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Abschlussveranstaltung des 14. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages

Besuch des 14. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages in Stuttgart - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede Stuttgart, 9. Juni 2011 Besuch des 14. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede © Sascha Baumann

Ich war bei meinem Rundgang erneut sehr beeindruckt von der Vielfalt der Angebote, Hilfen und Leistungen der öffentlichen und der freien Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Darum allem voran erst einmal „danke“ an alle, die sich hier engagieren.

Ihre Arbeit ist für Millionen Kinder und Jugendliche – und für ihre Eltern – eine Bereicherung, ein ganz wichtiger Baustein für ihr Leben – und vielfach auch, so deutlich möchte ich es sagen - eine Rettung.

Viele, die trotz Widrigkeiten in eine gute Zukunft gehen konnten, verdanken das Menschen und Institutionen, die ihnen in entscheidenden Momenten geholfen haben. Einfach so!

Meine Schwester und ich selbst haben das erfahren, als unsere Mutter schwer erkrankte. Ich erlebe immer wieder, wie viel Menschen erreichen können, wenn man an sie glaubt und wenn man sie – gerade in kritischen Momenten – gezielt unterstützt.

Die erfolgreichste Art, Zusammenhalt zu stärken, ist anderen zu vertrauen und ihnen etwas zuzutrauen. Kindern und Jugendlichen etwas zuzutrauen und sie zu beteiligen an wichtigen Entscheidungen, die sie betreffen, ist ein zentrales Gebot.

Wir wissen, wie viele jugendliche Intensivtäter in Familien aufwachsen, die ihnen keinen Halt geben und keine Wertvorstellungen vermitteln, mit denen sie sich in unsere freiheitliche Gesellschaft einfügen müssen.

Viele Eltern sind guten Willens, haben große Pläne für ihre Kinder und ebenso großes Zutrauen in Institutionen wie Kindergarten und Schule. Aber sie haben nur rudimentäre Kenntnisse über das deutsche Bildungssystem und über das, was es auch ihnen, den Eltern, abverlangt. Diese Eltern brauchen Unterstützung.

Ich halte es für überfällig, dass das neue Kinderschutzgesetz vor allem auf den Auf- und Ausbau früher Hilfen setzt. Zum Beispiel auf so genannte Familienhebammen, die versuchen, von Anfang an bei Problemen und Überforderung zu helfen und so einen wirksamen Beitrag zum Kinderschutz leisten. Als wir vor zehn Jahren mit der Stiftung „Eine Chance für Kinder“ anfingen, war es Pionierarbeit. Wir können es uns nicht leisten, hier zu knausern!

Es gibt, menschlich wie ökonomisch, keine bessere Investition als die, jedem Kind – von Anfang an und unabhängig von seinem Elternhaus – das Rüstzeug mitzugeben, seine Zukunft eigenständig zu gestalten.

Die aktuelle Shell-Jugendstudie zeigt sehr gut, wie stark die Ressourcen des Elternhauses den Blick auf die eigene Zukunft bestimmen: Die meisten jungen Leute blicken so optimistisch in die Zukunft wie lange nicht mehr. Aber bei den Jugendlichen aus finanzschwachen Haushalten ist die Zuversicht weiter gesunken. Die Kluft zwischen den Milieus hat sich verstärkt. Das ist der beunruhigende Befund!

Formal gleiche Bildungschancen allein reichen nicht aus, um diese Kluft zu schließen. Nur eine gezielte zusätzliche individuelle Förderung kann Bildungsdefizite abbauen. Viele Kinder und Jugendliche müssen heute erst mal ganz grundlegende Dinge lernen: pünktlich zu sein, Konflikte mit friedlichen Mitteln zu lösen, im Team zu arbeiten.

Umso wichtiger ist es, dass sich auch die unterschiedlichen Lern- und Lebensorte von Kindern und Jugendlichen untereinander verbinden: schulische und nicht-schulische, private und öffentliche Träger. Und umso wichtiger sind Lernbereitschaft und Anerkennung für die Arbeit der anderen, Rollenteilung und klare Zuständigkeit, gute Kommunikation und Verlässlichkeit.

Oft liegen nur wenige Meter zwischen den Institutionen. Aber wie viele Jugendliche gehen auf diesen Metern verloren, wenn die Verbindung nicht existiert, wenn Verantwortung hin und hergeschoben wird!

