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Verleihung der Sportplakette des Bundespräsidenten anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Deutschen Fechter-Bundes

Bundespräsident Christian Wulff verleiht die Sportplakette des Bundespräsidenten im Kaisersaal des Rathauses in Frankfurt Frankfurt am Main, 17. Dezember 2011 Festveranstaltung zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Fechter-Bundes in Frankfurt - Bundespräsident Christian Wulff verleiht die Sportplakette des Bundespräsidenten im Kaisersaal des Rathauses © Ralph Orlowski

Für einen Bundespräsidenten gibt es gelegentlich schöne Anlässe, die Bedeutung des Sports hervorzuheben. Ich durfte das vor zwei Wochen beim Deutschen Olympischen Sportbund in Berlin tun und habe heute mit Ihnen gemeinsam vor allem die Freude, die Festrede von Dr. Thomas Bach über die Bedeutung des Sports zu hören. Hoffentlich wird im Laufe des Tages deutlich, wie stark Politik und Sport miteinander verbunden und aufeinander angewiesen sind.

Ich freue mich sehr, heute hier bei Ihnen zu sein und gleich die Sportplakette des Bundespräsidenten an zwei Vereine und einen Verband zu überreichen, weil hohe runde Geburtstage von 100, von 150 Jahren zu feiern sind. Das gibt mir Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass wir alle dem Fechterverband und dem Deutschen Fechterwesen sehr viel an fröhlichen Ereignissen zu verdanken haben, unzählige Erfolge und vielfältige Medaillen, vor allem bei den Olympischen Spielen. Sie haben sich um Deutschland verdient gemacht.

Ich finde auch immer wieder Ihre exzellente Jugendarbeit beachtlich, mit all den vielen jungen Menschen, die dort Sinnvolles tun und für das ganze Leben lernen. Ich war nie aktiv Fechter, aber habe das im Osnabrücker Sportclub erlebt, der mal dicht an Tauberbischofsheim dran war – so hat man uns das vermittelt, es kann aber auch einer gewissen Übertreibung geschuldet sein. Von der erfolgreichen Jugendarbeit war ich jedenfalls begeistert und ich war immer ein bisschen neidisch auf die Fechter, wie sie ihren Sport betreiben.

100 Jahre wird der Deutsche Fechter-Bund heute alt und er blickt auf eine großartige Erfolgsgeschichte zurück. Das wissen wir bereits, wenn wir uns als Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer an die begeisternden Erfolge in der Ära von Tauberbischofsheim und dem legendären Emil Beck erinnern. Das war fesselnd, wenn wir auch nicht alles erkannt haben und immer auf die Anzeigetafel angewiesen waren, die uns deutlich machte, wer getroffen hat. Und wer – das, glaube ich, war immer das Spannendste – den Treffer zuerst gesetzt hat - und dazwischen manchmal nur Tausendstelsekunden.

Fechten ist kunstvoll, ist elegant, bis in die französische Sprache hinein, die den Wettkampf begleitet, und bis in die Sprache der Angriffs- und Verteidigungspositionen hinein, die wir auch aus der Musik kennen: die Prim, Quart oder Quint. Und der elegante Sport ist sicher nicht nur gut für den Körper, sondern auch für den Geist.

Deshalb hat der Schriftsteller und Politiker Gerhard Storz als Kultusminister in Baden-Württemberg in den 60er Jahren einen Anlauf unternommen, Fechten zu einem Schulfach auf freiwilliger Basis zu machen. Es sei ein brauchbares Mittel, den Verstand zu schärfen, weil Angriff und Verteidigung blitzschnelles Erkennen der Absichten des Gegners und flinkes Reagieren erforderten.

Dabei hat ja ungerechterweise unter den drei Waffen dieses Sports nur eine einen ganz unzweifelhaften Ruf. Ich möchte etwa die Politikerin, den Politiker sehen, der sagt, er bevorzuge in der Auseinandersetzung mit dem politischen Konkurrenten den Degen oder gar den Säbel. Da reklamieren alle das Florett.

Ich gratuliere von ganzem Herzen dem Deutschen Fechtsport zu 100 Jahren, zu diesem Jubiläum und den erreichten Erfolgen und verbinde damit die allerbesten Wünsche für die nächsten hundert Jahre, in denen der Fechtsport in Deutschland eine gute Entwicklung nehmen möge.

