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Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland anlässlich des Tags der Deutschen Einheit 2011

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 4. Oktober 2011 Ordensverleihung zum Tag der Deutschen Einheit 2011 - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache © Hans-Christian Plambeck

Gestern haben wir die Deutsche Einheit gefeiert, für mich das Wichtigste, was eine Nation erreichen kann: Einigkeit und Recht und Freiheit. Wer auf unserem großen Kinder- und Familienfest in Bonn war, konnte spüren, dass Einheit und Vielfalt kein Widerspruch sind, sondern überaus lebendig, fröhlich und bunt. Ich habe diese Augenblicke sehr genossen: Deutschland 2011 – eine der Zukunft zugewandte optimistische Republik!

Besonders beeindruckend strahlen diese Farben an Tagen wie heute. Weil wir ganz besondere Frauen und Männer in unserer Mitte begrüßen dürfen – Menschen, für die dieser Tag ein Dankeschön sein soll. Ein großes Dankeschön für großartige Leistungen.

Vor 60 Jahren hat Bundespräsident Theodor Heuss zum ersten Mal den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. „Der Staat muss danken können.“ Mit diesen Worten hat er 1951 die Einführung des Ordens begründet und durchgesetzt – auch gegen manchen Zweifel im Nachkriegsdeutschland.

Das Heuss-Zitat ist heute noch aktuell: Dieser Staat kann danken. Und ich finde, dieser Staat muss auch danken. Denn jeder Orden ist ein Bekenntnis zu dem, was uns wertvoll und wichtig ist. Einigkeit und Recht und Freiheit besingen wir in unserer Nationalhymne. Vieles andere könnte man hinzufügen, zum Beispiel Mut, Miteinander und Menschlichkeit.

Orden sind die äußeren Zeichen für eine innere Haltung, die auf solchen Werten beruht. Orden sollen diese Werte sichtbar machen, denn ein gesellschaftlicher Wertekanon ist keine Selbstverständlichkeit. Er muss im Alltag immer wieder neu errungen werden.

Manchmal bleibt dafür nicht viel Zeit. Dann muss in einer Notsituation schnell und spontan entschieden werden, etwa wenn sich die Frage stellt: Riskiere ich mein eigenes Leben, um andere zu retten? Ich bin sehr stolz, dass wir heute einen jungen Mann in unserer Mitte haben, der diese Frage ohne Zögern mit Ja beantwortet hat. Dadurch ist er am 22. Juli im norwegischen Utøya zum Helden geworden. Mehr als 20 Jugendliche haben ihm ihr Leben zu verdanken. Wir werden diese Geschichte nachher hören. Dann wird zum Unfassbaren und zu all dem Traurigen, das wir in den vergangenen Wochen über Utøya erfahren haben, etwas Tröstliches und Ermutigendes hinzukommen.

Ermutigend sind auch die Verdienste unserer weiteren 35 Ehrengäste. Weil sie alle große Kraft bewiesen haben. Weil sie hinsehen und handeln. Weil sie unermüdlich sind in ihrem Engagement, in ihrem Anspruch an die eigene Leistung und an unser Zusammenleben – nicht nur in Deutschland.

Das gilt zum Beispiel für den international anerkannten Klimaexperten aus Potsdam, der im Namen der Wissenschaft und der Vernunft als unermüdlicher Mahner schon alle Kontinente bereist hat. Er weiß: Wir brauchen einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel, die Kehrtwende zu einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Wirtschaftsweise.

Für gesellschaftliches Umdenken engagieren sich auch die Umweltschützerinnen und Umweltschützer, die heute ausgezeichnet werden. Allerdings nicht per Computeranalyse oder bei internationalen Konferenzen, sondern vor der eigenen Haustür: im Havelland und auf Rügen.

Manche schaffen es sogar, vom eigenen Schreibtisch aus die Welt zu verändern – allein mit der Kraft des Wortes. Genauer gesagt: mit der Kraft des präzise und einfühlsam übersetzten Wortes. Ich habe in der Schule mal gelernt, dass Übersetzen eine „Technik“ sei, die man üben muss. Das schien mir schon damals nur die halbe Wahrheit. Heute erleben wir den Beweis. Wenn ich nachher den Orden verleihe, wird nämlich kein „Übersetzungs-Techniker“ auf der Bühne stehen, sondern ein wahrer Künstler seines Faches, der Verstehen, der Empathie erst möglich macht. Ich glaube, der Beruf des Übersetzers wird oft unterschätzt. Der heutige Orden kann vielleicht auch dazu beitragen, dieser besonderen Kunst die verdiente Aufmerksamkeit einzuräumen.

Meine Bewunderung gilt heute mehreren Künstlerinnen und Künstlern. Sie haben in Regie, Ballett, Musik und Schauspiel Unvergleichliches erreicht und geschaffen: Bewegende Augenblicke für Ihr Publikum in aller Welt. Epochale Werke, die weit über die Gegenwart hinaus wirken werden. Heute prägen sie unser Verständnis von zeitgenössischer Kunst. Morgen werden viele davon zu den zeitlosen „Klassikern“ zählen. Deutschland kann sich glücklich schätzen, solche Persönlichkeiten zu haben! 

