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Staatsbankett, gegeben vom Präsidenten der Italienischen Republik, Giorgio Napolitano

Staatsbesuch in Italien - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede beim Staatsbankett, gegeben vom italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano Rom, Italien, 13. Februar 2012 Staatsbesuch in Italien - Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Rede beim Staatsbankett, gegeben vom italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano © Steffen Kugler

Haben Sie vielen Dank für den herzlichen Empfang, den Sie meiner Delegation, meiner Frau und mir in der italienischen Hauptstadt bereiten. Rom war immer ein Kulminationspunkt für deutsche Italienreisende. Die Stadt steht geradezu sinnbildlich für die Sehnsucht meiner Landsleute nach dem Süden. Umgekehrt stelle ich fest, vor allem, wenn ich mich in den Straßen Berlins umsehe, dass auch mehr und mehr Italiener die Geschichte, aber auch das heutige Lebensgefühl und die spannende Gegenwartskultur Deutschlands vor Ort kennenlernen möchten.

Wir Deutsche freuen uns darüber sehr. Auch deshalb, weil nicht nur unsere Reisesehnsucht, sondern auch die deutsche auswärtige Kultur- und Bildungspolitik sich früh auf Italien konzentrierte. Manche Einrichtung hier im Land ist weltweit die erste ihrer Art: So geht die Gründung des späteren Deutschen Archäologischen Instituts in Rom auf das Jahr 1829 zurück. Besonders viele Einrichtungen kamen in den vergangenen 40 Jahren hinzu: sei es das Deutsche Studienzentrum in Venedig, die Casa di Goethe hier in Rom oder die Europäische Akademie für Musik in Montepulciano.

Mir ist wichtig, dass gerade die Jugend diese Verbindungen und diese Verbundenheit nutzt, um in Europa mit zu gestalten. Deshalb, Herr Staatspräsident, erinnere ich mich gerne an unsere Begegnung mit jungen Leuten vergangenes Jahr in der Villa Vigoni. Die klugen Ideen unserer italienischen und deutschen Gesprächspartner haben mich beeindruckt.

Verbundenheit zeigt sich gerade in schweren Stunden: Die Havarie des Kreuzfahrtschiffes „Costa Concordia“ Mitte Januar vor der Insel Giglio hat viele in Deutschland erschüttert. Wir gedenken der Opfer aus Italien, Deutschland und den anderen Ländern und ihrer Angehörigen.

Zerrbilder vom jeweils anderen, wie sie nach dem Unglück vereinzelt entstanden sind, spiegeln die Wirklichkeit nicht wider. Unzählige Helferinnen und Helfer in den Rettungsmannschaften und den Hafenbehörden, auf Giglio und andernorts, haben sich selbstlos für andere eingesetzt. Ihnen allen spreche ich Dank und große Anerkennung aus.

Verbundenheit soll auch das deutsche Engagement in Onna ausdrücken. Die Hilfe zum Wiederaufbau des Ortes, der bei dem furchtbaren Erdbeben 2009 zerstört wurde, kommt nicht nur vom deutschen Staat. Es engagieren sich auch viele Bürger in der Partnerstadt Rottweil und in Unternehmen. Sie alle verdeutlichen, wie breit die Basis unserer Beziehungen ist.

Onna ist auch einer jener Orte, deren Bewohnern Deutsche in der Besatzungszeit schreckliches Leid zugefügt haben. Viele Italiener erlitten damals großes Unrecht – das wird mein Land nicht vergessen. Deutschland bleibt sich seiner besonderen Verantwortung für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs bewusst.

Wir stellen uns den gemeinsamen geschichtlichen Erfahrungen. Demnächst wird die deutsch-italienische Historikerkommission ihren Bericht zum Zweiten Weltkrieg vorlegen. Mir ist wichtig, dass die darin enthaltenen Empfehlungen für eine gemeinsame „Erinnerungskultur“ schnell in die Tat umgesetzt werden.

Auch in der Gegenwart gibt es große Herausforderungen, die unseren Gemeinschaftssinn fordern.

Es ist mir ein persönliches Anliegen, bei meinem Staatsbesuch in Italien die Zeichen des Aufbruchs zu unterstreichen. Mit großem Respekt und Hochachtung habe ich verfolgt, wie Sie sich in politisch schwierigen Zeiten für eine stabile Führung Ihres Landes eingesetzt haben. Die Regierung unter Ministerpräsident Monti hat sich in kurzer Zeit hohe Anerkennung erworben. Sie geht mutige Schritte in die richtige Richtung und hat mit ihrem Reformpaket die langfristigen Wachstumsperspektiven Italiens fest im Blick.

