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Festveranstaltung anlässlich des 111. Deutschen Wandertages

Festveranstaltung anlässlich des 111. Deutschen Wandertages in Melle - Bundespräsident Christian Wulff bei einer Ansprache Melle, 14. August 2011 Festveranstaltung anlässlich des 111. Deutschen Wandertages - Bundespräsident Christian Wulff bei einer Ansprache © Sandra Steins

Der erste Bundespräsident Professor Theodor Heuss hat es so auf den Punkt gebracht: „Der Sinn des Reisens ist, an ein Ziel zu kommen, der Sinn des Wanderns, unterwegs zu sein.“

Als zehnter Bundespräsident möchte ich ergänzen, dass das eine das andere keineswegs ausschließt, aber wie eigentlich immer hat es Theodor Heuss treffend formuliert im Hinblick auf die Wanderung als solche.

Bundespräsidenten sind meist eher damit beschäftigt, ans Ziel zu kommen, als damit, unterwegs zu sein. Das bringt das Amt mit sich, ich bin da keine Ausnahme. Ich habe aber sehr gern die Schirmherrschaft über den Deutschen Wanderverband übernommen und bin sehr gern zu Ihnen gekommen.

Ich bin auch nicht allein deshalb gern gekommen, weil man eine über hundert Jahre währende Tradition einfach pflegen muss, und weil meine Vorgänger im Amt des Bundespräsidenten das seit 1980 und dem legendären wandernden Präsidenten Karl Carstens auch so gehalten haben. Ich bin vor allem deshalb sehr gern Ihr Schirmherr geworden, weil ich als Mitglied des Wiehengebirgsverbandes weiß: Wandern ist wunderbar, und Wandern ist wichtig. Warum?

„Wandern ist Begegnung“ –  wenn ich mich hier unter Ihnen umschaue, diese vielen tausend Gesichter sehe, dann ist ganz klar: Das Motto trifft es ganz präzise. Sie sind hier zusammengekommen, aus den verschiedensten Teilen Deutschlands und Europas. Aber eines haben Sie alle gemeinsam und das hat Sie hier zusammengeführt: Ihre Begeisterung fürs Wandern. Ich danke Ihnen, dem Deutschen Wanderverband und allen Mitveranstaltern dieses Wandertags für diese großartige Möglichkeit der Begegnung hier in Melle!

Wandern verbindet: Familien oder Freunde, die sich gemeinsam auf den Weg machen, aber auch Unbekannte. Egal, wie alt wir sind, wie unterschiedlich die Sphären sein mögen, in denen wir uns üblicherweise bewegen, egal, welche individuellen Lebensgeschichten wir im Gepäck haben: Als Wanderer treffen wir den anderen erst einmal von gleich zu gleich, unabhängig von Herkunft, Lebensalter oder sozialer Stellung. Wir haben die Chance, einander unvoreingenommen kennenzulernen – und das ist wertvoll in einer Zeit, in der nicht nur die Vielfalt wächst, die unsere Gesellschaft lebendig macht, sondern auch die Unterschiede, die uns voneinander entfernen. Wandern schafft also Begegnungen über die Grenzen unseres normalen Alltags hinaus – und damit Zusammenhalt, wie ihn unsere Gesellschaft braucht.

Wandern heißt nicht nur zusammenkommen. Wandern heißt auch zu sich kommen. Aufzutauchen aus einem oft stressigen Alltag. Zeit zu haben füreinander, für Gespräche im Rhythmus der Schritte, abseits von der Hektik des Alltags. Es heißt, den Duft von Laub, Pilzen, Moos zu riechen, statt den von Abgasen. Bäumen zu begegnen, die um ein Vielfaches älter sind als man selbst. Den eigenen Körper zu spüren, Muskeln zu nutzen, die im Sitzen verkümmern. Mal wieder Stille zu hören oder einen weiten Horizont zu sehen. Neudeutsch gesagt: Wandern heißt auch Entschleunigung. Wie entspannend, wie wichtig und wie gesund das ist, brauche ich keinem von Ihnen zu erklären. Aber Sie sollten es weitersagen! Von diesem Deutschen Wandertag sollte diese Botschaft ausgehen.

Gerade Kindern und Jugendlichen, die in der Stadt aufwachsen, die viel vor dem Computer sitzen und kaum noch ihren Bewegungsdrang ausleben bzw. ausleben können, tut Wandern gut. Darum unterstütze ich es sehr, dass sich der Deutsche Wanderverband gemeinsam mit Partnern dafür einsetzt, dass der „Wandertag“ in Schulen auch wirklich wieder ein Tag des Wanderns wird. Als Familienvater weiß ich: Es ist nicht immer einfach, Kinder zum Wandern zu bewegen.