Sie, liebe Ehrengäste, schenken diesem Land – schenken uns – so viel! Im Kirchenchor genauso wie im Rathaus, im Behindertensport, im muslimischen Mütter-Café oder im Technologiepark.

Ganz besonders hat mich Ihr Engagement für Kinder und Jugendliche beeindruckt. Ein großer Teil davon ist ehrenamtlich: bei der Kindernothilfe, bei Lebensmitteltafeln, bei der Koordinierung von Betreuungsangeboten und Schulpraktika. Diese Projekte haben so schöne Namen wie „Rettungsteddy“ oder „Rückenwind“. Ich möchte Sie alle herzlich bitten: Sorgen Sie weiterhin dafür, dass diese Art von Rückenwind in Deutschland kräftig weht!

Ich war vor Kurzem bei einem großen Ausbildungskongress zu Gast und habe dort von Jugendlichen gehört, wie wichtig solche Hilfe ist – gerade dann, wenn die eigene Familie sie nicht geben kann. Es gibt schon viele kluge Begriffe, die diese Aufgabe beschreiben. Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit heißen die Stichworte. Aber wir dürfen dabei nicht nur die jeweils „anderen“ in der Pflicht sehen: den Staat, die Schule, den Lehrer. Wir müssen als Gesellschaft gemeinsam Verantwortung tragen, also jede und jeder an seinem Platz aktiv werden, damit sich wirklich jedes Kind in Deutschland gut entwickeln und seine Talente entfalten kann. Jeder Mensch bringt bei seiner Geburt so viele Potenziale mit auf diese Welt. Wir müssen diesen Schatz erkennen – und dann gemeinsam heben!

Manchmal lassen sich Erfolge mit materieller Kraft erreichen. Aber viel häufiger geht es um eine ganz andere, nämlich die ideelle Kraft. Zum Beispiel um Zeit zum Vorlesen aus einem der schönen Bücher, über die wir heute noch hören werden. Oder es geht um Zeit für einen Ratschlag oder um Zeit für Förderung. Vielleicht können mir die Fußballprofis hier im Saal zustimmen: Ob jemand eher Torwart oder Stürmer wird oder am Ende doch lieber Basketball spielt, erkennt man nicht immer beim ersten Training. Muskeln und Ballgeschick auf dem Spielfeld erfordern viel Übung. Gutes Miteinander im Alltag genauso!

Genügend Zeit, ideelle Kraft und Vorbilder – diese Mischung hat sich beim Vermitteln von gesellschaftlichen Werten schon tausendfach bewährt, sie muss aber von jeder Generation neu gefunden werden. Eines meiner großen Vorbilder aus der Jugendzeit ist heute hier im Saal. Lieber Herr Netzer, ich habe das schon oft erzählt. Heute kann ich es Ihnen mal persönlich sagen: Ihre Fähigkeiten auf dem Spielfeld und Ihr Teamgeist haben mich damals sehr beeindruckt. Dass Sie gemeinsam mit Franz Beckenbauer hier sind, um dem Generalsekretär des DFB zur Ordensverleihung zu gratulieren, ist eine schöne Geste. So können wir heute gleich mehrere große Vorbilder des deutschen Fußballs begrüßen. Herzlich willkommen!

Viele von Ihnen, liebe Gäste, wissen aus eigener Erfahrung: Dass jüngere Menschen in den Vereinen nachrücken oder sich auf besondere Weise engagieren, ist keine Selbstverständlichkeit. Wegen des demografischen Wandels wird es schon rein rechnerisch mit dem Nachwuchs in vielen Bereichen immer schwieriger. Hinzu kommen Lebensumstände, die es jungen Menschen nicht gerade leicht machen, sich zu engagieren, sich beispielsweise dem Üben eines Musikinstruments hinzugeben oder regelmäßig fünf Wochenstunden für die Seniorenhilfe aufzubringen. Junge Menschen müssen schon in Ausbildung, Studium und Beruf so viele Anforderungen erfüllen: mobil, flexibel, ständig verfügbar sein – nur möglichst nicht „gebunden“. Aber Engagement bindet. Wenn wir also ein Land der Spitzenleistungen und auch des Ehrenamts bleiben wollen, müssen wir uns auf neue Bedingungen einstellen, vielleicht auch einiges ganz bewusst umgestalten. Ich habe diesen Sommer damit begonnen und eine Ordensaktion ausschließlich für sehr junge Menschen durchgeführt – um ein Zeichen zu setzen. Unser Land hat Zukunft.

Wenn ich in den Saal sehe, haben wir heute viele schöne Farben und eine gute Mischung: Alle Generationen, alle Bundesländer und sehr verschiedene Formen des Engagements und der besonderen Verdienste. 36 Orden – 36 Ausgezeichnete sollen spüren: Dieses Land weiß seine engagierten Bürgerinnen und Bürger zu schätzen. Um es mit Theodor Heuss zu sagen: Danke schön!