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Besuch der Universität Tsukuba
in Tokio

Bundespräsident Christian Wulff in der Universität Tsukuba am Rednerpult Tokio, Japan, 25. Oktober 2011 Offizieller Besuch in Japan - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede in der Universität Tsukuba © Guido Bergmann

Technischen Fortschritt verantwortungsvoll gestalten

Es ist eine besondere Ehre, den Doktortitel Ihrer Universität Tsukuba annehmen zu dürfen, dafür aufrichtigen Dank. Tsukuba: Eine beispielhafte Universität, die drei Nobelpreisträger hervorgebracht hat. Eine Universität, die Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftler zusammenführt und mit unternehmerischer Forschung zusammenbringt. Eine Universität, die einer der wichtigsten Wissenschaftsstandorte Japans ist. Ich freue mich als Ehrendoktor an der engen Verbindung der Universität zu Deutschland teilhaben zu dürfen.

Die exzellente Zusammenarbeit mit Deutschland wird in meiner Delegation an zwei Absolventen der Universität deutlich: Herrn Professor Inoue, der als Chemiker in Berlin forscht und Frau Ando, die als Fußball-Weltmeisterin in Duisburg begeistert – vielen von Ihnen durch den Gewinn des Weltmeistertitels in Deutschland bekannt. Herr Rektor, ich würde mich freuen, wenn die Tsukuba-Universität auch weiterhin Deutschland so großzügig an ihren Talenten teilhaben lässt. Ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam sehr viel erreichen können. Japan und Deutschland weisen viele Ähnlichkeiten auf, die zur gemeinsamen Erarbeitung von Lösungen prädestinieren. Japan und Deutschland sollten dabei stets Teil der Lösungen, nicht Teil der Probleme dieser Welt sein.

Es ist mir eine große Ehre, hier über Fragen des Fortschritts und der Zusammenarbeit sprechen zu können. Ich möchte das in der Form von sieben Thesen tun.

Ich habe die Fotoausstellung „Nano-Art“ des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses Tokio in der Eingangshalle besucht. Das Zentrum für Nanointegration in Duisburg-Essen arbeitet hier mit der Universität Tsukuba zusammen. Die Ausstellung ist ein ästhetisch und vor allem inhaltlich beeindruckender Blick in Anwendungen der Nanotechnologie. Bauteile, die die Leistungsfähigkeit und Lebensdauer erhöhen und dennoch weniger Material und Energie verbrauchen.

Wir sollten uns, und das ist meine erste These, die Begeisterungsfähigkeit für technische Neuerungen erhalten. In Japan ist sie besonders ausgeprägt. Deutschland kann von diesem japanischen Fortschrittsgeist lernen. Wir brauchen den Mut zum Wandel.

Ich bin überzeugt: Wichtige Innovationen entstehen heute gerade in der Kooperation zwischen verschiedenen Fachrichtungen. Die Verbindung immer leistungsfähigerer Computeranwendungen mit neuen Werkstoffen und Produktionsverfahren wird der Menschheit ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Viele Krankheiten, die noch vor 100 Jahren als unheilbar galten, können wir heute beherrschen.

Die Medizin ist aber auch eines der Gebiete, in denen der Fortschritt die grundlegenden Parameter des Lebens verschieben könnte. Stammzellenforschung und Eingriffe in das Erbgut eröffnen nicht nur große Heilungsmöglichkeiten, sondern erfordern grundsätzliche Diskussionen um den Wert und die Würde menschlichen Lebens.

Meine zweite These ist daher, dass technischer Fortschritt immer auch an ethischen Grundfragen gemessen werden muss. Denn nicht alles, was technisch machbar ist, darf auch gemacht werden. Ich finde es von großer Bedeutung, dass diese Aspekte in einer Gesellschaft breit diskutiert werden. Dazu brauchen wir einen guten Wissenschaftsjournalismus, der die oben genannte Technikbegeisterung weckt und in einen größeren Kontext stellt.

Zusätzlich haben wir in Deutschland mit der Einrichtung des interdisziplinär arbeitenden Deutschen Ethikrates mit Wissenschaftlern verschiedener Fachbereiche gute Erfahrungen gemacht.

