Navigation und Service

Eröffnung der Tagung „60 Jahre Kulturkreis der deutschen Wirtschaft“

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede Essen, 7. Oktober 2011 Festakt zu 60 Jahre Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI © Ole Krünkelfeld

Ich freue mich sehr, heute hier zu sein, bei Ihnen im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI – und hier in Essen, in diesem wunderbaren neuen Thyssen-Krupp-Quartier. Diese Architektur ist nicht Selbstzweck, nicht auftrumpfendes Spiel selbstverliebter Bauherren, sondern ein praktisch durchdachter und gleichzeitig ästhetisch anspruchsvoller Bau.

Er schenkt der Stadt Essen ein Wahrzeichen. Als ein Bekenntnis zu Modernität und zur Schönheit und als ein kulturelles Signal für die Menschen einer Region steht er auch für den Geist des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft – und deswegen passt diese Jubiläumsfeier so gut hierher.

Als der Kulturkreis gegründet wurde, lag Deutschland noch in Trümmern. Das Wirtschaftswunder zeigte erst seine Anfänge. Noch stand alles im Zeichen von Ärmelaufkrempeln, Anpacken und Wiederaufbau. Aber dennoch hat man schon zu diesem frühen Zeitpunkt in der deutschen Wirtschaft erkannt, dass ein Land, und eine Gesellschaft mehr braucht als funktionierende Waren- und Güterproduktion, als Konsum und Export.

Und es bleibt bis heute beispielhaft und vorbildlich, dass es weitblickende Männer und Frauen der Wirtschaft selbst waren, die die Förderung von Kunst und Kultur als eigene Aufgabe und Pflicht begriffen haben. Der Anschluss an die Moderne, an die Zivilisation der westlichen Welt zum Beispiel, so erkannten sie, war nach den Jahren der Diktatur und des Terrors nicht allein durch wirtschaftlichen Erfolg zu erreichen.

In der Kultur, in den Diskussionen und Debatten über künstlerische Entwicklungen erkannten sie ein wesentliches Feld notwendigen Engagements. Ein Engagement, das der Staat allein nicht leisten kann und auch nicht leisten soll. Das war gut und richtig, wie wir heute in der Rückschau erkennen – und das bleibt gut und richtig, heute und erst recht in Zukunft.

„Nomen est omen“, sagt man oft, der Name sagt viel über das Wesen einer Sache aus. „Kulturkreis der deutschen Wirtschaft“ - man mag sich gar nicht ausdenken, wie diese Einrichtung heißen würde, wenn man sie heute gründen würde. Wahrscheinlich würde man erst mal eine Agentur beauftragen, einen möglichst aparten oder donnernden Begriff zu finden - englisch auf jeden Fall. Es würde von einschüchternden chairmans, steering committees, finding commissions und so weiter nur so wimmeln. Kurz: Es würde wahrscheinlich eine jener Einrichtungen sein, die zwar hier und da Gutes tun, aber vor allem und in erster Linie zum eigenen Ruhm und zur Ehre ihrer Erfinder da sind.

Beim Kulturkreis der deutschen Wirtschaft ist das anders. Diese denkbar bescheidenste Namensgebung für eine großartige Initiative spricht für sich. Dieser Kulturkreis hat in all den Jahrzehnten nicht sich selbst gefeiert, sondern die Kunst in den Mittelpunkt gestellt und die Gesellschaft, in der und für die diese Kunst da sein soll.

Es ehrt dabei den Kulturkreis ganz besonders, dass er diejenige Kunst gefördert hat, die wirklich das Neue, das Unerhörte, das so noch nicht Gesehene schafft. Kunst und Kultur nicht als harmlose Verschönerung der Welt, sondern als Aufklärung, als Widerstand, als etwas, an dem man sich reiben kann und muss, mit dem man sich auseinanderzusetzen hat. Qualität ist das Kriterium, nicht Wohlverhalten. Nur so kann man Kunst fördern, die uns wirklich etwas zu sagen hat.

Und so erfahren die Künstler die Förderung und Preise durch den Kulturkreis und seine Einrichtungen nicht als Einengung, sondern als wirkliche Förderung unter Beibehaltung der Autonomie und Souveränität, die die Kunst mit Recht für sich beansprucht.

Wenn wir uns nur einmal einige Preisträger des Kulturkreises anschauen - Heinrich Böll, Günter Grass, Georg Baselitz, Rosemarie Trockel, Christoph Eschenbach, Orhan Pamuk -, dann sieht man: Hier wird auch und gerade das Widerständige gefördert, das nicht einfach Konsumierbare.

