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Eröffnung der IdeenExpo 2011

Eröffnungsveranstaltung der IdeenExpo 2011 in Hannover - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Eröffnungsrede Hannover, 27. August 2011 Eröffnungsveranstaltung der IdeenExpo 2011 - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Eröffnungsrede © Helge Krückeberg

Ich erlebe mit großer Freude, wie wunderbar die Idee der IdeenExpo gedeiht. Eine Idee ist aber nur so gut wie die, die sie Wirklichkeit werden lassen. Daher danke an alle, die diese IdeenExpo mitgestalten und möglich machen! Hier erleben wir Neugier auf Technik. Interesse an Lösungen. Hier erleben wir, wie Schule, Wissenschaft und Wirtschaft, wie Stadt, Region und Medien kooperieren können, wie MINT-Fächer gefördert werden können. All das ist notwendig.

Ideen sind wichtig: Für unsere Wirtschaft, die von Ideen lebt und die für ihre Fähigkeit zur Innovation rund um den Globus berühmt ist. Für die Zukunft unseres Landes und unserer Gesellschaft. Und weit darüber hinaus, für die Zukunft der Menschheit.

Das klingt vielleicht etwas bombastisch. Aber es ist so: Mit unseren Ideen haben wir Menschen im Laufe unserer Geschichte die Welt verändert – zum Guten wie zum Schlechten.

Darum auch das Motto „Eure Ideen verändern“. Und zwar beileibe nicht allein Ideen im Sinne von technischen Erfindungen, Produkten oder Herstellungsverfahren.

Die Idee des Schreibens zum Beispiel war zwar vordergründig auch eine technische Entwicklung – vom Griffel zum PC, von der Steinplatte bis zum Touchpad. Vor allem aber war und ist es eine geniale Methode, um Einfälle festzuhalten und weiterzugeben: Erfindungen wie das Rad, das Schießpulver, der Buchdruck oder das Internet. Ideen wie Fortschritt, Freiheit, Individuum, Menschenrechte, Nationalstolz sowie Regeln und Gesetze für das menschliche Zusammenleben.

Ideen sind wirkungsmächtige Kräfte, die wir Menschen in die Welt bringen können und – wenn wir die großen Herausforderungen sehen – bringen müssen.

Größte Probleme rufen nach Lösungen: die wachsende Weltbevölkerung, der Klimawandel, die Erzeugung von Lebensmitteln. Wir sehen ausgelaugte Böden und Wassermangel. Viele Fragen sind offen: Wie gestalten wir künftig Mobilität? Woher beziehen wir unsere Energie? Wie schaffen wir Rohstoffeffizienz? Immer mehr müssen sich faszinieren und begeistern lassen, an der Bewältigung der Herausforderungen mitzuwirken. Das sollte Triebfeder sein. Deutschland ist gut aufgestellt: als innovativste, wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft Europas.

Der britische Wissenschaftsautor Peter Watson hat in seinem jüngsten Buch – hier unter dem Titel „Der deutsche Genius“ erschienen – sehr anschaulich beschrieben, wie herausragend der Anteil deutscher Dichter und Denker, Forscher und Ingenieure an der Geistes-, Wissenschafts- und Technikgeschichte der vergangenen 250 Jahre war. Viele bahnbrechende Gedanken, Ideen und Innovationen wurden in Deutschland erdacht, entwickelt und verwirklicht. Von der Bibelauslegung bis zur Quantenmechanik, von Kants Aufklärung bis zu Adornos radikaler Kritik: Die Grundlagen des modernen Weltbildes – philosophisch wie naturwissenschaftlich – sind nach Watsons Meinung von deutschen Denkern gelegt worden.

An die guten, menschenfreundlichen Ideen anzuknüpfen, die Tradition der Tüftler und Erfinder in unserem „Land der Ideen“ weiterzuführen: Dafür sollten wir unsere Energien einsetzen! Dafür sind Projekte, wie sie hier auf der IdeenExpo gemeinsam mit jungen Menschen ausprobiert und diskutiert werden, eine wunderbare Gelegenheit.

