Navigation und Service

Festakt anlässlich des „Europäischen Jahres der Freiwilligentätigkeit 2011“

Festakt zum "Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011" in Görlitz - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede Görlitz, 14. Juni 2011 Festakt zum "Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit 2011" - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede © Guido Bergmann

"Bürgerschaftliches Engagement hält unsere Gesellschaft zusammen"

Ich beginne mit einem Zitat. Es stammt aus dem Jahr 1922: „Das kontinentale Europa von Portugal bis Polen wird sich entweder zu einem Überstaat zusammenschließen oder noch im Laufe dieses Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich und kulturell zugrunde gehen.“

Dies schrieb ein Mann, den viele von uns vielleicht nicht kennen: Sein Name war Richard Coudenhove-Kalergi. Er hatte kein Amt und keine besondere Funktion, aber er hatte eine Vision und die Gabe, Menschen für die Idee des vereinten Europa zu begeistern. Der Sohn eines Österreichers und einer Japanerin, selbst tschechischer Staatsbürger, war gewissermaßen einer der ersten europäischen Bürger und der ersten europäischen Freiwilligen - und deshalb auch der erste Träger des Aachener Karlspreises.

Bevor indes seine Vision der europäischen Einheit Gestalt annehmen konnte, wurde seine Ahnung vom Untergang Europas in der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges furchtbare Gewissheit.

Doch Richard Coudenhove-Kalergi ließ sich nicht entmutigen: Er war es, der 1946 für Winston Churchill die atemberaubende Züricher Rede formulierte, in der dieser die „Vereinigten Staaten von Europa“ forderte.

Wir sollten uns immer wieder klar machen, was wir gemeinsam alles erreicht haben, trotz der Sorgen, die uns Europa in diesen Tagen sicher auch macht: Die Grenzen sind gefallen. An vielen Ortseinfahrten künden Schilder von Städtepartnerschaften. Es gibt Europa-Schulen, es gibt Europa-Universitäten, es gibt immer mehr Brücken zwischen unseren Völkern.

Was wäre Europa ohne Frauen und Männer wie Coudenhove-Kalergi? Was wäre es ohne die Menschen, die sich nach den Verheerungen zweier Weltkriege für Europa begeisterten und die Schlagbäume an den Grenzen einrissen? Was wäre Europa ohne die Solidarnośćin Polen, ohne die Charta 77, ohne paneuropäisches Picknick und Montagsdemonstrationen? Ohne die Bürgerbewegung aus den Kirchen, aus anderen Kreisen, aus Naturschutz- und Umweltgruppen in der früheren DDR, die den Eisernen Vorhang durchbrochen haben, die ihn beseitigt haben. Europa wäre womöglich noch immer durch den Eisernen Vorhang geteilt.

Deshalb ist Europa zuallererst eine Sache der Bürger! Und es gehört zuallererst in die Hand der Bürger!

Es waren mutige Bürgerinnen und Bürger, in Polen, in der damaligen Tschechoslowakei, in der damaligen DDR, in Ungarn und anderswo, die die Geschichte in die Hand genommen haben. Und die Unterstützung bekamen: Auch von vielen Westdeutschen, die während des Kriegsrechts in Polen Spenden sammelten und sich aufmachten, um mit Hilfsgütern die Versorgungskrise zu lindern.

Die Teilung Europas zu überwinden, war zuallererst das Verdienst der Bürger. Es war auch das Verdienst all derer, die über die Grenzen hinweg Verbindungen geknüpft und Brücken gebaut haben.

Wo wäre es einfacher Brücken zu bauen, als in den Grenzregionen zwischen unseren Ländern, wo die Grenzen eben nicht mehr trennen, wo Flüsse die Orte hüben und drüben inzwischen verbinden, wo aber aus Nachbarschaft noch nicht unbedingt Gemeinschaft geworden ist. Orte wie Görlitz/Zgorzelec, Guben/Gubin, Frankfurt an der Oder/Slubice, Mulda-Zethau und Louny, Städte wie Rostock und Stettin, Traunstein und Salzburg, Grenzregionen wie Cham und Pilsen sind dafür prädestiniert, Brücken zu bauen.

Die sieben Brücken, die die Bürger im „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ gebaut haben, verbinden nicht nur ihre Städte und Regionen. Sie verbinden auch die Generationen untereinander, und sie verbinden Völker miteinander. Sie tragen zum Zusammenhalt der Gesellschaft und zum Zusammenwachsen Europas bei.

Diese Brücken verdanken wir Frauen und Männern, die Initiative ergreifen, die mitmachen, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren.

Ihnen möchte ich als Bundespräsident an dieser Stelle an diesem Tag, auch durch mein Hier sein und mein Interesse für die einzelnen Aktivitäten ausdrücklich Dank sagen, Ihnen die größte Anerkennung zollen und Unterstützung zuteil werden lassen, denn diese haben die Ehrenamtlichen über Jahrzehnte mehr als verdient. Wir werden es gleich hier auf der Bühne erleben, wie die Vertreter des Roten Kreuzes, der Feuerwehren, der Mehrgenerationen-Häuser, der sozialen, der Umweltgruppen hier über Jahrzehnte freiwillig, uneigennützig, ehrenamtlich Verbindung schaffen über die Grenzen hinweg und damit die Grenzen unbedeutend werden lassen. Und dafür ein herzliches Wort des Dankes und der Anerkennung, denn diese Menschen haben diese Anerkennung von uns allen verdient.