Nun könnte der Eindruck entstehen, die Förderung von Kunst und Kultur sei für die Wirtschaft, für die Unternehmen und Firmen, so eine Art groß dimensioniertes Hobby, ein Spielzeug, mit dem man sich selber ein bisschen Freude macht und wo dann sozusagen als Kollateralnutzen auch noch einiges Gute für die Allgemeinheit und für die Künstler selber abfällt.

Das Gegenteil ist der Fall. Wirtschaft und Kultur sind aufeinander angewiesen. Sie sind beide wichtige Motoren von Innovation und Fortschritt in unserer Gesellschaft.

Gestalten – Welt und Gesellschaft gestalten -, das ist die bleibende gemeinsame Wurzel und das bleibende gemeinsame Ziel von Wirtschaft und Kultur. Wirtschaft und Kultur, so oft als Gegner oder Antagonisten betrachtet, sind in Wahrheit die beiden grundlegenden Weisen, in denen der Mensch seine Welt gestaltet, verändert, ziviler und bewohnbarer macht. Wirtschaft und Kultur, sie dienen beide der Entwicklung und Weiterentwicklung der Gesellschaften und des Einzelnen.

Dass sich Teile der Märkte, die Finanzmärkte im besonderen, heute in einer Weise verselbständigt haben, dass sie quasi ein eigenes System bilden, das seine Wurzel und Beziehung mit der sogenannten Realwirtschaft, also auch mit der Gesellschaft gleichsam gekappt hat. Das hat zum Teil dramatische Konsequenzen, die für unsere Gesellschaft, für unsere Politik, aber auch für jeden Einzelnen gerade in den letzten Jahren deutlich geworden sind.

Wer sich in einem eigenen Subsystem bewegt, wer allein um sich selbst und seinen Gewinn kreist, der hat sich aus jeder Verantwortung gestohlen, der ist sozusagen auch aus unserer gemeinsamen Kultur ausgestiegen. Nur wenn es dann schiefgeht, erinnert er sich daran, dass es so etwas wie Verantwortung und Solidarität gibt, also eine gemeinsame Kultur der Hilfe, des Austauschs, des Aufeinander-Angewiesenseins.

Wenn wir von Kultur reden, dann meinen wir nicht nur künstlerische Produktion. Das Wort „Kultur“ meint auch die je besondere Art und Weise, wie wir miteinander leben, welche Werte uns leiten, welche Ziele wir verfolgen, wozu wir uns bekennen. Insofern ist „Kultur“ ein Begriff, der für Zusammenleben, auch für das Miteinanderarbeiten und Miteinanderwirtschaften insgesamt stehen kann.

Insofern sprechen wir mit Recht zum Beispiel von „Unternehmenskultur“, von „politischer Kultur“, aber auch von „Verantwortungskultur“ oder – ein mir ganz wichtiges Feld – vom „Dialog der Kulturen“.

Wenn also das Band zwischen Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft zerrissen ist, dann geht es der Gesellschaft, dann geht es auch dem einzelnen schlecht.

Kulturförderung ist immer auch eine Förderung der Gesellschaft als ganzer, eine Förderung des Zusammenlebens, eine Förderung dessen, was uns zusammenhält und gemeinsam beschäftigt oder beschäftigen sollte.

Kulturförderung ist kein Hobby oder Zeitvertreib der Besserverdienenden, sondern eine Förderung der allgemeinen Teilhabe am Schönen und am Nachdenklichen. Eine Teilnahme am Fragen und Finden, am Erkennen und Entdecken, das die Künstler für die Gesellschaft unternehmen. Das brauchen wir, das ist lebensnotwendig für eine lebendige, dynamische Gesellschaft – und daher auch lebensnotwendig für eine dynamische und innovative Wirtschaft.

Als der Kulturkreis vor 60 Jahren gegründet wurde, da war vor allem der Anschluss an die Moderne ein wichtiges Anliegen, daher die Förderung der freien, abstrakten Kunst und der Freiheit der Kunst als solcher. Thema war auch die Erhaltung des kulturellen Erbes nach den Zerstörungen des Krieges, darum das beispielhafte Engagement beim Wiederaufbau von Regensburg.

Kunst und Kultur leben in Gezeiten, jede Zeit definiert ihr Verhältnis zur Kultur neu und hat dabei ihre eigenen Bedürfnisse. Heute ist wohl nichts so wichtig wie die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen – in Verbindung mit kultureller Integration.