Wir waren vor Wochen auf der Burg Eltz, dem Kloster Arenberg und anderen Orten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, und da muss gerade auch mit dem Ziel zum Durchhalten motiviert werden, aber die gemeinsame Erfahrung ist einfach großartig.

Man hat so viele Möglichkeiten, Wanderungen spannend zu gestalten: Man gibt ihnen einen Kompass – oder moderner - ein GPS-Gerät, man veranstaltet eine Schatzsuche – auch hier gibt es die moderne Variante, das „Geo-Caching“. Und letztlich sind knackende Äste und Picknick im Wald ein spannenderes Erlebnis als Fast-Food.

Dabei geht es nicht allein um die Erlebnisse, sondern um die Erfahrungen, die man beim Wandern machen kann. Wobei „Erfahrung“ gar nicht das treffendste Wort ist. In unserer Sprache schwingt ja so manches mit, was uns gar nicht mehr so bewusst ist – zum Beispiel das „fahren“ in „Erfahrung“, das „greifen“ in „Begreifen“ und das „anfassen“ in „Erfassen“. Ich möchte darum an das etwas altertümliche Wort „bewandert“ erinnern. „Bewandert“ ist, wer die Welt in all ihrer Vielfalt kennen und schätzen gelernt hat.

Im Grunde zum Beispiel wissen wir alle: Wir müssen unsere Umwelt pfleglich behandeln, denn frisches Wasser, saubere Luft, fruchtbare Böden, die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt, all das zusammen bildet die Grundlage unseres Lebens. Aber erst im direkten Kontakt mit der Natur haben wir die Chance, zu spüren, wie eng wir mit ihr verbunden sind. Und wie schädlich vieles ist, was wir ihr antun.

Heute sprechen alle von Nachhaltigkeit. Es war ein Deutscher, der diesen Begriff erstmals bekannt gemacht hat – der Freiberger Berghauptmann Hanns Carl von Carlowitz, vor bald 300 Jahren. Wir können stolz darauf sein, dass das Prinzip der Nachhaltigkeit in Deutschland gewachsenes Kulturgut ist. Zugleich müssen wir das uns Mögliche dafür tun, dieses Prinzip allseits zu beachten und zu verwurzeln. Ich danke dem Deutschen Wanderverband, den vielen Mitgliedsvereinen, Ortsgruppen und den Partnern – wie der Deutsche Bundesstiftung Umwelt – für die vielfältige Unterstützung dabei.

Wandern macht auch noch in einem anderen wichtigen Sinne bewandert: man sieht, dass das eigene Land oder auch das fremde nicht nur aus Metropolen besteht, sondern ebenso aus den vielen schönen kleinen Orten abseits der großen Städte. Man lernt die Eigenarten der Landschaften kennen. Allein schon im Namen der Mitgliedsvereine klingt hier vieles an, vom Altmärkischen Wanderverein bis zum Wiehengebirgsverband. Knapp 10.000 Kilometer zählt allein der deutsche Teil der Europäischen Fernwanderwege, auf denen man insgesamt über 50.000 Kilometer europäischer Landschaft erwandern kann. Und das gesamte Wanderwegenetz in Deutschland umfasst rund 300.000 Kilometer. Mehr, als wohl je ein Mensch in einem Menschenleben erwandern kann, und dennoch: Lassen Sie sich von diesen Zahlen nicht erschlagen, sondern im Gegenteil ermuntern. Machen Sie sich auf den Weg!

Loswandern kann man ja glücklicherweise fast überall. Das kann ich aber nur deshalb so leichthin sagen, weil viele von Ihnen, liebe Wanderinnen und Wanderer, mit großem persönlichem Einsatz dafür sorgen, dass Schilder den richtigen Weg weisen, dass Wege passierbar bleiben, neue Wege erschlossen werden, dass sie in Wanderkarten verzeichnet und Wanderführern beschrieben werden. Oft sind Sie auch im wörtlichen Sinne Wanderführer.

Das ist einfach großartig! Es sollte hier nachhaltig und ausdrücklich gewürdigt werden. Denn wie ich eingangs sagte: Wandern ist wunderbar. Wandern ist wichtig. Ihnen allen für alles, was Sie Gutes tun, herzlichen Dank und einen richtig guten und schönen, erlebnisreichen letzten Tag beim 111. Deutschen Wandertag.