Aber, und das ist meine dritte These, wissenschaftliche Expertise muss gesellschaftliche und politische Willensbildung stets begleiten – die Entscheidungsfindung selbst muss aber bei den gewählten Volksvertretern liegen. Nur sie sind demokratisch legitimiert. Nur sie können, auf der Grundlage der bestmöglichen Beratung, die Verantwortung für diese Entscheidungen tragen.

Eine Diskussion über die Auswirkungen technischen Fortschritts muss sich auch mit Fukushima beschäftigen. Tschernobyl hatte in Deutschland zu einer intensiven und langen Auseinandersetzung um die Nutzung der Kernkraft geführt. Neue Kernkraftwerke wurden nicht mehr gebaut. Fukushima befeuerte eine innenpolitische Debatte über die Verlängerung der Laufzeiten in Deutschland mit dem Ergebnis, nunmehr beschleunigt bis 2022 ganz auszusteigen.

Die Katastrophe zeigt, dass wir immer auch das Undenkbare mitdenken müssen. Ich werde im Anschluss an meinen Besuch bei Ihnen nach Iwaki fahren, um dort mit Menschen zu sprechen, die aufgrund des Unfalls ihre Häuser verlassen mussten. Sie tragen an vorderster Front die volle Last der Ereignisse. Ihnen muss unsere Solidarität gelten.

Ob eine Gesellschaft insgesamt bereit ist, das immer vorhandene Unfallrisiko technischer Verfahren, das übrigens nicht nur auf die Atomindustrie beschränkt ist, zu tragen, ist eine schwierige Abwägung. Jede Gesellschaft muss diese Entscheidung selbst treffen. Die internationale Gemeinschaft muss sich auf nötige Standards und Kontrollen verständigen.

Unsere Konsequenz in Deutschland, Ausstieg aus der Atomenergie und die daraus folgende Suche nach Alternativen, ist ein Jahrhundertprojekt, vergleichbar mit dem „Man on the Moon Project“ der 60er-Jahre. Die Amerikaner wussten damals nicht, wie das Projekt gelingen würde, aber sie haben alles dafür gegeben, dass es ein Erfolg wird. Auch wir müssen jetzt alles dafür tun, dass der Energiewandel gelingt.

Dabei muss es auch um Energieeffizienz gehen. Für Japan ist Energieeffizienz alles andere als ein Fremdwort – von den Reaktionen auf den Ölschock 1973 angefangen. Japanische Unternehmen gehören zur Avantgarde in diesem Bereich. Eine Neuausrichtung der japanischen Energieausrichtung bringt eine Vielzahl neuer Kooperationsmöglichkeiten für unsere Länder.

Ich möchte eine Bemerkung zum Erdbeben und Tsunami machen: In anderen Ländern als Japan hätten ein Beben dieser Stärke und eine Flutwelle dieser Dimension weitaus mehr Opfer gefordert. Vorwarnung, angemessene Architektur und Evakuierung zeigen, wie technischer Fortschritt und soziale Organisation die Folgen von Naturgewalten deutlich abmildern können. Deutsche Forscher werden, gemeinsam mit ihren japanischen Kollegen, auf einem deutschen Forschungsschiff den Meeresboden vor der Küste Tohokus vermessen, um weitere Erkenntnisse zu gewinnen, die genau dieser Vorwarnung zugutekommen sollen.

