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Empfang für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus dem In- und Ausland

Empfang für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus dem In- und Ausland in Schloss Bellevue - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 23. Juni 2011 Empfang für Nachwuchswissenschaftler aus dem In- und Ausland - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache © Guido Bergmann

Herzlich willkommen in Schloss Bellevue.

Politik und Wissenschaft haben einiges gemeinsam. Für beide Bereiche gilt: Man muss für die Sache leben können – auch, weil man oft nicht sicher sein kann, ob und ab wann man von der Sache leben kann. Man braucht Durchsetzungsvermögen, Zuversicht und Mut zum Risiko. Vielleicht ist das, was man in Deutschland vor der Berufung auf eine Professur erlebt, mit der bei Politikern so genannten „Ochsentour“ vergleichbar.

Da enden die Gemeinsamkeiten. Denn was in der noch Politik eher selten ist, ist in der Wissenschaft beinahe Standard: ins Ausland zu gehen – aus wissenschaftlicher Neugier oder in der Hoffnung auf gute berufliche Aussichten. Allein in den USA forschen und lehren schätzungsweise 6.000 Promovierte deutscher Universitäten.

Das ist gut. Denn Wissenschaft lebt vom offenen Austausch über die Grenzen hinweg. Viele von Ihnen haben gewiss auch die Erfahrung gemacht, im Ausland umworben zu werden. Auch das ist gut. Man kann das als Kompliment verstehen für die deutschen Hochschulen und ihre exzellente Ausbildung – und zwar in der Breite. Weltweit genießt unser Land hohes Ansehen.

Wenn man aber ernst nimmt, was unlängst in einer Allensbach-Umfrage ermittelt wurde – je erfolgreicher Akademikerinnen und Akademiker in Deutschland ihr Studium absolvieren, desto fester planen sie, die Bundesrepublik zu verlassen - und wenn man bedenkt, dass in Deutschland, einer McKinsey-Studie zufolge, bis 2020 rund zwei Millionen Akademikerinnen und Akademiker fehlen könnten, dann muss man diese Zahlen auch als dringende Aufforderung zum Handeln verstehen.

Denn unser künftiger Wohlstand als rohstoffarmes Land wird nicht nur davon abhängen, wie viele Akademikerinnen und Akademiker wir an unseren Hochschulen exzellent ausbilden. Wir müssen es auch schaffen, unserem wissenschaftlichen Nachwuchs hier eine Perspektive zu bieten – auch denen, die eine Zeit lang ins Ausland gegangen sind. Und wir müssen gezielt kluge Köpfe aus anderen Ländern zu uns holen – so wie es andere Länder schon seit vielen Jahren vormachen. Übrigens auch Einrichtungen wie die Max-Planck- oder Fraunhofer-Institute oder die Steinbeis-Hochschule.

Ich bin sehr einverstanden mit der Zielrichtung, die auch die „German Scholars Organization“ und das „German Academic International Network“ vertreten: Wissenschaftliche Mobilität fördern, zugleich aber alles versuchen, um Deutschland einen guten Platz im Karussell der internationalen „Brain Circulation“ zu sichern. Darum ist es auch so wichtig, die Kontakte zu deutschen Wissenschaftlern im Ausland zu stärken und bessere Möglichkeiten für eine erfolgreiche Wissenschaftsrückkehr nach Deutschland zu eröffnen. Und darum sind die Netzwerke, die Sie spinnen, so wertvoll.

Sie haben heute schon einiges über „Karriereperspektiven in Deutschland und Erfolgsstrategien für Rückkehrer“ gehört. Dabei haben Sie gewiss erfahren, wie attraktiv unser Land in vielen Bereichen ist. Das gesellschaftliche Klima für innovative Forschung hat sich verbessert. Die Politik macht große Anstrengungen, Hochschulen und außeruniversitäre Forschungsinstitutionen finanziell gut auszustatten. Vieles ist in Bewegung gekommen in der deutschen Hochschullandschaft. Universitäten konnten sich neu profilieren, spannende Forschungskooperationen sind entstanden. Die jüngere Generation von Wissenschaftlern arbeitet internationaler als ihre Vorgänger. Dazu tragen auch die ausländischen Akademikerinnen und Akademiker bei, die unsere Universitäten sehr zu schätzen wissen – immerhin belegt Deutschland nach den USA und Großbritannien Platz drei unter den beliebtesten Studienländern.

Auch in der Wirtschaft sind die Aussichten gut. Deutschland ist heute eindeutig die dynamischste und wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft Europas. Das wurde jüngst noch einmal eindrucksvoll bestätigt durch eine Befragung von über 1.000 international tätigen Unternehmen. Viele weltweit erfolgreiche deutsche Unternehmen investieren beharrlich in Forschung und Entwicklung und bieten dem wissenschaftlichen Nachwuchs reizvolle, international vernetzte Aufgaben.

