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Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Haus der Geschichte

Bundespräsident Christian Wulff zur Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Haus der Geschichte Bonn, 23. Mai 2011 © Ute Grabowsky

Ich freue mich sehr, heute hier in Bonn zu sein, um im Haus der Geschichte die neue Dauerausstellung, besser: die umgestaltete Dauerausstellung, zu eröffnen. Dieses Haus ist eines der erfolgreichsten Ausstellungshäuser in Deutschland. Es brummt tagtäglich von Besuchern – aus Deutschland natürlich, aber auch aus aller Welt.

Gerade die auswärtigen Besucher versuchen wohl hier im Haus der Geschichte dahinterzukommen, wo das Geheimnis dieses Deutschland nach dem Kriege liegt, wo das Geheimnis des Erfolges liegt, den dieses Land zum Staunen seiner Nachbarn, seiner Freunde und Partner, ja zum Staunen der Welt erlebt hat.

Die Geschichte Deutschlands nach 1945 ist – nehmen Sie alles nur in allem – eine Erfolgsgeschichte. Das darf man sagen, ohne dass das als Selbstbeweihräucherung oder Angeberei ausgelegt werden kann.

Es ist ja nicht alles unser eigener Verdienst. Ein Zusammenspiel aus guten eigenen Entscheidungen, aus Fleiß und Tatkraft und nicht selten auch eine Fügung glücklicher Umstände haben uns eine Zeit der Freiheit, des Friedens, des Wohlstandes, der Demokratie, aber auch der individuellen Selbstbestimmung gebracht, wie es sie in Deutschland noch nie gegeben hat und wie sie 1945 nicht vorstellbar gewesen ist.

Seit 1990 teilen alle Deutschen diese Geschichte, seither leben wir in einem gemeinsamen Land, genießen gemeinsam Frieden, Freiheit und Wohlstand – und stehen gemeinsam in der Pflicht, das zu bewahren und auszubauen.

Das Haus der Geschichte ist also vielleicht auch deshalb so beliebt, weil es das Haus einer Erfolgsgeschichte ist. Wer hier eintritt, der geht noch einmal die ganze Zeit durch – von den Eingeborenen aus Trizonesien bis zum Sonderzug nach Pankow und darüber hinaus.

Der geht von den Trümmern eines verbrecherischen Krieges, von den Flüchtlingen und Vertriebenen, von den tief berührenden Meldungen über vermisste Kinder und verlorene Eltern am Anfang der Ausstellung bis zu den Zeugnissen der jüngeren Zeit, der Tür eines Bundeswehr-Fahrzeugs, das in Afghanistan in einen Hinterhalt geraten ist.

An diesen und vielen anderen Daten wird deutlich: Geschichte ist kein gemütlicher Themenpark, kein Nostalgieprojekt. Das Anschauen von Spuren der Geschichte, von echten Erinnerungsstücken, von Originalzeugnissen dient nicht dem wohligen Erinnerungsschauer: „Ja: so war das früher!“, zumindest nicht allein.

Natürlich sollen die Objekte zunächst einmal faszinieren. Sie sollen tatsächlich Erinnerungen wecken oder Vergangenes sinnlich erfahrbar machen. Sie sollen dem kollektiven oder dem individuellen Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Aber sie sind nur ein erster Anstoß zur Begegnung mit der Geschichte.

Begegnung und Konfrontation mit Geschichte ist mehr als Begegnung mit alltäglichen oder mit Gegenständen mit großer Aura. Geschichte ist Begegnung mit den Kämpfen und mit den Leidenschaften der Menschen, mit den Utopien und den Hoffnungen, mit den Enttäuschungen und Niederlagen, mit dem ganzen gelebten Leben.

Oft genug ist Begegnung mit Geschichte auch Begegnung mit dem erlittenen Leben, mit dem schwierigen und mühevollen, mit dem tapferen und zähen Kampf um ein gutes, gelingendes Leben für den Einzelnen oder für das Gemeinwesen.

Kaum jemand unter den Politikern hat das besser gewusst als Helmut Kohl. Er hat ein sehr feines Gespür gehabt für die Bedeutung von Geschichte, für die Herausforderung durch Geschichte – vor allem aber für die Notwendigkeit, seine Geschichte zu kennen, aus ihr zu lernen und aus ihr Verantwortung in der Gegenwart und für die Zukunft zu übernehmen. Ich glaube, man kann ganz schlicht sagen: Dieses Haus der Geschichte war seine Idee und ohne Helmut Kohl gäbe es das Haus der Geschichte nicht, zumindest nicht in dieser Form.