Mit Ideen allein ist es lange nicht getan. Wenn die Zeit noch nicht reif ist, haben es auch gute Ideen sehr schwer.

Nehmen wir ein technisches Beispiel: Alternativen zum reinen Verbrennungsmotor etwa gibt es seit weit über 100 Jahren. Generationen von Ingenieuren haben an alternativen Antriebstechniken getüftelt. Aber erst seit wenigen Jahren werden sie auch nachgefragt – nun scheint ihre Zeit vielleicht gekommen. 

Ein anderes Beispiel: Das Prinzip der Nachhaltigkeit – ersonnen vor 300 Jahren in Deutschland vom Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz. Aber erst heute, wo die Grenzen der Umweltnutzung und der Ressourcenausbeutung global spürbar werden, setzt es sich langsam in immer mehr Bereichen durch.

Das heißt: Es kommt nicht allein auf die gute Idee an. Menschen mit neuen Ideen gelten in ihrer Zeit häufig als Spinner – rückblickend allerdings sieht das Urteil mitunter ganz anders aus. Dafür gibt es viele Beispiele in der Technikgeschichte der Menschheit: Denken Sie an Leonardo Da Vincis hubschrauberähnliche Fluggeräte oder Graf Zeppelins Idee eines steuerbaren Ballons. Albert Einstein meinte sogar: „Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erschien.“

Das Neue hat es jedenfalls nicht leicht, in diese Welt zu kommen. Und wer weiß? Vielleicht versäumen wir auch heute – trotz aller Appelle an die Offenheit für Innovationen – bahnbrechende Ideen für morgen! Weil wir oft nicht in Frage stellen möchten, was wir immer schon so gemacht haben und womit wir uns bisher immer erfolgreich fühlten. Ein für Zukunftstechniken zuständiger Strategieberater bei einem großen deutschen Unternehmen hat sogar gesagt: „Hätten Innovationsmanager über unser Schicksal entschieden, würden wir Menschen uns heute wahrscheinlich noch auf allen vieren vorwärts bewegen – die Einführung des aufrechten Ganges war nämlich eine hochriskante Neuerung.“ 

Zur Wahrheit gehört auch: Oft gibt es auch berechtigte Gründe, misstrauisch gegenüber Innovationen zu sein. Denn neben jenen, die sich langfristig doch als realisierbar und vorteilhaft erweisen, gibt es eben auch viele, die mit gutem Grund Hirngespinste bleiben oder sich später als schädlich herausstellen. Das eine vom anderen zu trennen, ist nicht immer leicht und ist doch vielleicht wichtiger als je zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Um wirklich Neues in die Welt zu bringen, bedarf es also einer Mischung aus Fantasie, Kühnheit und günstigem gesellschaftlichem Klima. Meine Vorredner haben hierzu schon Wichtiges gesagt. Ja, die Kleinen gehen viel selbstverständlicher mit neuen Technologien um als wir Erwachsenen. Kinder tüfteln und erfinden aus eigenem Antrieb heraus – diese Neugier, diesen Forscherdrang müssen wir aufgreifen und fördern! Vieles ist hier in den letzten Jahren in Bewegung gekommen – weiter so! Das gilt auch für die naturwissenschaftliche Bildung in der Schule und überhaupt den Stellenwert von Technik in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit, in den Medien.

Am Mittwoch habe ich in Lindau Nobelpreisträger getroffen. Danach traf ich in Esslingen junge technische Zeichner, Industriemechaniker, Mechatroniker und andere Auszubildende. Da wusste ich: Wir können unsere Probleme bewältigen, weil hier so großartige junge Menschen leben.

Es gibt – gerade in unserer immer enger verknüpften Welt – so viele spannende Orte, an denen etwas Neues geschaffen wird, neue Verfahren oder Materialien entwickelt werden, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Teilen der Welt.