Wir brauchen Menschen wie sie, die mit offenen Augen durch die Welt gehen, die sehen, wo Hilfe nötig ist und die nicht warten, bis andere, die zuständigen Behörden des Staates ein Problem lösen. Wir brauchen Menschen, die selber anpacken, die Ideen entwickeln und die Energie aufbringen, sie auch dann zu verwirklichen, wenn sie mal auf Schwierigkeiten stoßen.

Wir alle wissen doch, dass wir selber vor immer wieder neuen Hindernissen gestanden haben. Und so manches dieser Hindernisse haben wir nur überwinden können, weil uns andere, Gleichaltrige oder Ältere, Lehrerinnen oder Lehrer, Menschen geholfen haben, einfach so, ohne dazu verpflichtet zu sein, weil sie das als ihre Pflicht angesehen haben zu helfen.

Wir brauchen Menschen, die ihre Kompetenz einbringen, ihr Wissen und ihre Erfahrung mit anderen teilen. Sich nicht nur um sich selbst zu kümmern, das ist praktizierte Solidarität. Und eine europäische Bürgergesellschaft kann nur entstehen, wenn diese Solidarität und das ehrenamtliche Engagement auch über die Grenzen unserer Nationen hinweg spürbar werden. Denn im Ehrenamt vereinen sich Freiwilligkeit, Freiheitlichkeit und Verantwortung. Das sind die eigentlichen Säulen unserer Gesellschaft. Ohne bürgerschaftliches Engagement im Ehrenamt ist ein freiheitlicher, demokratischer und sozialer Staat letztlich nicht denkbar. Es hält unsere Gesellschaft zusammen.

Und wir werden künftig mehr bürgerschaftliches Engagement brauchen - in der Nachbarschaft und im Stadtteil, im Verein und am Arbeitsplatz, in Wirtschaft, Bildung und Wissenschaft, in Kultur, im sozialen Bereich und auch in der Politik. Wir brauchen Jugendbegegnungen und Städtepartnerschaften, viele Brücken zwischen den Völkern, damit Europa kein Projekt der Eliten bleibt und kein Projekt der Technokraten wird.

Die Politik muss den Freiraum schaffen, aber auch den Rahmen bieten, damit sich das bürgerschaftliche Engagement entfalten kann. Das Europäische Jahr der Freiwilligentätigkeit ist ein solcher Rahmen. Es ist ein Angebot. Dafür danke ich der Europäischen Kommission und dem Bundesministerium für Familie und Senioren, Frauen und Jugend, den Ländern Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Bayern und allen, die in Landkreisen, Regionen, Städten und Gemeinden hierfür Verantwortung tragen.

Gerade Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Landrätinnen und Landräte wissen, was für die Bürger wichtig und notwendig ist und was sie an Engagement seitens der Bürger tagtäglich erfahren. Wir haben viel mehr Bereitschaft in der Bevölkerung als gemeinhin berichtet wird. Es stimmt eben nicht, dass immer mehr Menschen nur an sich denken und sich aus dem Gemeinwesen zurückziehen - ganz im Gegenteil. Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, zeigen wie viel man bewegen kann. Wie viel Freude und persönliche Genugtuung es bringt. Und diese Menschen wollen auch gar nicht in die Öffentlichkeit gerückt werden, weil sie viel zu bescheiden sind. Aber sie lassen sich vielleicht sagen, dass wir sie als Vorbilder auf die Bühne bringen müssen, als Vorbilder für andere, damit andere ihnen nacheifern und sagen wollen: So wie der Feuerwehrmann im Ort, der uns beim Hochwasser gerettet und uns bei Überschwemmung des Dorfes geholfen hat, so wollen wir später auch mal sein.

Wer sich aus freien Stücken und mit Überzeugung für andere einsetzt, dessen Leben erfährt Zuwachs an Sinn, dessen Leben gewinnt an Freude und dessen Leben verlängert sich. Eine Studie des Universität von Michigan belegt es: Helfende leben länger und das Ehrenamt macht froh! Ehrenamtliche Tätigkeit wirkt nachweislich gesundheitsfördernd und lebensverlängernd. Soziales Engagement kann die individuelle Lebenserwartung um bis zu 21 Prozent steigern. Deshalb hat Mutter Teresa Recht, wenn sie sagt: „Je mehr Du gibst, desto mehr empfängst Du. Und wer mit Freuden gibt, gibt am meisten.“

Nicht jede ist eine Mutter Teresa, nicht jeder ein Richard Coudenhove-Kalergi. Aber jeder und jede kann etwas geben: ein bisschen Zeit, eine gute Idee, eine helfende Hand. Jeder und jede von uns kann mit bauen an der Brücke zwischen Jung und Alt, Reich und Arm, Einheimischen und Zugewanderten, über die Grenzen hinweg gemeinsam mit unseren Nachbarn. So nehmen die Bürgerinnen und Bürger ihre Stadt, ihre Region und ihr Land in die eigenen Hände. So bauen sie mit an einer europäischen Bürgergesellschaft und nehmen Europa selbst in die Hand. Ohne das geht es nicht, oder schief oder was hatte Richard Coudenhove-Kalergi gesagt?

„Das kontinentale Europa von Portugal bis Polen wird sich entweder zu einem Überstaat zusammenschließen oder noch im Laufe dieses Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich und kulturell zugrunde gehen.“