Kirsten Heisig, die verstorbene Berliner Jugendrichterin, hat geschildert, wie sich manchmal Schulen, Jugendämter und Familienhilfe die schwierigen Jugendlichen zuschieben „wie heiße Kartoffeln“.

Und andersherum: Viel Leid kann verhindert, viel Gutes auf den Weg gebracht werden, wenn Schule sich zur Jugendarbeit öffnet – und diese sich zur Schule, wenn Kinder- und Jugendpsychiatrie, Ärzte und Jugendämter an einem Strang ziehen, wenn Träger der Jugendhilfe, Jugendämter und Arbeitsagenturen, Jugendgerichte und Polizei kooperieren.

Darum ist es richtig, dass im neuen Kinderschutzgesetz versucht wird, viele Hürden zur Vernetzung und Kooperation beiseite zu räumen und wenn der Austausch zwischen den Jugendämtern intensiviert werden soll.

Es ist gut, dass bei Vormundschaften die Aufsichtspflichten des Gerichtes wie auch die Berichtspflichten des Vormundes ausgeweitet werden. Und wichtig, dass ein Amtsvormund künftig höchstens 50 Mündel zu betreuen und dass der persönliche Kontakt gefordert wird. Denn über Wohl und Wehe eines Kindes kann man nicht urteilen, wenn man es nur als Fall oder als Akte kennt.

Es ist auch gut, dass diejenigen, denen hauptamtlich das Wohl von Kindern und Jugendlichen anvertraut wird, ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen müssen.

Diese neuen Regelungen sind wichtige Schritte für einen verbesserten Kinderschutz, der Vertrauen und Anerkennung genießt. Sie werfen aber auch weitere Fragen auf: nach einheitlichen Fach- und Qualitätsstandards, nach präzisen Verantwortlichkeiten, nach einer unabhängigen Bewertung und nach einer nachhaltigen Finanzierung der Strukturen und Institutionen. Zu diesen Fragen kommt noch viel Arbeit auf uns alle zu.

Die große Überschrift über dieser Abschlussveranstaltung heißt „Beteiligung“. Das ist ein schönes Wort mit vielen Bedeutungen – und noch viel mehr Voraussetzungen.

Beteiligung heißt teilhaben zu können an den Chancen, die unsere Gesellschaft bietet. Beteiligung heißt, teilnehmen zu können und zu wollen an den Angelegenheiten, die uns betreffen.

Die Voraussetzungen dafür müssen früh geschaffen werden. Voraussetzung ist, dass Kinder Deutsch lernen – nur dann können sie sich angemessen verständlich machen. Dass sie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten entwickeln können – nur dann können sie sich frei bewegen und sich eine eigene Meinung bilden. Für mich ist eine zentrale Voraussetzung, dass Kinder erleben, ihr Wort zählt etwas – nur dann werden sie dauerhaft ermutigt sein, sich einzumischen. Dass sie erleben, Teil einer Gemeinschaft zu sein, der sie etwas verdanken, die ihnen etwas gibt – dann werden sie dieser Gemeinschaft auch etwas zurückzugeben wollen. Dass sie als eigene, unverwechselbare Persönlichkeit respektiert werden und dass es für alle Grenzen gibt, die niemand überschreiten darf – nur so werden sie lernen, andere zu respektieren. Voraussetzung ist schließlich, dass sie spüren, es kommt auf sie an, egal woher sie kommen, ihr Beitrag verändert etwas – nur dann werden sie ihre Kraft und ihre Ideen auch zum Wohl der Allgemeinheit einsetzen. Für mich geht es im Kern um gegenseitige Wertschätzung.

Sie, verehrte Damen und Herren, tragen mit Ihrer Arbeit an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlicher Weise dazu bei, diese Voraussetzungen für möglichst viele Kinder und Jugendliche zu schaffen. Die Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe ist unverzichtbar für eine menschliche Gesellschaft und eine funktionierende Demokratie!

Und darum ist es gut, dass bei diesem Kinder- und Jugendhilfetag nicht nur über Jugendliche gesprochen wird, sondern auch mit ihnen. Sie erleben hoffentlich viele der Dinge, die ich genannt habe - in der Familie, im Kindergarten, in der Schule oder an anderen Orten:
in Jugendverbänden, Vereinen, Heimräten oder Kinder- und Jugendparlamenten. Ich freue mich von einigen besonders engagierten Jugendlichen zu erfahren, welche Erfahrungen sie bei ihrem Engagement gemacht haben und was sie für Wünsche und Verbesserungsvorschläge haben.

