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Treffen mit den Angehörigen der karpatendeutschen Minderheit

Rede von Bundespräsident Christian Wulff beim Treffen mit Angehörigen der karpatendeutschen Minderheit Käsmark/Slowakei, 27. September 2011 Rede von Bundespräsident Christian Wulff beim Treffen mit Angehörigen der karpatendeutschen Minderheit © Ole Krünkelfeld


Die Holzkirche hier in Käsmark fällt sofort auf. Mit ihrer ungewohnten Kreuzform, ganz ohne Turm und Glocken, hebt sie sich architektonisch von anderen mitteleuropäischen Kirchen dieser Zeit ab.

Für mich ist diese Artikularkirche aber auch ein Symbol, denn sie versinnbildlicht die Geschichte der Karpatendeutschen in der Slowakei. Erst ab dem Ende des 17. Jahrhunderts war es der protestantischen Minderheit im damaligen Königreich Ungarn überhaupt gestattet, Kirchen zu errichten. Auch die meisten der Karpatendeutschen hier im Zipser Gebiet waren Protestanten. Sie bauten ihre Kirchen außerhalb der Stadtmauern – das war so vorgeschrieben. Zudem durften beim Bau nur die billigsten Materialen verwendet werden.

Und doch, allen Widrigkeiten zum Trotz – diese Kirche entstand. Heute findet sie sich, gemeinsam mit anderen Holzkirchen aus der Region, auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

Ein Symbol ist die Kirche, weil sie Zeugnis ablegt von der Aufbauleistung, die die Karpatendeutschen über Jahrhunderte hinweg erbracht haben, weil sie aber gleichzeitig an mitunter schwierige Zeiten erinnert.

Seit rund 850 Jahren sind Sie, die Karpatendeutschen, Teil der slowakischen Geschichte. Dass das slowakische Bergland, die Tatra, über die Jahrhunderte so gut erforscht wurde, verdanken wir zum Beispiel auch Karpatendeutschen.

Sie haben eine zum Teil lange Anreise auf sich genommen, um heute hierher zu kommen. Darüber freue ich mich sehr. Junge Leute sind unter Ihnen, aber auch Frauen und Männer, die noch eigene Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel der karpatendeutschen Geschichte in der Slowakei haben – an Flucht und Evakuierung, Vertreibung und Deportation.

Um mutig in die Zukunft gehen zu können, ist es wichtig, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Dazu gehört, anzuerkennen, dass sich auch Karpatendeutsche bis 1945 von der nationalsozialistischen Ideologie vereinnahmen ließen, anzuerkennen, dass auch Karpatendeutsche in Verbrechen gegen slowakische Mitbürger verstrickt waren. Es gehört auch dazu, Verbrechen, denen Karpatendeutsche zum Opfer fielen, zu verurteilen.

Lange Zeit war eine solche Aufarbeitung nicht möglich – genauso wenig wie die Pflege der eigenen Sprache und Kultur. Umso wundervoller ist es, dass karpatendeutsches Leben in den vergangenen 20 Jahren wieder aufgeblüht ist. Sie alle haben dazu beigetragen und dafür danke ich Ihnen!

Rund 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sind die Karpatendeutschen eine ausgezeichnet integrierte Minderheit der Slowakei. Unsere beiden Länder haben in diesem Jahr in Berlin gemeinsam mehrfach des 20-jährigen Jubiläums der Erklärung des Slowakischen Nationalrats gedacht. Es war eine auch im europäischen Kontext herausragende Geste der Versöhnung, dass der Nationalrat sich im Jahr 1991 eindeutig zu dem an Karpatendeutschen nach Ende des Zweiten Weltkriegs begangenen Unrecht äußerte und das Prinzip der Kollektivschuld verurteilte.

Es ist ein gutes Zeichen, dass Präsident Gašparovič und ich heute gemeinsam an diese Erklärung erinnern. Das zeigt das fortdauernde Interesse und Engagement der Slowakei für „ihre“ Karpatendeutschen. Im Namen der Bundesrepublik Deutschland spreche ich Ihnen heute meinen herzlichen Dank dafür aus.

Die Karpatendeutschen haben die Ihnen dargebotene Hand zur Versöhnung ergriffen. Damit haben Sie zum hervorragenden Verhältnis unserer beiden Länder einen wichtigen Beitrag geleistet. Dafür danken wir Deutsche!

Auch die heute in Deutschland lebenden Karpatendeutschen haben Wichtiges geleistet: Während und nach dem Zweiten Weltkrieg evakuiert, geflüchtet oder vertrieben, erbrachten sie einen erheblichen Beitrag zum Wiederaufbau unseres Landes. Rasch haben sie sich auch in der Karpatendeutschen Landsmannschaft Slowakei organisiert. In der Folge integrierten sich die Karpatendeutschen unter schwierigsten Bedingungen vorbildlich in die deutsche Nachkriegsgesellschaft und bewahrten dabei stets den berechtigten Stolz auf ihre landsmannschaftlichen Wurzeln und ihre Heimat. Diese Heimat kann im Europa von heute auch durch Kinder und Enkel wieder bereist und in ihrer Schönheit erlebt werden.

Sie können mit Stolz auf das bislang Erreichte zurückblicken. Die Entwicklung der Karpatendeutschen hier in der Slowakei ist eine Erfolgsgeschichte.

Wie aber geht diese Geschichte weiter? Was bedeutet es, ein Karpatendeutscher im vereinten Europa des 21. Jahrhunderts zu sein?

Ich selbst gehöre einer Generation an, die die schlimmen Zeiten von Krieg und Vertreibung nicht selbst erfahren musste. Im Wissen um diese Geschichte wende ich mich an die heute Aktiven, besonders an die jungen Leute: Setzen Sie das Versöhnungs- und Aufbauwerk Ihrer Eltern und Großeltern fort, entwickeln Sie es aber auch weiter, um nicht in ritualisierten Abläufen zu erstarren!

Das ist die Herausforderung, der Sie sich stellen müssen. Deutschland wird Ihnen dabei heute und in Zukunft als Freund zur Seite stehen.