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Ökumenischer Gottesdienst anlässlich der Übergabe der Erntekrone 2011

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache in der Friedrichstadtkirche Berlin, 4. Oktober 2011 Übergabe der Erntekrone 2011 - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache in der Friedrichstadtkirche © Christian Thiel

Vielen Dank für diese wunderschöne Erntekrone aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Sie passt tatsächlich gut in die Eingangshalle von Schloss Bellevue. Gern hätte ich die Erntekrone dem Heiligen Vater bei seinem Besuch in Berlin gezeigt. Auch deshalb, um deutlich zu machen, wie hier in Deutschland die Evangelische und Katholische Kirche in gemeinsamer Verantwortung handeln. Und um deutlich zu machen, dass wir die Kirchen im öffentlichen Raum haben wollen. Wir sehen hier auch heute, dass daraus Gutes erwächst.

Als ich vor kurzem die Botschafterin von Niger verabschiedet habe, war das dominierende Thema die Armut, der Hunger, die Ernährung der eigenen Bevölkerung und der vielen Flüchtlinge aus Libyen und anderen Ländern. Der Botschafter von Indien wiederum berichtete: Indien wird in zehn, fünfzehn Jahren, ein Land mit heute nicht für denkbar gehaltenen Ernährungsproblemen sein, sofern es dort nicht zu entscheidenden Innovationen kommt. Das wird nicht leicht vor dem Hintergrund zurückgehender Bodenqualität, aufgrund der Wasserknappheiten und anderer bevorstehender Folgen des Klimawandels mit seinen ökologischen Herausforderungen.

Wir bedürfen hoffentlich nicht größerer Not, um uns bewusst zu machen, dass man auch im Überfluss und angesichts der günstigen Preise, wie wir sie für Lebensmittel bezahlen, Danke sagen sollte. Diese Erntekrone soll uns bewusst machen, wo die Nahrung herkommt und wie viele Mühen es kostet, sie zu erwirtschaften. Ich glaube, dass diese Veranstaltung, dieser Wortgottesdienst, diese Feierstunde beweist, dass Viele sich sehr wohl der Dinge bewusst sind und dass wir diese Verantwortung auch leben.

Mich erinnert diese Erntekrone daran, wie verbunden wir Menschen mit der Natur sind – und wie abhängig von ihr, trotz hochentwickelter Technik. Auf vieles mussten sich unsere Landwirte in diesem Jahr einstellen: auf ein trockenes Frühjahr mit späten Frostnächten, einen verregneten Sommer und einen tückischen Krankheitserreger EHEC. Ich danke allen, die dazu beigetragen haben, die Ernte einzufahren und damit das zu sichern, was wir alle brauchen: nämlich unser tägliches Brot, unsere tägliche Nahrung.

Diese Erntekrone erinnert aber nicht nur an unsere Verbundenheit mit und unsere Abhängigkeit von der Natur. Sie ist auch ein eindrucksvolles Symbol dafür, wie wir die Natur zu unserem eigenen Nutzen gestalten. Denn erst durch planvolles, umsichtiges Pflanzen, Züchten und Pflegen ist es Menschen gelungen, der Natur mehr Nahrung zu entlocken, als je zuvor auf  unserem Planeten. Die Erntekrone erinnert auch an eine der größten Fortentwicklungen in der Geschichte der Menschheit: den Übergang zum Ackerbau. Sie zeugt davon, wie die Menschen sich in den vergangenen zehntausenden Jahren die Erde untertan gemacht haben – wie es im Alten Testament heißt. Sie zeugt davon, wie aus Nomaden Sesshafte wurden, die fortan „im Schweiße ihres Angesichts“ ihre Nahrung erarbeiten mussten. Wie die Menschen heimisch wurden an einem Ort. Wie sie lernten, weit voraus zu denken, in Generationen, und unser Leben in immer größeren Gemeinschaften zu organisieren.