Manchmal gibt es auch berechtigte Gründe misstrauisch gegenüber Innovationen zu sein. Denn neben jenen, die sich langfristig als realisierbar und vorteilhaft erweisen, gibt es eben auch viele, die sich später als schädlich und unvorteilhaft herausstellen. Wir müssen, und das ist These Nummer vier, den Fortschritt unbedingt auch an seiner Nachhaltigkeit messen. Eduard Bernstein analysierte schon 1910, also lange vor dem Club of Rome-Bericht, anhand des stark steigenden Verbrauchs an Rohstoffen: „Wir treiben heute Raubbau mit den Schätzen der Erde.“ In Japan, dem Land in dem das Kyoto-Protokoll unterzeichnet wurde, muss ich nicht gesondert über die möglichen Folgen des Klimawandels sprechen. Der deutsche Philosoph Hans Jonas bringt es auf den Punkt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Wir haben eine Verantwortung für die Schöpfung, was allen Weltreligionen zugrunde liegt. Japan hat eine besonders intensive Beziehung zu Umwelt und Natur. Für mich ist der Ise-Schrein, den ich morgen besuche, ein Beispiel dafür.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Was hat der technische Fortschritt für unsere Gesellschaften erreicht? Auf der Haben-Seite kann man einen gesamtgesellschaftlichen Wohlstand verbuchen, der in der deutschen und japanischen Geschichte seinesgleichen sucht. Von unserer Lebenserwartung von fast 80 Jahren – in Japan sogar darüber – hätten unsere Vorfahren nur träumen können. Ich halte es für ganz wichtig, uns immer wieder vor Augen zu führen, wie stark sich unser Leben verbessert hat.

Aber der Einzelne ist damit noch lange nicht ins Paradies auf Erden eingetreten. In der Arbeitswelt steigt der Leistungsdruck. Berufliche Biografien weisen zunehmend Brüche auf. Schon viele junge Menschen spüren den Schulstress, viele haben Schwierigkeiten dauerhafte Arbeitsverhältnisse zu finden. Die Fragen der sozialen Absicherung stellen sich, insbesondere angesichts der sich verändernden Alterstruktur unserer Gesellschaften, mit großer Schärfe. Wer wird sich um die vielen alten Menschen kümmern, wer legt ihnen die Hand auf die Schulter, wer kümmert sich um sie, welche Rolle sollten Roboter in der Altenpflege spielen?

Meine Bemerkungen laufen auf die Frage hinaus, ob uns der Fortschritt glücklicher gemacht hat. Meine fünfte These lautet, dass wir bei der Bewertung des Fortschritts nicht nur auf Wachstumszahlen und steigende Pro-Kopf-Einkommen, sondern auf den Menschen, seine individuellen und sozialen Bedürfnisse, den Zusammenhalt der Gesellschaft und der Erhalt der Schöpfung schauen sollten. Die psychologische Forschung zeigt uns, dass die Korrelation von geistigem Wohlbefinden und materiellen Wohlstand nur bis zu einer bestimmten Grenze trägt. Zufriedenheit kommt nicht automatisch durch immer mehr Konsum und Konsummöglichkeiten. Ich habe mit Interesse gelernt, dass das Parteilied der Liberaldemokratischen Partei Japans Glück für den Einzelnen und Glück für alle zum Ziel hat. In Deutschland hat das Parlament eine Enquete-Kommission eingesetzt, die sich mit dem Zusammenhang von Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität beschäftigt. Im Juli hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen ihre Mitgliedsländer dazu aufgefordert, den Bereichen Glück und Wohlbefinden bei ihren Planungen für die Entwicklung eine größere Bedeutung einzuräumen.

Das Deutsche Institut für Japanstudien widmet sich mit einem interessanten Projekt dem Thema „Glück in Japan“. Wie viel Deutsche und Japaner in den technischen Bereichen voneinander gelernt haben, ist gut bekannt. Aber das Voneinanderlernen hat sich bei weitem nicht darauf beschränkt: Der Psychologe Takeo Doi berief sich bei Betrachtungen über die Muße auf Josef Piepers „Muße und Kultur“. Der Philosoph Martin Heidegger war bei der Formulierung seiner Umweltethik vom japanischen Naturverständnis beeinflusst.