Wichtige Aufgaben gibt es in der Tat sehr viele – von der Grundlagenforschung bis in die Praxis. So vieles ist noch unerforscht und unverstanden: in den Weiten des Weltraums, in den Tiefen der Meere, in den Funktionen des menschlichen Körpers und in vielen anderen Bereichen. Viele Fragen haben existenzielle Bedeutung für die Zukunft der Menschheit: Wie sichert man die Ernährung einer ständig wachsenden Weltbevölkerung? Wie können wir unsere Wirtschaftsweise so umgestalten, dass Wohlstand und Naturverbrauch entkoppelt sind? Wie sieht die Energieversorgung der Zukunft aus? Wie entwickelt sich das Klima auf unserem Globus, mit welchen Folgen und welchen Möglichkeiten, sich darauf einzustellen? Wie gehen wir besser mit Krankheiten um? Auf all diese Fragen müssen Naturwissenschaften, Technik, Sozial- und Geisteswissenschaften Antworten finden – und Wirtschaft und Gesellschaft müssen diese Antworten wirksam umsetzen.

Unsere Bemühungen darum, kluge Köpfe ins Land zu holen oder zurückzuholen, werden nur fruchten, wenn sich in Deutschland noch einiges ändert: in den Hochschulen, auf dem Arbeitsmarkt und allgemein in der Gesellschaft. Etwa wenn es um die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft geht: Ein Teilnehmer der ersten Wissenschaftskonferenz vor vier Jahren hat erzählt, man könne sich hierzulande noch immer eine Berufung spielend „vermasseln“, indem man gegenüber der Berufungskommission Ideen zur Kommerzialisierung der Forschungsergebnisse oder gar zum Spin-off eines Unternehmens äußere! Und noch ein Satz, der damals gefallen ist und der nachdenklich macht: „In Deutschland wird in Berufen und Zertifikaten gedacht, in den USA in Kompetenzen und Potenzialen.“

Denken wir also in Potenzialen. Was sind die Stärken des Wissenschaftsstandorts Deutschland – und welche Schwächen können wir wie überwinden? Manches wird sich auch nicht ändern lassen. Aus Deutsch wird man keine einfache Sprache machen können. Aber deutsche Arbeitgeber könnten toleranter werden gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern, die nicht akzentfrei deutsch sprechen. Wir brauchen mehr Offenheit für Fremdes und Fremde.

Und auch vieles auf der Liste der Wünsche, die Ihre Kolleginnen und Kollegen meinem Vorgänger Horst Köhler vor vier Jahren übergeben haben, ist mit etwas Reformwillen zu verändern – und manches schon auf den Weg gebracht.

Das Interessante ist, dass die meisten Wünsche nur wenig oder gar kein zusätzliches Geld kosten würden: Da werden kooperative Entscheidungsstrukturen gefordert. Gute Strukturen für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Kollegiale Akzeptanz junger Wissenschaftskollegen, mehr Anreize zur Kooperation zwischen kreativen Jungen und erfahrenen Alten. Schnelle und transparente Berufungsverfahren und geringere bürokratische Belastung. Bessere Vernetzung innerhalb Deutschlands und mit dem Ausland, mehr Internationalität, eine offensivere Werbung deutscher Universitäten im Ausland. Die Möglichkeit, zu einem früheren Karrierezeitpunkt unabhängige Forschung betreiben zu können. Wegfall starrer Befristungen und Altersgrenzen. Familienfreundliche Strukturen in der Forschung und gute Rahmenbedingungen auch für die Partner. Ein Fremden gegenüber aufgeschlossenes gesellschaftliches Klima und Neugier auf Menschen, die von auswärts kommen. Eine Willkommenskultur an den Universitäten mit Hilfsangeboten im Alltag und in bürokratischen Fragen – für die Akademiker und deren Familien.

All diese so genannten „weichen“ Standortfaktoren gewinnen im internationalen Wettbewerb mehr und mehr an Bedeutung. Gut, dass immer mehr Universitäten solche Willkommenszentren einrichten. Und hoffentlich gehören dann Reaktionen wie die beim Wettbewerb um das beste Willkommenszentrum der Vergangenheit an – da gestanden manche Unis: „Wir wissen eigentlich gar nicht, welche Forscherinnen und Forscher aus dem Ausland bei uns tätig sind.“

Vergessen wir auch nicht die, die aus dem Ausland zum Studium nach Deutschland gekommen sind und die hier bleiben wollen. Laut Bundesarbeitsministerium bleibt nur ein Viertel der jährlich 21.000 ausländischen Studienabsolventen in Deutschland – andere Länder erreichen deutlich höhere Quoten. Es ist gut, dass die Bundesregierung hier großzügigere Regelungen für Absolventen einführt. Denn auch darin gebe ich einem Ihrer Vorgänger recht: Deutschland braucht nicht nur wenige exzellente Professorinnen und Professoren, sondern viele hervorragende Frauen und Männer, die gute Lehre garantieren und eine solide Forschung in Wissenschaft und Wirtschaft voranbringen.

Ich hoffe, dass wir zu vielen von Ihnen bald sagen können: „Willkommen zurück!“