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Eröffnung der Ausstellung „Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1.000 Jahre Kunst und Geschichte“

Bundespräsident Christian Wulff am Rednerpult im Abgeordnetenhaus von Berlin Berlin, 21. September 2011 Bundespräsident Christian Wulff spricht zur Eröffnung der Ausstellung "Tür an Tür. Polen-Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte" im Abgeordnetenhaus von Berlin © Guido Bergmann


Für unsere beiden Länder, für Deutschland und Polen, ist heute ein besonderer Tag. Wir stellen gemeinsam vor, welche lange Geschichte unsere Nachbarschaft hat. Wir führen uns aber auch gegenseitig vor Augen, was wir in unserer langen Nachbarschaftsgeschichte gemeinsam erlebt, erlitten und erstritten haben.

Ich denke, dass wir erst einmal sehr vieles lernen und sehen, was wir in dieser Form gar nicht gewusst haben. So wird uns diese Ausstellung helfen, vor allem unsere – auch gemeinsame – kulturelle und geistige Geschichte besser zu begreifen. Daraus werden wir für die Zukunft wichtige Impulse bekommen und auch – dessen bin ich mir sicher – viel Ermutigung und Verpflichtung gemeinsam weiterzugehen, miteinander für ein friedliches und geeintes Europa zu arbeiten.

Diese Nachbarschaft von Polen und Deutschland war geschichtlich und politisch eine schwierige Nachbarschaft - eine Nachbarschaft in Auseinandersetzung, in Streit, ja oft geprägt durch Gewalt, Krieg, Teilung und Vertreibung.

Wenn wir heute den Mut und die Möglichkeit haben, die langen Wurzeln der gegenseitigen Beeinflussung darzustellen, der geistigen und kulturellen Dialoge, ja der tiefen Zusammengehörigkeit unserer beiden Länder, dann geht das nur, weil die große Teilung Europas überwunden wurde, die hier unmittelbar vor der Tür verlief.

Reste der Berliner Mauer sehen Sie, wenn Sie von hier zum Gropius-Bau gegenüber wechseln – und wenn Sie diesen Bau betreten, denken Sie daran, dass das während der Teilung Europas nur durch den Hintereingang möglich war, den Vordereingang versperrten Mauer und Stacheldraht.

Polen, polnische Arbeiter und Papst Johannes Paul II aus Ihrem Land haben den Anfang gesetzt zur Niederringung der kommunistischen Diktatur, zur Vereinigung Europas und damit auch zu einem Neuanfang der Geschichte zwischen Deutschland und Polen.

Kultur, aber auch Spiritualität und Religion haben am Anfang einer langen Geschichte der Gemeinsamkeiten gestanden. Wir sehen hier in dieser Ausstellung wunderbare mittelalterliche und Renaissancedarstellungen der Heiligen Hedwig, auf Polnisch Jadwiga, die von beiden Völkern verehrt wird und die ganz besonders in Schlesien verehrt wurde und wird. Einst verband Hedwig sogar die deutschen und polnischen Katholiken in ihrem gemeinsamen Widerstand gegen den preußischen Kulturkampf. Die in Polen so hochverehrte Jadwiga gab ihren Namen der katholischen Hauptkirche Berlins, der Hedwigs-Kathedrale.

Es waren schließlich nicht zufällig auch die Kirchen, die evangelische mit ihrer Polen-Denkschrift und die katholischen Bischöfe mit ihrem Briefwechsel, die die Versöhnung nach dem Krieg in die Wege leiteten. Deswegen ist es bewegend, in der Ausstellung den originalen Hirtenbrief von 1965 zu sehen, mit den Unterschriften aller polnischen Bischöfe. Es klingt atemberaubend mutig bis heute: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ Ein Memorandum deutscher katholischer Intellektueller von 1968, das auf diesen Brief vertiefender und mutiger antwortet, als es die deutschen Bischöfe damals taten, trägt übrigens die Unterschrift von Professor Joseph Ratzinger. Er besucht uns ja morgen hier in Berlin als Papst Benedikt und Nachfolger Johannes Pauls II.

Wie unendlich schwer die Schritte zur Versöhnung fallen mussten nach dem deutschen Überfall auf Polen, nach dem grauenhaften Krieg, auch das zeigt die unmittelbare Nachbarschaft des Hauses, in dem wir jetzt sind. Nur wenige Schritte von hier befand sich die Terrorzentrale des Nazi-Regimes, das Hauptquartier der Gestapo. Als ich vor zwei Wochen zu einen Vortrag über Glaube und Politik im altehrwürdigen Krakau war, musste ich daran erinnern, dass die deutschen Besatzer einst grausam und planmäßig die polnische Intelligenz und die polnische Kultur vernichten und jede Erinnerung daran auslöschen wollten.

Wenn wir heute nach gemeinsamen kulturellen und geistigen Wurzeln suchen, wenn wir heute in dieser Ausstellung besonders die kulturellen und geistigen Gemeinsamkeiten zwischen unseren Völkern herausstellen, dann sollten wir tief dankbar dafür sein, dass uns diese neue Chance geschenkt worden ist, dass dieser verbrecherische Krieg mit der totalen Niederlage der Aggressoren endete.

An den polnischen Beitrag dazu erinnert symbolisch die ausgestellte Enigma-Maschine, die die deutsche militärische Kommunikation wirkungsvoll verschlüsseln sollte – deren Mechanismus aber letztlich von zwei polnischen Mathematikern geknackt worden war. Ihre Ergebnisse schmuggelten sie nach dem deutschen Einmarsch nach England, wo sie dann einen entscheidenden Anteil am militärischen Sieg über Deutschland hatten. Auch das gehört zur gemeinsamen Geschichte.

Ich freue mich schließlich ganz besonders über ein Ausstellungsstück, das wie eine Art prophetischer Vorwegnahme dieser Ausstellung hier erscheinen kann. Die große Streikbewegung in Danzig, die Gründung der Solidarność, die Ausrufung des Kriegsrechts: All das hat die Deutschen damals sehr bewegt, auch zu aktiver Hilfe – und das hat auch viele Künstler zu solidarischen Aktionen inspiriert. Joseph Beuys, der große Avantgardist, reiste 1981 nach Polen und schenkte dem Museum von Lodz eine Kiste mit Grafiken, Plakaten und Fotografien, später stiftete er noch eigene Zeichnungen. Er nannte das ganze „Polentransport 1981“.

Hier verdichtet sich symbolisch einerseits die Erinnerung an die schreckliche Vergangenheit, in der das Wort „Transport“ eine schlimme Rolle spielte. Hier sind aber auch die vielen spontanen Hilfstransporte aus Deutschland gemeint, die damals Hilfe nach Polen bringen sollten. Und schließlich haben sich Beuys und andere Künstler souverän über den Eisernen Vorhang hinweggesetzt. Sie wollten zeigen, dass das Europa des Geistes und der Kunst sich nicht trennen lässt in Ost und West, und so haben sie auf ihre Weise auch der politischen europäischen Einigung den Weg mit bereitet.

So viele Erinnerungen bietet uns diese Ausstellung, die wir heute gemeinsam eröffnen! Mehr noch aber sollte sie uns ermutigen, gemeinsam weiterzugehen in eine gute Zukunft – für uns selbst, für unsere Kinder und Enkel, für ein friedliches Europa und beste deutsch-polnische Nachbarschaft.