Der Grundbegriff der Nachhaltigkeit entstammt ja der Forstwirtschaft. Forstwirte wie auch Landwirte haben bewusst über Generationen angepflanzt, gesät und geerntet. Wie es unsere Vorfahren schafften, mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft immer mehr Nahrungsmittel zu produzieren, ist eindrucksvoll in der Geschichte zu verzeichnen. Und wie dadurch Kräfte frei wurden, um sich anderen Aufgaben zu widmen – und neue Erfindungen zu machen, die wiederum den Gang der Geschichte veränderten.

Kurzum: Ohne die Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht hätten wir Menschen nicht den Platz auf der Erde erobert, den wir heute einnehmen. Und ohne die Erkenntnisse und Technologiesprünge der vergangenen ein- bis zweihundert Jahre wären wir heute nicht so zahlreich auf diesem Planeten. Dass das auch Schattenseiten hat und neue Herausforderungen beinhaltet, hat Herr Professor Ganten eindrucksvoll geschildert. Nur mit weiteren grundlegenden Verbesserungen werden wir es schaffen, allen heute lebenden Menschen und den zukünftig noch zahlreicher werdenden Menschen das tägliche Brot zu sichern – und den kommenden Generationen die Grundlage dafür zu erhalten. Auch daran sollte uns diese Erntekrone erinnern.

Die Herausforderungen sind riesig, auch weil die Weltbevölkerung so dramatisch auf vielleicht über 10 Milliarden Menschen zunimmt. Und so groß die bisherigen Erfolge der Landwirtschaft auch sind: In ihrer heutigen Form ist sie stark, zu stark von fossilen Energien abhängig. Sie gehört zu den Verursachern von Treibhausgasen, die wiederum das Klima verändern. Die heutige, industrielle Landwirtschaft verbraucht paradoxerweise mehr Energie als sie in Form von Kalorien erzeugt. In vielen Regionen der Welt ist das Wasser knapp geworden oder verseucht. Dürren lassen ganze Ernten verdorren. Böden verwehen oder werden – mitsamt der Ernte – von Starkregen davongespült. Ein Drittel des fruchtbaren Bodens ist weltweit bereits verloren gegangen. Neue Flächen können kaum noch erschlossen werden, ohne wertvolle Ökosysteme wie den Regenwald zu dezimieren.

Wir müssen zukünftig also aus weniger mehr machen. Wir brauchen neue Innovationen, möglichst solche, die die Erfahrungen der industriellen und der ökologischen Landwirtschaft zum Besten zusammenführen. Innovationen, die sich mit Sachverstand und Weitsicht an den jeweiligen Standort und die regionalen Bedürfnisse anpassen. Dann stellt man sehr schnell fest, wie erfolgreich die Landwirtschaft in Deutschland ist. Wie stark, wie modern sie ist, wie sie auf neue Herangehensweisen und Herausforderungen reagiert.

Aber noch profitieren beileibe nicht alle Menschen von den Früchten des landwirtschaftlichen Fortschritts. Deswegen werbe ich in anderen Ländern der Erde immer zum Besuch unserer Agrartechniker, unserer Agrarfachwissenden, unserer Agrarmessen. Wir bieten dort technische Hilfsmittel an, die auf weniger Fläche sehr viel mehr Ertrag ermöglichen, sofern man mit der Akribie und dem Fleiß deutscher Landwirte an die Dinge herangeht. Und Fleiß, Akribie und Einsatzbereitschaft ist weltweit vorhanden! Oft fehlt es aber an dem Wissen, oft fehlt es an den Hilfsmitteln, an den Möglichkeiten, an dem Informationsaustausch.

Dem Heiligen Vater habe ich im Übrigen als Geschenk Deutschlands einen Zuschuss zu einem Brunnen in Ostkenia überreicht. An, das mag die Welthungerhilfe verstehen, Misereor als katholischem Hilfswerk -  und damit seine Aufrufe, etwas gegen den Hunger in der Welt zu tun, in konkrete Tat umgemünzt. Dort wird ein solcher Brunnen eben für viele Menschen die Möglichkeit landwirtschaftlicher Erträge steigern und das ist eine konkrete Maßnahme, um etwas für die Bekämpfung des Hungers in der Welt zu tun. Misereor hat sich sehr über dieses deutsche Geschenk zum Besuch des Heiligen Vaters gefreut und mir dieses auch bereits nach dem Besuch übermittelt.