Der andere Anlass für mich, heute hier zu sein, ist der Umstand, dass auch zwei andere Vereine, die ganz ohne Waffen auskommen, heute zu ehren sind: die Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft und der Männer-Turn-Verein Schöningen – wobei Männer-Turn-Verein etwas irreführend ist, auch dort sind heute die Frauen in der Mehrzahl.

Turnen im Verein hat eine lange Tradition. 1811, vor genau 200 Jahren, etablierte Friedrich Ludwig Jahn das Turnen auf einem gemeinschaftlich und aus Eigenmitteln errichteten Turnplatz in der Berliner Hasenheide – ein standesübergreifendes Miteinander der sportlichen Bewegung, das auch deshalb von Beginn an eine soziale und eine politische Dimension hatte. Die Turner duzten sich nämlich, unabhängig von Zugehörigkeit zu einem Stand, zu Bildungsgrad, Schulabschluss, Einkommen. Das spielte auf dem Sportplatz keine Rolle und das war revolutionär. Der Sport war volkstümlich. Heute nennen wir das „Breitensport“.

Leider haben wir keine Rechtsnachfolger des Hasenheide-Turnens ausfindig machen können. Sonst wäre heute auch eine Plakette für 200 Jahre nach Berlin gegangen.

Warum vergibt der Bundespräsident die Sportplakette?

Sportvereine tragen wesentlich dazu bei, dass unsere Gesellschaft zusammenhält. Sie sind ein sozialer Raum von großem Wert für unser Gemeinwesen. Dort werden Gegensätze überwunden, dort werden Fairnessregeln vermittelt. Sportvereine sind Übungsräume des menschlichen und des demokratischen Miteinanders. Des Miteinanders der Generationen, zwischen Enkeln und Großeltern, und auch der Geschlechter. Und sie sind ein Ort freiwilligen Engagements, des Ehrenamts.

Menschen setzen sich völlig uneigennützig, freiwillig, unentgeltlich dafür ein, dass andere Menschen über den Sport Freude am Leben und im Leben haben. Das ist nicht hoch genug zu schätzen. Ich weiß, wie viele von Ihnen gelegentlich darunter zu leiden haben. Wenn Sie zu Hause sagen, Sie müssen zur Sitzung des Präsidiums – und dann alle fragen: Muss das denn schon wieder sein? Manchmal ruft man sich salopp zu: „Aber lass Dir bloß kein Amt andrehen!“ Das müssen wir umdrehen. Die Leute sollen rufen: „Ich möchte da auch hin, ich möchte da mitmachen, sieh’ zu, dass Du ein Amt bekommst, dass Du Dich nicht nur um den eigenen Kram kümmerst, sondern auch um den des Vereins.“ So beschreiten wir den Weg zur Bürgergesellschaft, zur Zivilgesellschaft.

Sportvereine sind auch Orte der Integration, wie die Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft, die ein Stützpunktverein für „Integration durch Sport“ ist. Sie helfen, dass Menschen, die zu uns kommen, hier heimisch werden, sich wohlfühlen, Freunde gewinnen. Das geht am besten im Team, zudem man ja in Mannschaften auch darauf achtet, dass die Leute gut spielen, und nicht darauf achtet, wie sie heißen, ob sie schon perfekt deutsch sprechen oder auf andere Dinge, die sonst im Leben eine große Rolle spielen. Hier kommt es auf die individuelle Leistung und die Teamfähigkeit an. Denn es reicht ja auch nicht, elf gute Fußballspieler zu haben oder eine gute Fechtmannschaft. Wenn man nicht harmoniert, kommt nichts Gutes zustande. Der Sport fördert eben auch das Sozialverhalten. Friedrich Ludwig Jahn hat das Gebot in seiner Zeit so formuliert: „Kein Turner soll einigen Unwillen, Fehd und Feindschaft, so er mit einem und dem anderen Mitturner hat, während der Turnzeit und auf dem Turnfelde äußern, sondern jeder soll bloß turnen – und das in Friede, Freude und Freundschaft.“

Ich freue mich, heute mit Ihnen den Sportverband und die Sportvereine als Institutionen hochleben zu lassen und mit Ihnen gemeinsam die Bedeutung des Sports zu feiern!