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Verleihung des Deutschen Umweltpreises 2011

 Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache Stuttgart, 30. Oktober 2011 © Sascha Baumann

Es ist eine große Freude für mich als Bundespräsident, den Deutschen Umweltpreis überreichen zu dürfen, weil von dieser Veranstaltung ein großer, notwendiger Konsens ausgeht. Diese Veranstaltung macht Mut, dass wir die vor uns liegenden Herausforderungen gemeinsam lösen können. Und was mich immer wieder besonders freut, ist, dass es die innovativen mittelständischen Unternehmen sind, die zeigen, welche Lösungen es geben kann, gerade auch für die Großindustrie. Auf diese Mittelständlerinnen und Mittelständler können wir stolz sein!

Wenn man hier aufmerksam zuhört, kann man die Formel der Zukunft leicht begreifen. Knapp gesagt: mit möglichst wenig endlichen Ressourcen und möglichst wenig Umweltbelastung Wohlstand zu schaffen und zu erhalten und Wohlergehen zu sichern.

Wir haben gesehen, wie die diesjährigen Umwelt-Preisträger und ihre beiden ausgezeichneten Unternehmen diese Formel in die Tat umsetzen – und damit auch noch im wahrsten Sinne gutes Geld verdienen. Dazu meinen herzlichen Glückwunsch!

Bei allen Unterschieden – etwas sehr Wichtiges haben beide gemeinsam: Sie haben mit ihren Innovationen nicht nur Details verbessert, sondern neue Maßstäbe gesetzt: Joachim Alfred Wünning und Joachim Georg Wünning durch eine große, grundlegende technologische Innovation – die flammenlose Verbrennung. Und Jürgen Schmidt durch viele kleine, aber ebenso wichtige Innovationen – ausgelöst durch das ehrgeizige Ziel, alle Aktivitäten seines Unternehmens klimaneutral zu gestalten.

Beides ist wichtig, um unsere Wirtschaftsweise umweltverträglich und damit zukunftsfähig zu machen: die großen technologischen Sprünge und die vielen kleinen Schritte, die nötig sind, damit Nachhaltigkeit kein Lippenbekenntnis ist, sondern im alltäglichen Handeln überall mit bedacht wird.

In beidem haben wir in Deutschland schon viele Fortschritte gemacht. Aber es muss noch viel mehr Unternehmen geben, die so konsequent handeln wie die „memo AG“. Es gibt überall Potential zur Verbesserung: von den Produkten bis zum Druckerpapier, von alternativen Formen der Werbung bis zum klimaneutralen Versand, von der Umstellung auf eigene Energieversorgung bis zur Verantwortung für die Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern in aller Welt. Die Preisträger zeigen: mehr Nachhaltigkeit heißt oft gar nicht „mehr Kosten“ – immer aber „mehr Umsicht“, vor allem im Umgang mit Ressourcen aller Art.

Die Begriffe klangen zum Teil schon an im Laufe des Festakts: Umsicht, Respekt, Rücksichtnahme, Demut. Ich spüre bei vielen meiner Begegnungen, dass diese Begriffe immer wichtiger werden, und dass es immer mehr darauf ankommt, über „Verhalten“ in Form einer „Haltung“ zu sprechen, gegenüber Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Es gibt hier in unserem Land einen erkennbaren Wandel. Ich wünsche mir, dass es noch mehr Unternehmen gibt wie die Unternehmen der Preisträger. Und ich wünsche der „memo AG“ weiter so großen Erfolg und vor allem – auch wenn das die Konkurrenz verschärft – viele Nachahmer!

Die WS Wärmeprozesstechnik GmbH wiederum ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie viel Potential in innovativen technischen Lösungen liegt. Sogar – oder sollte man sagen vor allem? – in den industriellen Bereichen, in denen extrem viel Energie verbraucht und besonders viele Schadstoffe ausgestoßen werden. Das sind die Branchen, auf die es entscheidend ankommen wird, weil ohne sie die Energiewende nicht gelingen wird.

Sie, meine Herren, haben gezeigt, wie man durch Erfindergeist und Beharrlichkeit hergebrachte Verfahren geradezu revolutionieren kann. Und es sind noch viele wichtige Einsatzbereiche für Ihre Entwicklung denkbar. Auch Ihnen meinen großen Respekt!

Ihr Beispiel zeigt auch, dass man nie sagen sollte: noch besser, noch sparsamer geht es nun wirklich nicht. Schließlich hätte vor 250 Jahren auch noch niemand für möglich gehalten, dass ein Mensch einmal die Arbeit von vielen Hunderten erledigen kann. Warum sollte es uns nicht gelingen, durch bessere Verfahren aus einer Einheit Rohstoff, Energie oder Wasser ein Vielfaches an Wohlstand herauszuholen?

Wir sollten nicht nur ehrgeizig sein. Wir müssen ehrgeizig sein. Morgen ist der errechnete Stichtag, an dem wir sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten sein werden. Noch nie in der Geschichte wurden durch menschliche Aktivitäten dermaßen viele Treibhausgase ausgestoßen. Der Anstieg im vergangenen Jahr war der höchste seit Beginn der Messungen. Global sind wir schon jetzt gefährlich nah an dem Ausmaß von Emissionen, das eigentlich nicht vor 2020 hätte erreicht werden dürfen, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Über die Hälfte der weltweiten Ökosysteme sind bereits heute geschädigt.

Bei bald möglicherweise acht oder neun Milliarden Menschen muss der Naturverbrauch drastisch sinken. Nur so bleibt Wohlstand langfristig erhalten und wird auch denen zugänglich, die jetzt noch nicht davon profitieren. Eine ehrliche Berechnung von Wohlstand – das wird immer klarer – muss die Folgen von Umweltschäden mit einbeziehen, die durch Übernutzung entstehen.