In dieser überzeugenden und allgemein angenommenen Form, wie man ganz deutlich sagen muss. Was gab es am Anfang für Debatten und Diskussionen über dieses Haus und seine Idee. Das gehört selbstverständlich zu so einem großen Projekt dazu und dient letztlich dem Gelingen. Aber es gab auch Schmähungen, die das ganze Projekt in Frage stellten oder als restaurativen oder gar reaktionären Irrweg denunzierten.

Es ist ganz anders gekommen. Es ist ein Haus der lebendigen Auseinandersetzung mit der jüngeren und jüngsten Geschichte, ein Ort der Selbstvergewisserung und ein Ort der Fragen und Antworten nach dem Selbstverständnis von uns Deutschen, nach unserer historischen und nationalen Identität. Das sind bis heute der große Erfolg und die Leistung dieses Hauses.

Dafür können wir Helmut Kohl auch heute dankbar sein und auch dem ersten Präsidenten der Stiftung Haus der Geschichte, Hermann Schäfer, wie auch seinem Nachfolger, dem jetzigen Präsidenten Hans Walter Hütter. Sie und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben dafür gesorgt, dass das Haus der Geschichte kein Haus des Stillstands und kein Haus einer autoritären Geschichtsdeutung geworden ist.

Es ist ein wunderbares Schau-Haus, aber kein festes und ein für allemal fertiges Museum. Es ist ein Schau-Haus, aber eben auch ein Frage-Haus, ein Denk-Haus, ein Diskussions-Haus. Es bietet Elemente für Antworten auf die Frage nach unserer Identität, aber es formuliert die Antworten nicht vor. Das müssen die Besucher, das müssen wir alle selber tun.

Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Das sind ganz einfache Fragen – aber die Antworten darauf sind bunt, sind vielfältig und komplex. Die beliebte deutsche Frage nach der Identität – sie wird am besten beantwortet durch Erzählen. Das Erzählen unserer Geschichte, so zeigt dieses Museum überdeutlich, das ist das Erzählen sehr vieler verschiedener Geschichten. Aber aus den verschiedenen Geschichten, aus den Geschichten der vielen einzelnen, der vielen Herkünfte und der verschlungenen Wege ergibt sich letzten Endes doch die eine Geschichte dieses Landes.

Das macht mich nachdenklich. Denn der Zusammenhalt in unserem Land, das Erzählenkönnen einer Geschichte aus all den vielen Geschichten: das ist und bleibt ein hoch aktuelles Thema. Wenn wir zurückschauen auf die Hütte aus dem Notaufnahmelager für Sudetendeutsche aus Furth im Wald, dann erinnert uns das an die riesige Integrationsleistung der Bundesrepublik, wo Millionen Flüchtlinge und Vertriebene eine neue Heimat fanden. Auch heute und auch in Zukunft brauchen wir die Kraft, um den Zusammenhalt aus den verschiedenen Herkünften, Kulturen und Lebenswegen in unserem Land aufzubauen und zu stärken. Bunter als wir uns das je geträumt hätten, ist unser Land geworden. Das macht – immer noch – vielen Angst. Aber das braucht es nicht.

Ich glaube aber, dass wir gerade mit Blick auf unsere jüngere Vergangenheit sagen können: Verschiedenheit macht uns stark, Toleranz und Freiheit machen dieses Land lebens- und liebenswert. Zusammenhalt wird nicht durch eine uniformierte Gesellschaft geschaffen, Zusammenhalt entsteht in einer Gesellschaft der Unterschiede und der Verschiedenheit durch Anerkennung gemeinsamer Regeln und Gesetze, durch einen fröhlichen und entspannten Patriotismus, durch Rücksichtnahme und durch Engagement für das Ganze, an welcher Stelle, in welcher Gruppe, in welcher Initiative auch immer.

Die Geschichte setzt sich fort, wir schauen nicht nur auf sie zurück, sondern wir bauen aktiv an ihr mit. Tag für Tag. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Unser Handeln, auch unser Nicht-Handeln, wird die Zukunft bestimmen. Was wir heute tun, wird darüber entscheiden, wie die Geschichte unseres Landes einst weitererzählt wird und ob es eine gute Geschichte wird.

