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Festakt anlässlich des 200. Geburtstages von Franz Liszt

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache im Deutschen Nationaltheater in Weimar Weimar, 22. Oktober 2011 Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache im Deutschen Nationaltheater © Ole Krünkelfeld

Ich danke dem Freistaat Thüringen, dass er diese Initiative ergriffen hat, Franz Liszt ein kulturelles Themenjahr zu widmen. Mit diesem Festakt anlässlich seines 200. Geburtstages erreicht es gewiss seinen Höhepunkt. Ich danke allen, die zum Gelingen beigetragen haben und heute noch beitragen, namentlich dem Chor des Mitteldeutschen Rundfunks, der Staatskapelle Weimar unter Leitung von Herrn Generalmusikdirektor Stefan Solyom, dem Deutschen Nationaltheater und natürlich dem Ehrenkomitee unter Vorsitz von Frau Dr. Wagner.

Wer die Zeitungen in den letzten Wochen aufmerksam gelesen hat, kam an Franz Liszt nicht vorbei und ich glaube, ein größeres Kompliment für das Gelingen der Zielsetzungen eines Festkomitees kann es nicht geben, als dass man den Eingang in die Medien und damit den Zugang zu den Menschen im Land findet. Zu dieser erfolgreichen Arbeit kann man Sie nur beglückwünschen.

Zu Weimar hatte Franz Liszt eine ganz besondere Beziehung. Man ist hier besonders weltoffen, besonders gastfreundlich. Man bietet hier ein gutes Umfeld, das konnte ich heute auch wieder persönlich erleben. Hier hat er einen großen Teil seines Lebens als großherzoglicher Kapellmeister verbracht. Hier dirigierte er 1850 die Uraufführung von Wagners „Lohengrin“ und hier hatte er seine zweifellos produktivste Zeit als Komponist. Mancher sagt ja, bei uns ist er geboren, unsere Sprache spricht er, bei uns hat er konzertiert, aber eigentlich kommt es immer entscheidend darauf an, wo jemand als Künstler, als Künstlerin seine Weltgeltung erlangt hat, wo er das beste Umfeld gefunden hat. Daher ist diese Feier hier heute, denke ich, auch absolut am richtigen Ort. Auch ihm ist der Rang Weimars als Zentrum von Kunst und Kultur, als Hauptstadt des deutschen Geistes zu verdanken.

Franz Liszt ist unter den europäischen Komponisten eine ganz besondere Gestalt gewesen – eine schillernde, könnte man sagen, aber das wäre wohl sogar noch untertrieben.

1811 – das scheint uns heute 2011 so weit weg zu sein -, das scheint zurückzuverweisen in eine alte, kleinteilige, provinzielle Welt. Eine Welt, in der man mit Postkutschen reiste und in der man Briefe schrieb, eine für uns Heutige manchmal unvorstellbar langsame Art zu korrespondieren. Und doch ist Franz Liszt bis heute in jeder Hinsicht ein europäisches Ereignis. Zu seiner Zeit war die hohe Kultur auf eine Weise grenzüberschreitend und eine Sache ganz Europas, dass wir heute immer wieder nur staunen können. Das kleine, sich Großherzogtum nennende Sachsen-Weimar-Eisenach, hat dieser grenzüberschreitenden Kultur Heimat geboten, dank seiner weitsichtigen und großherzigen Fürstinnen und Fürsten, insbesondere Carl August, Maria Pawlowna und Carl Alexander.

Im damaligen Ungarn war Liszt geboren, ungarischer Staatsangehöriger blieb er. Deutsch war seine Muttersprache. In Paris gab er seine ersten Konzerte und Frankreich bezeichnete er als sein Vaterland. Das ist doch wirklich europäisch. Mit den großen Geistern seiner Zeit zu kommunizieren – das war für Liszt und seine Zeitgenossen vollkommen selbstverständlich.

Und erst recht müssen wir staunen, wenn wir die Stationen seiner Konzertreisen anschauen: Österreich, die Schweiz, Italien, Frankreich, Belgien, England, Schottland, Irland, Ungarn, Böhmen, Russland, Preußen, das Baltikum, Bayern und natürlich Thüringen.

Hier erscheint eine Topografie Europas, die uns noch vor 25 Jahren, beim 100. Todestag Liszts, noch vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, wie unerreichbar vorgekommen sein muss.

Die für mich bedeutsamste Erkenntnis: Die Kultur ist es, die Europa letztlich verbindet. Andere Themen sind auch fundamental wichtig, aber es gilt eben, dass Kultur und Geschichte uns unverbrüchlich verbinden und uns zu gemeinsamem Handeln auffordern. Die Kultur ist es, die auf der einen Seite die Identität der Regionen und Städte, der Landschaften und der Volksgruppen ausmacht Die Kultur ist es aber auch, die uns in Europa miteinander verbindet, die die langen Wurzeln des christlichen, jüdischen und aufgeklärten Abendlandes in sich bewahrt und die eine Gemeinsamkeit dieses Kontinents und seiner Menschen darstellt.

