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Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Margot Friedlander

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache Schloss Bellevue, 9. November 2011 Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Margot Friedlander in Schloss Bellevue - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Ansprache © Hans-Christian Plambeck

Ich begrüße Sie sehr herzlich hier im Schloss Bellevue. Es ist eine große Freude und eine große Ehre, Sie, verehrte Frau Friedlander, heute hier willkommen zu heißen.

Es ist ein Anlass, der uns alle in verschiedener Hinsicht tief berührt. Sie bekommen heute das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht, in einem hohen, wie man sagt: biblischen Alter, von einem Bundespräsidenten, der etwas mehr als halb so alt ist wie Sie. Sie, Frau Friedlander, sind älter als der Staat, der Sie auszeichnet. Dieser verhältnismäßig junge Staat ist auf dem Boden jenes Landes entstanden, dessen Machthaber und Helfer Sie einst umbringen wollten und viele Ihrer Familienangehörigen und Freunde tatsächlich umgebracht haben.

Ich muss diese Ungeheuerlichkeit klar und deutlich aussprechen. Sie darf niemals vergessen werden.

Es war in diesem Land Deutschland, in dieser Stadt Berlin, in der man Ihnen nach dem Leben trachtete. Es war in der Skalitzer Straße, die heute noch existiert und so heißt, im Haus mit der Nummer 32, damals wie heute leicht zu finden, in dem die Gestapo auf Sie wartete. Es war kein böser Traum: Es war ein wirklicher Ort, ein wirklicher Tag, an dem Sie sich in letzter Sekunde zu Nachbarn flüchten konnten, um anschließend in Angst und im Versteck zu leben und – welch großes Glück – zu überleben.

Wir haben Sie heute in unserer Mitte, wir sehen Sie, wir und unzählige junge Menschen hören Ihnen zu: Sie sind Zeugin dafür, dass das alles tatsächlich geschehen ist. Sie haben erlebt, wie ein Staat Frauen, Männer und Kinder verfolgte, verschleppte und ermordete, weil sie waren, was sie waren: Juden.

Der Antisemitismus des Staates wurde genährt und gestützt vom Antisemitismus in der Gesellschaft. Eine Mischung aus Neid, aus Hass, aus Unterlegenheitsgefühlen und Überlegenheitswahn, aus religiöser und rassistischer Verblendung machte diesen Antisemitismus aus. Schon lange war er zu spüren gewesen. Aber am 9. November 1938, genau heute vor 73 Jahren, wurde er unübersehbar, als in ganz Deutschland Synagogen in Flammen standen.

Spätestens an jenem 9. November wurde für jeden, der offenen Auges durch die Welt ging, offenbar, welches Schicksal auf die deutschen Juden wartete. Viele in der Gesellschaft waren entsetzt, aber noch viel mehr blieben gleichgültig. Mehr als alles andere ist es die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des Nächsten, das Unglück und Leid erzeugt und verstärkt. Wir alle leben von der Hilfe füreinander, nicht erst, wenn es um Leben und Tod geht – das muss uns eine der wichtigen Lehren sein.

Am Jahrestag des 9. November habe ich Sie ins Schloss Bellevue mit Ihren Freunden eingeladen – und genau an diesem Tag möchte ich Ihnen die Auszeichnung überreichen, die der neue, der freiheitliche und demokratische Staat auf deutschem Boden für verdiente Bürgerinnen und Bürger bereithält.

Sie, Frau Friedlander, zeichnen mit dieser Auszeichnung auch unser Land aus. Sie haben etwas getan, was niemand erwarten kann. Sie sind, nach langen Jahren im Exil in den Vereinigten Staaten in Ihr Heimatland und Ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Sie haben sich entschieden, mit diesem Land, mit dieser Stadt, mit dieser deutschen Gesellschaft einen neuen Anfang zu machen, weil unser Land neu angefangen hat in Verantwortung vor seiner Geschichte. Sie haben eine versöhnungsbereite Hand ausgestreckt, auf die niemand einen Anspruch hat.

Sie gehen jetzt, wie jeder andere Berliner, über den Kurfürstendamm, ohne Angst, dass man Sie erkennt und aufgreift. Sie können ohne Angst ins Theater gehen. Vielleicht wird ja auch einmal „Die Gräfin Mariza“ oder „Der Widerspenstigen Zähmung“ gegeben - Stücke, in denen Sie als Schülerin selbst aufgetreten sind, bis Sie zur Flucht, zum Verstecken, zum Leben im Untergrund gezwungen wurden.

Ihre eigene Jugend hat man Ihnen gestohlen, die Zeit des unbeschwerten Ausprobierens des Lebens. In dem Alter, in dem andere sozusagen auf Probe leben können, ging es bei Ihnen um Leben und Tod. „Versuche, Dein Leben zu machen.“ – Diese letzte so weise und wegweisende Ermunterung Ihrer Mutter an Sie ist von einem existenziellen Ernst, der auch mich heute noch fesselt.

Auch deswegen haben Sie sich dazu entschlossen, so gut und so viel es Ihre Kraft zulässt, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen. Ihre Mutter ist stolz auf Sie. Sie leisten Großes im Namen der Millionen ermordeten jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und im Namen unseres, Ihres Landes, der Bundesrepublik Deutschland.

Sie erzählen der neuen Generation von Ihrem Schicksal, Sie diskutieren mit ihnen, Sie machen den jungen Menschen klar, wie ernst das Leben ist – und wie wichtig es ist, dass man Hilfe erfährt und dass man Hilfe gibt.

Für diesen unermüdlichen Einsatz, vor allem auch in Ihrem Alter, danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Unser Land dankt Ihnen – das wird heute mit dem Bundesverdienstkreuz feierlich zum Ausdruck gebracht. Danach werden Sie auch heute mit jungen Menschen Ihre Erfahrungen teilen und mit Ihnen diskutieren. Ich freue mich, dass ich dabei sein kann.

Vor einigen Tagen ist die bedeutende Dichterin Ilse Aichinger in Wien 90 Jahre alt geworden. Auch sie hat erleben müssen, wie man ihre Familie verschleppt und getötet hat. In ihrem ersten und einzigen Roman „Die größere Hoffnung“ beschreibt sie das Schicksal eines jüdischen Mädchens, das auf ein Visum wartet. Zu ihr sagt jemand: „Wer sich nicht selbst das Visum gibt, bleibt immer gefangen. Nur wer sich selbst das Visum gibt, wird frei.“

Die innere Stärke, die innere Souveränität, das ist es, worauf es in einem Leben ankommt, das ist das „Visum“, mit dem wir durchs Leben kommen.

Das klingt wie die Aufforderung Ihrer Mutter an Sie, Frau Friedlander. „Versuche, Dein Leben zu machen.“

Haben Sie großen Dank, Frau Friedlander: für Ihre Haltung, für Ihr Engagement, für Ihre vorbildliche Art, für andere da zu sein.

Heute ist ein besonderer Tag, nicht nur für Sie, sondern auch für mich, für unser Land.