Wir können Ideen fördern, indem wir – neben dem Spaß am fairen Wettstreit – auch die Fähigkeit fördern, mit anderen zu kooperieren, also die Stärken und die Vielfalt der Talente Einzelner zusammenzubringen. 2013 findet in Deutschland der weltweit größte Wettbewerb vieler technischer Berufe statt, dort werden dies die Sieger zeigen.

Wettstreit und Kooperation sind auch das Geheimnis so vieler erfolgreicher Teams beim Wettbewerb „Jugend forscht“, dessen Schirmherr ich bin. Sie haben tolle, verblüffende Dinge entwickelt.

Das gleiche gilt für die Teams von Wissenschaftlern, die sich für die diesjährige Endrunde des Deutschen Zukunftspreises für Technik und Innovation qualifiziert haben und die ich als Hüter dieses Preises nachher bekannt machen werde. 

Darüber hinaus können wir Ideen aber auch fördern, indem wir nicht sofort und allein nach dem „Wozu“ fragen.

Ideen gedeihen besser in einem Klima, in dem Gewohntes infrage gestellt werden darf. „Was immer gut ging, geht nicht immer gut.“ – zum Beispiel, immer neue Schulden zu machen. So sollten wir Querdenker nicht zu Querulanten abstempeln, sondern hören, was sie zu sagen haben.

„Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ - Dieser berühmte Satz von Immanuel Kant ist vielleicht das Wichtigste, was ich uns hier auf den Weg geben kann. Die Aufklärung war und ist auch eine Idee, und zwar eine der wirkmächtigsten in der Geschichte der Menschheit. Mit ihr einher geht das Bewusstsein dafür, dass vieles auf unserer Welt auch ganz anders sein könnte als es ist – und dass das mitunter sogar sehr wünschenswert wäre.

In Peter Watsons vorhin zitiertem Buch habe ich noch einen Gedanken gefunden, über den es sich nachzudenken lohnt. Oft wird ja über die Technikskepsis der Deutschen geklagt, über ihre Zögerlichkeit, ihre Bedenkenträgerei. Watson schreibt dazu: „Vielleicht birgt dieses Zögern eine Lehre. Wenn Wissenschaft und Kapitalismus die Zerstörung unserer Umwelt, ja unserer Erde, nicht verhindern können, wenn sie sogar der primäre Auslöser für diese Zerstörung sind, dann wird nur eine Veränderung unser selbst etwas bewirken können. Die Deutschen erklären uns, dass der Weg aus unserem Dilemma weder ein technischer noch ein wissenschaftlicher, sondern ein philosophischer ist: eine Frage unserer Lebenseinstellung.“

Deshalb sind Naturwissenschaften und Technik wichtig, aber auch die Geisteswissenschaften. Es braucht keine Frontstellung, sondern ein Zusammenwirken – eine Symbiose! 

Liebe Jugendliche: Ihr lebt in einer Zeit des Friedens in Europa, der Freiheit, der Demokratie, des Rechts, des Wohlstands. Dafür wurde vieles gut gemacht – gerade in der Politik.

Ihr wachst aber auch auf in einer Zeit, in der vieles global rapide ansteigt, was wir lieber reduzieren oder zumindest begrenzen würden: die CO2-Emissionen, der Verbrauch von endlichen Rohstoffen und Energieträgern, die Luft- und Wasserverschmutzung, Bodenverbrauch oder die Verschuldung vieler Staaten.

Ihr werdet – mit Blick auf die genannten Probleme – vieles viel besser machen müssen als wir. Nicht allein durch mehr Technik oder noch raffiniertere Technik. Auch mit Ideen dafür, wie wir mit weniger auskommen: weniger Technik, weniger Energie, weniger Abfall, weniger Schulden und weniger schädlichen Nebenwirkungen. Und mit Ideen dafür, wie wir besser zusammen leben und unsere Gesellschaft zum Vorteil aller gestalten können.

Ich bin sicher: Das wird gelingen, nämlich mit Euren Ideen für eine gute gemeinsame Zukunft auf diesem Planeten!

Liebe Gäste: Wir eröffnen nun gemeinsam die Ideen-Expo 2011!