Mich persönlich beschäftigt das Thema des Zusammenhaltes der Generationen sehr. Es erschreckt mich, dass die jetzige Generation durch ihr Leben auf Pump den Wohlstand der Zukunft verbraucht. Das gilt für unsere private und staatliche Verschuldung, aber auch für unseren Umgang insgesamt mit den Ressourcen. Die jetzigen Diskussionen dazu in Deutschland und in Europa tragen hoffentlich dazu bei, dass wir gemeinsam umsteuern. Ein Leben auf Kosten der Zukunft ist nicht fair gegenüber der Jugend und kommenden Generationen. Dabei sind Fairness, Gerechtigkeitsempfinden und Vertrauen eminent wichtig für eine Gesellschaft – Fairness ist ein menschliches Urbedürfnis. Sowohl innerhalb einer Gesellschaft, als auch international. Deutschland und Japan haben dieses soziale Kapital – sowohl in ihren Gesellschaften als auch untereinander. Zwei Industriegesellschaften, die an unterschiedlichen Enden der Welt und mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund viel zu diesen Debatten beitragen können.

Der deutsche Zukunftsforscher Opaschowski hat den technischen Fortschritt in Kontext mit der Menschheitsgeschichte gesetzt: Von 800 Lebensspannen hat die Menschheit 650 in Höhlen verbracht. Die Schrift gibt es seit ungefähr 70 Lebensspannen. Und Bücher erst in den letzten acht. Die Evolution des Menschen wird es nicht leicht haben, mit dieser Geschwindigkeit mitzuhalten. Wir müssen ihn immer wieder einem Stresstest unterziehen, der Risiken und Nutzen gegeneinander aufwiegt. Aber, und das ist meine sechste These: Diesen Stresstest des Fortschritts kann auch jeder Einzelne machen.

Als Wähler, indem ich die Positionen der zu Wählenden zum Fortschritt abklopfe. Als Verbraucher, in dem ich mich entscheide, welche Produkte ich konsumiere. Und als Mensch, in dem ich mir die Frage stelle, welche Zufriedenheit mir eine technische Neuerung bringt.

Peter Watson, hat in seinem Buch „Der deutsche Genius“ das den Deutschen oft nachgesagte Zögern in Technikfragen beleuchtet. Dabei kommt der Brite zu einem interessanten Ergebnis. „Vielleicht birgt dieses Zögern eine Lehre“, schreibt Watson. „Wenn Wissenschaft und Kapitalismus die Zerstörung unserer Umwelt, ja unserer Erde, nicht verhindern können, wenn sie sogar der primäre Auslöser für diese Zerstörung sind, dann wird nur eine Veränderung von uns selbst etwas bewirken können. Die Deutschen erklären uns, dass der Weg aus unserem Dilemma weder ein technischer noch ein wissenschaftlicher, sondern ein philosophischer ist: eine Frage unser Lebenseinstellung.“ Deshalb sind Naturwissenschaften und Technik wichtig, aber auch die Geisterwissenschaften. Es braucht keine Frontstellung, sondern ein Zusammenwirken.

Der Leitspruch der Tsukuba-Universität lautet „Imagine the Future“. Auf Japanisch heißt es dann ausführlicher: „Versetzen wir uns in die Zukunft. (…) Wenn wir uns diese Zukunft nicht vorstellen können, können wir sie auch nicht schöpferisch gestalten.“ Dem schließe ich mich an. Japaner und Deutsche sollten die Zukunft gemeinsam schöpferisch gestalten.

Diese Gestaltung ist wichtig. Meine siebte These: Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Japan kann hilfreiche Weichen für die Zukunft stellen. Mit dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus in Tokio haben wir einen guten Rahmen für die Kooperation. Wenn Wissenschaftler aus beiden Ländern, sich die Hand reichen, können wir gemeinsam Ideen entwickeln.

Unsere Länder gehören zu den Industrienationen, in denen nicht nur geforscht, sondern auch produziert wird. Das macht uns für die Zukunft stark. Denn um das Leben der Menschen zu verbessern, brauchen wir innovative Produkte und Verfahren in der realen Welt. Lassen wir die Forscher in Japan und Deutschland kreativ, verantwortungsvoll und so intensiv wie möglich gemeinsam daran arbeiten. Das ist mein Wunsch und meine Überzeugung. Dazu habe ich bei all meinen Japan-Besuchen und Kontakten immer beste Voraussetzungen vorgefunden. Dies hat mich immer begeistert und dafür möchte ich auch Sie begeistern.