Ich finde es gut, dass sich auch der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft bewusst ist, wie wichtig Kultur für die Integration ist. Jeder fünfte Bundesbürger, so ist gerade eben erst festgestellt worden, hat Wurzeln im Ausland. Integration kann nicht gelingen ohne Kultur, Integration braucht nichts so sehr wie gemeinsames Interesse an Kultur, gemeinsame Erfahrungen mit Kultur, kulturelle Kreativität und Produktion, gemeinsame schöpferische Initiative.

Ein Beispiel dafür ist die nachhaltige Förderung des wunderbaren Projekts „Berlin Schlesische Straße 27“, wo ein buntes Kaleidoskop von Initiativen, Ausstellungen, Workshops und so weiter dabei hilft, Integration konkret erlebbar zu machen – eben mit Kultur.

Integration und Kultur - dabei geht es nicht um Kultur zu herabgesetzten Preisen. Zugang schaffen: ja. Partizipation ermöglichen: ja. Dabei helfen, dass Kultur zu Menschen kommt, die bisher dazu keinen Zugang haben: ganz gewiss, ja, auf jeden Fall! Aber Kultur im Sonderangebot: nein.

Am liebsten würde ich Ausführungen machen zur Sprache in der Kulturnation Deutschland, dem Land der Dichter und Denker. Hier würde es den Rahmen sprengen, aber vergessen wir nicht die Pflege unserer differenzierten deutschen Sprache.

Kultur ist und bleibt etwas Anspruchsvolles, etwas Wertvolles. Es muss auch so präsentiert und angeboten werden, dass Anspruch und Wert erkennbar sind.

Kultur, die gefördert zu werden verdient, hilft allen Menschen, vor etwas Respekt zu haben, etwas in seinem Wert in sich zu schätzen, vor etwas zu staunen. So bekommt man ein Gefühl für Wert und Wertvolles, das über einen rein ökonomischen Wert hinausgeht.

Kultur ist immer etwas, das man sich selber erobern muss, wofür das Interesse so groß sein muss, dass man sich selber dafür auch anstrengt, etwas einsetzt und sie sich etwas kosten lässt, zum Beispiel Zeit und Hingabe. Die Zugangsschwellen müssen natürlich gesenkt werden, was durch Museumstage für Familien mit Kindern und lange Nächte der Museen vielfach gelingt. Kultur hilft uns so ganz elementar, Werte zu entdecken und zu schätzen, ja Werte gemeinsam zu schätzen.

Was könnte wichtiger sein, in einer Gesellschaft, die immer mehr fragmentarisch zu werden droht?

Ich gratuliere dem Kulturkreis der deutschen Wirtschaft im BDI ganz herzlich zum 60. Ihre beispielhafte Kulturförderung, so unspießig, qualitätsbewusst, bescheiden und wirkungsvoll wie sie ist, hat unserem Land schon große Dienste erwiesen. Sie wird umso wichtiger werden, je knapper die öffentlichen Kassen werden.

Was könnte ich also wünschen? Dass immer noch mehr Unternehmer ihre Verantwortung wahrnehmen und dem Beispiel ihrer Vorgänger und Kollegen folgen: sich einzusetzen für die Förderung der Kultur. Hier ist noch viel Platz für gute Taten!

Ganz besonders großartig wäre es, wenn durch tatkräftiges finanzielles Engagement der Unternehmer die weitsichtig vor zehn Jahren gegründete Kulturstiftung der Deutschen Wirtschaft ihr Kapital kräftig aufstocken könnte.

Kultur und Wirtschaft, so habe ich versucht zu erläutern, gehören untrennbar zusammen. Der Pfarrer auf Norderney hatte im Sonntagsgottesdienst zwei Botschaften für die Gemeinde, eine gute und eine schlechte. Die Gute: Die Finanzierung des Kirchenumbaus sei gesichert. Die Schlechte: Das Geld stecke noch in den Portemonnaies der Gemeindemitglieder. Tatsache bleibt, dass die eine Seite das Geld hat, das die andere Seite braucht. Dass dieses Ungleichgewicht immer wieder ein bisschen ausgeglichen wird, daran haben Sie im Kulturkreis freiwillig und engagiert 60 Jahre lang erfolgreich gearbeitet. Dafür Ihnen allen ganz herzlichen Dank und für Ihre weitere Arbeit alles Gute und, wie man hier im Ruhrgebiet sagt: Glück auf!