Ein paar Dinge vorweg aus meiner eigenen Erfahrung.

Demokratie ist keine einfache Veranstaltung. Das fängt in der Familie an, wenn man widerstreitende Ansichten unter einen Hut bringen möchte. Da geht es nicht darum, Streit zu vermeiden. Entscheidend ist, wie Streit ausgetragen wird: leidenschaftlich, aber immer auch fair und auf die Sache bezogen. Ich wünsche mir oft Respekt für diejenigen, die sich mit einer Sache auseinandergesetzt haben, die selbst Arbeit übernommen haben. Denn Demokratie macht Arbeit. Aber nur so kann man sich eine wirklich eigene Meinung bilden, keine „Secondhand“-Meinung. Und nur so kann man auch neue, eigene Ideen entwickeln und damit die Diskussion und die Umsetzung der Beschlüsse voranbringen.

Vor wenigen Tagen habe ich an einer Wuppertaler Schule mit Schülern über das Internet und die Zukunft der Demokratie diskutiert. Eine Stufensprecherin war zurückgetreten, weil sie die polemischen Kritiken in Facebook zur Vorbereitung der Abifeier von denen, die selbst nicht mitgearbeitet hatten, nicht mehr ertragen konnte.

Demokratie heißt auch nicht automatisch: gute Entscheidungen. Es heißt: nach fairem Wettstreit um den besten Weg mitentscheiden können, welches die von den meisten bevorzugte Lösung ist. Und diese Lösung mittragen, auch wenn es nicht die ist, die man selbst am besten gefunden hätte. Denn das Wort „Beteiligung“ signalisiert ja auch: Niemand kann für sich in Anspruch nehmen, die Wahrheit für sich allein gepachtet zu haben. Jeder trägt mit seiner eigenen Erkenntnis zu einem Teil des Ganzen bei. Das ist gerade die Stärke der Demokratie. Denn viele zusammen kommen oft auf bessere Ideen als einer ganz allein.

Demokratie braucht nicht nur Mitredner, sondern auch Mitmacher und Mitverantwortliche. Für Kinder und Jugendliche heißt das: sich melden, wenn ein Klassen- oder Schülersprecher gesucht wird, eintreten in einen Verein oder Jugendverband, mitmischen in der Gemeinde.

Und für die Erwachsenen heißt es: die Rechte von Kindern und Jugendlichen auch ernst zu nehmen - bei der Gestaltung von Schulgebäuden und Schulhöfen, von Kinderferienprogrammen oder Freizeiteinrichtungen, aber auch in der Planung von Straßen und Infrastrukturen. Es gibt viele mögliche Formen der Beteiligung: projektorientierte und offene Formen, aber auch dauerhafte wie etwa in kommunalen Kinder- und Jugendparlamenten, Jugendgemeinderäten, Jugendbeiräten, Stadtteiljugendräten oder Heimräten in offenen Jugendeinrichtungen.

Das ist oft eine Herausforderung für die Erwachsenen-Politik. Denn es stört eingefahrene Routinen und stellt oft auch unsere, die Erwachsenen-Perspektive, in Frage. Aber ich bin überzeugt: wenn wir Kinder und Jugendliche ernst nehmen als Expertinnen und Experten in eigener Sache, wenn Beteiligung mehr ist als bloße Spielwiese, dann gewinnen wir nicht nur Kinder und Jugendliche für unsere Demokratie. Dann gewinnen auch wir Erwachsene neue Einsichten. Und dann gewinnen auch das Miteinander der Generationen und die Lebensqualität in unserem Land.

„Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist ein Gradmesser für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.“ Diesen Satz aus dem nationalen Aktionsplan für ein kindergerechtes Deutschland lege ich allen nachdrücklich ans Herz. Mit jedem Kind kommt ein neuer Blick auf die Welt, mit jedem Kind kommt eine neue Möglichkeit, die Welt zu sehen und die Welt zu gestalten. Wir sind es Kindern und uns selbst schuldig, sie das Beste aus ihren Möglichkeiten machen zu lassen, für sich selbst und für unser Land.