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Besuch des Deutschen Hauses von Naruto

 Bundespräsident Christian Wulff wird beim Besuch des Deutschen Hauses von Kindern des Kindergartens Yutaka Hoikuen begrüßt Naruto, Japan, 27. Oktober 2011 Offizieller Besuch in Japan - Bundespräsident Christian Wulff wird beim Besuch des Deutschen Hauses von Kindern des Kindergartens Yutaka Hoikuen begrüßt © Guido Bergmann


Vielen Dank für den überaus herzlichen Empfang. Ich freue mich sehr, heute wieder in Naruto sein zu können. Es ist ein Wiedersehen mit einem Ort, dessen Geschichte für mich nichts von ihrer Faszination verloren hat. Die Geschichte, wie aus Feinden Freunde werden können. Wie Menschen offen waren gegenüber Fremden und Fremdem. Fast 5.000 Soldaten kamen nach der Kapitulation der deutschen Garnison in Qingdao im November 1914 nach Japan. Sie kamen in ein Land, das nominal Deutschland den Krieg erklärt hatte, in dem es faktisch aber schon enge Verbindungen mit Deutschland gab. Denn seit der Öffnung Japans hatten in der Meiji-Zeit viele japanische Delegationen Deutschland besucht, um Anregungen für die Modernisierung Japans zu bekommen. Ebenso kamen immer mehr Deutsche nach Japan, um hier Handel zu treiben. Aus den damaligen Berichten springen einem der gegenseitige Respekt und die Bewunderung ins Auge.

Mit Respekt wurden auch die Kriegsgefangenen in Bando behandelt. Das 1917 eingerichtete Lager galt als außergewöhnliches Musterlager, in dem ein human eingestellter Kommandant den Gefangenen viel Freiraum einräumte. Es entstanden Metzgereien, Bäckereien und Werkstätten, auch Theatergruppen, Sportvereine und Chöre. Aus den bis heute erhaltenen Lagerzeitschriften können wir sehen, zu wie vielen intensiven Begegnungen es zwischen Deutschen und Japanern kam. Über 100 Gefangene blieben auch nach der Entlassung nach Kriegsende freiwillig in Japan.

Den wohl nachhaltigsten Eindruck hat wohl das Lagerorchester hinterlassen. Am 1. Juni 1918 wurde hier zum ersten Mal in Japan Beethovens 9. Symphonie aufgeführt. Übrigens war dies auch die erste Aufführung dieses Werks in ganz Ostasien. Shanghai folgte 1936, Mumbai und Peking erst 1950. Musik, nach Ludwig van Beethoven ohnehin „höhere Offenbarung als alle Weisheit und Philosophie“, die kulturelle Grenzen übersprang und sich bis heute in Japan höchster Beliebtheit erfreut. Nicht nur in Japan, wenn ich daran denke, dass die „Ode an die Freude“ seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union ist. Der Musik wohnt ein besonderer Zauber inne – genau wie der Freude, von der es in der Ode heißt:

„Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt,
alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.“

In Europa ist Deutschland nur noch von Freunden umgeben. Wir sollten niemals die Vision aufgeben, dass aus Feinden Freunde werden können – ob in Europa oder in Asien.

Deutschland und Japan feiern gemeinsam dieses Jahr 150 Jahre Freundschaft. In der Präambel des 1861 abgeschlossenen Freundschafts-, Handels und Schifffahrtsvertrags heißt es: „Es soll ewiger Frieden und beständige Freundschaft (…) zwischen den beiderseitigen Untertanen sein.“ Die „Untertanen“ haben in Bando trotz widriger Umstände diese Freundschaft gelebt. Das deutsche Haus erinnert seit 1972 an diese Freundschaft. Seit 1974 besteht auf Initiative von ehemaligen Kriegsgefangenen und deren japanischen Freunden eine Städtepartnerschaft zwischen Naruto und Lüneburg.

Bando und das Deutsche Haus sind ein wichtiges Symbol unserer Freundschaft. Sie ist weder von oben verordnet noch beschränkt sie sich auf die Regierungen und die Hauptstädte. Nein, sie kommt von Herzen und lebt in allen Landesteilen. Ich möchte Ihnen, Herr Gouverneur und Ihnen, Herr Bürgermeister, stellvertretend für alle Beteiligten von ganzem Herzen danken, diese Freundschaft weiter zu pflegen.

Natürlich bin ich stolz auf die 2007 geschlossene Partnerschaft der Provinz Tokushima mit dem Bundesland Niedersachsen. Aber genauso stolz bin ich heute auf die Partnerschaften anderer japanischer Provinzen mit anderen Bundesländern. Das Wichtige bei allen Partnerschaften ist für mich, dass sich die Menschen aus Deutschland und Japan von sich aus die Hand reichen. Mögen wir uns auch geografisch fern sein, wir fühlen uns einander nahe und vertraut. Eben wie ein Stück zu Hause.