Ein Team um den renommierten amerikanischen Ökonomen William Nordhaus hat kürzlich darauf hingewiesen, in welchen Bereichen Marktpreise nicht die vollen Kosten widerspiegeln. In manchen Branchen werden – volkswirtschaftlich gesehen – sogar mehr Werte vernichtet als geschaffen! In Kohlekraftwerken etwa und im Straßenbau. Auch in der Getreide- und Fleischproduktion gilt es, neue Lösungen zu finden. Dabei hatten Nordhaus und seine Kollegen allein die Folgen der Luftverschmutzung berücksichtigt und andere Folgeschäden wie Lärm-, Wasser- und Bodenbelastungen ausgeblendet.

Um die Dynamik des Marktes in eine ökologische Richtung zu lenken, sind politische Zielvorgaben, rechtliche Normen und ökonomische Anreize unverzichtbar. Die Wirtschaft braucht verlässliche Rahmenbedingungen, die Investitionen in Klima- und Umweltverträglichkeit langfristig wirtschaftlich sinnvoll machen. Darum sind internationale Abkommen mit vergleichbaren Verpflichtungen für alle Wettbewerber wichtig.

Nun läuft im nächsten Jahr das Kyoto-Protokoll und damit das bisher einzige bindende internationale Klimaschutzabkommen aus. Ich beobachte mit größter Sorge, dass es auf dem Weg zu einem Nachfolgeabkommen in Rio im kommenden Jahr an allen Stellen hakt. Ich finde es wichtig, dass Deutschland geschlossen auftritt, im Hinblick auf die in vier Wochen beginnende UN-Klimakonferenz in Durban. Es gibt ein gemeinsames Ziel: den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gegenüber der vorindustriellen Zeit auf zwei Grad zu begrenzen. Nun müssen aber auch alle einen Beitrag zum Erreichen dieses Zieles leisten – und diese Beiträge müssen verbindlich sein!

Hier sind an erster Stelle die Industriestaaten gefordert. Sie haben in der Vergangenheit besonders viele klimaschädliche Emissionen verursacht haben. Europa muss hier treibende Kraft sein. Und auch die USA müssen sich viel stärker als bisher dieser Verantwortung stellen. Klar ist aber auch, dass wir ohne den Beitrag aller Staaten die Klimaschutzziele weit verfehlen würden.

„Klimaschutz ist Weltordnungspolitik“ – so haben Sie, Herr Bundesminister Röttgen, es formuliert. „Weltinnenpolitik“ – so hat es Carl Friedrich von Weizsäcker genannt – ist Klimaschutz ohnehin. Wir wissen: Entweder eine Lösung ist gemeinsam möglich oder sie ist gar nicht möglich bei einem für die Erde so dramatisch wichtigen Ziel.

Trotz der aktuellen Finanzmarkt- und Schuldenkrise dürfen wir nicht vergessen, dass hier unsere Zukunft auf dem Spiel steht! Und dass die Risiken, die möglichen materiellen Schäden größer sind als die der gigantischen Finanzkrise.

Im Grunde geht es um eine Krise, die der gleichen Diskussion und der gleichen Konsequenzen bedarf wie die Finanzkrise. Sie hat gezeigt, dass sich unsere Wachstumsmodelle letztlich nicht als nachhaltig erweisen. Und der Pfad, der aus der Krise herausführt, ist ein ganz ähnlicher. Er besteht darin, ehrlich Knappheiten zu benennen und aufzuhören, auf Pump und über die materiellen Verhältnisse zu leben im Vertrauen darauf, das Wachstum der Zukunft werde es schon richten. Überall gilt: es muss endlich nachhaltig gehaushaltet und gewirtschaftet werden! Das ist der beste Weg.

Dazu brauchen wir einen Ordnungsrahmen, der ein Wachstum fördert, das wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll ist und nicht die Substanz zerstört. Ein Wachstum, das im Einklang mit den verfügbaren Ressourcen steht und die Folgeschäden nicht einfach ausblendet. Wasser, Böden, Artenvielfalt, endliche Ressourcen – dieses Kapital lässt sich eben nicht beliebig vermehren. Dieses Kapital lässt sich in seiner Substanz nur erhalten, wenn wir aus weniger mehr machen.

Nicht das Unmögliche sollte uns verzweifeln lassen, sondern die Unfähigkeit, das Mögliche zu erreichen. Wenn ich mich auch in diesem Jahr hier umschaue, dann macht es mir wieder Mut, dass wir das Mögliche erreichen können.

Ich wünsche mir, dass ich viele von Ihnen bei der „Woche der Umwelt“ im Park von Schloss Bellevue wiedersehe, wo wir eindrucksvoll zeigen wollen, dass Nachhaltigkeit möglich ist und wie viele Menschen in unserem Land bereit sind, am nachhaltigen Wirtschaften mitzuwirken. Dort wollen wir zeigen, dass es viele einzelne intelligente, zukunftsweisende Lösungen für die großen Herausforderungen gibt, vor denen wir stehen – sie müssen nur überall, weltweit, genutzt werden. Wenn jeder das tut, was ihm oder ihr möglich ist, können wir eine nachhaltige Welt für uns Menschen schaffen. Und wenn jede und jeder ein bisschen mehr tut, als er oder sie zu können glaubt, dann schaffen wir es – wenn wir es zu unserem gemeinsam Ziel erklären, wenn wir nicht nur darüber reden, sondern auch entsprechend handeln.