Dieses Europa hat oft schwer miteinander gekämpft, es hat sich in grausamen Kriegen zerfleischt, es hat Vertreibung, Vernichtung, Barbarei zur Genüge erlebt. Und ausgerechnet dem Europäer und Kosmopoliten Franz Liszt hat man eine Fanfare entwendet, „Les Préludes“, um sie den Wehrmachtsberichten des Russlandfeldzuges voranzustellen, eine Musik, die die Generationen unserer Eltern und Großeltern, die sie jahrelang in diesem Zusammenhang gehört hatten, kaum jemals vergessen können.

Aber Europa hat immer wieder zurückgefunden zu Ausgleich und Solidarität, zu Frieden und Freiheit. Europa hat vor allem sich selber und der Welt großartige kulturelle Schöpfungen geschenkt. Dazu gehört vor allen Dingen auch die Musik. Franz Liszt ist einer der ganz Großen der Musik.

Er war zu seiner Zeit nicht nur ein Komponist, dessen Werk unüberschaubar vielfältig ist, er war ein Virtuose, ein Auftrittskünstler, der sein Publikum verzaubern konnte, ja, es zu manischer Begeisterung treiben konnte. Man kann sich das heute glaube ich, gerade bei Frauen, nur bei Robbie Williams oder Bono vergleichbar vorstellen. So versucht man dann, 200 Jahre später Vergleiche zu finden. Ein Pop-Phänomen geradezu. „Lisztomanie“ war lange vor „Beatlemanie“, lange vor dem Wirbel, der heute um Stars und auch manche Sternchen veranstaltet wird, ein Beispiel für die Verehrung eines Künstlers, weit über die eigentliche Musik hinaus. Auch das war ein gesamteuropäisches Phänomen.

Ich finde es besonders schön an diesen Festaktivitäten, dass der Zugang für junge Leute geschaffen wird, sich vorzustellen, wie dieser Mann damals Konzertsäle begeistert hat und dass sich junge Leute auch heute von klassischer Musik begeistern lassen dürfen. Diesen Versuch immer wieder zu unternehmen, trägt etwas zur Zukunftsfähigkeit unseres Landes bei. Denn wir wissen heute, welch segensreiche Wirkung Musizieren, Musik in dem Ensemble, dem Kollektiv, aber auch als einzelner Solist hat. Auf Intelligenz, auf Sozialverhalten, auf Rücksichtnahme. Deswegen kann man gerade die Anstrengungen in Thüringen für die Musik gar nicht hoch genug einschätzen.

Das kommt dem ganzen Land zugute und man spürt es in der Welt, wenn man auf Thüringer stößt: Sie sind gerade in den künstlerischen Disziplinen in besonderer Weise herangeführt und ausgebildet, sonst hätten sie nicht so viele Erfolge bei „Jugend musiziert“ und anderen Wettbewerben, wo es nach Leistung geht.

Heute geht es für mich noch zur ältesten Universität Deutschlands, zur 625-Jahr-Feier nach Heidelberg, und dann nach Tokio. Und wenn man dann eine Linie Weimar – Heidelberg – Tokio zieht, dann weiß ich, dass ich in Japan die nächsten Tage vor allem über die Kultur reüssieren kann, weil sie in der ganzen Welt verstanden wird. Die Reise wird enden in einem ehemaligen Lager deutscher Kriegsgefangener des Ersten Weltkrieges, die von den Japanern in Tsingdau, in der deutschen Kolonie auf chinesischem Gebiet festgenommen, in einem Lager inhaftiert wurden und drei Jahre lang Instrumente gebaut, Noten vervielfältigt, geübt haben und dann das erste Mal in Asien, das erste Mal in Japan Beethovens 9. Sinfonie aufgeführt haben. Seitdem wird in ganz Japan alljährlich im September Beethovens 9. aufgeführt. Und sie bleibt ja der Auftrag sozusagen, werdet alle Brüder und Schwestern, würde man heute sagen. Das ist eine Brücke, eine Verbindung, mit der ich dort auftreten kann.

Die Kultur ist eine Brücke, die wir immer wieder unterschätzen und die wir nutzen sollten. Wir werden über Franz Liszt und das Erbe seiner künstlerischen Epoche gleich viel mehr hören von Frau Dr. Wagner und natürlich seine großartige Musik, die zu seinen Ehren hier in Weimar erklingt - am 200. Geburtstag von Franz Liszt.