Meine heutigen Gespräche mit Ihnen, sehr geehrter Herr Staatspräsident, mit Ministerpräsident Mario Monti, mit den Präsidenten von Abgeordnetenhaus und Senat, Gianfranco Fini und Renato Schifani und mit führenden Politikern der die Regierung unterstützenden Koalitionen, mit Unternehmern und Gewerkschaftsvertretern haben in mir die Zuversicht gestärkt, dass Italien erfolgreich seinen Weg gehen wird. Italien befindet sich in einer Phase des Umbruchs und des Aufbruchs. Ihren ganz persönlichen Beitrag, sehr geehrter Herr Staatspräsident, zu dieser so positiven Entwicklung schätze ich außerordentlich.

Auch wenn der Weg der Reformen lang sein wird, habe ich keine Zweifel: Diese und noch folgende Anstrengungen stärken das Vertrauen in Italien und verdeutlichen, dass Ihr Land entschlossen handelt. Dieser Weg zeigt auch, dass Solidarität zwischen den europäischen Partnern mit einer Rückbesinnung auf die Kraft eigener Anstrengungen einhergeht. Wenn alle in Europa solide wirtschaften und ihre eigenen Wachstumskräfte mobilisieren, werden wir erfolgreich sein.

Deutschland und Italien sind in besonderer, vielfach auch in persönlicher Weise verbunden. Viele haben Nachbarn, Kollegen und Freunde aus dem anderen Land. Und wie eng unsere wirtschaftlichen Verbindungen sind, zeigen die zahlreichen Unternehmer, die ich morgen in Mailand treffen werde, auf eindrucksvolle Weise.

Verbunden sind Italien und Deutschland auch in Europa, mit Europa. Unsere beiden Länder, diese in der europäischen Geschichte verspäteten Nationen, gehörten zu den ersten, die sich in Freiheit und Frieden für ein gemeinsames Europa entschieden haben. De Gasperi und Adenauer gehörten zu den herausragenden Staatsmännern, die sich daran gemacht haben, die Schrecken des Krieges zu überwinden und Europa in eine friedliche Zukunft zu führen.

Italien und Deutschland brauchen ein starkes Europa. Denn wir Europäer wollen unsere Zukunft gemeinsam gestalten und in der Welt unsere Stimme zur Geltung bringen, auch wenn unser quantitatives Gewicht sinkt.

Deutschland ist von der Notwendigkeit eines geeinten Europas zutiefst überzeugt. Ein Zurück in die nationale Nische kann, soll und wird es nicht geben. Wir vergessen nicht, was uns Europäer letztlich zusammenhält: unser kulturelles Erbe, gemeinsame Werte und der Wille, in ganz Europa ein sozial gerechtes Leben in Frieden und Wohlstand zu sichern.

Dass meine Frau und ich heute bei einem so großen Europäer wie Ihnen, Herr Staatspräsident, zu Gast sein dürfen, erfüllt uns mit Freude. Sie genießen auch in Deutschland hohes Ansehen für Ihre politische Lebensleistung. Besonders danke ich Ihnen für Ihre bedeutenden Worte kürzlich am Tag der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus, des Faschismus und des Holocaust. Die europäische Einheit, so erinnerten Sie, wurde auch dadurch möglich, dass unsere beiden Länder den Mut hatten, die schwierigen Teile ihrer Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten. Und Sie mahnten, bei aller richtigen Aufmerksamkeit auf die Lösung der Schuldenkrise nicht den Sinn und die Werte des Aufbaus Europa zu vergessen: „Die Gründe unseres Zusammenseins liegen gerade dort, in jenem Fundament von Frieden und Zivilisation, auf dem Europa seine Einheit gefunden hat.“ Europa ist aufgerufen, so folgerten Sie und ich schließe mich Ihnen von Herzen an, dieses Fundament als Hebel für seine Zukunft zu nutzen.

In diesem Sinne erhebe ich mein Glas und trinke auf Ihr persönliches Wohl und auf das Ihrer Frau und Ihrer Familie, auf die Zukunft des italienischen Volkes und auf die Freundschaft zwischen unseren Völkern in einem zusammenwachsenden Europa.