In vielen Ländern der Welt sind die Preise für Nahrungsmittel gerade in den letzten Jahren ins existenziell Bedrohliche gestiegen. Wir wissen, dass die Nahrungsmittel verknüpft sind mit Rohstoffpreisen anderer Bereiche, die eigentlich damit fast nichts zu tun zu haben scheinen. Wenn dort die Preise weiter steigen, dann hat das schlimme Auswirkungen auf die Menschen, die mit einem Dollar am Tag oder zwei US-Dollar am Tag ihr Leben gestalten müssen. Am Horn von Afrika stehen in diesen Tagen Hunderttausende kurz vor dem Hungertod. Eine "Katastrophe biblischen Ausmaßes". Aber sollten wir heute nicht in der Lage sein, besser mit solchen Katastrophen umzugehen und alles zu tun, um sie zu vermeiden?

Und wie passt dieser schlimme Hunger damit zusammen, dass weltweit jedes Jahr ein Drittel der gesamten Nahrungsmittelproduktion weggeworfen wird oder verloren geht? Das muss doch gerade die Landwirte ins Herz treffen! „Das Essen, das wir in Europa wegwerfen, würde zweimal reichen, um alle Hungernden zu ernähren“ – so die Bilanz der Autoren des Dokumentarfilms „Taste the waste“, der seit ein paar Wochen bei uns in den Kinos läuft.

Wenn weit mehr Menschen als bisher von den Erträgen profitieren sollen – übrigens allen voran die in der Landwirtschaft Tätigen selbst, die einen großen Teil der Hungernden ausmachen und die auch in unseren hoch industrialisierten Ländern zu oft in Existenznot geraten – dann sind viele Weichenstellungen nötig: Bessere Infrastruktur. Förderung der heimischen Landwirtschaft. Faire Markt- und Handelsbedingungen - ein großes Thema für unsere Landwirte und die Erzeuger in anderen Kontinenten. Und eben angemessene Preise, wie sie auch unsere Landwirte zu Recht fordern. Landwirte erleben in Deutschland Preisniveaus, die nicht akzeptabel sind. Aber wir, die wir uns damit seit vielen Jahren beschäftigen, wissen eben, wie schwer es angesichts der Marktverhältnisse ist, die angemessenen Preise, wie wir es als Verbraucherinnen und Verbraucher sehen, auch tatsächlich real am Markt durchzusetzen -aufgrund von Konzentrationsprozessen der großen Einzelhandelsketten, die hier die Preise viel stärker bestimmen können als landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften oder die einzelnen landwirtschaftlichen Erzeuger.

Ich danke den Landwirten in Deutschland, dass sie ihre Verantwortung so allumfassend wahrnehmen, dass wir sichere, gut produzierte Lebensmittel zur Verfügung haben. Dass wir eher die Probleme des Überflusses, als die des Mangels haben. Das hat es über Jahrtausende in der Form für so viele Menschen niemals zuvor gegeben. Das ist die eigentliche Bedeutung eines solchen Tages, des Erntedankfestes. Deswegen bin ich jedes Jahr gerne dabei und setze die Tradition meiner Vorgänger gerne fort. Ich glaube, dass wir uns in unserem Überfluss immer wieder neu vergegenwärtigen sollten, wem wir alles zu danken haben. Und deswegen ist es auch gut, dass die Kirchen uns zentral an diese Verantwortung erinnern, die Gott uns aufgetragen hat, als er uns die Erde anvertraut hat.

Eine zukunftsfähige Landwirtschaft wird sich nicht nur an ihrem Ernteertrag messen lassen müssen, sondern auch daran, was sie für den Erhalt und die Regeneration ihrer eigenen Grundlagen leistet.

So sind für mich die Ähren dieser Erntekrone ein Symbol für das, was wir empfangen und bisher erreicht haben. In ihren Körnern aber steckt auch die Mahnung, die Saat so auszubringen, dass auch künftige Generationen eine intakte Umwelt vorfinden.

Vielen Dank.