliche Großereignisse bergen riesige Chancen. Aber sie sind auch große Herausforderungen. Ich bin mir ganz sicher: Brasilien und Deutschland werden und würden sie meistern!

Deutschland bietet Brasilien an, seine Erfahrungen bei der Vorbereitung solcher Großereignisse zu teilen. Die deutsche Wirtschaft hat bei der Vorbereitung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wichtiges Know-how gesammelt. Einige Unternehmen konnten sich schon erfolgreich in die Vorbereitungen der Fußball-WM in Brasilien einbringen. Es freut mich, dass deutsche Architekturbüros mit der Konzeption gleich mehrerer brasilianischer Stadien beauftragt worden sind. Deutschland und Brasilien kooperieren auch bei der öffentlichen Sicherheit.

Die Vorbereitungen auf die sportlichen Großereignisse werden unserer Partnerschaft neue Impulse verleihen. Aber – und das zeigt Ihr jahrzehntelanges unternehmerisches Engagement hier vor Ort - sie sind nur ein Element in einer Vielzahl von Verbindungen. Uns geht es nicht um das Ausschöpfen kurzfristiger Wirtschaftschancen, sondern vor allem um Vertrauen, um breit verankerte und dauerhaft enge Beziehungen zu Brasilien. Fast alle deutschen Großunternehmen sind seit langem hier, ob in São Paulo oder Rio, mit ihren Tochterunternehmen präsent. Für sie ist Brasilien schon lange kein reiner Produktionsstandort mehr, sondern auch ein Ort für die Weiterentwicklung und für Innovation. Eindrucksvoll bestätigt wurde diese Einschätzung beim „Deutsch-Brasilianischen Jahr der Wissenschaft, Technologie und Innovation“, das im letzten Monat zu Ende ging.

Besonders freue ich mich darüber, dass die brasilianische Präsidentin Dilma Roussef uns gestern zugesagt hat, dass Brasilien die Einladung der Cebit annimmt, im nächsten Jahr Partnerland der Computermesse zu werden und zur Eröffnung nach Hannover zu kommen. Für Brasilien ist die Cebit eine riesige Chance, sich als modernes Hightech-Land der Welt zu präsentieren. Deutschland und Brasilien können die Messe nutzen, ihre bilateralen Beziehungen nachhaltig auszubauen.

Wie eng und vorbildlich Wirtschaft und Wissenschaft kooperieren können und sollten, illustriert das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus. Nur einige Stockwerke über uns haben wir eben das Richtfest dieses Hauses gefeiert. In wenigen Monaten wird es seine Türen öffnen und deutsche und brasilianische Innovationsträger zueinander bringen. Mein Dank gilt besonders der Auslandshandelskammer und dem Deutschen Akademischen Auslandsdienst, für das Engagement beim  Aufbau dieses wegweisenden Projekts. Beeindruckt hat mich auch die Unterstützung der deutschen Wirtschaft für die Arbeit des Goethe-Instituts bei der Vermittlung deutscher Sprache und Kultur.

Um dieser Partnerschaft noch größere Sichtbarkeit zu verschaffen, planen wir ab dem Jahr 2013 ein großes Deutschlandjahr in Brasilien. Präsidentin Rousseff, mit der ich gestern über dieses Vorhaben sprach, hat unseren Vorschlag begrüßt und wird mit mir gemeinsam die Schirmherrschaft für das Deutschlandjahr übernehmen.

Für beide Länder, so hoffe ich, wird das Deutschlandjahr zur Brücke in eine gestärkte globale Partnerschaft werden. Lassen Sie mich allen Brasilianern zurufen: Wir in Deutschland freuen uns auf die darin liegenden großartigen Chancen! Ich bin von Brasilien überzeugt!