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Dankesworte vor der Bundesversammlung nach der Wahl zum Bundespräsidenten

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält eine kurze Ansprache bei der 16. Bundesversammlung nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Reichstagsgebäude in Berlin Berlin, 12. Februar 2017 16. Bundesversammlung – Kurze Ansprache von Frank-Walter Steinmeier im Reichstagsgebäude nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten © Sandra Steins

Am 12. Februar ist Frank-Walter Steinmeier von der 16. Bundesversammlung zum 12. Bundespräsidenten gewählt worden. Frank-Walter Steinmeier nahm die Wahl an und hielt eine Ansprache vor der Bundesversammlung:

"Ihr macht mir Mut!"

Dieser Zuruf einer jungen Frau – damals vor zwei Jahren – er hat lange in mir nachgehallt, und ich möchte ihn heute an Sie weitergeben: Von Herzen danke ich Ihnen, den Mitgliedern dieser Bundesversammlung, für die Ermutigung, mit der Sie mich heute auf den Weg in das höchste Amt unseres Staates senden. Ihre Wahl erfüllt mich mit großer Freude, und mein großer Respekt vor diesem Amt, der bleibt.

Mein Respekt ist umso größer, weil Joachim Gauck hier im Saal ist: ein Bundespräsident, der diesem Amt – und ich füge hinzu – und unserem Land gut getan hat. Ein Präsident, der für die Freiheit spricht und der das Glück der Freiheit mit jeder Faser verkörpert. Ihnen, verehrter Herr Bundespräsident, gilt mein, und ich bin ganz sicher: unser aller tiefster Dank!

Ich danke allen, die mich gewählt haben, für das Vertrauen. Und denen, die mich nicht unterstützt haben, denen gebe ich ein Versprechen: In gleichem Respekt vor allen demokratischen Parteien, vor Regierung und Opposition, in Respekt vor dem Vielklang der Stimmen in unserer Demokratie, werde ich dafür arbeiten, auch Ihr Vertrauen zu gewinnen.

Weil ich weiß: Wir leben in stürmischen Zeiten. Viele in unserem Land sind verunsichert. Die Welt – das hat der eine oder andere schon einmal von mir gehört – scheint aus den Fugen. Aber viele fragen auch: Was ist eigentlich der Kitt – der Kitt, der unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält? Und vor allen Dingen: Hält dieser Kitt auch für die Zukunft? Andere fragen: Wenn die Welt unsicherer wird, und wenn unser Land mit dieser Welt so eng verflochten ist, was bedeutet das für unsere Sicherheit, für unsere Zukunft? Auch diese Sorgen spüre ich in unserem Land, und ich nehme sie ernst.

Aber: In meinen letzten Jahren als Außenminister habe ich auch etwas anderes erfahren – dieses "Ihr macht mir Mut!"

Es war eine junge Frau in Tunesien, die diesen Satz zu mir gesagt hat – eine Aktivistin, die sich in ihrer Heimat für Demokratie und Menschenrechte engagiert. Und als sie diesen Satz sagte, da meinte sie gar nicht mich und auch nicht meine Delegation, sondern "Ihr macht mir Mut!", das heißt unser Land. Deutschland war gemeint. "Ihr Deutschen macht mir Mut!", war die Aussage dieses Satzes.

Ist es nicht erstaunlich, ist es nicht eigentlich wunderbar, dass dieses Deutschland, "unser schwieriges Vaterland", wie Gustav Heinemann es einmal nannte, ist es nicht wunderbar, dass dieses Land für viele in der Welt ein Anker der Hoffnung geworden ist?

Wir machen anderen Mut – nicht, weil alles gut ist in unserem Land. Sondern weil wir gezeigt haben, dass es besser werden kann. Dass es nach Kriegen Frieden werden und nach Teilung Versöhnung geben kann; und dass nach der Raserei der Ideologien so etwas einkehren kann wie politische Vernunft; dass uns vieles geglückt ist in unserem Land.

An all das erinnert uns dieser Tag, der Tag der Bundesversammlung!

Als Theodor Heuss vor der ersten Bundesversammlung stand, da räumten die Menschen in Deutschland den Schutt von Krieg und Diktatur beiseite; da bauten sie Stein um Stein die Bundesrepublik auf – eine Demokratie, die damals nur auf dem Fundament des Westens festen Halt finden konnte. Und wenn dieses Fundament anderswo wackelt, dann müssen wir umso fester zu diesem Fundament stehen!

Als später Roman Herzog hier vor der Bundesversammlung stand, da war die deutsche Wiedervereinigung noch jung. Da wehte der Wind des Aufbruchs durchs Land – aber es gab auch Ängste vor dieser neuen Zukunft. Doch die Lockrufe derer, die schon damals zündelten mit Fremdenfeindlichkeit und Ressentiments, die hat unsere Gesellschaft damals überwunden, und ich bin sicher, das werden wir auch heute.

Als Johannes Rau hier stand, da sah sich das geeinte Deutschland durch den Einsatz auf dem Balkan mit schwierigen außenpolitischen Entscheidungen konfrontiert. Mit einer neuen Verantwortung in der Welt, die bis heute noch weiter gewachsen ist, und die wir angenommen haben.

Wir haben vieles miteinander gemeistert, und nicht immer waren die Zeiten einfach. Und der Blick auf die Welt, insbesondere der auf Europa, der lehrt uns: Auch heute ist eine schwere Zeit. Aber: Diese Zeit ist unsere. Wir tragen die Verantwortung.

Und wenn wir anderen Mut machen wollen, dann brauchen wir selber welchen.

Wir brauchen den Mut, zu sagen, was ist – auch, was nicht ist. Wir müssen den Anspruch, Fakt und Lüge zu unterscheiden, diesen Anspruch müssen wir an uns selbst stellen. Das Vertrauen in die eigene Urteilskraft – das ist das stolze Privileg eines jeden Bürgers, und sie ist Voraussetzung für jede Demokratie.

Wir brauchen den Mut, einander zuzuhören; die Bereitschaft, das eigene Interesse nicht absolut zu setzen; das Ringen um Lösungen in einer Demokratie nicht als Schwäche zu empfinden; die Realität nicht zu leugnen, sondern sie verbessern zu wollen.

Und wir brauchen den Mut, zu bewahren, was wir haben. Freiheit und Demokratie in einem vereinten Europa – dieses Fundament, das wollen, das müssen wir miteinander verteidigen. Es ist nicht unverwundbar – aber, ich bin fest davon überzeugt, es ist stark.

Nein, wir leben nicht auf einer Insel der Seligen. Wir sind Teil einer Welt mit ihren Risiken, und Risiken gibt es auch bei uns. Aber: Kaum irgendwo auf der Welt gibt es mehr Chancen als bei uns. Und wer, wenn nicht wir, kann da eigentlich guten Mutes sein?

Deshalb, liebe Landsleute: Lasst uns mutig sein! Dann jedenfalls ist mir um die Zukunft nicht bange.

Herzlichen Dank.