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Eröffnung der Villa Kamogawa des Goethe-Instituts

Bundespräsident Christian Wulff im Gespärch Kyoto, Japan, 26. Oktober 2011 Offizieller Besuch in Japan - Bundespräsident Christian Wulff im Gespärch © Guido Bergmann

Einer der Teilnehmer der Eulenburg-Mission, die 1861 die ersten diplomatischen Kontakte mit Japan knüpfte, und spätere Generalkonsul in Japan, Max von Brandt, sagte: "Diesem Land ist das traurige Schicksal zuteil geworden, nie durch eine ungefärbte Brille betrachtet zu werden."

Waren unsere Brillengläser gegenüber Japan stärker gefärbt, als gegenüber anderen Ländern? Zumindest haben sich - im Vergleich zum Blick auf viele andere außereuropäische Länder - sehr viel mehr Menschen bemüht, ein ungefärbtes Bild zu erhalten. Kaufleute, frühe Mediziner, Wissenschaftler und Künstler aus Deutschland beschäftigten sich intensiv mit Japan. Durchweg durchzieht die Reiseberichte seit dem 17. Jahrhundert große Faszination für und Respekt vor der japanischen Kultur. Der Einfluss der japanischen Wahrnehmung auf die europäische Kunst des ausgehenden 19. Jahrhunderts und damit einem wichtigen Teil der Moderne ist gut dokumentiert. Vorgestern endete in Berlin eine Hokusai-Ausstellung, die ich eröffnen durfte. Seine Werke haben bis heute nichts von ihrer Ästhetik und Modernität verloren. Übrigens, Hokusai schrieb im Alter von 84 Jahren, dass er mit 90 Jahren noch einmal einen neuen Stil entfalten wolle und mit 100 Jahren seine Malerei revolutionieren werde. Welch ein Mut für alternde Gesellschaften daraus entspringt: Kreativität beschränkt sich nicht auf die Jugend.

Auch die Bewunderung der schnellen Industrialisierung Japans ist eine Konstante der letzten Jahrzehnte. Bücher über den Einfluss der japanischen Kultur auf den wirtschaftlichen Erfolg füllen ganze Regale. Japans „Soft-Power“ ist global präsent, ich nenne nur Architektur, Design, Kunst, Sport, Anime, Manga, Küche, virtuelle Welten oder J-Pop. An Japan kommt keiner vorbei. Das ungebrochene Interesse zeigt sich übrigens in Deutschland auch an den nach wie vor hohen Zahlen der Studenten, die sich mit Japan beschäftigen.

Ich glaube, dass Japan als erste nicht-europäische Moderne nicht nur für Europa, sondern auch in besonderer Weise für Kulturen aus Asien, Lateinamerika und Afrika wichtig ist. Japan zeigt, dass eine Modernisierung eigener Art möglich ist. Modernisierung führt nicht automatisch zu einer Kopie Europas und Nordamerikas. Das ist für viele Gesellschaften wichtig, die großen Wert auf eine eigene Identität legen. Japan ermutigt sie, ebenfalls ohne Furcht um den Verlust ihrer Identität die Errungenschaften der Moderne anzustreben.

Die Auseinandersetzung mit der Moderne hat auch Japan selber intensiv beschäftigt. Jun’ichiro Tanizaki lieferte in seinem Essay "Lob des Schattens" in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts einen bis heute lesenswerten Gegenentwurf zur europäischen Ästhetik. Er ruft dazu auf, trotz der immer weiter verbreiteten Glühbirnen auch noch in Architektur und Literatur etwas vom Schatten übrig zu lassen. Um zu sehen, was dabei herauskommt, beschließt er zum Ende des Textes, selber probeweise "das Licht zu löschen".

Ein anderer Blick auf die Moderne ist auch für Deutschland wichtig. Wer nach Japan kommt, spürt, dass es modern ist und doch anders. Wer offenen Geistes das Land bereist, den lädt es vielerorts ein zum Innehalten und Nachdenken darüber welche Bereicherung unsere eigene Kultur und die Moderne in der ganzen Welt durch Japans Einflüsse erhalten hat.

Wohl kaum ein Ort kann es dabei an Symbolgehalt mit Kyoto aufnehmen. Die alte Kaiserstadt mit ihrer reichen künstlerischen Tradition und ihrer vibrierenden Moderne scheint mir daher der richtige Platz für die Villa Kamogawa. Und Japan scheint mir der perfekte Standort für die erste offizielle deutsche Künstlerresidenz auf dem asiatischen Kontinent. Ich bin dem Goethe-Institut daher dankbar, dass es hier seine erste Künstlerresidenz in Asien eingerichtet hat. Weltweit unterhält Deutschland nur noch drei andere vergleichbare Einrichtungen: In Rom, Los Angeles und Istanbul. In Kyoto können dann pro Jahr zwölf Künstlerinnen und Künstler für jeweils drei Monate ganz in diese Umgebung eintauchen. ich freue mich auf unser Gespräch gleich im Anschluss. GanI gleich ob im vollen Scheinwerferlicht oder bei Kerzenschimmer, ich bin sicher: Sie, die hier weilenden Künstler, werden nicht nur Japan durch ungefärbte Brillengläser sehen, sondern auch mit einer veränderten Weltsicht nach Deutschland zurückkehren und vieles von hier mitnehmen, das uns bereichern wird. Ich wünsche der neuen Villa Kamogawa viel Erfolg.