Gerade in Konfrontation mit den Zeugnissen der Vergangenheit und den Ereignissen, den Auseinandersetzungen und den Entscheidungen, dem Versuch und den Irrtümern, dem Missratenen und dem Gelungenen wird uns deutlich, welche Verantwortung wir alle miteinander und füreinander haben.

Die Anfänge der Geschichte der Bundesrepublik nach dem Krieg, die Geschichten vom Aufbau der Demokratie und der freiheitlichen Gesellschaft stellen uns ganz deutlich die Frage nach der Gegenwart und der Zukunft der Demokratie. Wie erhalten wir demokratisches Bewusstsein, demokratischen Mitgestaltungswillen?

Wie erhalten wir die Überzeugung, dass die Demokratie für uns alle der beste Weg ist, miteinander die schwierigen Fragen der Zukunft zu bewältigen. Wie erhalten wir das Vertrauen darauf, dass der freiheitliche und demokratische Rechtsstaat der beste Weg ist, um gerechte und gute Lösungen für alle zu finden? Was müssen wir verbessern, wo müssen wir neue, bessere Wege von Mitbestimmung, Mitgestaltung, Mitverantwortung finden? Die Zukunft der Demokratie wird uns nicht geschenkt, sie braucht unseren Einsatz, unseren Erfindungsreichtum, unsere tagtägliche Arbeit.

Geschichtsbewusstsein bedeutet schließlich nicht, dass wir glauben, am besten bleibe alles so, wie es ist. Im Gegenteil, gerade wer ein lebendiges Bewusstsein von Geschichte hat, der weiß, dass nichts bleibt, wie es ist, dass niemals etwas geblieben ist, wie es war. Auch das macht vielen Angst. Gerade die jüngste Geschichte und Gegenwart scheint immer schneller zu laufen, vor allem der technologische Wandel ist atemberaubend, aber auch der Wandel der Lebensformen oder der Kommunikationsweisen zum Beispiel.

Geschichtsbewusstsein, Geschichtsorientierung macht nicht in erster Linie nostalgisch oder zukunftsblind. Im Gegenteil: Geschichtsbewusstsein macht Mut zum Wandel, macht Mut, das anzupacken, was veränderungsbedürftig ist. Wer zurückschaut, wer etwa die Stationen im Haus der Geschichte nur im Zehnjahresrhythmus abschreitet, der muss doch staunen, ob der Wechsel von 1945 bis 1955 bis 1965 bis 1975 und so fort.

Wandel war immer und Wandel wird immer sein. Worauf es ankommt, ist aber: In welche Richtung wollen wir uns ändern? Welchen Wandel wollen wir? Werden wir nur verändert oder verändern wir uns und unsere Umwelt selber? Mit welchen Zielen? Wer weiß, dass er selber aktiv sein kann, wer weiß, dass er selber Subjekt und nicht nur Objekt von Wandel und Veränderung sein kann, der braucht keine Angst vor der Veränderung zu haben, der hat vielmehr Mut zum Wandel.

Zusammenhalt in der Gesellschaft, Zukunft der Demokratie, Mut zum Wandel, das sind Denkaufgaben, die das Haus der Geschichte stellt, das sind Anfragen an politische Konzepte und Projekte, das sind aber auch ganz praktische Herausforderungen für das alltägliche politische und gesellschaftliche Handeln.

Heute ist der 23. Mai, der Tag des Grundgesetzes. Das Grundgesetz ist uns in den vergangenen Jahrzehnten Leitschnur, Orientierungshilfe und ein sicherer Begleiter gewesen auf dem Weg durch die Geschichte. Das konnte es deswegen sein, weil seine Verfasser einen ausgesprochen entschiedenen Mut zum Wandel hatten, sie hatten den Mut, nach Krieg und Diktatur ganz neu anzufangen. Sie haben auf die Demokratie vertraut und an ihre Zukunft geglaubt. Und sie haben einen Gesetzes- und Rechtsrahmen geschaffen, der auch eine bunte und vielgestaltige Gesellschaft zusammenhalten kann. Das ist eine große Leistung.

Das Grundgesetz ist, wenn man so will, aus der Erfahrung einer dunklen Geschichte geschrieben und hat eine hellere und menschenfreundliche Geschichte ermöglicht.

Das eigentliche Haus unserer Geschichte ist kein Ausstellungsraum. Es ist das tägliche Leben und Streben, es ist unser Haus, in dem wir gemeinsam leben. Es ist nie fertig und nicht vollkommen, aber mit Zuversicht und Mut können wir gemeinsam daran weiterbauen.